Brasiliens Mega-Biodiversität

Veröffentlicht am 9. Dezember 2011

Brasilien ist eines der zwölf Länder mit einer “Mega-Biodiversität“ – eines der reichsten Länder der Welt an unterschiedlichen Lebensformen. Die Jararaca-Lanzenotter (Bothrops jararaca) hat nicht Tausende von Jahren gebraucht, um ein starkes Gift für die Behandlung der Hypertension menschlicher Herzen zu entwickeln – sondern das Gift der Schlange evoluierte, um sie bei ihrer Jagd kleiner Nager, ihrer bevorzugten Beutetiere, effizienter zu machen.

Bothrops jararaca

Indessen haben ein paar intelligente Menschen den Effekt jener im Gift enthaltenen Substanzen untersucht und verwandelten das Gift in ein Medikament. Ähnlich war es mit dm Gift der Raupe Lonomia obliqua: obgleich das Insekt sein Sekret als Abwehr gegen Beutemacher entwickelt hat, in seiner Larvenphase, isolierten Forscher des Instituts Butantan und des Instituts Vital Brasil (São Paulo) daraus ein Protein, das einer Blutgerinnung vorbeugt – es wird inzwischen zur Verhinderung von Herzkrankheiten und Kreislaufproblemen bei Verstopfung der Venen eingesetzt.

Ein anderes Beispiel aus der brasilianischen Flora: Der Copaíba-Baum (Copaifera langsdorfii) produziert sein aromatisches Öl nicht um die Menschen von ihren Atmungsbeschwerden zu erlösen – sondern wahrscheinlicher ist, dass dieses Öl eine Abwehr der Pflanze gegen Pilze und anderen Parasitenbefall darstellt, die an ihren Standorten in den Regenwäldern Amazoniens und dem Atlantischen Regenwald sehr häufig auftreten. Jedoch haben ein paar findige Indios die positive Wirkung dieses Öls auf den menschlichen Organismus erkannt und benutzen es gegen verschiedene Malessen. Von ihnen haben es die Forscher übernommen und in ihren Labors bewies dasselbe Öl seinen vielseitigen Nutzen: Die Pharmazie verarbeitet es in verschiednen Medikamenten, die Kosmetikindustrie setzt es ihren Produkten zu, es ist in resistenten Lacken enthalten und widersteht auch sehr hohen Temperaturen. Und wenn eine wertvolle, alte Fotografie restauriert werden muss, rettet man sie ebenfalls mit dem Copaíba-Öl, das Definition und Kontrast steigern hilft.

Copaiba (Copaifera langsdorfii) Brazilian booktreemauro
Copaiba (Copaifera langsdorfii) árvore petroleo (the most medicinal Amazonic tree)
Diese Fotos stammen aus der Flickr Foto-Community und werden gemäß der Flickr-RSS API abgebildet.

Und Sie, liebe Leser, Sie haben natürlich weder Herz- noch Lungenprobleme – auch keine antiken Fotos zu restaurieren. Nun gut, aber vielleicht interessiert es sie zu erfahren, dass ein Experiment im brasilianischen Nordosten von nur zwanzig Tagen mit einem süssen Konfekt aus Buriti (Mauritia flexuosa) – einer sehr häufigen Palme im brasilianischen Cerrado – den chronischen Mangel an Vitamin-A einer Gruppe von Kindern zwischen 3 und 12 Jahren ausgeglichen hat. Oder, dass der Extrakt der roten Cashew-Frucht (Anacardium occidentale) – ebenfalls häufig im Cerrado – eine hohe Konzentration an chemischen Substanzen enthält, die einen Befall des Zahnschmelzes durch Bakterien verhindern – und deshalb setzt man sie odontologischen Gels und Mundwassern zu, die gegen Karies und Zahnfleischinfektionen wirken. Viele Mais- und Zuckerrohrpflanzer bedienen sich bei der Schädlingsbekämpfung solcher Produkte, die aus der brasilianischen Biodiversifikation gewonnen wurden. Zum Beispiel die Bakterie Bacillus thuringiensis, sie wird bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Raupenbekämpfung angewendet. Ihr Potenzial – effizient aber nicht toxisch – wurde entdeckt, als man einige tote Raupen untersuchte, die von dem Bazillus angegriffen worden waren.

In derselben Richtung, nämlich den Anstrengungen um landwirtschaftliche Produktivität, liegt das Beispiel der brasilianischen Sojapflanzungen im Mittelwesten, wo man keine stickstoffhaltigen Kunstdünger mehr benutzt, dank der Forschungen einer Pionierin mit Namen Johanna Dobereiner, von der EMBRAPA in Rio de Janeiro. Diese Wissenschaftlerin entdeckte Bakterien vom Typ Rhizobium, die sich an den Wurzeln der Sojapflanze festsetzen und selbst genügend Stickstoff aus der Luft absorbieren, der auch der Pflanze zugute kommt – eine perfekte Symbiose.

Die hohe Effizienz der Bakterien bringt dem Land Brasilien eine Ersparnis zwischen 1 und 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr an nicht benötigtem Stickstoffdünger ein. Ein Erfolg, der weitere Forschungen in der gleichen Richtung motiviert hat, zum Beispiel bei der EMBRAPA in Londrina (Paraná) mit der Bakterie Herbaspirillum seropedicae, die Stickstoff für Gräser absorbiert, zu denen der Mais und der Weizen gehören. Nach Schätzungen wird ihr Einsatz dem Land weitere 210 Millionen Dollar an nicht benötigten Stickstoffpräparaten einbringen – allein mit dem Mais!

So wie an diesen wenigen Beispielen demonstriert, gibt es inzwischen Tausende von Produkten und Technologien auf dem Markt und viele bereits in unseren Alltag integriert, die von findigen Leuten aus der biologischen Vielfalt der brasilianischen Natur stammen. Wir bemerken es vielleicht nicht, aber wir können dem nicht mehr entrinnen: Wir alle sind bio-abhängig!

Die Biodiversifikation ist in dem, was wir essen, mit was wir uns kleiden, in unseren Heimen, in den Materialien, mit denen wir in unserer Arbeitsstelle zutun haben, in den Medikamenten, den Seifen und Parfums, und selbst in den modernsten Technologien. Sogar in Ausrüstungen, die in der Lage sind, unser Leben zu retten: Die wolligen Fasern der amazonensischen Kapok-Bäume (Ceiba pentandra) – die Samenkapseln sind voll davon – werden wegen ihrer Wasser abweisenden Beschaffenheit als Füllmaterial für Rettungsringe und –westen benutzt.

Und wenn wir auch noch nicht eine Heilung vom Krebs und AIDS erreicht haben, Argumente, die stets eine Bedeutung der Erhaltung der Biodiversifikation unterstreichen, so können wir doch bereits mit stabilisierenden Medikamenten für das Immunsystem der Betroffenen aufwarten und ihnen so mehr Kraft zur Bekämpfung ihrer Krankheit geben. Ein Medikament, welches von der staatlichen Universität in Pernambuco (UFPE) auf der Basis der Bakterie Propionium bacterium acni produziert wird, stimuliert das Immunsystem und verbessert die Reaktion von Krebspatienten während der Chemotherapie – oder auch die der AIDS-Patienten – ausserdem kann man es auch zur Vorbeugung gegen simplere Infekte, wie Grippe und Erkältungen einsetzen.

In einigen Fällen brauchen wir die Biodiversifikation als Rohstoff – in anderen inspiriert sie uns. Es existiert ein grosses Forschungsfeld zur Entwicklung von Prozessen, Produkten und Materialien, welche sich an der Kreativität der Natur orientieren – es heisst “Biomimetik“. Durch die Beobachtung der verschiedenen Arten von Fauna und Flora haben Forscher vom einfachen Büchsenöffner – inspiriert von den Schnabelformen einiger Vögel – bis hin zum Fallschirm und den Flügeln der Flugzeuge – inspiriert von den aerodynamischen Formen der Samen bestimmter Pflanzen.

Und die Art und Weise, wie die Spinnen ihre Netze anfertigen, hat ebenfalls die Schaffung eines neuartigen Fabrikationsprozesses für Fäden und Seile aus verschiedenen Materialien inspiriert – ohne dazu Hitze, hohen Druck oder toxisches Material zu benutzen. Solche Fäden werden bereits in so unterschiedlichen Produkten wie Seile für Fallschirme, Stahlseile für Hängebrücken und Fäden für Schutzanzüge eingesetzt.

Noch mehr Beispiele? Derselbe Leim, den Muscheln benutzen, um sich an Uferfelsen oder Schiffsrümpfen festzusetzen, wurde zu einem kommerziellen Produkt, das im Schiffbau eingesetzt oder als Naht nach chirurgischen Eingriffen benutzt wird.

Und, wie Sie ja sicher wissen, die Entwicklung der Sonare und Radare ist von den Ortungssystemen der Delfine und der Fledermäuse abgeguckt worden. Hier in Brasilien gibt es Forscher der Universität zur Entwicklung des Staates und der Region des Pantanal (UNIDERP), die mit dem Sonar-Prinzip der Fledermäuse arbeiten, um effizientere Messgeräte für die Erdgasausströmung zu entwickeln – eine Forschungsarbeit, die mit Interesse (und finanzieller Unterstützung) von der PETROBRAS verfolgt wird.

Auf jeden Fall müssen zur Nutzung der Biodiversifikation für die Menschheit stets drei obligatorische Bedingungen gegeben sein: Vor allem muss eine Biodiversifikation vorhanden – die Spezies sollten hinsichtlich ihrer Charakteristika und Funktionen bekannt – und eine Investition in Forschung muss zur Identifikation neuer Erkenntnisse selbstverständlich sein.

Die erste Bedingung der existierenden Biodiversifikation hängt von einer weltweiten Anstrengung zur Erhaltung derselben ab, angesichts der Tatsache, dass diese Biodiversifikation ernstlich vom expansiven Wachstum der Menschheit auf unserem Planeten bedroht ist, und besonders durch sämtliche nötigen Aktivitäten, um die Bedürfnisse dieser Bevölkerung zu erfüllen: Lebensmittelproduktion, Wasser, Energie, Verbrauchsgüter, Abbau von Mineralien, und so weiter. Die Fragmentierung natürlichen Lebensraumes, Verlust des Habitats, Luft- und Wasserverschmutzung, Bau von Staudämmen, Verbreitung von Krankheiten, und sogar die Vorurteile (gegen Tiere, die man irrtümlicherweise für gefährlich oder abstossend hält und deshalb einfach tötet) – dies sind Fakten, die zu den bedeutendsten Ursachen für das Risiko einer Ausrottung der Arten gehören.

Man sollte auch nicht vergessen, dass “nicht alle Länder hinsichtlich ihrer Biodiversifikation gleich sind“, wie Russel Mittermeier, der Präsident der “Conservation International“(CI) betont. “Gesegnet mit einer aussergewöhnlichen Biodiversifikation ist Brasilien, selbst unter Nationen mit eigenem grossen natürlichen Reichtum, als ein Paradies anerkannt. Das Land führt die Liste der Mega-Vielfalt hinsichtlich der Wirbeltiere, der Wirbellosen und der Pflanzen an“. Dieser ganze Reichtum konzentriert sich vor allem in unseren Wäldern, die, zusammen mit den restlichen Tropenwäldern der Welt, lediglich eine Fläche von 7% der Erdoberfläche ausmachen, aber mehr als die Hälfte der Flora- und Fauna-Spezies beherbergen, wie einer der Väter der Biodiversifikation, der Nordamerikaner Edward O. Wilson, erklärt.

Die zweite Bedingung zur adäquaten Nutzung der Biodiversifikation – die Kenntnis der Spezies – ist eine schon antike Sorge, und die erfährt heute glücklicherweise eine gewisse Resonanz unter den finanzierenden Organen solcher Forschungen. In den letzten Jahren haben sich die Anstrengungen zur Realisierung von Inventarien der Flora und Fauna multipliziert, mit Unterstützung internationaler Organe, Regierungen, wissenschaftlicher Stiftungen und GNOs. Trotzdem klafft hier noch eine gigantische Wissenslücke – und der Unterschied zwischen bekannten und geschätzten Spezies ist riesengross – letztere werden erst einmal nach unseren Vorstellungen und Erfahrungen definiert, denn sie leben in wenig erforschten Gebieten oder betreffen ein wissenschaftliches Gebiet in dem die Experten fehlen.

Brasilien hat zwischen 170.000 bis 210.000 bekannte Spezies – man schätzt jedoch, dass es in Wirklichkeit zwischen 1,4 bis 2,4 Millionen sind(!), das behaupten Thomas Lewinsohn und Paulo Inácio Prado, beide von der Staatlichen Universität Campinas (UNICAMP). Die Zahl der Beschreibungen neuer Arten von Klassen und Familien wie Primaten und Vögel bewegt sich zwischen 1 bis 3 pro Jahr. Bei den weniger studierten Arten, wie zum Beispiel Insekten und Spinnen, oder Fische aus kontinentalen Gewässern, können es zwischen 350 bis 400 Neuentdeckungen werden!

red eyed tree frog Nach Auskunft der besten Fachleute jedes Wissensgebietes haben wir unter den bisher bekannten und klassifizierten Spezies folgende Zahlen:

  • 56.000 Pflanzenarten (ausgenommen die Pilze)
  • 26.000 Schmetterlinge und Nachtfalter
  • 2.500 Ameisen
  • 30.000 Käfer
  • 3.000 Bienen
  • 2.100 Süsswasser-Fische
  • 765 Arten Amphibien
  • 650 Arten Reptilien
  • 1.731 Vogelarten und
  • 530 Säugetierarten.

Die hier veröffentlichten letzten Statistiken sind nachzulesen in der Special Edition des Magazins “Megadiversity“, herausgegeben von der Conservation International im Jahr 2005.

Die dritte Bedingung für die adäquate Nutzung der Biodiversifikation – die Investition in angewandte Forschung – ist immer noch eine Quelle von Konflikten, weil sich nämlich die grössten Investitionen in den entwickelten Ländern konzentrieren, während sich die grösste Biodiversifikation in den tropischen Entwicklungsländern befindet.

Um diese Interessenkonflikte zu mindern, haben 187 Länder und ein regionaler Block (die Europäische Union) die “Convention of Biological Diversity“ unterzeichnet, ein Dokument, das Regeln und Anweisungen zur Erhaltung der Biodiversifikation, zu ihrem selbsterhaltenden Nutzen und einer gerechten Verteilung der aus der wirtschaftlichen Nutzung ihrer genetischen Ressourcen erwachsen sollte. Das Dokument respektiert die Besitzrechte jeder Nation auf das aus ihrem Territorium erwachsende Erbe.

Das internationale Abkommen gilt seit dem 29. Dezember 1993, und Brasilien ratifizierte es (das heisst: nahm es in seine nationale Gesetzgebung auf) im Jahr 1994. Bei den periodisch stattfindenden Versammlungen zur aktiven Umsetzung dieses Abkommens, pflegt Brasilien seine Haltung anderen megadiversen Ländern anzugleichen – dieser Gruppe gehören an: Kolumbien, Ekuador, Peru, Madagaskar, China, Indien, Indonesien, Australien, Kongo, Mexiko und die USA (die den Verhandlungen fernbleibt, weil sie das Abkommen nicht ratifiziert hat). Zusammen sind diese zwölf Länder im Besitz von 60% bis 70% der Artenvielfalt unseres Planeten.

Damit nun die Biodiversifikation auch weiterhin existiert – und damit sich ihre Nutzung von unserer Gegenwart bis weit in die Zukunft erstrecken kann – sehen die bedeutendsten Investitionen zu ihrer Erhaltung folgendermassen aus:

  • Schaffung von Schutzgebieten und die Unterhaltung der schon geschaffenen
  • Verringerung des Zerstörungsrhythmus von Lebensräumen und Rekonstitution der Verbindungen zwischen noch intakten Vegetationsfragmenten
  • Kontrolle von unangebrachten Einschleusungen exotischer Spezies und Vernichtung schon installierter Invasoren
  • Reduktion der Jagd, des Fischfangs und des Sammelns, stattdessen Intensivierung der Feldbepflanzung, um die Nachfrage nach Wild und nativen Pflanzen zu verringern
  • Den ausbeuterischen Extraktivismus ersetzen durch rationale Kultivierung.

Das sind arbeitsintensive Massnahmen, die eine breite Beteiligung der Bevölkerung erfordern. Derselben Bevölkerung, die zu ihrem täglichen Leben von der Biodiversifikation abhängig ist. Indem jeder Einzelne sich um die Erhaltung dieses vielfältigen Lebens auf unserem Planeten bemüht, sitzt er am Steuer seines ganz persönlichen Schicksals.