Blaue-Lear-Aras

Veröffentlicht am 20. Januar 2012

Im Verlauf von sieben Jahren hat sich die Population der Araras-azuis-de-Lear (Anodorhynchus leari) – der Blauen-Lear-Aras im brasilianischen “Sertão“ (halbtrockenes Hinterland) verdreifacht – eine gute Nachricht.

Sein besonderer Reichtum an Vogelarten hat Brasiliens Ruhm schon früh begründet – schon zu Zeiten der grossen Seefahrer brachte ihm das den Beinamen “Terra dos Papagaios“ (Papageienland) ein. Und dieser Titel macht noch bis heute Sinn, denn Brasilien ist das an “Psitacideen“ reichste Land unseres Planeten – der Familie der Aras, Maritacas, Papageien und Sittichen. Leider ist auch ein anderer Rekord Teil unserer Geschichte, nämlich der, auch den grössten Anteil bedrohter Arten dieser Familie zu besitzen: 24% von ihnen sehen einer ungewissen Zukunft entgegen, vor allem durch den Verlust ihres Habitats und durch den illegalen Tierhandel.

[flickr tags=“anodorhynchus,leari“ items=““]

Die vier original brasilianischen, blauen Ara-Spezies, zum Beispiel, sind im “Appendix I“ der Konvention über den “Internationalen Handel der wilden Fauna- und Flora-Spezies in Gefahr des Aussterbens“ (CITES) aufgelistet, die unter anderem den Handel und Transport solcher Tiere ohne spezielle Dokumente verbietet. Von der dazu gehörigen Spezies “Arara-celeste” (Anodorhynchus glaucus) hat man schon kein Lebenszeichen mehr – auch nicht in Gefangenschaft. Die “Ararinha-azul“ (Cyanopsitta spixii) – ebenfalls eine dieser vier Arten – gilt als ausgerottet in der freien Natur, und die Versuche zur Rettung dieser Spezies, indem man gezüchtete Exemplare in Freiheit setzt, scheitern am Widerstand der privaten Züchter, ihre Maskottchen herzugeben.

Der grösste Vertreter der Blauen, der “Arara-azul-grande” oder “Arara-una“ (Anodorhynchus hyacinthinus) wird als “verletzlich“ eingestuft, und seine Überlebenschancen hängen vom Erfolg gewisser Erhaltungs-Projekte ab, wie zum Beispiel dem “Projeto Arara-azul“ unter der Koordination von Neiva Guedes, im Pantanal von Mato Grosso. Auch die Zukunft des “Arara-azul-de-Lear (Anodorhynchus leari), aufgelistet als ernstlich gefährdet, liegt in den Händen der Naturschützer und hängt von einer Verbesserung ihres natürlichen Lebensraumes sowie genügend Nahrung und adäquater Unterkunft für die Population in freier Natur ab.

Die erste wissenschaftliche Beschreibung des “Anodorhynchus leari“ stammt von Charles Lucien Bonaparte, einem Neffen Napoleons, dem dazu ein Ausstellungsexemplar des Pariser Museums für Naturgeschichte und eine Illustration des Engländers Edward Lear diente – daher der letzte Namenszusatz des Vogels. Damals waren die Informationen über seine Herkunft ungenau, die Angaben erschöpften sich mit “Brasilien“. Erst ein Jahrhundert später organisierte der Ornithologe Helmut Sick, Doktor der Naturwissenschaften an der Universität Berlin, eine Expedition, um eine Karte des Verbreitungsgebiets jener Spezies anzufertigen. Dieses Vorhaben nahm ihn volle zehn Jahre in Anspruch, so berichtet er selbst in seinem Buch “Brasilianische Ornithologie“ – er schreibt: “Wir entdeckten, zusammen mit M. Texeira und Luiz P. Gonzaga, die Heimat des A. leari im “Raso da Catarina“, im Nordosten Bahias (Dezember 1978), und dies war tatsächlich eine Entdeckung – keine Wiederentdeckung. Es ist der einzige Ara jener Region“.

Sick zitiert ihn zwar nicht in seinen Berichten, aber “Caboclo“ war dabei – damals war er sieben Jahre alt. So nennt man den heute 33 Jahre alten Eurivaldo Macedo Alves, der im kleinen Ort Canudos geboren wurde und am Fuss der “Serra da Toca Velha“ lebte, wo der deutsche Ornithologe zum ersten Mal mit dem “Arara-azul-de-Lear“ zusammentraf. “Er war ausser sich vor Freude, weil er diesen Vogel schon seit Jahren gesucht und kein Exemplar davon je in Freiheit entdeckt hatte“, erzählt er. “Der Sick sprach die ganze Zeit nur Deutsch, rief die anderen Kollegen, sie machten Fotos – der Gringo benahm sich wie ein Verrückter“.

Die Entdeckung der Schlaf- und Nistplätze – zwischen den bahianischen Munizipien Canudos und Jeremoabo, über Euclides da Cunha bis nach Paulo Afonso – half, die Grösse der Population jener seltenen Vögel zu bestimmen. Aber das machte sie auch verwundbarer gegenüber dem illegalen Handel mit Wildtieren. Gegen Ende der 80er Jahre bis 1991 erklärte man sie als in freier Natur ausgestorben – als plötzlich ein paar Exemplare von ihnen entdeckt wurden, zu deren Schutz 1992 eine Arbeitsgruppe gegründet wurde. Die nennt sich heute “Comitê para Conservação e Manejo da Arara-azul-de-lear”, koordiniert die Aktionspläne des “Instituto Brasileiro de Meio Ambiente e Recursos Naturais Renováveis (IBAMA)” und begleitet deren Implantierung.

Eines der grössten Probleme, und sicher auch die grösste Herausforderung, ist der Sieg über den illegalen Tierhandel. Ara-Fänger, so nennt man diese Wilddiebe, erklettern die Steilwände der “Serra Branca“ und “Toca Velha“, ergreifen die Jungvögel und nähren mit ihnen einen Millionenmarkt illegaler Sammler in der ganzen Welt.

Im Jahr 2001 übernahm das “Centro Nacional de Pesquisas para Conservação das Aves Silvestres (Cemave-Ibama)” die Koordination der Feldaktivitäten des Komitees und die Ausführung der verantwortungsvollsten Projekte des ambientalen Organs – zusammen mit zwei nicht-staatlichen Organisationen: der “Associação Brasileira para Conservação das Aves (Proaves)“ und der “Fundação Biodiversitas“.

Von der Feldbasis der Serra Branca – zirka 50 km von Jeremoabo entfernt – werden Aktionen durchgeführt, die begonnen haben, den Lauf der Geschichte dieser seltenen Vögel zu verändern. Zur Zeit ihrer Reproduktion – zwischen November bis März – machen sich Biologen, Tierärzte und Techniker jeden Morgen vor Sonnenaufgang zur Kontrolle der Nester und der Zählung der Exemplare bereit. Eine Art von statistischer Aufstellung wird monatlich durchgeführt und parallel dazu an den zwei bedeutendsten Nistplätzen. Vor sieben Jahren gab es nur noch 170 Exemplare – heute sind es 550 Aras, eine dreimal so grosse Population.

Die Veterinärin Débora Malta Gomes und der Biologe Bruno de Freitas Xavier befinden sich unter jenen Forscher-Bewachern. Wie sie sagen, ist das beste Mittel, den Handel zu unterbinden, die Präsenz von Profis im Aktionsfeld. Neben ihrer physischen Präsenz, welche die Ara-Fänger abschreckt, können sie die Gewohnheiten und das Verhalten der Vögel studieren, um damit Wissenslücken über diese Tiere zu füllen und über mögliche Lösungen des Problems ihrer Erhaltung nachzudenken.

Während der Zählungen, zum Beispiel, registrieren die Wissenschaftler nicht nur die Zahl der existierenden Vögel, sondern beobachten auch eventuelle Abwanderungen der Population. Jeden Monat verteilen sich zwei Beobachtungsgruppen zwischen der Serra Branca und Toca Velha, um während drei Tagen die Aras zu begleiten – vorzugsweise an Tagen des Neumonds, wenn die Vögel früher zu ihren Nestern an den Steilwänden zurückkehren.

Bei der Zählung gegen Ende des Jahres 2004, im November, zählten die Beobachter 441 Individuen, eine kleinere Zahl als im Monat davor, die bei 550 lag. “Dieses Ergebnis war zu erwarten“, erklärt Debora – “Viele Aras hatten sich bereits gepaart. Es war der Anfang der Reproduktion und die Paare mit gemachtem Nest pflegen sich nicht mehr daraus zu entfernen“.

Und wenn die Aras die Steilwände nicht mehr verlassen, dann kommen die Techniker zu ihnen: Die Nester werden monitoriert, um das reproduktive Verhalten des “Arara-azul-de-lear“ zu verstehen – zu erfahren, wie viel Paare jeweils wie viele Junge haben werden und ob die Vergrösserung der Population tatsächlich stattfindet. Kontrollrunden vervollständigen die Aktionen der Tierschützer, die sich sogar mit der Erhaltung der Licuri-Palme beschäftigen, der bevorzugten Nahrungsquelle der Aras.

Die grösste Veränderung allerdings kann man im Verhalten und den Aussagen der lokalen Bewohner feststellen. Als Otávio Manuel Nolasco, geboren in Jeremoabo, die zwanzig Hektar der Fazenda Santa Branca gekauft hatte – in den 80er Jahren – zählte er nicht mehr als 30 Aras. Heute sind es mehr als doppelt so viele. “Die Evolution ist in meinen Augen bewiesen“, sagt er.

Eurivaldo, der „Caboclo“, aufgewachsen zwischen den Felsen der „Toca Velha“ in Canudos, hat auch nie mehr als 35 Aras in den 80er Jahren gezählt. „Und zwischen 1994 und 1995 gab es eine Zahl von 72 Vögeln“, garantiert er. „Die Zahl der Leute zum Zählen war gering. Das war auch keine feste Zahl. Aber ich hab gezählt – hab immer gezählt, und ich zähle bis heute genauso und glaube, dass die Population der Aras gewachsen ist“.

Caboclo, Otávio und einige andere Bewohner von “Raso da Catarina“ schlossen sich dem Ruf der Spezialistengruppe zur Verteidigung des „Arara-azul-de-lear“ an. Und heute bedeutet die Involvierung der gesamten Kommune einen der grössten Erfolge dieses Projekts zum Schutz der Vögel. Caboclo glaubt an die Wirkung einer ambientalen Erziehung. Er garantiert, dass den Bewohnern von Jeremoabo, Canudos und Euclides da Cunha die Bedeutung der Aras für die Region bereits bewusst ist.

„Heute haben es die Ara-Fänger nicht mehr so leicht, sich in unseren Besitz einzuschleichen, um die Nester zu plündern“, sagt er. „Die Besitzer lassen niemanden mehr jagen, und die Bewohner können auf die Unterstützung der IBAMA, der Cemave und der Bundespolizei rechnen – sogar auf die der Präfektur. Ich selbst werde nicht weggehen aus Toca Velha, nicht mal wenn ich gestorben bin – sondern dann werde ich diese Ara-Fänger noch als Geist verfolgen“.