Graffiti: eine Stadt voller Farben

Veröffentlicht am 18. September 2010

Ein Grossteil der fast 100.000 Strassen und Avenidas São Paulos sind von den Strassenmalern mit der Spraydose in wahre Kunstgalerien unter offenem Himmel verwandelt worden – eine Art visueller Kunst, die perfekt zu der paulistanischen Urbanität passt, und die es verdient, dass man für sie ein spezielles touristisches Programm kreiert.

Sao Paulo Graffitti_2204Die Bewunderung dieser Strassenkunst von São Paulo geht soweit, dass sie inzwischen auch vom Ausland wahrgenommen worden ist – inklusive vom avantgardistischen Europa werden besonders die Arbeiten des Duos „Os Gêmeos“ (die Zwillinge – Gustavo und Otávio Pandolfo) und die von Francisco Rodrigues, den man besser unter seinem Pseudonym „Nunca“ (niemals) kennt, in zahlreichen Medien veröffentlicht. Die Drei nahmen an der Ausstellung „Street Art“ teil, welche im August 2008 die Fassade der „Tate Modern“ schmückte, einem der bedeutendsten Kunstmuseen von London. Dieselben „Grafiteiros“ haben im Stadtteil Cambuci Teile ihrer Arbeiten an Hauswänden und Mauern hinterlassen – und die sind ein Muss auf der Graffiti-Tour durch São Paulo, wo die Zwillinge aufwuchsen.

Dutzende anderer Graffiti-Künstler tragen dazu bei, dass in São Paulo eine Bewegung entsteht, welche sich zunehmend verstärken wird, denn die Hauptstadt bietet inzwischen auch Kurse in Graffiti und urbanen Interventionen an. Es lohnt sich tatsächlich, die Graffiti-Kunst der Stadt kennenzulernen und die einzelnen Künstler anhand ihrer unterschiedlichen Stilrichtungen in Strich und Design zu identifizieren, mit denen sie den Alltag der Metropole farbig gestalten.

Einer der bekanntesten Graffiti-Points von São Paulo, der Tunnel der Avenida Paulista, der zur Avenida Rebouças führt, ist bedeckt mit kollektiven Paneelen, welche den Beschauer geradezu herausfordern, die unterschiedlichen Ausdrucksformen im Gebrauch der Spraydose zu identifizieren. Auf diesem Abschnitt werden sogar spezielle Editionen ausgestellt, mit thematischen Designs. So haben die „Grafiteiros“ zum Beispiel im vergangenen Jahr, anlässlich der 100-Jahrfeier der japanischen Einwanderung, ihre Künstlerischen Ergüsse diesem Thema an den Tunnelwänden gewidmet.

Die orientalische Sicht der Dinge ist auch in der Graffiti-Kunst von São Paulo präsent: im Stadtteil Liberdade. Dort sind die Linien feiner und die Figuren fragiler, sie erinnern an die japanischen Mangás. Die Zeichnungen im Stadtteil der orientalischen Kolonie von São Paulo könnten nicht besser harmonieren – sie zeigen ganz besonders, dass die paulistanischen Graffitis Elemente der lokalen Kultur reflektieren. Zur selben Route gehören auch die Rua Galvão Bueno und die Rua da Glória.

Auch im Zentrum der Bohême von Pinheiros und Vila Madalena leuchten Wände und Geschäfte in den Farben der Graffiti. Hier findet man besonders viele bemalte Wände und Fassaden – und wenn man die Rua Cardeal Arcoverde hinuntergeht, entdeckt man Querstrassen, in denen die Graffitis auf Viadukten, Treppenaufgängen und versteckten Mauern glänzen. In derselben Gegend befindet sich auch der „Beco Batman“ – in den Strassen Rua Gonçalo Afonso und Medeiros Albuquerque. Dies ist einer der berühmtesten Graffiti-Orte von São Paulo – komplett bedeckt von Werken nationaler und ausländischer Künstler.

Im Stadtteil Cambuci, der Wiege vieler Talente der urbanen Kunst in São Paulo, sind die Strassen zur Inspiration für diese Art von künstlerischer Kreativität geworden. „Die Zwillinge“, Ex-Anwohner dieses Stadtteils, haben ihm ihr Markenzeichen hinterlassen in Form eines emblemartigen Gemäldes des „Gelben Riesen“ – viele andere Künstler, die aus der neueren Generation hervorgingen, haben auf den Mauern von Cambuci ihre unterzeichneten Werke hinterlassen. Bedeutendste Strassen sind die Rua Lavapés und die Justo Azambuja.

Im Januar 2009, anlässlich des Geburtstags der Stadt, reproduzierte eine Gruppe von sieben „Grafiteiros“, angeführt von „Kobra“, in der Avenida 23 de Maio eine paulistanische Szenerie aus den 20er Jahren. Das Painel ist fast 1.000 Quadretmeter gross, von einer faszinierenden Perfektion der Details in Graffiti-Technik.

Nicht weit davon, an den Säulen, welche die gar nicht schöne Fussgängerbrücke stützen – bekannt als „Minhocão“ (Grosser Wurm) – lehnen Strassenbewohner und Fussgänger, die auf ein Ampelgrün warten, um die Strasse überqueren zu können. Ob die wohl bemerken, dass sie als lebende Figuren in den Zeichnungen und Farben der Graffitis um sie herum ihre stets wechselnden Rollen spielen? Wer eine künstlerische Ader hat, bemerkt es sicher!

An der grauen Kanalisation des Rio Tietê fällt eine kuriose Form von Graffiti auf: hier hat der Künstler „Zezão“ seine „Flops“ angebracht – bläuliche Strukturen die einerseits an Rohre erinnern, vielleicht auch an Wellen, manchmal an Blumen und andere lebende Formen. Ungewöhnlich, nicht?

Die Rundfahrt „Graffiti von São Paulo hat noch viel mehr zu bieten. Man entdeckt Interventionen in diversen anderen Strassen der Region Consolação – im Zentrum der Stadt, an Viadukten wie dem Julio Mesquita Filho, an der Bahnstation in Lapa, im Stadtteil Mooca und vielen anderen Stellen. Einige Tourismusagenturen in der Hauptstadt – wie zum Beispiel die „Graffit Viagens e Turismo„, die „Receptivo Brasil“ und die „Go In São Paulo“ – haben längst das Potential dieser Attraktion für ihre Kunden erkannt und Touren entwickelt, die dem Rechnung tragen.


Zeca-Vater_150-mit-AusrufezeichenTipp: Graffiti – Schmiererei aus der Sprühdose – oder kontemporane Kunst?