Graffiti, Grafiti

Veröffentlicht am 22. Dezember 2009

grafitiSchmiererei aus der Sprühdose – oder kontemporane Kunst?
Für Hélio, 25 Jahre alt, Student aus Rio de Janeiro und Graffiti-Künstler ist die Antwort klar: “Ich bin für eine Kunst, die etwas anderes tut als auf ihrem Arsch im Museum zu sitzen. Ich bin für eine Kunst, die entsteht ohne zu wissen, dass sie überhaupt Kunst ist – eine Kunst, die die Chance wahrnimmt, bei Null zu beginnen. Ich bin für eine Kunst, die sich selbst in den alltäglichen Unsinn verwickelt, um an seiner Spitze zu stehen. Ich bin für eine Kunst, die ihre Kreativität direkt aus dem Leben bezieht“!

Seine freie Zeit verbringt Hélio in einer Gruppe junger Leute wie er – die meisten aus gut situierten Familien der Nobelstadtviertel Copacabana, Ipanema und Leblon. Sie treffen sich regelmässig am Strand, manchmal auch in einem Nebengebäude der UNI, tauschen ihre Erfahrungen aus, planen neue Projekte, Fotos ihrer Werke machen die Runde. Die Gruppe hat Tradition, ihre Mitglieder verstehen sich als Nacheiferer der legendären drei Kunststudenten aus São Paulo, die sich in den 70er Jahren aus Protest gegen die Militärdiktatur in Brasilien zusammentaten. Allerdngs wollten sie nicht nur protestieren, sondern auch ihren Spass dabei haben.

Hudinilson Júnior, Mário Ramiro und Rafael França hatten es auf Denkmäler und öffentliche Statuen abgesehen, denen sie Kapuzen überstülpten. Und ihnen entkam niemand: der Kaiser Dom Pedro I., Engel, Büsten von Padres, Ingenieure, Militärs – alle, die nach Meinung der Gruppe mit dem Militärregime zu identifizieren waren, bekamen über Nacht eine Kapuze über den Kopf. Dann verbrachten die drei den nächsten Tag am Telefon und riefen bei den Zeitungen an, wobei sie jeder in eine andere Rolle schlüpften: Der eine gab sich als Advokat aus, der zu seinem Entsetzen die Verunstaltung der Denkmäler bemerkt habe – der andere als zeternde Witwe und der Dritte als verschreckter Greis,der das Ende der Welt kommen sah – “alle Zeitungen haben es damals gebracht“, sagt Hudinilson Junior, um den sich die Gruppe in Rio de Janeiro heute schart.

Der Erfolg dieser ersten Aktion zog ein zweite nach sich: Sie “versiegelten“ die Türen der bedeutendsten Kunstausstellungen in São Paulo mittels Klebeband und befestigten an der unteren Türkante ihr Manifest: “Was drinnen ist bleibt stehen – was draussen ist expandiert“! Zu jener Zeit ihres Wirkens hatten sie sich bereits den Namen “3NÓS3“ (3WIR3) gegeben und ihre beiden Erzfeinde auf die Palme gebracht: die Militärs und die Kunstgalerie-Besitzer. Die Zeitungen nannten ihre Proteste “Intervenções Urbanas“ (Urbane Interventionen).

grafiti1Die Geschichte der Gruppe “3NÓS3“ hat vier bedeutende Punkte dieser so genannten “urbanen Interventionen“ herausgestellt: Erstens werden sie wie Plakate auf der Strasse, im öffentlichen Raum, ausgestellt, damit jedermann sie sehen kann. Zweitens, wie die Kunst im Museum, so wurden auch sie geschaffen um den Standpunkt oder die Gefühle einer Person – oder einer Gruppe – auszudrücken. Der dritte ist die Absicht, gegen ein Problem zu protestieren: die Regierung, zum Beispiel, die visuelle Polluition, die Verdummung des Volkes durch die TV-Anstalten, den täglichen Stress und viele andere. Und der vierte und letzte Punkt trennt dann die “Intervenções Urbanas“ endgültig von allen anderen Formen der Kunst: ein gutes Graffito (Singular von Graffiti) sollte eine ansprechende Mischung aus Humor, Provokation und Respektlosigkeit in sich vereinen.

Als Faustregel von Hélios Gruppe gilt: Je schwieriger ein Objekt zu erreichen und zu besprühen ist, desto grösser die Anerkennung für den “Pixador“. Eine unter einem Hausdach gelegene Wand, ein ganzer Metro-Waggon oder gar der Einsatzwagen einer Polizeistreife, sind in der Regel schwieriger zu besprühen als eine Strassenunterführung, zum Beispiel, und bringen dementsprechend mehr Ansehen (fama). Diese Anerkennung hängt aber auch von der Qualität (Sauberkeit, Stil u.a.) und der Quantität ab.

Wir werden Ihnen im BrasilienPortal von Zeit zu Zeit brasilianische Beispiele dieser “für die Öffentlichkeit bestimmten, expandierenden Kunstform“ präsentieren – zum Ärger der einen und zur Erbauung der andern.

Ihr BrasilienPortal-Team