Zikaden – Cigarras

Veröffentlicht am 24. Januar 2013

Ihre Kindheit und Jugend verbringen die Zikaden oder Cigarras wie sie in Brasilien heissen, unter der Erde – bis zu siebzehn Jahre lang – dann kriechen sie eines schönen Sonnentages an die Erdoberfläche und klettern auf den nächsten Baum, wo sie sich fest an die Rinde klammern bis zu dem Moment, in dem ihr Körper plötzlich aufplatzt, und seiner Hülle ein geflügeltes Wesen entsteigt – das sich reckt und streckt, ein bisschen wartet, bis seine Flügel getrocknet sind – dann einen Probeflug zum nächsten Baum unternimmt, um sich schliesslich seiner restlichen Lebensaufgabe zu widmen: mit weithin hörbarem “Gesang“ eine Partnerin anzulocken, die bereit ist, das kurze Erdenleben mit ihm zu teilen, das schon nach dreissig bis vierzig Tagen zu Ende sein kann.

Haben Sie erraten, von welchem Tier hier die Rede ist? Übrigens singen nur die männlichen Vertreter dieser Gattung, die weiblichen erliegen schweigend ihren betörenden Liebesliedern – das wussten bereits die alten Griechen. Einer ihrer Dichter, Xenarchos, hat sich darüber folgendermassen geäussert: “Glücklich leben die Zikaden, denn sie haben stumme Weiber“ – und damit haben wir hoffentlich Ihre Vermutung bestätigt? Es handelt sich um eine sehr grosse und weit verbreitete Insektenfamilie (die Cicadidae) – deren Spezies in Brasilien als “Cigarras“ bekannt sind, und im deutschen Sprachgebrauch “Singzikaden“ genannt werden.

アブラゼミSie singen vorzugsweise am Morgen und gegen Nachmittag – weniger intensiv während der heissen Stunden des Tages – und jede Spezies hat ihren charakteristischen Sound. Zikaden sind die einzigen Insekten, die jene, das Trommelfell marternden Töne hervorbringen, die in Brasilien jeder kennt. Einige Arten erreichen leicht 120 Dezibel und darüber(!), während andere, kleinere, einen so hohen Ton erzeugen, dass er vom menschlichen Ohr nicht mehr wahrgenommen wird, aber zum Beispiel Hunde vor Schmerz aufheulen lässt.

Ich hatte mal einen Rottweiler als Wachhund, der sich an bestimmten Sommernachmittagen, kurz vor Sonnenuntergang, wie wahnsinnig gebärdete – er fing jämmerlich an zu heulen und warf sich gegen das Gitter seines Zwingers – ich konnte mir sein ungewöhnliches Verhalten nicht erklären. Und nachdem sich das mehrmals wiederholte, brachte ich ihn schliesslich zu einem Tierarzt, der das Geheimnis lüftete – etwas dagegen tun, konnte er jedoch nicht. Also griff ich zur Selbsthilfe: Jedes Mal, wenn mein Hund mit diesem Geheul anfing, holte ich ihn in die Wohnung, um ihn von dem ihn quälenden Ton der Zikaden, den ich selbst nicht hören konnte, abzuschirmen – und das half tatsächlich, er beruhigte sich sofort. Mein Rottweiler war allerdings ein ziemlich cleverer Hund: Nach einiger Zeit fing er mitten in der Nacht mit seinem Geheule an – nicht wegen der Zikaden, die ich zwar nicht hören konnte, aber von denen ich wusste, dass sie des Nachts nicht “singen“ – sondern weil es ihm in meiner Wohnung gefiel. Er empfing mich bereits Schwanz wedelnd, als ich vor die Tür trat, aber um ihm diesmal eine Standpauke zu halten – und die scheint er sich gemerkt zu haben, nie wieder hat er meinen Schlaf gestört – bis in jener denkwürdigen Nacht im November 2010, als er Diebe in unserem Garten erwischte, die ihn mit einem Brecheisen erschlugen…

Die besonders in den USA verbreitete Gattung Magicicada gehört zur Familie der Singzikaden (Cicadidae) – die man auch als “periodische Zikaden“ bezeichnet, weil sie in bestimmten Intervallen in unglaublichen Mengen und zur gleichen Zeit auftreten. Nach ihrer Entwicklung im Boden, die in diesem Fall genau siebzehn Jahre dauert, kriechen die ausgewachsenen Tiere einer Population zur selben Zeit aus dem Boden – verwandeln sich in fliegende Insekten, paaren sich, legen ihre Eier ab und sterben anschliessend – das alles innerhalb von wenigen Wochen. Zu ihrer Beseitigung werden Ende Juni spezielle Müllcontainer aufgestellt, mit der Aufschrift “Nur Zikaden einfüllen“ – die toten Insekten liegen mancherorts in solchen Massen auf dem Boden, dass man sie in die Container schaufeln kann – sie werden dann an Zootiere verfüttert. In den USA sind bisher sieben verschiedene Arten klassifiziert worden.

Weltweit existieren mehr als 1.500 bekannte Arten dieser Insekten, unter denen die Carineta fasciculata als eine der typischsten brasilianischen Singzikaden gilt, sie wird dort “Cigarra-do-cafeeiro“ genannt, weil sie in der Regel vorwiegend in den Kaffeeplantagen auftritt – im Südosten Brasiliens. Das Insekt ist zirka 35 Millimeter lang, die Körperfärbung ist gelblich, mit unregelmässigen schwarzen Linien auf dem Rücken. Der Kopf ist abgeflacht, die gewölbten Facettenaugen sitzen seitlich – dreieckig am Vorderkopf angeordnet befinden sich, wie bei allen Zikaden, zusätzlich drei Punktaugen – dazwischen angesetzte kurze Fühler. Unten am Kopf befindet sich der Saugrüssel, der zum Bauch hin eingeklappt werden kann. Die vorderen Flügel sind länger als der Hinterleib und werden in Ruhestellung dachförmig zusammengelegt. Der Hinterleib der weiblichen Tiere ist mit einem so genannten Legebohrer bestückt – während jener der Männchen kurz und abgerundet ist. Nur sie besitzen jene “Trommelorgane“, mit denen sie ihre artspezifischen Lautäusserungen hervorbringen – sie befinden sich am Ansatz des hinteren Flügelpaares. Beide Geschlechter verfügen über empfindliche Gehörorgane.

Ausgewachsene Zikaden präsentieren überdimensionierte und mit Dornen versehene Vorderbeine, während Mittel- und Hinterbeine normal entwickelt sind. Bei den in der Erde lebenden Larven sind die Vorderbeine speziell zum Graben ausgebildet. Die ausgewachsenen Singzikaden stechen mittels ihres Rüssels die Leitungsbahnen von Bäumen und Pflanzen an, aus denen sie dann die an Mineralien und Wasser reichhaltigen Saft saugen – ihre Larven im Boden versorgen sich mit dem Saft von Pflanzenwurzeln und können deshalb dort, wo sie in Mengen auftreten, der Landwirtschaft grossen Schaden zufügen, da die befallenen Pflanzen in der Regel absterben.

Eigentlich senden alle Arten und beide Geschlechter der Zikaden Schallwellen aus, um miteinander zu kommunizieren – aber nur die männlichen Singzikaden können sie für das menschliche Ohr vernehmbar hervorbringen. Das schon erwähnte “Trommelorgan“ – man nennt es wissenschaftlich “Tymbal“ – wird durch ansetzende Muskeln in Schwingungen versetzt – der hohle Hinterleib bildet den Resonanzkörper. Die kleinen Tiere erzeugen, je nach Art, Töne zwischen 44 bis 120 Dezibel. Bei den weiblichen Tieren fehlt dieses “Tymbal“, also können sie nicht singen. Beide sind dagegen mit Gehörorganen ausgestattet, die Schwingungen werden von einer hauchdünnen Membran aufgenommen.

Der Gesang der männlichen Zikaden dient nur einem einzigen Zweck: Weibchen zur Paarung anzulocken. Eine grosse Zahl männlicher Exemplare findet sich in der Regel in den Baumkronen zusammen, wo sie ihren Gesang in Chören vernehmen lassen – und sich immer wieder gegenseitig zu Lautäusserungen anregen. Diesem Gesang können die Weibchen nicht widerstehen, und sie beantworten ihn mit einem Schnalzen ihrer Flügel – den die Männchen sowohl hören als auch visuell wahrnehmen können.

Bis in einer Tiefe von 30 Zentimetern halten sich die Larven der Singzikaden auf – sie durchlaufen insgesamt fünf verschiedene Wachstumszyklen, die jedes Mal mit einer Häutung einhergehen, und durch die sie jedes Mal grösser und dem ausgewachsenen Insekt immer ähnlicher werden. Nach dem fünften Stadium (nach 13 bzw. 17 Jahren) bewegen sie sich gegen die Erdoberfläche – hat der Boden eine Temperatur von zirka +18 Grad erreicht – zwischen Mai bis Juni – verlassen sie den Boden, um sich in der Vegetation eine geeignete Stelle zur letzten Häutung zu suchen – der Hülle entsteigen sie dann als geflügeltes Insekt. Etwa vier bis sechs Tage dauert die Ausfärbung der Tiere und die vollständige Erhärtung ihres Chitinpanzers.

Nach der Reife begeben sie sich auf die Suche nach dem Geschlechtspartner – ihr alleiniges Ziel ist die Fortpflanzung. Die Männchen sterben gleich nach der Paarung, während die Weibchen zuvor noch für die Eiablage sorgen. Mit ihrem Legestachel bohren sie entsprechende Vertiefungen in die Rinde von Ästen und Zweigen und legen in diesen Nestern bis zu 20 Eier ab. Ein einzelnes Weibchen kann bis zu 600 Eier in verschiedenen “Nestern“ ablegen. Zwischen sechs und zehn Wochen nach der Eiablage schlüpfen die Larven – fallen auf den Boden und graben sich ein. Sie suchen sich ihre Wurzeln zum Saugen ihrer Flüssignahrung und beginnen ihre 13- oder 17-jährige Entwicklung.

cicadas 2 - south of France - valerie barryZikaden werden vor allem in ihrem Entwicklungsstadium als Schädlinge für junge Bäume und Sträucher angesehen – wenn sich eine grosse Zahl der Larven an einer einzigen Pflanze mit deren Saft versorgt, wird diese stark geschwächt und kann absterben – und solche Schäden können auch die Landwirtschaft beeinträchtigen. In Brasilien sind besonders die Kaffeeplantagen in Gefahr, von Zikadenlarven geschädigt zu werden. In Minas Gerais ist ein Befall der im Süden des Bundesstaates gelegenen Kaffeeplantagen durch die schon erwähnte Gattung Carineta fasciculata häufig, deren Lebenszyklus sich bereits alle drei Jahre wiederholt.

Das Aussaugen besonders der jungen Pflanzen verursacht eine Entfärbung der Blätter und anschliessendes Abfallen – besonders gefürchtet während der Trockenperiode. Die Folge ist ein signifikanter Rückgang der Produktion bis zu einem Totalverlust der Ernte, wenn man nicht rechtzeitig etwas dagegen unternimmt. Um die Schädlinge abzutöten, werden mit dem herab strömenden Regen Insektenvertilgungsmittel eingesetzt, um die Wurzeln der Pflanze zu erreichen und um die Larven gleich nach dem Eindringen in den Boden abzutöten. Auch ein bestimmter Pilz (Metarhizium) kommt zu ihrer Bekämpfung zum Einsatz – man nennt dies eine biologische Bekämpfung der Schädlinge – in den meisten Fällen wird er zusammen mit dem Insektizid eingesetzt, denn der Pilz kann sich leichter in den bereits geschwächten Larven ausbreiten. Eine dritte Möglichkeit, der Plage Herr zu werden, ist die Eliminierung der befallenen Kaffeepflanzen, um nach drei Jahren Pause neue Pflanzen an denselben Stellen einzusetzen.

Zikaden sind fast in allen Regionen unseres Planeten verbreitet – sowohl in Gegenden mit warmem als auch mit kaltem Klima. Und ich habe es schon angedeutet, sie haben auch eine Menge Fressfeinde – im ausgewachsenen Stadium: Vögel, Eichhörnchen, Reptilien, Katzen und andere Säugetiere stürzen sich auf die frisch geschlüpften Insekten. Eine bestimmte Falkenart, der “Gavião-pombo“ – Weissnackenbussard (Leucopternis lacernulata) fängt die Zikaden im Flug. Die grosse und sehr kräftige Grabwespe (Sphecius speciosus) lähmt die Zikade mit ihrem Stich, um sie als Nahrung für ihre Brut zu konservieren. Im Larvenstadium: Käfer, einige Säugetiere, wie zum Beispiel das Gürteltier, und Raubameisen, die im Erdreich leben. Sogar von Pilzen, wie dem Massospora cicadina, können Zikaden befallen werden – er tötet die Zikade nicht sofort, verursacht jedoch deren Unfruchtbarkeit.

Die Wissenschaft sieht in der Entwicklung der Massen eine Überlebensstrategie der Zikaden. Auch potenzielle Feinde werden übersättigt, und dadurch überleben immer genug Zikaden zur Erhaltung der Spezies. Übrigens sind Zikaden für Mensch und Tier ungefährliche Zeitgenossen – weder stechen sie, noch sind sie Krankheitsüberträger – die einzige Vorsichtsmassnahme gegen sie sind ein Paar Ohrstöpsel, um sich gegen ihre aggressive Lautäusserung zu schützen. Ein antiker Aberglaube, der sich bis heute in Brasilien gehalten hat, bezieht sich auf diesen “Gesang“ der Zikaden: Wenn er besonders an heissen Tagen weithin zu hören ist, freuen sich die Menschen, weil es bald regnen wird, wie sie meinen!

“Wenn du eine “Cigarra“ fangen willst und sie festhältst, dann uriniert sie dir auf die Hand, um zu entkommen“ – das ist eine weitere brasilianische Volksweisheit – Wahrheit ist, dass sich die Zikade im Moment des Abflugs vom Gewicht eines Teils ihrer eingesaugten Flüssigkeiten befreit, um ihre Flucht zu erleichtern, denn sie ist sowieso ein schwerfälliger Flieger. Ausserdem hat man durch Analyse jener Flüssigkeit, die im Volksmund als “Urina da Cigarra“ (Urin der Zikade) bezeichnet wird, festgestellt, dass es sich praktisch um reines Wasser handelt, Rückstand der Pflanzensäfte, denen der Organismus der Zikade alle für ihn wichtigen Nährstoffe entzogen hat – und in diesem Wasser wurden auch keinerlei toxische Substanzen gefunden.

Die in Brasilien verbreiteten Zikaden-Spezies

Cigarinha do milho (Dalbulus maidis), Cigarra carineta (Carineta fasciculata), Cigarra do cafeeiro (Fidicina spp), Cigarra do cafeeiro (Quesada gigas), Cigarra fidicina (Ficidina pullata, F. drewseni und F. mannifera ), Cigarra quesada (Quesada gigas und Quesada sodalis), Cigarrinha (Oncometopia facialis), Cigarrinha (Mahanarva fimbriolata), Cigarrinha (Agallia albidula), Cigarrinha (Deois flavopicta), Cigarrinha (Deois incompleta), Cigarrinha (Zulia entreriana), Cigarrinha (Acrogonia terminalis), Cigarrinha verde (Empoasca kraemeri), Cigarrinha da folha (M. rubicunda identata), Cigarrinha das raízes (Mahanarva fimbriolata), Cigarrinha das cruciferas (Aethalion reticulatum), Cigarrinha das folhas (Mahanarva posticata), Cigarrinha do CVC (Dilobopterus costalimai), Cigarrinhas das pastagens (Decis flavopicta), Cigarrinhas das pastagens (Deois schach), Cigarrinhas das pastagens (Tomaspia sp).

Normalerweise legen Zikaden ihre Eier, wie gesagt, in Baumspalten ab, jedoch hat es in Japan Fälle gegeben, in denen sie irrtümlicherweise die Eier auf Strom- und Lichtleitkabel abgelegt hatten und dadurch Interferenzen bei der Telekommunikation verursachten. Besonders das Weibchen der Cryptotympana facialis, die ihr Gelege auf einem Lichtleiter im Westen Japans ablegte und das Kabel dadurch beschädigte, war ein Fall, der durch die ganze japanische Presse ging.

Eine wahrscheinlich weltbekannte Fabel ist die von “Ameise und Grille“ (in Deutschland) beziehungsweise der “Zikade und Ameise“ (in Brasilien) – ich möchte Ihnen an dieser Stelle die brasilianische Version vorstellen:

A Cigarra e a Formiga – Die Zikade und die Ameise

cigarraformigaEs war einmal eine Zikade, die tat nichts anderes, als tanzend und singend durch den Wald zu springen, ohne sich um ihre Zukunft zu sorgen. Als sie eine Ameise traf, die ein schweres Blatt hinter sich herschleppte, fragte sie dieselbe:

“Heh, kleine Ameise, für was die ganze Arbeit? Den Sommer muss man geniessen! Er ist zu unserem Vergnügen da”!

“Nein, nein, nein! Wir Ameisen haben keine Zeit, uns zu vergnügen. Wir müssen jetzt arbeiten, um Lebensmittel für den Winter heranzuschaffen“!

Die Zikade kümmerte das nicht weiter, sondern sie fuhr fort, sich zu vergnügen und im ganzen Wald herumzuspazieren. Wenn sie Hunger hatte, gab es überall frische Blätter. Eines schönen Tages traf sie die kleine Ameise wieder – und die war wieder mit dem Schleppen eines riesigen Blattes beschäftigt. Also versuchte die Zikade sie zu animieren:

“Liebe Freundin – lass doch diese Arbeit für die Anderen! Komm, wir wollen uns vergnügen! Los doch, lass uns zusammen singen und tanzen“! Der kleinen Ameise gefiel dieser Vorschlag wohl, und sie entschloss sich, sich mal das Leben anzuschauen, von dem die Zikade so begeistert war – und sie fand es grossartig. So wie ihre Freundin wollte sie fortan auch ihr Leben verbringen.

Jedoch schon am folgenden Tag erschien die Königin des Ameisenstaates höchst persönlich, und als sie die Bürgerin bei der vergnüglichen Tanzerei mit ihrer Freundin ertappte, befahl sie ihr, sofort ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Zu Ende war das süsse Leben für die kleine Ameise. Die Ameisenkönigin wandte sich auch an die Zikade mit den Worten:
“Wenn du nicht dein Leben änderst, wirst du das im nächsten Winter bereuen! Du wirst hungern und frieren“!

Die Zikade jedoch liess sich ihren Spass nicht nehmen – sie verneigte sich vor der Königin und antwortete: “Hm!! Der Winter ist noch weit, Königin“! Denn alles, was sie im Moment interessierte war, das Leben– das Heute – zu geniessen, ohne an Morgen zu denken. Warum eine Unterkunft zu bauen? Sich mit dem Speichern von Lebensmitteln abzuplagen?

“Das ist nur verlorene Zeit“!

Und dann, eines Tages, war der Winter da. Und die Zikade fing an zu frieren. Sie fühlte, wie ihr Körper auskühlte und hatte nichts zu essen. Verzweifelt klopfte sie schliesslich an der Tür der Ameise an – und als die ihre einst so lebenslustige Freundin zitternd vor Kälte vor sich sah, liess sie sie ein, packte sie in Decken und brachte ihr eine heisse Suppe, um sie aufzuwärmen. Die Ameisenkönigin erschien und sprach:

“In der Welt der Ameisen müssen alle arbeiten zum Wohlergehen des Volkes – wenn du bei uns bleiben willst, dann leiste deinen Beitrag: Spiele und singe für uns“!

Und so blieb die Zikade im Ameisenstaat solange der Winter dauerte und wurde für ihre Unterhaltung von ihren Freunden versorgt. Für die Zikade und für die Ameisen war dies der glücklichste Winter ihres Lebens.

Noch eine Bemerkung zum Schluss:

Nachdem Sie durch unseren Text mit dem tatsächlichen Lebenszyklus der Zikaden bekannt gemacht worden sind, fällt Ihnen natürlich sofort auf, dass eine Zikade gar keine Vorsorge für den Winter treffen muss, sondern sich “sorglos“ einzig und allein ihrem Gesang widmen kann. Andererseits erheben Fabeln ja auch nicht den Anspruch, unbedingt den tatsächlichen Gegebenheiten und Wesenszügen ihrer Protagonisten zu entsprechen, sondern wollen vielmehr die Basis für Denkanstösse schaffen, die uns Menschen Wegweiser sein können. Für alle diejenigen, denen der Sinn einer Fabel unklar geblieben sein mag, steht er dann oft zusammengefasst darunter als “Moral von der Geschichte“ – und die heisst in unserem Fall:
“Spare in der Zeit – so hast du in der Not“