Licuri – Palme aus dem Sertão

Veröffentlicht am 28. Januar 2012

Als Bestandteil von Süssspeisen und anderen Leckereien, oder als Teil einer kosmetischen Formel, verliert die Nuss der Licuri-Palme langsam ihre Caatinga-Exklusivität (halbtrockenes Gebiet des Nordostens) und erreicht andere Regionen Brasiliens – zum Wohl der Kommunen des Sertão.

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Diese Licuri-Palme ist schon eine ganz besondere Pflanze! Eine echte Repräsentantin der noblen Familie der Palmaceae, aber von bescheidener Herkunft aus den halbtrockenen Regionen Brasiliens. Mit fünf Blattreihen, die an eine Krone erinnern, haben ihr die Wissenschaftler einen pompösen Namen gegeben: “Syagrus coronata“ (die Gekrönte). Sie kommt vom Norden des Bundesstaates Minas Gerais bis in die Bundesstaaten Sergipe und Alagoas vor – und je nach Gegend hat sie eine Menge volkstümlicher (trivialer) Namen: “Alicuri, Aricuí, Adicuri, Cabeçudo, Coqueiro-aracuri, Coqueiro-dicuri, Iricuri, Oricuri, Ouricurizeiro, Uricuri, Uricuriba und so weiter…

Die Pflanze hat sogar verschiedenen Orten und Kleinstädten ihren Namen gegeben, wie zum Beispiel “Ouricuri“, im Bundesstaat Pernambuco, heute mit 66.000 Einwohnern. Und die Palme ist auch Gegenstand von Festlichkeiten im Innern des Sertão. Zum Beispiel in “Caldeirão Grande“, im Norden von Bahia, vereint die “Festa do Licuri“ die Gilde der Nuss-Brecher – mit einem Hindernislauf, Musik und Capoeira.

Ihre Todfeindin ist eine Pflanze, die man in derselben Region als “Gameleira“ bezeichnet, eine Feigenart (Ficus clusiifolia), deren Samen auf anderen Bäumen keimt, sich als Epiphyten entwickelt, bis ihre Wurzeln den Boden erreichen. Dann werden sie dick und fangen an, den Wirtsbaum zu umschliessen und langsam zu erwürgen, indem sie ihm die Wasserzufuhr vom Boden abschneiden – der Wirt stirbt ab. Allerdings ist gerade die Licuri-Palme durch ihre besondere Konstitution in der Lage, der Gameleira die Stirn zu bieten – und es geschieht nicht selten, dass sie den Kampf gewinnt. Dieses “Duell“ der Licuri und der Gameleira wird in Liedern und Legenden der Folklore des Sertão beschrieben.

Die Palme wächst in freier Natur innerhalb der “Caatinga“ und bietet Dutzenden von Kommunen im so genannten “Polygon der Trockenheit“ (der Region mit den niedrigsten Indikatoren der menschlichen Entwicklung (IDH) Brasiliens, Nahrung und ein bisschen Gewinn. Der IDH misst die Qualität des menschlichen Lebens mit Indikatoren wie Alphabetisierung, Zahl der Einschulungen, Lebenserwartung und Einkommen.

“Caldeirão Grande“ ist eine der grössten Licuri-Produktionsstätten Bahias. Hier werden die Früchte von 16 Millionen Palmen geerntet, was pro Jahr eine Summe von 500 Tonnen ergibt. Und seit wann beherrscht der Extrativismus der Licuri diese Gegend? “Seit eh und je“, antwortet Josenaide de Souza Alves (48), eine der Gründer der “Cooperativa de Produção da Região de Piemonte da Diamantina“ (COOPES), ins Leben gerufen im Jahr 2005 von den Produzenten, die sich von den Zwischenhändlern befreien wollten.

Josenaide erzählt, dass man von der Licuri praktisch alles verwerten kann. “Es gibt mehr als zwanzig verschiedene Nahrungsmittel, die man aus den Palmnüssen anfertigen kann, wie Kekse und Plätzchen, Salzgebäck, Liköre, Öl, Palmhonig, gekochte und gegrillte Nüsse, Süssspeisen und Brot, Eiscreme und sogar Milch aus der Licuri. Geäst, Stämme und trockenen Wurzeln der Palme werden verfeuert, um mehr als 30 Tonnen Licuri-Kekse zu backen. Die Produzenten kommerzialisieren ausserdem phytotherapisches Öl für Massagen und als Feuchtigkeits-Creme für die Haare. Aus dem Palmstroh kann man alle möglichen Arten von Kunsthandwerk anfertigen. Und schliesslich verwendet man die Schalen der Kerne zur Herstellung so genannten “Bio-Schmuckes“.

Die Korporative besteht aus mehr als 500 Familien – 100 davon bestreiten ihre Existenz ausschliesslich mittels gerösteter Licuri-Nüsse und Kekse. “Die Einnahmen betragen zirka 3.500,00 R$ (zirka 1.500 Euro) in zehn Monaten für jede produzierende Familie“, berichtet die erste Präsidentin der Kooperative.

“Die Licuri ist ein Produkt, das immer wieder nachwächst und dessen Ernte der Natur keinen Schaden zufügt – seine Nutzung hat das Einkommen zahlreicher Familien verbessert. Dadurch ist das Bewusstsein der Bevölkerung zum Schutz der Licuri gewachsen, und gewissermassen hat die Palme das Selbstwertgefühl jener Frauen gesteigert, deren Arbeit das Aufbrechen der Nussschalen ist. Sie haben jetzt ein bisschen Geld in der Tasche für den Markt – und das verringert auch die Abwanderung der Landbevölkerung aus unserem Gebiet“.

Ein anderes Beispiel der Verbindung zwischen den Bewohnern und der Licuri-Palme kommt aus “Santa Brígida“, einem Ort mit dem viertschlechtesten IDH des Bundesstaates Bahia. Seit 2001 haben sich vierzig Familien in der “Associação de Artesãos de Santa Brígida” zusammengeschlossen, um gemeinsam aus dem Stroh der Licuri Taschen, Hüte, Fruchtschalen und Körbe herzustellen. Für diese Arbeit erhalten die Familien einen monatlichen Mindestlohn, ausserdem 80% des Verkaufspreises dieser Produkte. Wie die lokale Impulsgeberin der Projekte des “Serviço Brasileiro de Apoio às Micro e Pequenas Empresas (Sebrae)“ berichtet – wurde der Schnitt des Palmstrohs verboten, ist aber derzeit Thema einer Diskussion. “Die Arbeit in Santa Brígida kann nicht als Industrie betrachtet werden,“ verteidigt sie das Projekt während eines Interviews im Programm der Vereinten Nationen für Entwicklung (PNUD) – “es ist eine kunsthandwerkliche Tätigkeit in einer naturerhaltenden Art und Weise, ausgeführt von Personen, die in den meisten Fällen nur durch diese Aktivität ein Einkommen haben“.

Um zu verhindern, dass die Extraktion des Palmstrohs der Natur schadet und die nötige Erlaubnis zu seiner Gewinnung zu erhalten, verfolgt die Vereinigung inzwischen einen Plan zur “erhaltenden Erneuerung“ der Licuri-Palmen, der von einer mit dem Sebrae verbundenen Consulting-Firma erarbeitet wurde.

Was die Fauna betrifft, so verdient die Licuri ein Extra-Kapitel. Die Früchte der Palme sind ein unverzichtbares Nahrungsmittel für das Überleben des “Arara-azul-de-lear“ (Anodorhynchus leari), der in allen roten Listen – sowohl der nationalen IBAMA als auch der internationalen IUCN – als “kritisch bedroht“ geführt wird.

[flickr tags=“Anodorhynchus leari“]Der kleine blaue Ara ist endemisch in den halbtrockenen Gebieten der Caatinga Brasiliens, und seine Population wird heute auf 900 Exemplare geschätzt, die sich zwischen den bahianischen Munizipien von “Canudos, Euclides da Cunha, Jeremoabo, Paulo Afonso und Santa Brígida konzentrieren – einer Region, die unter der Bezeichnung “Raso da Catarina“ bekannt ist. Die Nüsse der Licuri-Palme sind die Hauptnahrung dieser Vögel, und eine sich verringernde Menge der Früchte kann zu einem begrenzenden Faktor für die wünschenswerte Vermehrung dieser Vögel bedeuten. Ein einziger Ara frisst zirka 300 solcher Nüsse pro Tag. Daher die Besorgnis um den Schutz der natürlich vorkommenden Licuri-Palmengruppen, die als Futterplätze der Aras erhalten werden müssen.

Eine Diagnose hinsichtlich des Konservierungszustands jener Palme innerhalb des Ara-Gebiets, wurde durchgeführt von den Forschern vom “Centro Nacional de Pesquisa para Conservação das Aves Silvestres do Instituto Chico Mendes de Conservação da Biodiversidade (Cemave/ICMBio)“ und der nicht-staatlichen Organisation “Proaves“. Ziel war es, die Futterplätze der Vögel zu identifizieren, die Art und Weise der Bodennutzung festzustellen und eventuelle Bedrohungen zu identifizieren.

Dazu wurden 37 Futterplätze auf einer Fläche von 4.711 Hektar kartographiert, mit einer mittleren Dichte von 38 Licuri-Palmen pro Hektar. Die Forscher konstatierten eine geringe natürliche Regeneration der Palme – einen hohen Anteil “Seneszens“ (Endstadium des Lebenszyklus) – und einen geringen Prozentsatz an Schutz, mit lediglich 5,4% der Licuri-Palmen innerhalb der Konservierungseinheiten. Als die bedeutendsten Bedrohungen der Ara-Futterplätze wurden genannt: die Viehzucht, Brandrodungen, Feuerholzsammeln und Mineralienabbau.

Weitere Studien folgten später, die einen “Behandlungsplan“ für die Licuri-Palme aufstellten, der am Anfang 2009 in wissenschaftlichen Zeitschriften abgedruckt wurde. Ausser einer vollständigeren Diagnose der Palme, umreisst dieser Plan allgemeine Richtlinien zur Erhaltung jener Futterplätze der Aras und zeigt Massnahmen zur Erhaltung beider Spezies auf, wie zum Beispiel die vordringliche Regulierung der Ländereien in Privatbesitz, mit Eintragung der gesetzlichen Reservate und der Handhabung der “Permanenten Schutzgebiete“.

Die “Cemave“ schlägt ausserdem eine Initiative zur Schaffung von “Privatreservaten zur Erhaltung der Natur“ in jener Region vor, besonders in Gebieten mit grosser Licuri-Dichte, mittels einer Verbreitung von gesetzlichen Vergünstigungen für die Besitzer solcher Terrains.

Der erwähnte “Behandlungsplan“ schlägt weiterhin eine umweltgerechte Politik vor, eine Verstärkung der Gesetze, intensivere Mitarbeit der Regierung und der Wissenschaft, Umwelterziehung der Bewohner und eine entsprechende Anerkennung der kommunalen Mitarbeit beim “Plan zur Erhaltung der Licuri“: Man wird bestimmte Kriterien schaffen, nach denen die Mitarbeit der Landwirte gemessen werden kann – um jene, die das Soll erfüllen, mit dem Titel “Wächter der Licuri“ auszuzeichnen. Auf diese Weise werden nicht nur die Aras ihre Beschützer haben, sondern auch die Licuri-Palme kann auf sie zählen.

Pflanzung und Pflege

Die ersten Samen – oder richtiger, die ersten Ableger – für eine experimentelle Licuri-Pflanzung wurden 1999 vom “Centro Nacional de Pesquisa para Conservação das Aves Silvestres (Cemave)“ gesetzt: 800 Ableger von der “Companhia Hidroelétrica do São Francisco (Chesf)” und aus einem Treibhaus der “Fazenda Santana” in Jeremoabo (Bahia). Das Projekt wurde zweimal unterbrochen wegen der hohen Besprengungskosten, aber 367 Palmen haben überlebt und 10% davon haben bereits die reproduktive Phase erreicht. “Wir können nun bestätigen, dass es absolut möglich ist, die Licuri zu pflanzen“, bestätigt der ambientale Analist der Cemave.

Aber warum ist das Besprengen der bepflanzten Flächen so wichtig, wenn doch die wild wachsende Licuri es auch unter den natürlichen Bedingungen, ohne diese extra Vorsichtsmassnahmen schafft? “Der Unterschied liegt“, in der “Beschattung“, einer der bedeutendsten Bedingungen für ein gutes Anfangswachstum dieser Palme. Wenn sich die jungen Pflänzchen im Schatten irgendwelcher Caatinga-Vegetation befinden, dann reicht ihnen die geringe Regenmenge der wenigen Monate in diesen Gebieten“.

Im Jahr 2008 legte die Cemave ein neues Gewächshaus an, diesmal vor den Felswänden der Serra Branca, dem Schlafzimmer der kleinen blauen Aras. Diese Kinderstube hat Platz für 20.000 Ableger pro Jahr – davon sind 50% Licuris, die andern sind schnellwachsende Caatinga-Pflanzen, die den Licuri-Ablegern den nötigen Schatten spenden sollen, um die kostenintensive Besprengung mit Wasser zu sparen.

Um die Keimungsfrequenz der Licuri zu erhöhen, wird die Frucht (mit oder ohne Fruchtfleisch) drei Tage lang in Wasser eingelagert, um dann in kleine Säckchen befördert zu werden. Die Triebe zeigen sich nach 90 Tagen, dann werden die Pflänzchen weitere 180 Tage “beschattet“, um schliesslich an ihrem definitiven Standplatz eingesetzt zu werden.

Die ersten 2.000 Ableger sind zur Restauration der Caatinga-Vegetation und der Galeriewälder der Ufer und der Quellen des Rio Vermelho und des Rio Vaza Barris Nebenflüsse des Rio São Francisco, prädestiniert. Und gleich danach werden andere Ableger anfangen, die Landschaft der ländlichen Fazendas zu verändern – und das Angebot der Licuri-Früchte für alle seine Nutzniesser zu steigern.