Primaten – die Krone der Schöpfung

Veröffentlicht am 31. Juli 2015

Dass man Primaten bisweilen einfach als “Affen“ bezeichnet, führt eventuell zu Missverständnissen in dieser Ordnung der “Höheren Säugetiere“, in der die eigentlichen Affen nur in Untergruppen auftreten, die von den Wissenschaftlern kurioserweise an ihren entweder feuchten oder trockenen Nasen unterschieden werden – nämlich als “Feuchtnasenaffen“ (Strepsirrhini) oder als “Trockennasenaffen“ (Haplorrhini). Zu letzteren gehören auch die so genannten Menschenaffen (Hominidae), bei denen sich auch der Mensch als “Homo sapiens“ (lateinisch: weiser, kluger, vernünftiger Mensch) eingruppiert hat – obwohl man bei zahlreichen Exemplaren dieser Gattung durchaus in Versuchung kommen kann, sie eher einer aus der Art geschlagenen Untergruppe zuzuordnen….

Mit der Bezeichnung “Primaten“, (vom lateinischen Primus – der Erste), hat man einen Begriff gefunden, der diese Spitzengruppe der Evolution klar definiert, sich dazu jedoch in erster Linie an den physischen Merkmalen ihrer Individuen orientiert – die psychischen dagegen, durch die sich besonders der Homo sapiens von allen anderen Studienobjekten unterscheidet, sind immer noch weitgehend unerforscht und deshalb voller Überraschungen.

Vom Affen zum Geschftsmann (Menschen)

Der Mensch ist auch der einzige Primat, der eine Verbreitung über den gesamten Planeten geschafft hat – alle anderen beschränken sich auf die tropischen und subtropischen Regionen von Amerika, Afrika und Asien. Auf dem amerikanischen Doppelkontinent kommen Primaten vom Süden Mexikos bis in den Norden von Argentinien vor – Brasilien ist das Land mit den meisten bekannten Primatenarten überhaupt – die ehemaligen Primaten der Karibik sind ausgestorben. In Nordamerika und dem grössten Teil Europas hat sich allein der Primat Mensch behaupten können – seinen Evolutionsgenossen begegnet er dort höchstens im Zoo.

Erkennungsmerkmale

Darunter versteht man besondere physische Merkmale und Fähigkeiten, die man nur bei Tieren derselben Ordnung findet. Der Biologe Robert Martin hat die folgenden primatentypischen Merkmale definiert:

  • Eine der offensichtlichsten und wesentlichsten Fähigkeiten der Primaten ist die Fähigkeit, auch den Fuss wie eine Hand benutzen zu können – ihr grosser Zeh ist so beweglich wie der Daumen ihrer Hand (davon ist der Primat Mensch allerdings ausgenommen).
  • Primaten haben keine Krallen an Händen und Füssen, sondern die Nägel der Finger und Zehen sind kurz und flach – und sie hinterlassen Fingerabdrücke!
  • Ihre Fortbewegungen werden von den Hinterbeinen beherrscht – der Körperschwerpunkt liegt im hinteren Drittel.
  • Primaten haben kein besonders ausgeprägtes Gehör, besonders gilt das für die tagaktiven Arten.
  • Dagegen ist ihre visuelle Wahrnehmung überdurchschnittlich – die nach vorne gerichteten, grossen Augen unterstützen diese Fähigkeit.
  • Primaten bringen nur wenige Nachkommen zur Welt – Schwangerschaft und Aufzucht dauern bei ihnen in der Regel länger als bei anderen Säugetieren vergleichbarer Grösse.
  • Vergleicht man das Gehirn eines Primaten mit dem anderer Säugetiere gleicher Grösse, so hat es nicht nur mehr Volumen, sondern auch einige einzigartige anatomische Merkmale mehr.
  • Primaten erkennt man leicht an ihren Zähnen: Die Backenzähne sind kaum spezialisiert, jede Kieferhälfte besitzt höchstens drei davon – dazu zwei Schneidezähne, einen Eckzahn und drei Prämolare.
  • Weitere subtile anatomische Besonderheiten werden dem Systematiker auffallen, die wir jedoch seinem individuellen Studium überlassen wollen.

An ihrer Körpergrösse kann man Primaten nicht erkennen. Dem bis zu 275 Kilogramm schweren und aufgerichtet bis zu 2 Meter grossen Gorilla steht, zum Beispiel, der nur 38 Gramm wiegende und weniger als 10 Zentimeter grosse Mausmaki gegenüber – ein winziger aber ganzer Primat!

Die meisten Körper von Primaten sind mit Haaren bedeckt – mit einem mehr oder weniger dichten Fell, das Farbvarianten von Weiss über Grau und Braun bis zu tiefem Schwarz präsentiert. Die Innenflächen der Hände und die Fusssohlen sind dagegen in den meisten Fällen haarlos. Es gibt Primaten, deren Gesicht ebenfalls unbehaart ist – und der am wenigsten behaarte Primat ist zweifellos der Mensch, da er oft in noch jugendlichem Stadium auch seine Kopfhaare verliert.

Die grosse Mehrheit aller Primaten ist mit ihren Gliedmassen an ein Leben in den Bäumen angepasst. Sie haben meistens längere und stärkere Hinterbeine als Vorderbeine (eine Ausnahme sind allerdings die Gibbons, sowie einige Exemplare der Untergruppen). Besonders bei den springenden Primaten, wie beim Menschen, ist deutlich zu beobachten, dass vom hinteren (unteren) Teil des Körpers die stärksten Bewegungsimpulse ausgehen.

Baumbewohnende Primaten besitzen oft einen langen Schwanz, den sie als Gleichgewichts- und Balanceglied benutzen, den springenden Arten dient er sogar als Steuerorgan, und die Neuweltaffen Südamerikas – die Brüllaffen, Spinnenaffen, Wollaffen Brasiliens, zum Beispiel – benutzen ihren Greifschwanz wie einen fünften Arm, mit dessen unbehaarter Unterseite sie sich an einem Ast festklammern können.

Wissenschaftliche Hypothesen gehen davon aus, dass sich die Primaten – also auch der Mensch – aus Tieren entwickelt haben, die auf Bäumen leben, und auch in unserer Gegenwart sind viele Primatenarten noch exklusive Baumbewohner, die selten oder nie herunter auf den Boden kommen. Doch auch reine Bodenbewohner gibt es unter ihnen, und ihr typischster Vertreter ist der Mensch.

Auch die Fortbewegung der Primaten ist ganz unterschiedlich. Sie richtet sich nach ihrem jeweiligen Lebensraum und hat auch ihren Körperbau geprägt. Folgende Fortbewegungsarten lassen sich dabei unterscheiden: Das Gehen auf vier Beinen, sowohl auf auf dem Boden als auch auf waagerechten Ästen – vertikales Klettern und Springen, an Baumstämmen und von einem Baum zum andern, wobei zum Springen die hinteren Gliedmassen besonders kräftig ausgebildet sind.

Bei den Gibbons, Orang-Utans und den südamerikanischen Spinnenaffen, zum Beispiel, ist die Fortbewegung des „Schwinghangelns“ besonders gebräuchlich – und auch die so genannte “Bipedie“, das zweibeinige, aufgerichtete Gehen auf dem Boden, ist zeitweise ebenfalls bei mehreren Primatenarten üblich, ist allerdings als exklusive Fortbewegungsart nur vom Menschen perfektioniert worden.

Ernährung

Haubenkapuziner (Cebus apella)So wie sich die Primaten in Gestalt, Grösse und Lebensraum gewaltig von einander unterscheiden, demonstrieren sie auch mit ihrer Ernährungsweise ganz unterschiedliche Präferenzen. Man hat jedoch ein paar Inhaltsstoffe identifiziert, die in der Nahrung aller Primaten vorkommen. Nämlich mindestens ein Nahrungsmittel mit hohem Proteingehalt – zum Beispiel Insekten, Pflanzensäfte und Früchte – sowie ein weiteres mit viel Kohlenhydraten – zum Beispiel Knospen und junge Blätter.

Da die meisten Primaten bestimmte Nahrungsmittel deutlich bevorzugen, sind sie von der Wissenschaft in Frucht-, Blätter-, Insekten- und Pflanzensaftfresser oder Frugivoren (Fruchtfresser), Folivoren (Blattfresser), Insektivoren (Insektenfresser) und Gumnivoren (Allesfresser) eingeteilt worden. Eine weitere wissenschaftliche Hypothese geht davon aus, dass die Vorfahren der Primaten Insektenfresser waren – heute bilden die Pflanzenfresser das grösste Kontingent.

Hauptbestandteil ihrer Nahrung sind Früchte, darüber hinaus werden Blätter, Blüten und Knospen, Pilze, Samen, Nüsse und Baumsäfte als Ergänzung verzehrt. Darunter gibt es auch viele Allesfresser, die neben ihrer pflanzlichen Nahrung auch Insekten, Spinnen, Eier von Vögeln und kleinere Wirbeltiere verzehren – Schimpansen und Paviane machen sogar Jagd auf grössere Tiere und verschmähen auch kleinere Primaten nicht.

Sozialverhalten

Ein komplexes Sozialverhalten ist typisch für die meisten Primaten. Viele leben in jahrelangen, monogamen Beziehungen – Einzelgänger sind eher selten. In den meisten Fällen leben Primaten jedoch in Gruppen – entweder in Gruppen einzelner Männchen oder solchen, in denen ein Alfamännchen zahlreiche Weibchen um sich schart – oder gemischte Gruppen, mit geschlechtsreifen Weibchen und Männchen, in denen eine bestimmte Rangordnung vorherrscht, die durch Kämpfe, Alter, oder verwandtschaftliche Beziehungen entschieden wird.

Kommunikation und Interaktion sind von grosser Bedeutung. Eine grosse Anzahl unterschiedlicher Lautäusserungen sind die Regel, sie dienen zur gegenseitigen Verständigung, zur Markierung ihres Territoriums, zur Drohung oder Warnung vor Feinden, etc. In Südamerika, zum Beispiel im brasilianischen Pantanal von Mato Grosso, begrüssen die Brüllaffen den morgendlichen Sonnenaufgang mit einem Chor, der viele Kilometer weit zu hören ist. Nicht allein die Lautäusserungen können der Kommunikation dienen, auch eine entsprechende Körperhaltung und Grimassen sind Kommunikationsformen, und die gegenseitige Fellpflege gehört ebenfalls in diese Kategorie. Allerdings ist der Mensch der einzige Primat, der aus seinen Lautäusserungen eine Sprache entwickelt hat.

Fortpflanzung

Typisch für fast alle Primaten ist eine im Tierreich ungewöhnlich lange Trächtigkeitsdauer – bei den meisten Arten zwischen vier bis sieben Monaten, beim Gorilla und beim Menschen neun Monate. Auch die Aufzucht der Jungen beansprucht eine lange Entwicklungszeit und dauert mehrere Jahre, dafür ist ihre Lebenserwartung vergleichsweise hoch, jedoch ihre Geburtenrate, gemessen an anderen Tierarten, eher gering. Einzelgeburten überwiegen bei den meisten Arten, ein bis zwei Jungtiere pro Wurf sind die Regel bei den übrigen.