Kuriose Primaten Geschichten

Veröffentlicht am 30. September 2015

Lesen Sie nachfolgend drei kleine Geschichten von Neuwelt-Primaten

Brüllaffen (Alouatta)

TotenkopfffchenHier ist zum Beispiel eine Geschichte, die ich im Pantanal von Mato Grosso gehört habe, wo ich einige Jahre als Tour-Guide arbeitete und oft mit Einheimischen ins Gespräch kam, unter denen es damals noch üblich war, neben anderen Tieren auch Brüllaffen zu jagen, jene in Brasilien weit verbreiteten Primaten, deren donnerndem Chor zum Sonnenaufgang schon manch einer meiner Touristen auf den Leim gegangen ist, weil er ihn für ein sich ankündigendes Gewitter gehalten hat.

Tatsächlich ist der Maul- und Halsbereich dieser Tiere speziell für lautes Schreien geschaffen: Zungenbein und Schildknorpel des Kehlkopfes sind ungewöhnlich vergrössert, und die so genannte Kehlkopftasche dehnt sich beim Schreien um ein Vielfaches aus – zusammen bilden diese Eigenheiten einen Klangkörper, der die Stimmen der Brüllaffen in einem solchen Mass verstärkt, dass der gemeinsame Chor von dreissig bis vierzig dieser Individuen durchaus für das Grollen eines nahenden Unwetters gehalten werden kann, wenn man ihn zum ersten Mal hört.

Aber etwas ganz anderes wollte ich eigentlich von den Brüllaffen erzählen und damit die kuriose Beobachtung eines Jägers weitergeben, von der er mir bei einer gemeinsamen Caipirinha berichtete, die jedoch – das muss ich zu seiner Ehrenrettung sagen – all sogleich von anderen Jägern in unserer Runde bestätigt wurde, nachdem sie meine skeptische Mine bemerkt hatten. Folgendes erzählte mir Gerônimo an jenem Abend in einer Bar in Cáceres, am Rio Cuiabá:

“Wir befanden uns auf einem Angelausflug, ich und ein paar Freunde aus unserem Dorf, aber weil wir ausser ein paar Piranhas rein gar nichts gefangen hatten, nahm ich meinen Karabiner, um vielleicht im angrenzenden Wald noch irgendein Tier für unseren Grill zu schiessen. Da entdeckte ich auf den Ästen einer “Jaqueira“ (Jackfruchtbaum) einen “Bugio“ (Brüllaffe) – es war ein Weibchen, leicht zu erkennen an der hellen Fellfarbe – die Männchen sind schwarz.

Macht sich gut auf unserem Grill… in diesem Moment bemerkt sie mich, greift auf ihren Rücken und streckt die Arme dann hoch über ihrem Kopf mit ihrem Baby aus – sie zeigt es mir, damit ich es sehe und verstehe, dass sie leben muss, weil ihr Baby sie braucht! Es war eine Bitte um Gnade – wenigstens hab’ ich das intelligente Tier so verstanden und meinen Karabiner gesenkt. An diesem Nachmittag haben wir nur Piranhas gegrillt… und ich gehe seit dieser Begegnung überhaupt nicht mehr auf die Jagd“.

Wollaffen (Lagothrix)

Die in den Baumkronen des tropischen Regenwaldes in Amazonien leben, sind besonders vorsichtig bei der Auswahl ihrer Blätternahrung. Denn zahlreiche Bäume in ihrem Habitat produzieren unterschiedliche Gifte, denen die Tiere entgehen, indem sie ausschliesslich junge Blätter verzehren, in denen das Gift noch nicht seine ganze Konzentration erreicht hat. Darüber hinaus entleeren die Affen ihren Darm besonders häufig, noch bevor das Gift von ihrem Organismus absorbiert worden ist.

Trotz alledem können sie der Aufnahme einer gewissen Giftmenge nicht ganz entgehen. Wenn ihr Bauch sich bläht – die Brasilianer nennen sie deshalb auch “Barrigudos“ (Dickbäuche) – wechseln sie zu einer anderen Baumart mit anderen Giften, dessen Blätter sie verzehren, bis ihr Organismus erneut reklamiert.

Kapuzineraffen (Sapajus)

Werden vom brasilianischen Volksmund allgemein als “Macaco-prego“ (Nagelaffen) bezeichnet. Der Grund für diesen kuriosen Namen ist der bei dieser Primaten-Gattung auffällige Penis, der als flache, abgerundete Spitze endet, so wie der Kopf eines Nagels. Meine Nachbarn in Minas Gerais hielten sich ein solches zahmes Kapuziner-Männchen an einer Kette im Hof, seine Spässe erfreuten die gesamte Nachbarschaft. Allerdings wandten Frauen und Mädchen stets die Köpfe ab, wenn sie am Hof mit dem Kapuziner vorbei mussten, während in solchen Momenten die halberwachsenen jungen Männer bereits auf der Lauer lagen, um “Chicão“, so nannten sie den Affen, zu beobachten, der beim Anblick von Frauen und Mädchen stets einen erregt war.

Kapuziner sind bekannt als ungewöhnlich intelligente Primaten. Durch ihren frei beweglichen Daumen sind sie in der Lage, Steine, Stöcke und andere Hilfsmittel als Werkzeuge zu gebrauchen, und das tun sie auch in freier Wildbahn. Sie leben etwa vierzig Jahre lang in freier Natur, innerhalb von Gruppen bis zu zwanzig Individuen, in denen ein Alfa-Männchen sich als Verteidiger qualifiziert. Im Fall einer Gefährdung der Gruppe durch einen Raubvogel (eine Harpyie zum Beispiel), positioniert er sich als Köder, um den Angriff auf sich zu lenken, während seine Gruppe flieht.

Ich selbst hatte damals Gelegenheit, mit unserem “Chicão“ verschiedene Experimente zu machen, die mir seine ungewöhnliche Intelligenz bewiesen. Ganz klar, dass die sich auch bei ihm besonders dann am deutlichsten zeigte, wenn es um Futter, beziehungsweise um einen Leckerbissen ging, und der bestand für Chicão, zum Beispiel, aus einem rohen Hühnerei! Mit einem Hühnerei konnte man ihn aus jeder trüben Stimmung locken, in die er manchmal verfiel – mein Hühnerei erkannte er schon aus mehreren Metern Entfernung – rannte aus seiner Kiste bis die lange Kette straff gespannt war und nahm mir dann das Ei vorsichtig aus der Hand.

Ich dachte, dass er es nun, am Boden vielleicht, aufschlagen würde – das tat er aber nicht, sondern zog sich auf drei Beinen – in einer Hand das Ei – bis zu einem Schuppen zurück, kletterte, immer noch das Ei in einer Hand balancierend, an einem Balken bis unter das Vordach, und schlug dann die Spitze des Eies ganz vorsichtig gegen die Unterseite des Daches, entfernte mit den Fingerchen ein paar Splitter an der Spitze und trank das Ei, immer noch an den Balken geklammert, aus, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten. Die leere Eierschale warf er einfach weg und kehrte in seine Kiste zurück, ohne mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen.