Der Uirapuru – Orpheuszaunkönig

Veröffentlicht am 2. Oktober 2014

Haben Sie schon mal eine Musik gehört, die so schön war, dass Sie unwillkürlich alles stehen und liegen liessen, um ihr zu lauschen? Genau das wird nämlich geschehen, wenn Sie den Gesang des “Uirapuru-verdadeiro“ (Cyphorhinus arada) – Orpheuszaunkönig – zum ersten Mal hören. Man sagt, dass sogar die anderen Vögel schweigen, wenn seine Flötenstimme durch den Wald schallt – auch auf sie übt der unvergleichliche Gesang des kleinen Vogels eine geradezu hypnotische Wirkung aus.

Verschiedene Vögel Amazoniens, des Pantanals und des Atlantischen Regenwaldes werden mit dem Namen “Uirapuru“ bezeichnet. Ihre Mehrheit gehört der Familie Pipridae an, wie zum Beispiel der “Dançarino-da-cabeça-vermelha“ (Tänzer mit dem roten Kopf), der in der Fortpflanzungsperiode seine Angebetete mit Tanzschritten betört, die denen eines Michael Jackson gleichen. Wenn es allerdings auf die Musik ankommt, kann sich kein einziger dieser befiederten Tänzer mit dem Gesang des “Uirapuru-verdadeiro“ (dem echten Uirapuru) vergleichen, einem Vogel aus der Familie Troglodytidae, der wegen seines aussergewöhnlich eindrucksvollen Gesanges von zahlreichen Mythen und Legenden umgeben ist.

uirapuru

Eine dieser Geschichten handelt von einem Indio-Krieger, der sich in die Ehefrau seines Häuptlings verliebt hat. Und weil er sich ihr nicht nähern darf, erbittet der Jüngling vom Gott Tupã die Gnade, ihn in einen Vogel zu verwandeln. In seiner beflügelten Gestalt verbringt er nun jede Nacht in der Nähe seiner Geliebten, um für sie zu singen. Jedoch auch der Häuptling hört die süsse Musik und fängt an, den kleinen Vogel zu verfolgen, um ihn einzusperren.

Der versteckt sich im Wald, so dass ihn der Häuptling nicht finden kann. Und er gibt nicht auf. Jede Nacht singt er für seine Angebetete in der Hoffnung, dass sie ihn an seiner besonderen Stimme erkennen möge.

Eine andere Sage erzählt von Oribici, einer Indianerin, die den Häuptling ihres Volkes liebte. Aber sie hatte eine Konkurrentin. Um sich entscheiden zu können, welche der beiden Mädchen er zu seiner Ehefrau wählen würde, organisierte der Häuptling einen Wettkampf mit Pfeil und Bogen. Die Niederlage war für Oribici eine Katastrophe. Sie weinte so sehr, dass ihre Tränen ein Bächlein entstehen liessen. Erschüttert von dem Elend der jungen Indianerin, beschloss Gott Tupã, Oribicis verlorene Liebe mit einem besonderen Geschenk zu kompensieren und verwandelte sie in einen Vogel mit einem aussergewöhnlich schönen Gesang, der alle Vögel des Waldes verzaubert.

Eine dritte Legende erzählt von einem Vogel, der von einem Pfeil mitten ins Herz getroffen wurde, abgeschossen von einem Mädchen, das sich in seinen Gesang verliebt hatte. Der Vogel verwandelte sich in einen schönen Jüngling. Von Eifersucht geplagt, spielte der Schamane eine Melodie auf seiner magischen Flöte und der Jüngling verschwand für immer. Jedoch seinen Gesang kann man bis zum heutigen Tag im Regenwald vernehmen.

Der “Uirapuru-verdadeiro“ wird als Glücksbringer angesehen. Es gibt Menschen, die glauben, dass ein Mann, der eine Feder des Vogels bei sich trägt, eine unwiderstehliche Anziehung auf die Frauen ausübt und mit seinen Geschäften stets Erfolg hat. Andere sind davon überzeugt, das eine Frau, die ein Stück vom Nest des Uirapuru ergattern kann, ihren Geliebten ein Leben lang in Treue und Zuneigung an sich bindet. Aber solcher Aberglaube ist andererseits gefährlich für die Erhaltung der Spezies – denn dazu müsste man das Vögelchen fangen und sein Nest zerstören, in dem er seine Jungen aufzieht.

Ich ziehe es vor, an die Legende zu glauben, die besagt: Wenn man den Gesang des “Uirapuru“ hört, sich etwas zu wünschen, das in Zukunft in Erfüllung gehen wird. Auf diese Weise können wir eine der schönsten Vogelstimmen propagieren, die man im Amazonas-Regenwald zu hören bekommt, ohne seine willkommene Existenz deshalb zu gefährden.


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