Manatis – die hilflosen Riesen

Veröffentlicht am 16. November 2013

Die brasilianischen Manatis (Rundschwanzseekühe) sind fast ausgerottet, und heute brauchen die hilflosen Riesen sogar menschliche Geburtshilfe.

22. April 1500 – an Bord einer Karavelle der Flotte von Pedro Álvares Cabral schildert ein anonymer Steuermann die Begegnung mit dem ersten Tier der “Neuen Welt“, das er während eines Erkundungsgangs mit Eingeborenen am Strand entlang gesichtet hatte – folgendes hat er registriert: “…diese Wilden haben Netze, sie sind grosse Fischer, und sie fangen viele Arten von Fischen, darunter haben wir auch ein Exemplar gesehen, das so gross wie ein Fass war – etwas länglicher und rund – hatte einen Kopf wie ein Schwein, mit kleinen Augen, hatte keine Zähne aber lange Ohren, so lang wie ein Arm und so breit wie zwei Arme. Unten am Körper hatte er zwei Löcher, und der Schwanz war so lang wie ein Arm und auch so breit. Und er hatte keinen einzigen Fuss an keiner Stelle. Er war behaart wie ein Schwein, und die Haut war dick wie ein Finger, und sein Fleisch weiss und fett wie beim Schwein“ (Steuermann unbekannt, 1500, einziges Besatzungsmitglied der Flotte, der schriftliche Berichte hinterlassen hat – in diesem Fall bezog er sich auf den “Peixe-boi marinho“ – den Karibik- oder Nagel-Manati).

Jahre später beschrieb Padre José de Anchieta ebenfalls dieselbe Spezies: “…und dieser Fisch von immenser Grösse ernährt sich von Kräutern, wie das Grünzeug in seinem Magen beweist, von Seegras und Algen, die an den Felsen wachsen, welche vom Wasser umspült werden. In seiner Korpulenz übertrifft er einen Ochsen, er ist von einer zähen Haut bedeckt, die jener des Elefanten gleicht – an der Brust hat er zwei Flossen wie zwei Arme, mit denen er schwimmt, und gleich darunter Zitzen, mit denen er die eigenen Kinder säugt – sein Maul ist dem eines Ochsen sehr ähnlich…“

manatiZu diesen historischen Schilderungen, die von wissenschaftlichen Laien stammen, ist vor allem eine wichtige Beobachtung zu korrigieren: Das Tier, das sie beschreiben, ist kein Fisch, sondern ein Säugetier – ein Meeressäuger der durch die Lunge atmet. Bei dem Karibik- oder Nagel-Manati (Tricheus manatus) handelt es sich um eine Spezies aus der Familie der Rundschwanz-Seekühe (Trichechidae), dessen Lebensraum sich zwischen dem Golf von Mexiko und der Karibik und der Atlantikküste von Venezuela und Brasilien erstreckt. Dabei bevorzugt er die flacheren Küstengewässer und Flussmündungen. Seine Nahrung besteht aus Seegras im Meer und anderen Wasserpflanzen im Süsswasser der Flussmündungen – davon vertilgt ein Manati pro Tag ein Viertel seines Eigengewichts.

Die Tiere sind in der Regel Einzelgänger – selten tun sie sich auf Wanderungen in einer kleineren Gruppe ohne soziale Hierarchie zusammen. Eine engere Bindung besteht allerdings zwischen der “Kuh“ und ihrem “Kalb“ – nach einer Tragzeit von zwölf Monaten bringt sie nur ein einziges Jungtier zur Welt, welches bis zu zwei Jahren gesäugt wird und sich auch danach, bis zur Geschlechtsreife mit vier Jahren (bei weiblichen Tieren) und fünf Jahren (bei männlichen Tieren) in der Nähe seiner Mutter aufhält. Die Tiere können bis zu fünfzig Jahre alt werden.

Der Karibik-Manati wurde schon im 16. Jahrhundert gejagt, sein Fleisch und Öl, das man aus seiner dicken Fettschicht gewann, wurden zu wertvollen Handelsprodukten. Diese exzessive Jagd führte bereits zweihundert Jahre später zu seinem Verschwinden in den Kleinen Antillen. Heute steht er zwar überall unter strengem Naturschutz, seine Populationen gehen aber weiter zurück – seit 1982 steht er auf der Roten Liste der IUCN als “stark gefährdet“. Und daran ist allein der Mensch schuld, denn der Manati hat keine natürlichen Feinde.

Ein relativ gesunder Bestand ist noch im Küstengebiet von Guyana anzutreffen – Berichte beziffern ihn auf “mehrere tausend Tiere“ – auch in Surinam und Französisch-Guyana gibt es grössere Populationen. In den USA sollen an der Küste von Florida um die 3.000 Manatis leben – man hat sie als “Florida-Manatis“ (Tricheus manatus latirostris) eine eigenständige Unterart, klassifiziert, die durch rigorose Schutzmassnahmen wieder wächst. An Mittel- und Südamerikas Küste sind sie jedoch extrem selten geworden, und in Brasilien gelten die Tiere in freier Wildbahn, bis auf wenige Restpopulationen, praktisch als ausgerottet.

Der “Peixe-boi marinho“, wie er in Brasilien genannt wird, gehört zur Gattung Sirenia – eine Bezeichnung, die man von seiner Körperform abgeleitet hat, die der einer Wassernixe ähneln soll (nach Meinung von Seeleuten, die lange Zeit ohne Frauen auf einem Schiff verbracht haben). Die weiblichen Manatis werden tatsächlich “Peixe-mulher“ (Fischfrauen) genannt. Ein ausgewachsener Manati erreicht ein durchschnittliches Gewicht von 500 kg und eine Länge bis zu 3 Metern – obwohl auch Giganten von bis zu 1.500 kg und einer Länge von 4,3 Metern vorkommen.

Das Tier ist tatsächlich ein weitläufiger Verwandter des Elefanten: Die Nägel der Flossen (von jenem unbekannten Steuermann mit “Ohren“ verwechselt) und die Färbung der Haut sind die ähnlichsten Merkmale. Diese Spezies ist ungefähr 75 Millionen Jahre alt. Jedoch in wenig mehr als 500 Jahren des Kontakts mit dem Menschen befindet er sich bereits in einem kritischen Stadium der Ausrottung. An der Küste Bahias und Espirito Santos, wo der Steuermann und später der Padre diese Tiere beschrieben haben, existiert heute kein einziges Exemplar mehr von ihnen. In Sergipe und Pernambuco ist das Tier ebenfalls verschwunden, und in den anderen neun Bundesstaaten Brasiliens, wo sie zu Tausenden lebten, sind nur wenige übrig. Die Schätzung der Wissenschaftler beläuft sich auf einen Gesamtbestand dieser Tiere von höchstens 500 Exemplaren im nördlichen Bereich der brasilianischen Küste – eine Statistik, die jeden Naturfreund entmutigen wird, der sich vorgenommen hat, mal eines dieser letzten Exemplare zu entdecken.

Einer Gruppe von Biologen ist es gelungen – einen Manati – oder vielmehr eine dieser seltenen “Fischfrauen“ – beobachten zu können: Ihre Betreuer nennen sie “Lua“ (Mond – der ist im Portugiesischen weiblich) – sie wurde in Gefangenschaft von einem wissenschaftlichen Team aufgepäppelt und in ihr natürliches Habitat vor zehn Jahren wieder entlassen. Seither wird sie täglich mittels eines Radio-Transmitters kontrolliert, der an ihrem Schwanz befestigt ist. “Lua“ hat sogar ihren persönlichen Schutzengel, so ein Mitarbeiter des “Projekts Peixe Boi“ des “Zentrums Aquatischer Säugetiere“ des “Instituto Brasileiro de Meio Ambiente e Recursos Naturais Renováveis“ (CMA-Ibama). Er hat stets ein aufmerksames Auge aufs Wasser. Wenn er mal den Sichtkontakt zu “Lua“ verliert – die normalerweise in Abständen von zehn Minuten auftaucht um schnaubend Luft zu holen – streckt er seinen Arm mit einer Antenne aus, bis er einen leichten Summton hört, der ihn beruhigt – und so begleitet er per Funksignal das ruhige Leben seiner “Lua“ im Meer.

Geführt von der Antenne fuhr das Team den Rio Manguaba hinauf, im Bundesstaat Alagoas. Nach einer Stunde Navigierens im Labyrinth der Mangroven fingen sie endlich “Luas“ Funksignal auf. Die geübten Augen ihres “Schutzengels“ entdeckten dann schnell den feuerroten Transmitter an ihrem Schwanz. Sie näherten sich mit dem Boot, aber das dunkle Wasser zwischen den Mangroven erlaubte uns keine gute Sicht auf das Tier. Gilvan – so der Name des “Schutzengels“ – vertrieb die Enttäuschung mit der Versicherung: “Kein Problem – morgen wird Lua sich vor dem Strand aufhalten. Die Flut geht in dieser Nacht zurück und sie schwimmt mit der Strömung – früh am Morgen wird sie dort sein“. Und er behielt Recht. Um sieben Uhr früh kreuzte “Lua“ vor dem Strand. Das Team stürzte sich ins Boot, zusammen mit den Biologinnen des CMA. Minuten später sprangen sie ins Wasser – das Zusammentreffen mit “Lua“ war beeindruckend. Schwer zu verstehen, dass ein so grosses, starkes Tier durch den Menschen ausstirbt. Mit ihren Flossen scheint uns “Lua“ umarmen zu wollen – sie will spielen.

Obwohl seit zehn Jahren bereits in ihr natürliches Habitat zurückgekehrt, ist “Lua“ weiterhin mit den Menschen vertraut, und das ist eine Bedrohung für sie, denn ihre Annäherungsversuche können tödlich enden, wenn sie sich einem Fischer nähern sollte. Deshalb hat man den Prozess der Aufpäppelung von am Strand gefundenen Jungtieren inzwischen geändert. “Wir haben durch Lua gelernt, den Kontakt des Personals mit jenen Tieren, die für eine Wiedereingliederung in die freie Wildbahn vorgesehen sind, auf ein notwendiges Minimum zu beschränken“, erklärt eine Biologin. Sie müssen sich ihr wildes verhalten bewahren, die Präsenz des Menschen fürchten“, sagt sie. “Lua“ hat es geschafft, obwohl sie andauernd per Funk kontrolliert und beobachtet wird, ihre Schutzengel mit einer Schwangerschaft zu überraschen – bestätigt von den Biologen während einer schnellen Untersuchung vor laufender Filmkamera. Natürlich ein guter Grund zum Feiern für sämtliche Forscher und Mitarbeiter des “Zentrums der Aquatischen Säugetiere“ – eine lang erwartete Nachricht für alle, die sich gegen das Aussterben der Spezies engagiert haben.

Im Lauf von zehn Jahren hat das “Zentrum“ den Tod von zwanzig Jungtieren verhindert, die meisten fand man an den Stränden des Nordostens, wo sie von der Brandung angespült worden waren. Die durch Menschenhand veränderten Flussmündungen – mit der Konstruktion von Yachthäfen, Muschel- und Shrimps-Farmen oder der Expansion von Städten – behindern die Muttertiere im Moment des Gebärens. Es gelingt ihnen nicht, rechtzeitig ruhiges Wasser zu erreichen, und so gebären sie ihre Jungen inmitten der Wellen, die sie mit sich reissen und auf den Sandstrand schleudern. Wenn sie lebend geborgen werden können, schickt man sie nach “Itamaracá“ im Bundesstaat Pernambuco, dort befindet sich der Sitz des CMA. Dort bleiben sie, bis sie kräftig genug sind, um wieder freigelassen zu werden. Neun von den zwanzig Jungtieren sind bereits wieder in Freiheit.

Die Aufzucht jedes einzelnen dieser Jungtiere und die Vorbereitung für ihre Wiedereingliederung in ihr natürliches Habitat kostet viel Zeit und Geld – und verlangt einen intensiven Arbeitseinsatz. Die Kleinsten werden mit der Flasche grossgezogen. Sie trinken dreiundeinhalb Liter pro Tag, von einer Milch, die mit speziellen Ingredienzien präpariert wird. Die Grösseren bekommen frische Meeresvegetation – das liegt in dieser Station bei 140 kg einer bestimmten Grassorte und weiteren 160 kg Algen, jeden Tag, nur für die Jungtiere. Für Daniel dem Pfleger der Jungtiere, war “Luas“ Schwangerschaft die Belohnung für seine ganze Arbeit: “Ich freue mich, dass ich erleben darf, dass meine Arbeit zur Erhaltung des Lebens beigetragen hat“, sagt er.

Drei Monate nach der ersten Begegnung mit “Lua“ bekam die Küste von Alagoas einen neuen Bewohner. Die Mutter hielt sich fortan stets in flachem Wasser auf, in rührender Fürsorge mit ihrem Baby – es war das erste Junge eines aufgepäppelten und wieder in Freiheit ausgesetzten “Peixe-boi“. Nach der Lebhaftigkeit zu urteilen, mit der das kleine Wesen mit seiner Mutter spielte, würde es sich offensichtlich gut entwickeln – in einem ganzen Ozean zur freien Verfügung.

Wenige Tage später fand man das Baby tot an einem Strand. Es war von der Ebbe überrascht worden und auf dem Sand zappelnd liegengeblieben – als man es entdeckte, kam jede Hilfe zu spät. Normalerweise, nach der Geburt, halten sich die Mütter mit ihren Jungen in ruhigem, tieferem Wasser der Flussmündungen auf, bis sie fähig sind, sich im Meer zu behaupten. Dass “Lua“ sich auch mit ihrem Baby stets so nah am Strand herumtrieb, mag ebenfalls auf ihre enge Verbindung mit den Menschen zurückzuführen sein.

Solche Einzelheiten zeigen, wie hilflos diese Tiere sind – obwohl, oder gerade weil, sie so gross sind. Jede Geburt und jeder Tod wiegt schwer innerhalb einer Zahl von nur 500 Tieren einer Spezies, die 4 bis 5 Jahre braucht bis zur geschlechtlichen Reife, und deren Tragzeit 12 Monate dauert, um nur ein einziges Junges zu gebären, das wiederum mindestens zwei Jahre von der Mutter abhängig ist. Eine weitere Schwäche ist ihre Notwendigkeit aufzutauchen, um an der Wasseroberfläche Luft zu holen – dadurch werden sie zu einem leichten Ziel für Harpunen. Und zu ihrer Verteidigung besitzen sie gar nichts – keine Krallen oder spitzen Zähne. Ihr mächtiger Schwanz dient ihnen nur zur Flucht, aber nicht als Waffe oder Schild gegen Beutejäger.

Es ist also kein Zufall, dass der “Peixe-boi“ das erste brasilianische Tier war, welches die Portugiesen gesehen und höchst wahrscheinlich auch verspeist haben. Die Leichtigkeit, es zu fangen, sein üppiges Fleisch, wertvolles Öl und vielseitig verwendbares Fell machten aus diesem Tier eine der bevorzugten Jagdbeuten der Kolonisatoren.

Peixe boi - Trichechus inunguis
Rio Tatuamunha
Peixe-boi-marinho no rio Tatuamunha
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
Cajueiro da Praia - Piauí
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Und dies ist erst die Hälfte der Geschichte, denn neben der marinen Spezies (Tricheus manatus) gibt es in Brasilien eine Fluss- oder Süsswasser-Spezies (Tricheus inunguis), im Amazonasbecken – die auch als Amazonas-Manati bezeichnet wird. Beiden gemeinsam ist ihre Hilflosigkeit gegenüber den humanen Beutejägern. Die ehemalige Jagd zur Selbsterhaltung von Indios und ersten europäischen Einwanderern, nahm im 17. und 18. Jahrhundert ein Ausmass intensiver Ausbeutung an. Im Jahr 1658 registrierte der Padre Antônio Vieira eine Bewegung von zwanzig Schiffen pro Jahr, die den Bundesstaat Amapá in Richtung Holland verliessen, beladen mit Fleisch und Fett der Manatis. Zwischen 1776 und 1778 registrierte die “Real Pesca Portuguesa“ (Königlich-Portugiesische Fischerei) eine Produktion von 58 Tonnen Fleisch und weitere 1613 Fässer Öl als Ergebnis eines Fangs von 1.500 Manatis.

Im 20. Jahrhundert erfährt diese Tiergattung einen weiteren Schlag. Ihre extrem resistente Haut erwies sich in der Industrierevolution als idealer Rohstoff für die Treibriemen der ersten Maschinen. In nur zwanzig Jahren entzog diese neue Nachfrage zirka 200.000 Amazonas-Manatis ihrem tropischen Habitat, um die Maschinen in Europa und Brasilien am Laufen zu halten. Das Tier, welches den Kolonisatoren geholfen hatte zu überleben, erreichte bei ihnen allerdings keinerlei Rücksichtnahme auf seine Existenz.

Der Glaube an ein Amazonien mit unversiegbaren Rohstoffen, entstanden durch die scheinbare Unendlichkeit des Regenwaldes, beherrschte die Euphorie der Invasoren – trotz jener Warnungen, die von den ersten brasilianischen Naturalisten publiziert und verbreitet wurden. Schon 1789 machte der Brasilianer Alexandre Rodrigues Ferreira, Doktor der Philosophie an der Universität von Coimbra, auf die Gefahr dieser Abschlachtung aufmerksam. Ferreira koordinierte eine Expedition zur Sammlung von Amazonas-Spezies zwischen 1783 und 1791, die als Basis für die Beschreibung einer grossen Zahl von Tieren diente. Einige wenige – darunter auch der “Peixe-boi“ – verdienten detaillierte Feststellungen, welche die ausbeuterischen Methoden denunzierten.

Gegenwärtig gibt es keine einzige Statistik, die demonstriert, wie viele Manatis tatsächlich in Amazonien noch übrig sind. Während es in früheren Zeiten normal war, sie beobachten zu können – wie unzählige Berichte und auch ältere Fotos und Filme beweisen, auf denen diese Tiere tot und aufgereiht in den Häfen von Manaus und Belém zu sehen waren – wird man heute als “Person mit Glück“ bezeichnet, wenn man einen gesehen hat. “In meinen fünf Jahren Forschung habe ich bisher nur einmal ein solches Tier in freier Wildbahn gesehen“, sagt die Biologin. Die Überlebenden haben gelernt, vor den Bootsmotoren zu fliehen, jedoch werden sie von plötzlichen Entleerungen der Gewässer überrascht oder von Fallen, die an den Abflüssen von Seen und Lagunen aufgestellt werden. Sie sterben immer noch durch Menschenhand – durch die Spitze einer Harpune oder durch Ersticken, nachdem man ihnen Holzpflöcke in die Nasenlöcher getrieben hat.

Der Rückgang der Manati-Population, sowohl im Meer als auch in Amazonien, hat “kollaterale“ Konsequenzen für verschiedene Fischarten – die allerdings noch nicht offiziell untersucht worden sind. Ein ausgewachsener Manati frisst zirka 50 Kilogramm Gras pro Tag und gibt mindestens 25 Kilogramm davon als organische Materie ans Wasser zurück. Das ist eine beachtliche Menge an Nährstoffen für jene Mikro-Organismen, von denen sich wiederum die Larven der Fische ernähren, und die erhalten eine ganze Kette aquatischen Lebens. Ausserdem ist der Amazonas-Manati verantwortlich für Offenhaltung der Lagunenabflüsse und begünstigt so das Eindringen der Fischlarven in Lagunen und Seen. Obwohl die Eiablage jener so genannten reophylischen Fische im Fluss stattfindet, erreichen nur solche Larven ihr ausgewachsenes Stadium, denen das Eindringen in Lagunen und Seen gelingt.

Die einzige Waffe der Wissenschaftler um den “Amazonas-Manati“ zu schützen, ist die Umwelterziehung. Im Anavilhanas-Archipel, im Rio Negro, (Munizip Novo Airão, Amazonas) entwickeln Forscher des “Instituto de Pesquisas Ecológicas (Ipê)” seit dem Jahr 2000 ein Programm zur ambientalen Erziehung, welches sich auf den Amazonas-Manati konzentriert. Am Rio Arapiuns, einem Nebenfluss des Rio Tapajós, im Gebiet von “Santarém“, im Bundesstaat Pará, halten Forscher des “Centro de Mamíferos Aquáticos“ Vorträge zur Bewusstwerdung der Flussbevölkerung. Viele tauschen ihre für die Jagd benutzten Harpunen inzwischen gegen T-Shirts mit aufgedruckten Botschaften zum Schutz der Manatis ein. Andere übergeben spontan jene Holzpflöcke, die sie zum Ersticken der grossen Säugertiere benutzt haben.

Noch sind dies allerdings Ausnahmen. Die Mehrheit jener Flussbewohner (sie siedeln an den Ufern der Regenwaldflüsse – man nennt sie “Ribeirinhos“) hat eine ganze Sammlung von Jagdgeschichten vorzuweisen. José vom Rio Arapiuns, zum Beispiel, der heute blind ist, zeichnet die Silhouette eines Manati in den Sand und erklärt dann: “Er ist ein Fisch, weil er im Wasser lebt, und ein Ochse, weil er Gras frisst. Man harpuniert ihn, und wenn er müde geworden ist, nimmt man die beiden Holzpflöcke und steckt sie ihm in die Nasenlöcher – dann stirbt er… oder wenn er auftaucht und die Nase aus dem Wasser streckt, erwischt man ihn mit der Harpune an der Nase – dann verstopft das Blut seine Nasenlöcher und er stirbt ebenso“. José Lopes, ebenfalls Flussbewohner, beschreibt eine andere Methode: “… nachdem man ihn harpuniert hat, er müde geworden ist und sich kaum noch rührt, schiebt man ihm zwei Finger in die Nasenlöcher – dann schluckt er Wasser durchs Maul und stirbt“. Raimundo, den man als Champion unter diesen Jägern verehrt, wird nachgesagt, dass er allein 208 “Peixe-boi“ getötet hat – das streitet er ab und behauptet, dass es nur 60 waren. Diese Geschichten werden als “aus vergangener Zeit“ zum Besten gegeben, jedoch beweist die Präsenz eines Manati-Gerippes am Rio Arapiuns, dass das Abschlachten der seltenen Tiere noch nicht aufgehört hat. Man spricht lediglich nicht darüber.

Einen Monat nach jener frustrierenden Niederkunft von “Lua”, dort an der Küste von Alagoas, bringt eine “Fischfrau“ des Amazonas-Manati in einem Becken des “Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia“ (Inpa) ein Junges zur Welt. Es ist gesund und das vierte Baby dieser Spezies, das in Gefangenschaft geboren wird. Seine Färbung ist ein bisschen ungewöhnlich, Mutter Natur hat ihm eine Reihe von weissen Flecken beschert. Im Gegensatz zu seinem Meeresverwandten befindet sich das Jungtier in vollkommener Sicherheit im Becken, jedoch ohne Chance einer Auswilderung, solange die Flüsse Amazoniens für Manatis noch nicht sicher geworden sind.

Die langsame Arbeit der Bewusstmachung durch ambientale Erziehung, das ist die Chance für beide Manati-Arten, schliesslich ein Recht auf Leben zu bekommen. Zu verhindern, dass die zwei Spezies aussterben, ist ein mögliches Ziel, obwohl die Populationen niemals mehr ein Niveau wie vor fünf Jahrhunderten erreichen werden.

Der hohe Preis eines Schiffsunglücks

manatiManchmal erscheint uns die Klassifizierung “vom Aussterben bedroht” als ein bisschen übertrieben, oder sie klingt wie eine leere Behauptung – im Fall der Manatis ist sie allerdings kein bisschen übertrieben. Die Geschichte beweist, dass die Möglichkeit tatsächlich besteht und die Ausrottung schneller kommen kann, als wir uns vorstellen können. Eine der fünf bekannten Sirenia-Spezies, die Seekuh (Hydrodamalis gigas) starb vor 200 Jahren aus, gleich nachdem sie vom deutschen Naturalisten Georg Wilhelm Steller entdeckt und beschrieben worden war.

Steller hatte Gelegenheit, das Tier in seinem Habitat zu beobachten, während er neun Monate auf der Bering-Insel in Alaska festsass – zwischen November 1741 und August 1742 – nachdem das Schiff von Vitus Bering, an jener Insel vor Kamtschatka gestrandet war, die nach ihm benannt wurde. Stellers Beschreibungen lösten eine wahre Flut von Beutemachern aus, gierig nach dieser neuen Fleischquelle, dem Fett und dem Fell – und sie endete mit der Ausrottung der Spezies.

Die Seekuh war die Grösste unter den fünf Spezies der Gattung Sirenia, mit einer Länge von 7,5 Metern und einem Gewicht bis zu 11 Tonnen. Sie hatte schwere Knochen und einen disproportionalen, kleinen Kopf in Relation auf den massigen Körper. Sie bewegte sich langsam, in flachem Wasser, und taucht im Abstand von fünf Minuten auf zum Atemholen. Sie trat in Herden auf und benutzte eine ähnliche Strategie wie die Rinder, Antilopen, Büffel und andere Herdentiere, um ihre Jungen zu beschützen – in der Mitte der Gruppe. Manchmal versuchten die erwachsenen Tiere, Jungen oder Begleitern zu Hilfe zu kommen, wenn sie angegriffen wurden. Aber sie besassen weder Hörner noch Hufe, um sich damit zur Wehr zu setzen.

Obwohl von so gigantischen Körperformen, waren sie von zutraulichem Charakter und pflegten nicht gegen Beutejäger vorzugehen. Und obwohl sie ein ausgeprägtes Gehör besassen, scheint es, als ob sie beim Abweiden ihrer Nahrung so abgelenkt waren, dass sie die Annäherung eines Feindes von aussen nicht beachteten. Diese Kombination ihres Verhaltens zusammen mit ihrer extremen Zutraulichkeit wurde ihnen zum Verhängnis. Die Männer jagten sie mit Harpunen, manchmal sprangen sie aus ihren Booten mitten unter eine Herde, um ein Tier nach dem andern abzustechen. Die, welche fliehen konnten, erlagen später ihren Verwundungen an anderen Stränden.

Im Jahr 1768 registrierte der Forscher Martin Sauer auf den Spuren von Georg Wilhelm Steller den Tod der letzten Seekuh – nur 27 Jahre später nachdem das “Raubtier Mensch“ von der Existenz dieser Spezies erfahren hatte!