Faultiere – Preguiças

Veröffentlicht am 14. Juli 2012

Die aus Zweifingerfaultieren (Megalonychidae) und Dreifingerfaultieren (Bradypodidae) bestehenden sechs Faultierarten (Folivora) bilden eine Unterordnung der so genannten zahnarmen Säugetiere (Pilosa) – verwandt sind sie mit den Gürteltieren und Ameisenbären. Zu Beginn ihrer Entwicklung gab es noch eine ganze Reihe von Riesenfaultierarten, die aber inzwischen längst ausgestorben sind.

Klassifizierung

Man unterteilt die Faultiere in zwei Familien, in Übereinstimmung mit der Zahl ihrer Finger, die sie an den Vorderbeinen (Händen) besitzen. Die Tiere der Familie Bradypodidae besitzen drei Finger und gehören zur Gattung Bradypus, mit vier Arten. Die andere Familie, Megalonychidae, besteht aus zwei Arten der Gattung Choloepus und umfasst die Faultiere mit zwei Fingern. Die Tiere aus der Familie Bradypodidae sind wesentlich zutraulicher und erscheinen fast “zahm“, als die aus der Familie Megalonychidae.

Aus der Familie Bradypodidae:

  • Bradypus tridactylus – verbreitet von Zentralamerika bis zum Norden von Argentinien (inklusive Venezuela, Rio Orinoco, Guyanas und Nordbrasilien). Gewicht zwischen 2,5 und 5,5 kg – Grösse bis 75 cm.
  • Bradypus torquatus – diese Art ist endemisch in den Restbeständen des Atlantischen Regenwaldes von Bahia, Espirito Santo und Rio de Janeiro. Gewicht zwischen 3,6 und 4,2 kg – Grösse zwischen 45 und 50 cm. Gilt als gefährdet auf der Liste der IUCN.
  • Bradypus variegatus – diese Art ist von Honduras bis in den Norden Argentiniens verbreitet, inklusive ganz Brasilien. Weibliche Tiere wiegen im Durchschnitt 4,2 kg.
  • Bradypus pygmaeus – erst im Jahr 2001 wurde diese Zwergenform entdeckt und beschrieben. Sie ist endemisch auf der Insel “Escudo de Veraguas“ im Archipel “Bocas del Toro“ in Panama, und ist die einzige Art, die im brasilianischen Territorium nicht vorkommt. Dies ist der kleinste Vertreter der Faultiere, mit einer Grösse zwischen 48,5 und 53 cm und einem Gewicht zwischen 2,5 und 3,5 kg. Es wird von der “International Union for Conservation of Nature (IUCN)“ als kritisch bedroht eingestuft, besonders deshalb, weil sein Verbreitungsgebiet auf eine Insel begrenzt ist.

Aus der Familie der Megalonychidae:

  • Choloepus didactylus – verbreitet von Zentralamerika bis zum Norden Südamerikas, inklusive Regenwälder Brasiliens und Perus.
  • Choloepus hoffmanni – lebt in den Wäldern Zentralamerikas und dem südlichen Nicaragua bis nach Peru und den zentralen Regionen Brasiliens. Gewicht bis 5,7 kg und Grösse zwischen 54 und 70 cm.

Weitere Details in Kurzfassung :
Ordnung: Xenarthra (ehemals Edentata)
Familien: Bradypodidae (drei Finger) und Megalonychidae (zwei Finger)
Lebensraum (Habitat): Tropische Regenwälder
Verbreitung: Zentral- und Südamerika
Lebenserwartung: 20 Jahre in der freien Natur und zwischen 30 und 40 Jahren in Gefangenschaft.
Tragzeit: 11 Monate
Zahl der Jungtiere: 1
Umsorgung des Jungen durch die Mutter: 9 Monate.

Volkstümliche Namen der sechs Arten (in deutscher und portugiesischer Sprache)
  • Bradypus tridactylus – Weisskehl-Faultier oder Ai / Preguiça-de-bentinho
  • Bradypus torquatus – Kragenfaultier / Preguiça-de-coleira
  • Bradypus variegatus – Braunkehlfaultier / Preguiça-comum
  • Bradypus pygmaeus – Zwergfaultier / Preguiça-anã
  • Choloepus didactylus – Zweifingerfaultier / Preguiça-de-dois-dedos
  • Choloepus hoffmanni – Hoffmann-Zweifingerfaultier / Preguiça-real

three toed sloth, nicaraguaFaultiere verschlafen den grössten Teil des Tages. Und wenn sie wach sind, was meistens erst in der Nacht geschieht, bewegen sie sich ganz langsam – daher ihr bezeichnender Name (der allerdings auf einem Vorurteil beruht). Sie leben auf Bäumen, und von denen kommen sie nur herunter, wenn es unbedingt notwendig ist. Bisher kennt man sechs Spezies, von denen fünf auch in Brasilien verbreitet sind. Es sind schlotterige, langsame Tiere, die sich von Blättern, Knospen und Blüten ernähren. Sie kommen vom Baum, auf dem sie leben, nur einmal pro Woche herunter, um ihren Darm zu entleeren.

Die Tiere bewegen sich in der Regel eher bei Nacht, wenn die Temperaturen angenehmer sind und sie weniger Beutemacher zu fürchten haben. Wie hat eine solche Tierart bis in unsere heutige Zeit überlebt? Nun, das möchten wir Ihnen jetzt ein bisschen ausführlicher erklären.

Beginnen wir mit der Evolution

Die Faultiere erschienen auf der Erde vor zirka 35 Millionen Jahren (gegen Ende des Eozäns) und gehören zu einer relativ jungen Säugetierordnung, den Xenarthra. Obwohl es heute nur nach sechs Arten von Faultieren gibt, die sich auf zwei Gattungen (Bradypus und Choloepus) verteilen, hat man bereits mehr als 100 ausgestorbene Arten in 35 Gattungen klassifiziert. Die Fossilien (Skelette) dieser Tiere wurden in Teilen der Antarktis, Süd-, Zentral- und Nordamerikas gefunden. Einige dieser ausgestorbenen Faultiere waren wesentlich grösser als die gegenwärtigen, sie gehörten zur Megafauna – die setzte sich aus Tieren zusammen, die zu den Giganten gehörten, welche zum Beispiel im Süden Brasiliens verbreitet waren.

Das grösste aller Faultiere, von dem man je gehört hat, war ein Vertreter der Gattung Megatherium und lebte während des Pleistozäns (man nimmt an, dass es vor zirka 10 bis 12 Millionen Jahren ausgestorben ist). Mit einer Körpermasse von fünf Tonnen Gewicht (zirka 70 Männer oder ein ganzer Bus voller Leute) und bis zu vier Metern Höhe (wenn es sich auf seinen Hinterfüssen aufrichtete) lebten diese Faultiere garantiert nicht auf Bäumen, aber sie hatten wahrscheinlich dieselben Fressgewohnheiten ihrer heutigen Nachfahren.

Darwin hat während seiner Reise auf der “Beagle“ nach Südamerika (1832) Fossilien gesammelt und nach Europa mitgenommen – zum Beispiel aus Baía Blanca, in Argentinien. Diese Fossilien wurden von dem Anatomisten Richard Owen studiert und werden als bedeutender Beitrag zur Entwicklung der Evolutionstheorie gewertet.

Vierzehn Stunden Schlaf

Die Faultiere haben ihren charakteristischen Namen, weil sie ausser einem Schlafzyklus von zirka 14 Stunden Dauer, sich auch noch äusserst langsam bewegen – so als täten sie alles in Zeitlupe. Sie brauchen zum Beispiel eine Minute, um zwei bis vier Meter weiterzukommen. Es sind Säugetiere, deren Lebensweise sich exklusiv auf Bäumen abspielt (arboricola). Sie bevorzugen hohe Bäume, mit dichter, voluminöser Krone, voller Lianen, um sich daran zu hängen und sich zu verstecken. Ihre langsamen Bewegungen und dunkle Fellfärbung dienen ihrer Tarnung. Sie besitzen extrem lange und sehr starke Krallen, die zum Erklettern der Bäume und zum Hängen an den Ästen bestens geeignet sind. Obgleich sie sehr bedrohlich wirken, werden diese Krallen nicht zur Verteidigung eingesetzt. Die Tiere verbringen die weitaus längste Zeit ihres Lebens an Ästen hängend – meistens mit dem Kopf nach unten.

Weil ihre Körpertemperatur sich stets im Bereich der sie umgebenden Temperatur befindet – sie variiert zwischen 27° und 34,5° Celsius, werden sie “hoeothermisch imperfekte“ Tiere bezeichnet. Dies ist eine Eigenschaft zur Energieeinsparung.

Faultiere sind ungesellige, einzeln lebende Tiere, und jedes hat sein eigenes, definiertes Territorium, in dem es die meiste Zeit seines Lebens verbleibt. Jedes Tier hat in seinem Territorium einen “Lieblingsbaum“, auf dem es die meiste Zeit verbringt. Dort läuft fast alles ab: Geburt, Heranwachsen, Nahrungsaufnahme, Paarung und vor allem Schlafen. Nur alle sieben bis acht Tage kommen sie mal herunter, um zu urinieren und ihren Kot abzusetzen, oder, ganz selten, um mal den Baum auf der Suche nach Nahrung zu wechseln – jedoch wird ein solcher Baumwechsel in der Regel ebenfalls in luftiger Höhe vorgenommen, wenn die Äste des Nachbarbaumes mit den Greifarmen zu erreichen sind. Auf dem Boden sind die Faultiere noch langsamer – an die hängende Position gewöhnt, tragen ihre Beine den Körper auf dem Boden nicht, sodass sie sich bäuchlings und kriechend fortbewegen müssen, wodurch sie eine leichte Beute von Raubtieren werden.

Die Ernährung

FaultierFaultiere haben unscheinbare oder unvollständige Zähne im Vergleich mit denen anderer Säugetiere oder dem Menschen. Ihre Zähne haben keinen Zahnschmelz, sie sind extrem schwach und verbrauchen sich schnell. Sie werden mit 18 Zähnen geboren: 10 im Oberkiefer und 8 im Unterkiefer. Diese Zähne haben keine richtige Wurzel und befinden sich in kontinuierlichem Wachstum – im gleichen Mass, wie der Zahn sich verbraucht, wächst er ein Stückchen nach. Alle Zähne sind Mahlzähne (sehen aus wie Backenzähne) und dienen zum Zerdrücken und Zermahlen, vorzugsweise von weichen Stoffen. Diese charakteristischen (molariformen) Zähne waren der Grund, warum man diese Tiere zu der alten Ordnung Edentata gezählt hat, was zahnlos bedeutet. Die Gürteltiere und Ameisenbären gehören auch zu dieser Ordnung. Den aktuellen Ordnungsnamen Xenarthra bekamen die Faultiere wegen eines speziellen Gelenks – Xenartrium – an den Lendenwirbeln, das bei anderen Säugetieren nicht vorhanden ist.

Tiere mit rudimentären Zähnen, wie oben beschrieben, können keine verschiedenartige Nahrung zu sich nehmen, aus harter oder widerstandfähiger Materie. Deshalb sind Faultiere reine Pflanzenfresser, die vorzugsweise Blätter, Blüten, Knospen, grüne Stängel und Früchte von wenigen Baumarten fressen. Die “Embaúbas“ (Cecropia), “Ingazeiras“ (Inga edulis) und “Figueiras“ (Ficus) sind ihre bevorzugten Nahrungsquellen. Diese Nahrung enthält nicht besonders viele Kalorien, einer der Gründe, warum diese Tiere sich so langsam bewegen: um so viel Energie wie möglich einzusparen.

Wegen der grossen Menge an Tanin, die in der Nahrung der Faultiere enthalten ist, besteht ihr Verdauungsprozess aus zwei getrennten Etappen: der Energieaufnahme der konsumierten Nahrung und einem Prozess der Desintoxikation. Der Verdauungstrakt gleicht dem der Wiederkäuer (Tiere mit einem unterteilten Magen) und besitzt vier Unterteilungen. Aber anders als die Wiederkäuer – zum Beispiel Kühe oder Giraffen, die ihre Pflanzennahrung im Magen deponieren, um sie später nochmal durchzukauen – tun dies die Faultiere nicht. Sie verfügen über eine reiche Bakterienflora, welche die Verdauung der geschluckten Pflanzenmenge übernehmen, indem sie die Zellulose auflösen und die enthaltene Energie befreien. Dieser ganze Prozess dauert sehr lange. Die Nahrung fliesst langsam von einer Magenkammer in die andere. Der Fluss der verdauten Nahrungsmasse durch den Darm – der sehr lang ist und zirka 30% des Gesamtgewichts eines Faultiers ausmacht – geht ebenfalls sehr langsam vor sich, um eine maximale Absorption von Nährstoffen und Energie durch den Organismus zu ermöglichen.

Und weil die Faultiere nur wenig Energie aus der von ihnen bevorzugten Nahrung erhalten, haben sie auch einen sehr niedrigen Metabolismus, ungefähr 70% niedriger als der von anderen Säugetieren mit einer ähnlichen Struktur (Gewicht und Grösse). Langsam zu sein ist bei den Faultieren also eine Frage des Überlebens.

Die Reproduktion

Die geschlechtliche Reife ist bei Faultieren ungefähr nach drei Lebensjahren erreicht. Die Kopulation (Sexualakt) dauert zwischen drei und fünf Minuten. Die Tragzeit ist unterschiedlich zwischen den einzelnen Arten – sechs Monate beim Choloepus didactylus bis 11 Monate beim Bradypus torquatus. Das trächtige Weibchen verbraucht ein bisschen mehr von seiner Energie, um seine Temperatur um zirka 30C über der ambientalen Temperatur zu halten und so eine gute Entwicklung des Embryos zu gewährleisten. Nach der Geburt trägt die Mutter ihr einziges Junges auf dem Bauch und auf dem Rücken, säugt es und beschützt es während der ersten neun Monate seines Lebens (unterschiedlich bei den einzelnen Arten). Das Jungtier erbt einen Teil des mütterlichen Territoriums.

Bedrohungen

cute three toe sloth juvenile male on grassDie natürlichen Feinde der Faultiere sind Harpyien, Grosskatzen und Riesenschlangen – die grösste Bedrohung für ihr Überleben stellt allerdings der Mensch dar. Die Dreifingerfaultiere, zutraulicher als die übrigen, werden oft als Kuscheltiere gehalten und werden illegal auf offenen Märkten und am Strassenrand verkauft.

Ausser dem direkten Fang zum Verkauf als Kuscheltiere, ist die progressive und kontinuierliche Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes die andere Bedrohung für die Erhaltung der Faultiere, denn die tropischen Regenwälder, von denen diese Tiere abhängig sind, werden von Tag zu Tag kleiner. Oft kommt es vor, dass Faultiere aus Gründen der Fragmentierung ihrer Wälder mit ihren bevorzugten Nahrungsquellen eine Strasse überqueren müssen und dabei überfahren werden – oder sie werden von Haushunden angegriffen, da die bewohnten Areale dazu tendieren, immer weiter in die Wälder vorzurücken.

Nach Auskunft der IUCN ist die Spezies Bradypus torquatus bedroht, und die Spezies Bradypus pygmaeus kritisch bedroht.

Kuriositäten
  • In den Fugen der langen Körperhaare der Faultiere wachsen grüne Algen und Cyanobakterien, die dem Tier eine dunkelgrüne Färbung verleihen. Diese Farbe hilft dem Tier, sich der Vegetation besser anpassen zu können und sich vor Feinden zu tarnen.
  • Ein paar Raupen und Schmetterlinge leben assoziiert mit den Faultieren, indem sie sich von diesen Algen und Bakterien ernähren, die im Fell der Faultiere wachsen.
  • Das Fell wächst bei den Faultieren in gegensätzlicher Richtung von dem der übrigen Säugetiere – nämlich nicht vom Rücken zum Bauch, sondern umgekehrt – um bei ihrer an Ästen hängenden Lebensweise den Ablauf des Regenwassers zu beschleunigen.
  • Faultiere trinken niemals Wasser. Sämtliche Flüssigkeit, die sie benötigen, wird mit der pflanzlichen Nahrung aufgenommen und während des Verdauungsprozesses vom Organismus absorbiert.
  • Faultiere vermögen in alle Richtungen um sie herum zu blicken. Und zwar deshalb, weil sie ihren Kopf um zirka 270 Grad drehen können, ohne dabei den Körper zu bewegen.
  • Die Fortbewegung dieser langsamen Tiere beträgt pro Tag zirka 38 Meter.
  • Überraschenderweise sind sie jedoch gute Schwimmer und im Vergleich im Wasser recht schnell.