Blattschneider-Ameisen

Veröffentlicht am 2. Oktober 2013

Von (Blattschneider)-Ameisen, die Bäume entlauben und Pilze züchten

Ameisen sind Insekten, denen wir auch in unserem heimatlichen Europa häufig genug begegnen und man deshalb annehmen kann, dass sie wahrscheinlich jedem von uns bekannt sind. Sie leben in den unterschiedlichsten Ambienten und ihnen entgeht auch nicht das kleinste Stückchen eines Lebensmittels, das wir irgendwo liegen gelassen haben – in Massen fallen sie darüber her. Allerdings empfinden wir unsere europäischen Ameisen eher als lästig, denn als schädlich – wenn sie sich, besonders im Schutz der Dunkelheit, aus einer Ritze in der Wand über den Küchentisch verteilen, um sich eventuelle Speisenreste oder ein paar Zuckerkrumen einzuverleiben, dann sind sie uns zwar lästig, fügen uns damit aber keinen unmittelbaren Schaden zu. Beste Vorbeugung gegen eine Ameiseninvasion ist die peinliche Sauberkeit der Flächen, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, ansonsten beendet ein Insektizid aus der Sprühdose eine eventuelle Ameisenplage im Haushalt.

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Jedoch können Ameisen auch bei uns wirtschaftliche Verluste verursachen, indem sie Nutzpflanzen schädigen, und zwar auf eine ganz spezielle, indirekte Art und Weise, indem sie Pflanzenschädlinge, wie die Blattläuse, protegieren und gegen Fressfeinde verteidigen, um von ihnen, sozusagen als Gegengeschenk, ein süsses Sekret, den so genannten Honigtau zu bekommen. Blattläuse sind die “Milchkühe“ unserer Ameisen, von denen sie regelmässig “gemolken“ werden: durch Beklopfen des Hinterleibs scheiden die Blattläuse den begehrten Honigtau aus.

Was mich während meines ersten Besuches in Brasilien besonders fasziniert hat, waren ebenfalls Ameisen, die in einem nicht enden wollenden, scheinbar geordneten Strom, grüne Blattstücke wie Fähnchen über ihren Köpfen schwenkten – das war meine erste Begegnung mit den berüchtigten Blattschneider-Ameisen im Garten eines Hauses, in dem ich als Untermieter eingezogen war. Erst viel später erfuhr ich Näheres über diese hoch interessanten Insekten, vor allem, dass sie diese transportierten Blattstücke nicht etwa in ihrem Bau auffressen, sondern zu einem Substrat verarbeiten, mit dem sie einen Pilz ernähren, der seinerseits ihre eigentliche Nahrung bildet. Die Wissenschaftler, in diesem Fall nennt man sie Entomologen (Insektenforscher), sind genauso fasziniert von dieser Symbiose zwischen Pilz und Ameise, wie ich bei meiner ersten Begegnung mit ihnen, und was sie bis heute über die vorbildliche Organisation des Ameisenstaates herausgefunden haben, stellt einerseits eines der vielen Wunder der Natur dar, andererseits geht von bestimmten tropischen Ameisenarten eine beträchtliche Gefahr für die Landwirtschaft aus – am Beispiel der letzteren möchte ich ihnen sowohl ihr einzigartiges “Staatsgefüge und Organisationsvermögen“ als auch die Bedrohung aufzeigen, die sie für die Land- und Forstwirtschaft, eben wegen ihrer unvergleichlichen Fähigkeiten, darstellen. Übrigens bezeichnet man das Studium der Ameisen als “Myrmekologie“.

Wenn der Bauer zögert, übernimmt das Ameisenheer die Herrschaft über seine Pflanzung.
(Brasilianisches Sprichwort)

Die spezielle Ameisen-Gattung, die wir einmal näher betrachten wollen, wird “Blattschneider“ genannt, weil sie die Blätter von Pflanzen zerschneiden und die Blattstücke in ihren Bau oder ihr Nest tragen. Zwei dieser Blattschneider-Spezies sind von besonderer Bedeutung, weil sie Schäden anrichten können, die bedeutende wirtschaftliche Verluste darstellen: das sind einmal die in Brasilien als “Saúvas“ (Atta spp.) bekannten Blattschneider, und zum andern die “Quenquéns“ – sprich: Kengkéngs (Acromyrmex spp.).

Physische Aspekte

Wie bei allen Insekten besteht der Körper einer Ameise aus Kopf, Torax und Unterleib. Die Fühler der Ameisen sind einzigartig in der Insektenwelt, sie scheinen gefaltet oder in der Mitte unterbrochen zu sein und werden manchmal mit einem Paar zusätzlicher Beine verwechselt. Jedoch sind die drei Beinpaare eines jeden Insekts stets mit dem Torax verbunden. Am Kopf befinden sich, ausser den Fühlern, auch ein Paar kleinere Augen und das Maul, welches bei den Blattschneidern zum säubern, schneiden, tragen und verteidigen ausgebildet ist. Die Blattschneider und einige andere Arten von Ameisen besitzen einige Stachelpaare auf der Rückseite ihres Torax – manchmal auch auf dem Kopf – an denen man die einzelnen Spezies unterscheiden kann. Der Unter- oder Hinterleib enthält die Atmungs-, Reproduktions- und Ausscheidungsorgane – andere Ameisenarten besitzen einen giftigen Stachel am Hinterleib, den sie für die Lähmung ihrer Beute und zur Verteidigung benutzen. Diese Charakteristika kann man leicht mittels einer normalen Lupe erkennen.

Die Schäden in der Landwirtschaft

Die so genannten Blattschneider-Ameisen, und besonders ihre Untergruppe “Saúva“, verursachen grosse Schäden in der brasilianischen Landwirtschaft. Ihre Präsenz bedeutet ein besonders ernstes Problem für die Kulturen von Nutzpflanzen und Weideflächen. Neben den eigentlichen Schäden hat der Landwirt Extrakosten für die Anschaffung von Insektiziden und andern Produkten zur Kontrolle und Eliminierung der Insektennester. Man schätzt, dass sich die Verluste durch diese Ameisen, allein in Brasilien, um eine Summe von 100 Millionen Dollar pro Jahr bewegen!

Obwohl 95% der 10.000 Ameisenarten der Tropenregionen als nützlich für die Natur und den Menschen eingestuft werden – unter anderem sind sie unverzichtbar für die Bestäubung und damit für die Reproduktion zahlreicher Pflanzen – sind die restlichen 5%, die Blattschneider, verantwortlich für immense Verluste. Im Gegensatz zu dem, was viele Leute annehmen, fressen sie die abgeschnittenen Pflanzenteile nicht, sondern transportieren sie in ihr Nest, wo sie in speziellen Kammern dieses Rohmaterial zu einem Substrat verarbeiten, das ihnen zur Kultivierung eines Pilzes dient, von dem sie sich ernähren.

Seit 50 Millionen Jahren leben sie auf dem amerikanischen Kontinent – vom Süden der Vereinigten Staaten bis in die Mitte von Argentinien. In Brasilien, wo sich ihre grösste Anzahl aufhält, gibt es 10 Arten der “Saúva“ und 20 Arten der “Quenquém“.

Von den 10 Saúva-Arten Brasiliens sind nur 5 von grosser wirtschaftlicher Bedeutung für die landwirtschaftlichen Aktivitäten:

  • Die “Saúva-limão“ (Atta sexdens), die Eukalyptus- und Pinienwälder, sowie Pflanzen im Allgemeinen, angreift
  • Die “Saúva-cabeça-de-vidro“ (Atta laevigata), die Weiden und kultivierte Wälder, Zuckerrohrplantagen und Pflanzen im Allgemeinen angreift
  • Die “Saúva parda“ (Atta capiguara), die Weiden und Zuckerrohr bevorzugt
  • Die “Saúva-mata-pasto“ (Atta bisphaerica), die ebenfalls Weideflächen und Zuckerrohrplantagen attackiert
  • Die “Saúva-da-mata“ (Atta cephalotes), die Pflanzen und breite Blätter zerlegt, vorzugsweise von Maniok und Kakao.

Unter den Quenquém-Arten ist die Zahl derer, die der Landwirtschaft Schaden zufügen noch grösser. Hier sind zu nennen:

  • Die “Quenquém-de-cisco“ (Acromyrmex crassispinus), die vorzugsweise Pinien und Eukalyptusbäume befällt
  • Die “Formiga-de-monte-vermelha“ (Acromyrmex heyri), sie schneidet Gräser ab
  • Die “Formiga-mineira“ (Acromyrmex laticeps), sie greift alle Pflanzen an
  • Die “Quenquém-de-monte-preta“ (Acromyrmex lobicornis), die sowohl Gräser als auch Pflanzen mit breiten Blättern befällt
  • Die “Quenquém-mineira-preta“ (Acromyrmex lundi), sie attackiert Pflanzen in kultivierten Wäldern und auch Pflanzungen der Landwirtschaft
  • Die “Quenquém mineira-da-amazônia“ (Acromyrmex octospinosus), bevorzugt breitblättrige Pflanzen und solche in kultivierten Wäldern
  • Die “Formiga-quiçaçá“ (Acromyrmex rugosus), sie greift Eukalyptus-Bäume und breitblättrige Pflanzen an
  • Die “Formiga-de-rodeio“ (Acromyrmex striatus), attackiert breitblättrige Pflanzen gleich welcher Art
  • Die “Quenquém-de-cisco-graúda“ (Acromyrmex subterraneus), bevorzugt breitblättrige Pflanzen, attackiert aber auch Eukalyptus- und Pinienbestände.

Die Entlaubung

entlaubungDie Blattschneider-Ameisen, sowohl die “Saúvas“ wie die “Quenquéns“, nennt man entlaubende Insekten. Ihre Aktionen provozieren eine Verringerung der Fotosynthese bei der Pflanze, die durch das kontinuierliche Beschneiden von Blättern und Blattstielen so drastische Ausmasse annehmen kann, dass die Pflanze wegen der intensiven Entlaubung abstirbt.

Wissenschaftler schätzen, dass eine Kolonie der “Saúvas“ 86 Eukalyptusbäume und 161 Pinien entlauben muss, um mit dem zu Substrat verarbeiteten Blattwerk ihren Ameisenstaat während eines Jahres zu ernähren – etwa eine Tonne Grünzeug! Wenn man nun pro Hektar mit einem Durchschnitt von vier Ameisenkolonien rechnet (eine Zahl aus der Praxis), hat man einen Konsum von 4 Tonnen Blätter, was einem Verlust zwischen 14% und 14,5% der Holzproduktion pro Hektar entspricht. Die Schätzungen hinsichtlich der Bevölkerungszahl in den Kolonien schwanken stark, aber sie können 7 Millionen Individuen erreichen.

Nach Auskunft des Forschers Luiz Carlos Forti, Professor für landwirtschaftliche Entomologie an der Fakultät für landwirtschaftliche Wissenschaften der Unesp, in Botucatu (São Paulo), gibt es Daten, dass eine einzige Kolonie der “Saúva mata-pasto“ durchschnittliche Verluste von 3,2 Tonnen Zuckerrohr pro Hektar verursacht, wenn man eine Produktivität von 60 Tonnen pro Hektar zugrunde legt. “Und es ist häufig, dass man bis zu vier Ameisenkolonien pro Hektar in einer Zuckerrohrpflanzung antrifft, was demonstriert, dass die Verluste tatsächlich bedeutend sind“, bemerkt er.

Atta insularis-wikipedia-orgAuch auf den Viehweiden können die kleinen Insekten immense Schäden verursachen. Nach Schätzungen verschiedener Autoren sind die Saúvas in der Lage, die Weidekapazität auf bis zu 50% zu verringern. “Ich habe schon Weideflächen gesehen, auf denen der Viehzüchter vergeblich versuchte, seine Rinder fett zu bekommen“, attestiert Forti. Nach Meinung des Forschers scheint sich jedoch die Mehrheit der Viehzüchter nicht an den Blattschneider-Ameisen zu stören – bis sie dann den Verlust schwarz auf weiss entdecken.

“Unsere Viehzüchter, im Allgemeinen, arbeiten noch nach dem extrativistischen Prinzip: Sie besitzen grosse, mit Gras bewachsene Flächen, auf denen sie ihre Rinder grasen lassen – was sie herausholen ist Gewinn“, kommentiert der Professor. “Sie kümmern sich kaum um eine Reform der Weiden oder um die durch die intensive Beweidung der Rinder verursachte Erosion, und sie messen auch den Schädlingen keine grosse Bedeutung bei, vielleicht mit Ausnahme der Heuschrecken“, führt er aus. “Wenn er schliesslich die Ameisen bemerkt, ist das Problem mit ihnen bereits so gross, dass es schwierig und teuer wird, es einzudämmen“!

Die Verluste in den Pflanzungen von Zitrusfrüchten wurden in Brasilien bisher noch nicht beziffert, jedoch sterben in Zentralamerika ausgewachsene Pflanzen nach wiederholten Angriffen der “Saúva-da-mata“ ab. Nach Meinung von Forti gilt für alle Kulturen, selbst wenn es noch keine schlüssigen Daten über die jeweiligen Verluste gibt, dass der Schaden besonders bei jungen Pflanzen 100% erreichen kann.

Natürliche Fressfeinde der Saúvas sind Vögel, Reptilien (z.B. Eidechsen), Amphibien (z.B. Frösche und Kröten) und Säugetiere (z.B. Ameisenbären und Gürteltiere).

Saúvas: Morphologische Verschiedenheiten

Die “Saúvas” unterscheiden sich in verschiedenen Aspekten von den ebenfalls blattschneidenden “Quenquéns“, obwohl diese Unterschiede in den meisten Fällen von den Landwirten nicht wahrgenommen werden. Die Blattschneider der Gattung Atta (Saúvas) sind grösser und besitzen drei Paar Stacheln auf der Rückseite ihres Torax, während die Gattung Acromyrmex (Quenquéns) vier oder fünf Paare besitzt.

In der Publikation von Professor Forti, die er zusammen mit der Professorin Maria Castellani herausgegeben hat, kann man in den Kolonien der Saúvas sowohl kleine Arbeiterinnen beobachten, mit weniger als 2 mm Körperlänge, als auch sehr grosse, mit 15 mm Länge. Diese grossen Arbeiterinnen nennt man Soldaten, und die gibt es in den Kolonien der Quenquéns nicht. Ausserdem ist die Königin der Quenquéns etwa 10-mal schwerer als eine mittlere Arbeiterin, während die Königin bei den Saúvas zirka 50-mal schwerer ist als eine Arbeiterin ihrer Kolonie.

Ein weiterer, leichter erkennbarer Unterschied besteht darin, dass die Nester der Saúva, von aussen betrachtet, eine grosse Menge loser Erde in Form eines Hügels aufweisen – in der Regel auf mehr als 50 Quadratmeter Fläche, während sich die Nester der Quenquéns mit nicht mehr als 5 Quadratmetern loser Erde an ihrer Oberfläche begnügen. In ihrem Innern können Saúva-Nester bis zu 8.000 Kammern für die Pilzzucht besitzen, die in einer Bodentiefe bis zu 8 Metern angelegt sind. Während die Nester der Quenquéns viel kleiner sind: mit maximal 5 Kammern bis zu einer Tiefe von 2 Metern. Die Nester der Quenquéns können bis zu 175.000 Ameisen beherbergen, während in denen der Saúvas zwischen 3,5 bis 7 Millionen Individuen leben und arbeiten.

Die Saúvas hinterlassen deutliche Pfade zwischen denen von ihnen befallenen Bäumen und ihrem Bau (Nest), sodass man ihre Kolonie leicht finden kann – ausserdem sind sie tagaktiv. Die Quenquéns dagegen sind nachtaktiv und hinterlassen keine Spuren, die man zu ihrem Bau verfolgen könnte.