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Urutau – der Gespenstervogel » Seite 2

Veröffentlicht am 6. Juni 2013
Das magische Auge

Urutaus haben unvergleichlich grosse Augen. Denn grosse Okularlinsen sind besonders zweckdienlich für nachtaktive Tiere, weil sie auch bei Dunkelheit noch genügend Licht absorbieren, um dem Tier die Jagd zu ermöglichen. Aber es sind nicht nur die Augen, die bei diesen Vögeln besonders auffallen. Eine der kuriosesten Eigenschaften, durch die sich die “Tagschläfer” von allen anderen Spezies der brasilianischen Vogelwelt unterscheiden, ist die Tatsache, dass sie auch mit geschlossenen Augen alles sehen können, was sich rund um ihren täglichen Schlafplatz ereignet!

Diese Eigenschaft hat der Ornithologe Helmut Sick 1940 entdeckt, als er herausfand “… wenn der Vogel die Augen schliesst, bemerkt man in seinem oberen Augenlid zwei Einschnitte (…) oder Schlitze, durch die der Vogel in der Lage ist, seine Umgebung mit geschlossenen Augen zu beobachten, das heisst, ohne seine Augenlider zu öffnen – und das hat den Effekt eines magischen Auges (Sick 1997). Dieses Detail ist von keinem anderen Vogel bekannt, und es erweist sich besonders nützlich als Ergänzung für seine Tarnung, wenn wir bedenken, dass “die Wölbung des Auges und die kompakte Beschaffenheit der Federn darüber, ihm den Blick nach oben und auch nach hinten erlauben, ohne den Kopf bewegen zu müssen“ (Sick 1997).

Der Ruf des Urutau

Er gehört zu den eindrucksvollsten Vogelstimmen der neotropischen Region und besteht aus drei, vier, fünf und manchmal auch mehr Noten, stets abschwellend. Der Vogel ruft, während er sich mit halb geöffneten Flügeln auf einem Ast niederlässt, sein Kopf ist nach unten gebogen und bewegt sich im Rhythmus der Rufe langsam von einer Seite zur andern. Sein Ruf allein ist bereits klagend, und wenn man sein Verhalten beim Rufen beobachten kann, ist der Eindruck von Trauer komplett.

In der Tat, wenn man die Stille der Nacht im Wald erlebt, in der vorwiegend Grillengezirpe und Froschgequake zu hören ist, dann erschauert man unwillkürlich durch den plötzlichen Ruf des Urutau. Und es ist nicht verwunderlich, dass sein erschütternder Klageruf so viele Legenden und Erzählungen inspiriert hat. Nachdem sein erster Ruf verklungen ist, scheinen alle anderen Stimmen zu schweigen und wie hypnotisiert von seinem Repertoire auf die nächste Strophe zu warten.

“Wir werden auf einem weiten Sandstrand übernachten, mit totaler Stille rings herum. Lediglich den Ruf des Urutau hört man dort dann und wann“
(G. Cruls, 1930: A Amazônia que eu vi)

“Alles schläft. Nur das Wispern des Waldes unterbricht die Stille, und der klagende Ruf des Urutau – sehr traurig und sehr laut“
(J. Guimarães Rosa, 1956: Grande sertão: Veredas)

Und Rodolpho von Ihering (1968) beschreibt Details:
“Der Ruf dieser Nachtvögel, zwischen Melancholie und Grabesstimmung, wird von den einen als poetisch empfunden, von andern als prophetisch und unheilverkündend – zweifellos beeindruckt er besonders stark, wenn er mitten in der Nacht im Wald wiederhallt“. Und er ordnet den Rufen auch die entsprechenden musikalischen Noten zu: “… vielleicht: Do – so – mi bmoll – do, so harmonisch in der Tonlage und dem Volumen, dass er eine Oboe perfekt imitiert. Niemals mehr verliert man diese Töne aus der Erinnerung, die beeindruckendenste nächtliche Stimme, die man je in freier Natur gehört hat.

In der lokalen Folklore hat man immer wieder versucht, dem markanten Ruf des Urutau auch Worte anzuhängen. Eine seiner Charakteristika ist die eigenartige Form seiner Füsse, die eher wie eine Deformierung aussieht, jedoch für seine Ruhestellung an vertikalen Baumstümpfen perfekt angepasst ist. Diese “hässlichen Füsse“ hat der Volksmund benutzt, um dem Urutau folgende Worte “in den Mund zu legen“: “Meus pés tão feios“ (Meine Füsse sind hässlich) – mit ein wenig Phantasie kann man seinen Ruf tatsächlich so deuten.

Interpretationen seines Rufes gibt es unzählige, in der Regel motiviert durch einen mythologischen Impuls, aber auch vom Versuch, ihm Worte in den Schnabel zu legen: “Ich mag gar nicht darüber reden, welche Sehnsucht der Ruf des Urutau in mir weckt – wenn ich ihn höre scheint es mir als ob er mir verkündet: Gonçalo foi não veio mais“ (Gonçalo ging fort und kam nicht mehr zurück).

Tarnung

Die markanteste Charakteristik des Urutau ist seine Tarnung – und natürlich seine Kunstfertigkeit, mit der er sich zu verstecken versteht. Das fängt schon mal damit an, dass es ihm nicht besonders gefällt, sich wie die anderen Vögel quer auf einen Ast zu setzen. Manchmal macht er es sogar, das hängt von der Situation ab oder der Art der vorhandenen Ruheplätze. Was er aber vorzieht, ist die Spitze eines toten Baumstumpfes, wenn möglich auch mit einem Umfang, der seinem eigenen Körper gleicht, auf dem er bequem die Flügel anlehnen und den Schwanz aufstützen kann.

Jedoch kommt dafür nicht irgendein Baumstumpf infrage: Er muss eine gekerbte Rinde haben, die vorzugsweise mit Flechten und Moos bewachsen ist und so seine Tarnung perfektioniert. Wenn er dann stocksteif dasitzt, festgekrallt an den Stamm, ist er tatsächlich von einem trockenen Stück Holz nicht mehr zu unterscheiden, und durch die abgeflachte Form seines Kopfes mit dem kleinen Schnabel entfernt sich seine Form noch mehr von der konventionellen Silhouette eines Vogels.

Jeder, der an diesem Baumstumpf vorbeigeht, übersieht den ruhenden Vogel, selbst wenn dieser um die Mittagszeit dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt ist. Manchmal kann es vorkommen, dass ein besonders aufmerksamer Beobachter ihn entdeckt, weil er sich während eines Gähnens einen Moment gerührt hat. In der Regel bewegt er sich tagsüber jedoch kaum, obwohl er jederzeit fluchtbereit ist, falls er eine Bedrohung fürchtet.

Er ist ein Meister der perfekten Tarnung. Und was dieses Thema betrifft, sollten wir etwas beachten: Tarnung ist nicht zu verwechseln mit Mimikry, der man im Tierreich ebenfalls immer wieder begegnet. Die Tarnung, am Beispiel des Urutau, am Beispiel der Schmetterlinge, die dieselbe Färbung haben wie der Untergrund, auf dem sie sich niederlassen, und alle Tiere, der Körperfarben an die Farbe ihres Lebensraumes angepasst sind. Dies ist eine Anpassung des Tieres, um sich in seinem Ambiente verstecken zu können. Als Mimikry (Nachahmung) bezeichnet man dagegen komplexe evolutive Veränderungen, durch die eine bestimmte (harmlose) Art von Tieren einer zweiten, zum Beispiel giftigen Art, so ähnlich ist, dass eine dritte Tierart (Fressfeind) die beiden Arten nicht sicher voneinander unterscheiden kann und es deshalb vorzieht, die harmlose Art nicht zu fressen.

Legenden über den Urutau

Der Urutau ist ein bedeutender Repräsentant in der Folklore der brasilianischen Vogelwelt. Es gibt unzählige Legenden die um ihn kreisen, besonders in Mittelbrasilien, dem Osten von Paraguay und dem Nordosten von Argentinien, alle entstanden durch die eigenwilligen Eigenschaften dieses faszinierenden Nachtvogels.

Eine kurze Beschreibung seiner mythologischen Bedeutung unter dem brasilianischen Volk stammt von dem französischen Chronisten André Thevet (1503-1592), übersetzt von Nomura (1996):

“Unter allen Vögeln der Erde gibt es einen, den die “Wilden“ um nichts in der Welt töten und nicht einmal verletzen würden – das ist der Urutau. Die armen Kreaturen sagen, dass sein Gesang sie an ihre geliebten Verwandten erinnert, die dahin gegangen sind. Dieser Vogel sei ein Abgesandter der Toten und bringe ihren noch lebenden Freunden Glück, aber ihren Feinden verkünde er Unheil“.

Die bekannteste Legende erzählt von Nheambiú, der Tochter eines mächtigen Guarani-Häuptlings, der über alle anderen Stämme in der Region von Iguaçu herrschte:

Nheambiú hatte sich in Cuibaé verliebt, einen jungen Krieger eines feindlichen Stammes, der von ihrem Vater gefangen gehalten wurde. Um die Ehre ihres Volkes nicht zu beschmutzen und auf Anordnung ihres Vaters, durfte sie mit ihrem Geliebten nicht zusammen sein, und deshalb verbrachte sie ihre Tage im Dunkel ihres Hauses, weinend in der Stille erduldete sie ihr unendliches Leid einer Liebe ohne Hoffnung. Eines Tages, ihres Kummers müde, begab sich Nheambiú erneut zu ihren Eltern, um sie anzuflehen, sich mit Cuimbaé verheiraten zu dürfen. Wieder erhielt sie eine abschlägige Antwort, zusammen mit derselben Erklärung:

Cuimbaé gehört einem mit uns verfeindeten Volk an, und deshalb werden wir diese Heirat niemals erlauben. Nheambiú glaubte ihren Schmerz nicht mehr ertragen zu können und floh in den Wald – blieb mehrere Tage lang verschollen, niemand hatte Nachricht von ihr. Der alte Häuptling versammelte seine Krieger und machte sich mit ihnen auf die Suche nach seiner Tochter. Am zweiten Tag im dichten Wald fanden sie Nheambiú – sie sass unbeweglich auf einem dicken Baumstumpf, gab keinen Laut von sich und schien das silberne Licht des vollen Mondes anzustarren. Als der mächtige Häuptling seine Tochter in diesem Zustand erblickte, liess er den Schamanen rufen, der sagte:

Nheambiú hat ihre Sensibilität und ihre Sprache für immer verloren – nur ein grosser Schmerz wird sie wiederbeleben!

Daraufhin stellten sich alle Anwesenden rund um die junge Indianerin auf und begannen, den Tod von verschiedenen befreundeten Personen zu verkünden, auch von Mitgliedern ihrer Familie und sogar ihrer eigenen Mutter – aber ohne Erfolg, sie rührte sich nicht. Dann stellte sich der Schamane vor sie hin und sprach langsam:

Auch Cuimbaé ist gestern gestorben!

In diesem Moment bewegte sich der Körper des Mädchens in tiefer Erschütterung, fing furchtbar an zu zittern – und vor aller Augen verwandelte sie sich in einen grossen, hässlichen Vogel, der mit verzweifelten Rufen im tiefen Wald verschwand. Ihre Schönheit war ihr zu nichts mehr nütze, und sie war dazu verdammt, sich mit ihrem Leid auf einem toten Baumstumpf niederzulassen, wenn die Sonne schien, damit sie niemand erkenne, und des nachts irrte sie umher und rief in Trauer um ihre verlorene Liebe den Mond an.

Diese Legende ist weit verbreitet im Süden Brasiliens, im Grenzgebiet des östlichen Paraguays und dem Nordosten Argentiniens, in den Provinzen Missiones und Correntes. Andere Variationen, die stets um eine unmögliche Liebe kreisen, werden auch in der Literatur und der folkloristischen Musik erwähnt.

Urutau ruft in der Nacht
und vertreibt die Dunkelheit
mit seinem Rufsignal für die “Morena” (wörtlich: Schwarzhaarige)
Serenade des “Sertão” (halbtrockenes Interior)
Hoffnungsfrohe junge Maid
spür’ die Leidenschaft in dir,
entzündet von der zauberhaften “Mãe-da-lua“.
Der Volksglaube besagt,
dass Magie in ihren Federn steckt
und ihr Ruf den Mond erweckt.
Wer ihre Sympathie besitzt,
Entzündet die Herzen in Liebe.

Eine andere Legende, die von Eurico Santos erzählt wird (Nomura 1996), versucht zu erklären, warum der Urutau mit seinen Augen den Verlauf des Mondes am Himmel verfolgt:

“Der Indio Youma entdeckt, das seine Braut heimlich den jungen Marramae liebt – er sucht ihn auf und tötet ihn. Marramae wird in die Sonne verwandelt und Youmas Braut in den Mond – er selbst in einen Vogel, den wir “Urutau“ nennen. Youma verbringt fortan sein Leben auf den höchsten Zweigen der Bäume und starrt zum Himmel, um mit seinen Augen den Weg seiner Geliebten zu verfolgen, die sich in den Mond verwandelt hat. Und voller Verzweiflung, dass er sie nicht mehr erreichen kann, schickt er seine Klagerufe durch die Stille der Nacht, die den Wald und seine Bewohner erschauern lassen und mit Angst erfüllen“.

Eine andere Fabel, diesmal erzählt von den Pataxó-Indios (im Süden von Bahia und Norden von Minas Gerais), entbehrt nicht einer gewissen Komik, und ist reich an weiteren Aspekten, die nur den genaueren Beobachtern der Einzelheiten auffallen werden (zum Beispiel das vielfarbige Federkleid der “Bacuraus“, das grosse Maul der “Mãe-da-lua“, der Ruf beider Spezies, etc.):

Die “Mãe-da-Lua” und der “Bacurau“
“Bacurau” (gemeint ist eine bekannte Nachtschwalben-Art) war ein Bauernsohn und etwas schüchtern, er liebte es, nachts auf die Jagd zu gehen. Eines Nachts, als er durch den Wald ging, traf er dort ein sehr schönes Mädchen, die “Mãe-da-lua“ (Mutter des Mondes). Sie begannen miteinander zu sprechen über dies und das, schliesslich fragte er sie:

Willst du mich heiraten?
Ja, ich will – antwortete die “Mãe-da-lua“.
Dann wollen wir uns vorbereiten – in dreissig Tagen heiraten wir.
Ist in Ordnung – sagte das Mädchen.

Und weil er ein armer Bauernsohn war, musste er sich einen Anzug für die Hochzeit leihen. Also bat er jeden Vogel um eine Feder und, dreissig Tage später, war er bereit für die Hochzeit. Er lud den Hirsch ein, um die Zeremonie zu leiten und alle anderen Tiere, um bei dem anschliessenden Fest dabei zu sein. Der Hirsch vollzog die Trauung und sprach dann:

Jetzt werden wir uns ans Buffet begeben und anschliessend tanzen wir einen “Forró“!

Und als sie alle am Tisch Platz genommen hatten, um zu speisen, fing der Affe an, mit viel Charme und Talent an einen Witz zu erzählen, und bei der Pointe wollten sich alle ausschütten vor lachen. “Mãe-da-lua“, die Braut, riss plötzlich ihren riesigen Mund auf beim Lachen, und “Bacurau“, ihr Bräutigam, erschrak furchtbar und floh in den Wald. Als die Braut verstand, dass sie ihn erschreckt hatte, und er nicht wiederkommen würde, zog sie sich traurig in ihre alte Wohnung zurück. Von dort hört man ihren sehnsuchtsvollen Ruf:

Bacurau foi, foi, foi… (er ist weg, ist weg, ist weg…)

Und er antwortet dann immer:
Amanhã eu vou, amanhã eu vou, eu vou, vou… (Morgen komm’ ich, morgen komm’ ich, ich komm’). Aber weil er den Anzug nicht zurückgegeben hat, den er von den Vögeln geliehen, kann er sich tagsüber nicht mehr sehen lassen.

Dank der Verinnerlichung indigener Folklore im brasilianischen Volk, besitzen die Federn des “Bacurau“ einen symbolischen Wert in vielen Regionen Brasiliens, so wie ein Amulett, welches in der Regel als Glücksbringer und Beschützer getragen wird. “Mit den Federn des “Urutau“ pflegt man in einigen Teilen Amazoniens den Boden unter der Hängematte einer Braut zu kehren, um die zukünftige Ehefrau vor Verführungen und Sünden zu bewahren“ (Rodolpho von Ihering, 1968) und ausserdem: “… damit sie ehrlich, dem Ehemann treu sind und gute Mütter werden“ (Nomura, 1996).

Ähnliches weiss man auch vom getrockneten Federkleid eines “Urutau“ zu sagen: “In früheren Zeiten tötete man einen dieser Vögel und zog ihm die Haut samt der Federn ab, die, nachdem sie in der Sonne getrocknet war, dazu diente, die Töchter in den ersten Tagen ihrer Pubertät darauf zu setzen.“ Man erzählt, dass ein Mädchen drei Tage lang auf dem Federbalg sitzen musste, während die Matronen der Familie sie aufsuchten und sie auf ihre zukünftige Ehe und Mutterschaft vorbereiteten – ihr den Rat gaben, ehrlich und treu zu sein. Schliesslich durfte die Jungfrau “geheilt” vom Federbalg aufstehen – sie war jetzt gegenüber sämtlichen Versuchungen heimlicher Leidenschaften immun (Rodolpho von Ihering, 1968).