Meeresschildkröten – Reptilien unter Naturschutz

Veröffentlicht am 28. Dezember 2013

Gerade geschlüpftDie Meeresschildkröten präsentieren einen komplexen Lebenszyklus, indem sie unterschiedliche Lebensräume im Lauf ihres Lebens benutzen, was mehrere Wechsel der Lebensgewohnheiten zur Folge hat. Obwohl sie Meeresbewohner sind, benutzen sie das terrestrische Ambiente (Strände) zur Eiablage und bereiten einen geeigneten Platz zur Inkubation der Eier und der Geburt der Jungen vor.

Wenn sie geschlüpft sind, wenden sich die winzigen Schildkröten direkt dem offenen Meer zu, dort erreichen sie schwimmend Zonen mit konvergierenden Strömungen, welche grosse Algenansammlungen und im Wasser treibendes organisches Material mit sich führen. In diesen Gebieten, die ein komplettes Ökosystem bilden, finden die jungen Schildkröten Nahrung und Schutz – dort bleiben sie eine Reihe von Jahren und wandern mit der Strömung durch den Ozean.

Einige Arten bleiben ihr ganzes Leben lang im Tiefsee-Ambiente, wie zum Beispiel die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea), andere verbringen ihre jugendliche Phase in Küstenregionen, oder vor Inseln, und ernähren sich dort von im Substrat vorkommenden Kleintieren (Benthonen).

Obwohl Arten wie die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea) ihre Geschlechtsreife bereits zwischen 11 und 16 Jahren erreichen, liegt sie bei den meisten Arten erst zwischen 20 und 30 Jahren. Von diesem Zeitpunkt an leben sie in Gebieten mit einem reichen Nahrungsangebot, die sie erst verlassen, wenn die Reproduktionszeit naht, und sie zu den Stränden zurückkehren, an denen sie aus ihrem Ei geschlüpft sind.

Die Zeit der Eiablage wird hauptsächlich vom Klima reguliert, sie fällt in die wärmsten Perioden des Jahres. An der brasilianischen Küste findet sie zwischen September und April statt – mit Unterschieden je nach Spezies. Auf den ozeanischen Inseln registriert man, zwischen Dezember und Juni, nur die Eiablage der grünen Suppenschildkröte (Chelonia mydas).

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Reproduktion

Sie findet im Meer statt, in tiefem Wasser oder in Küstengewässern – manchmal auch schon in der Nähe der Eiablageplätze. Weibchen und Männchen begegnen sich, und der Flirt nimmt seinen Anfang mit ein paar Bissen in den Hals und die Schulterpartien. Die eigentliche Copula kann Stunden dauern. Die männlichen Tiere, kleiner als die Weibchen, halten sich auf deren Panzer mittels ihrer langen Krallen an Vorder- und Hinterflossen fest. In der Regel kämpfen zahlreiche Männchen um das Privileg der Copula – ein Weibchen kann jedoch mehrmals von verschiedenen Männchen befruchtet werden.

Die Wahl der Strände

Um ihre Eier abzulegen suchen die Weibchen sich in der Regel einsame Strandabschnitte aus und warten bis zum Nachteinbruch, bevor sie an Land kriechen, denn der heisse Sand tagsüber erschwert die Eiablage. Ausserdem schützt die Dunkelheit sie vor verschiedenen Gefahren. Die Schildkröten wählen einen Strandabschnitt, der von der Meeresbrandung nicht erreicht werden kann, um dort Bett und Nest anzulegen.

Das Bett

Mit den vorderen Flossen verschiebt das Weibchen nun grosse Mengen von Sand auf einer Fläche von zirka zwei Metern Durchmesser. Diese Fläche, auf der sich die Schildkröte dann einrichtet, um mit dem Graben des Nestes zu beginnen, wird “Bett“ genannt. Manchmal bereiten sie verschiedene “Betten“ vor, bis sie den besten Platz gefunden haben, um dort ihr Nest zu graben und die Eier hinein zu legen.

Nester und Eiablage

Ist das Bett fertig, beginnen sie mit den rückwärtigen Flossen ein Loch zu graben – zirka einen halben Meter tief – das Nest. Die Tiefe ist, je nach Schildkrötenart, unterschiedlich. Ebenfalls unterschiedlich, je nach Spezies, ist die Anzahl der Eiablagen innerhalb derselben Reproduktionsperiode – sie kann zwischen drei- und dreizehn mal betragen, mit Intervallen, die zwischen neun und einundzwanzig Tagen differieren. Die Eier sind rund, etwa von der Grösse eines Pingpong-Balls, und sie besitzen eine Kalkschale. Jedes Nest enthält im Durchschnitt 120 Eier. Bevor das Weibchen ihr Gelege verlässt, bedeckt sie es sorgfältig mit einer Schicht Sand, um es vor Fressfeinden zu schützen.

Die Brutzeit

Nach der Eiablage kehrt das Weibchen zurück ins Meer. Die Wärme des Sandes sorgt für die Entwicklung der Embryos in den Eiern. Die geschlechtliche Bestimmung der Jungen hängt von der Inkubationstemperatur ab: Hohe Temperaturen (über 30oC) produzieren mehr weibliche Tiere, tiefere Temperaturen (niedriger als 29oC) produzieren eine grössere Anzahl männlicher Tiere.

Die Geburt

Die fertigen Schildkröten zerbrechen die Schalen der Eier und erblicken das Licht ihrer Welt nach einer Inkubationszeit von 45 bis 60 Tagen – abhängig von der Sonnenwärme. In einer synchronen Bewegung geschieht ihr Erscheinen an der Erdoberfläche zur selben Zeit. Dort befreien sie sich vom anhaftenden Sand und beginnen in Gruppen sofort in Richtung Meeresufer zu rennen. Fast immer geschieht das Schlüpfen der Jungen und ihr Rennen ins schützende Wasser während der Nacht, stimuliert durch die Abkühlung der Sandtemperatur. In der Dunkelheit sind die Chancen der kleinen Schildkröten grösser, unbehelligt von Beutejägern, den Schutz des Wassers zu erreichen. Manchmal, an einem bewölkten Regentag, kann ihre Geburt auch am Tag erfolgen, wegen der Abkühlung des Sandes. Um das Meer zu erreichen, orientieren sich die kleinen Wesen an der Helligkeit des Horizonts.

Das Überleben

Um ihre Brut zu schützen, steht dem Muttertier lediglich die Tarnung des Nestes zur Verfügung, nachdem sie die Eier abgelegt hat. Die Jungen sind direkt nach ihrer Geburt bereits auf sich selbst gestellt, obwohl sie noch so klein und zerbrechlich sind – ihr noch weicher Panzer misst gerade mal zwischen 3,5 und 4 Zentimetern. Viele von ihnen werden von Krebsen, Meeresvögeln, Kraken und besonders von Fischen gefressen. Andere sterben an Hunger oder natürlichen Krankheiten. Man schätzt, dass von eintausend Jungtieren nur eins oder zwei das erwachsene Alter erreichen. Aber wenn sie das geschafft haben, haben Schildkröten nur noch wenige Fressfeinde – dazu gehören Haie, Wale und der Mensch.

Vom Aussterben bedroht

Vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen sind solche, die in einer nahen Zukunft wahrscheinlich verschwunden sein werden. Unzählige Spezies sind bereits im Lauf der letzten Millionen Jahre verschwunden – aus natürlichen Gründen, wie Klimaveränderungen und dem Unvermögen, sich an neue Überlebensbedingungen anpassen zu können.

Heute jedoch greift der Mensch entscheidend in den natürlichen Prozess des Artenaussterbens ein, mit Aktionen wie der Zerstörung von Lebensräumen, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der Einführung exotischer Spezies, die aus anderen geografischen und klimatischen Zonen stammen. Diese und andere Eingriffe in die Natur provozieren eine Degradation der Arten in einem Ausmass, wie es bisher noch nie in der Geschichte der Menschheit beobachtet wurde.

Die fünf Arten der in Brasilien anzutreffenden Meeresschildkröten sind, nach Kriterien der brasilianischen und internationalen Liste bedrohter Spezies, immer noch vom Aussterben bedroht. Von diesen fünf legen vier an der Küste ihre Eier ab – und weil sie sich dort mehr exponieren müssen, sind sie auch stärker bedroht. Diese vier Arten sind:

Die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), die Echte Karettschildkröte(Eretmochelys imbricata), die Oliv-Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea) und die Lederschildkröte(Dermochelys coriacea).

Die Grüne Suppenschildkröte (Chelonia mydas) ist weniger exponiert, denn sie legt ihre Eier hauptsächlich auf Meeresinseln ab (Atol das Rocas, Fernando de Noronha und Trindade), wo die humane Ausbeutung unter Kontrolle steht, was zur Stabilisierung ihrer Populationen beiträgt.

Warum erreichen von eintausend neugeborenen Jungtieren nur eins oder zwei die Geschlechtsreife? Weil sie zum Überleben unzählige Hindernisse überwinden müssen, und selbst noch während ihres halberwachsenen Stadiums von Fressfeinden gejagt werden. Jedoch neben den natürlichen Fressfeinden sind die Schildkröten am meisten durch die Aktionen des Menschen bedroht, so zum Beispiel: die globale Erwärmung, die Zerstörung ihres Habitats zur Eiablage durch die willkürliche Besetzung der Küsten, die Verschmutzung der Meere und vor allem, die Beifang-Fischerei entlang der gesamten Küste mit Fangnetzen, und auf offenem Meer mit Schleppangeln und Schleppnetzen.

Beifangopfer in der Fischerei

fauna-projekt-tamar-eingang_4253Die Meeresschildkröten sind durch diverse industrielle wie private Fischereiaktivitäten stark gefährdet. Gefangen durch verschiedene Arten von Netzen und Angelhaken, können sie nicht mehr an die Wasseroberfläche gelangen, um zu atmen – sie sterben durch Ertrinken.

Der Tod als Beifangopfer wird gegenwärtig als grösste Bedrohung für die Populationen der Meeresschildkröten eingeschätzt. In Brasilien, wie in der restlichen Welt, gehören die Schleppnetze für Shrimps und die Schleppangeln auf hoher See zu den grössten Gefahren für Meeresschildkröten.

Aus diesem Grund hat TAMAR ein spezifisches Programm zur Umwelterziehung und Orientierung der Fischer entwickelt, das ausserdem auf neue Ressourcen und Verhaltensweisen bei der Fischerei hinweist, die besagte Fischreieffekte auf die Populationen der Schildkröten minimieren und den irrtümlichen Beifang-Index reduzieren können.

Künstliche Beleuchtung

Die Auswirkungen künstlicher Beleuchtung an den Stränden – Ergebnis der urbanen Ausbreitung an den Küsten, schadet den Muttertieren wie den Jungen. Die weiblichen Schildkröten legen an solchen Stellen keine Eier ab, sondern meiden künstlich beleuchtete Strände. Die frisch geschlüpften Jungen verlieren durch Kunstlicht die Orientierung: Anstatt zum Meer zu rennen, vom hellen Streifen des Horizonts geleitet, marschieren sie in Richtung Kontinent, angelockt von der künstlichen Beleuchtung – und werden von Autos überfahren, von Fressfeinden wie Hunden und Füchsen verschlungen, oder sie sterben an Austrocknung.

Der Organisation TAMAR ist es gelungen, Gesetze durchzusetzen, welche die Installation neuer Beleuchtungseinrichtungen In Strandabschnitten untersagt, die von Schildkröten zur Eiablage genutzt werden, und sie führt permanente Kampagnen durch, um die bisher übliche konventionelle Strandbeleuchtung durch eine andere zu ersetzen, deren Licht sich nicht auf den gesamten Strandbereich erstreckt.

Wasserverschmutzung

Die Verschmutzung der Meere durch organische und nicht-organische Elemente, wie Petroleum, Abfälle und Abwässer, beeinträchtigt die Ernährung, die Fortbewegung und den gesamten Lebenszyklus der Meeresschildkröten. Sie ist eine der schlimmsten Bedrohungen, denn sie degradiert das marine Umfeld als Ganzes.

Fibropapilomatose

Die “Fibropapilomatose” ist eine Krankheit, die man an ihren zahlreichen Tumoren auf der Haut der Tiere erkennen kann, und diese Tumore können auch innere Organe befallen. Es ist eine Krankheit die bei allen Meeresschildkröten vorkommt, jedoch in erster Linie die Grüne Suppenschildkröten (Chelonia mydas) befällt. Obwohl es so genannte “gutartige“ Tumore sind, können sie die Fortbewegung und Ernährung der Tiere beeinträchtigen, Debilität verursachen und folglich den Tod.

Obwohl die eigentliche Ursache dieser Krankheit noch nicht ganz erklärt werden kann, hat man die Präsenz der Tumore einem Virus zugeschrieben (Herpes-Virus). Er tritt häufiger an Stellen mit hohem Verschmutzungsgrad auf – Fälle in geschützten und gut erhaltenen Gebieten sind selten. Daraus kann man folgern, selbst wenn die menschliche Intervention in diesem Fall nicht der Auslöser sein sollte, dass sie doch effektiv zur Intensivierung und Verbreitung der Krankheit beiträgt.

Quelle: Projekt Tamar