Roraima Teil 3: Pacaraima – am scheinbaren Ende der Welt

Veröffentlicht am 13. April 2013

Mühsam quält sich der Bus über die schmale Landstraße, die Fahrt erschüttert Seele und Körper gleichermassen. Zum einen ist es die Trostlosigkeit, die das Gebiet nördlich der Hauptstadt Boa Vista zu überziehen scheint, zum anderen sind es die unzähligen Schlaglöcher, welche der einzigen Verbindung an die venezolanische Grenze eine ganz spezielle Charakteristik verleihen und das Ziel im offensichtlichen Nirgendwo noch verlorener erscheinen lassen.

Der durchaus gut gefüllte Reisebus ist auf dem Weg nach Pacaraima, der wohl abgelegensten Grenzstadt Brasiliens. Im Zentrum – wenn man es denn überhaupt als solches bezeichnen kann – leben gerade einmal 5.000 Menschen, hinzu kommt noch einmal die gleiche Zahl Angehöriger indigener Gruppen, welche das knapp 8.000 Quadratkilometer umfassende Munizip besiedeln.

Die BR-174 zwischen Boa Vista und Pacaraima

Die BR-174 zwischen Boa Vista und Pacaraima

Knapp vier Stunden dauert die Fahrt über die 215 Kilometer lange BR-174 mit ihren Hinweisschildern, die sich pauschal in zwei Gruppen einteilen lassen. Immer wieder wird auf dem Weg auf die verschiedenen Indianerterritorien hingewiesen, die man gerade durchquert, zum anderen warnt die Straßenbehörde vor den bereits erwähnten Schlaglöchern. Warntafeln sind billiger als Reparaturarbeiten, diese Erkenntnis hat man bei der Ankunft an der Grenze zu Venezuela mit Sicherheit verinnerlicht.

Über 800 Höhenmeter hat der Reisende überwunden, und auf 920 Metern über dem Meeresspiegel hat sich nicht nur die Landschaft sondern auch das Klima deutlich verändert. Es ist das höchste Munizip im Bundesstaat und Ausgangspunkt für Exkursionen zu zahlreichen Naturschönheiten. So lockt auf der anderen Seite der Grenze nicht nur die „Gran Sabana“, eine fast 11.000 Quadratkilometer umfassende und von Gebirgsketten umschlossene Hochebene, auch mächtige Tafelberge wie der „Monte Roraima“ oder gewaltige Wasserfälle wie der „Salto Ángel“ mit seiner Fallhöhe von fast einem Kilometer im Nationalpark Canaima sind beliebte Ausflugsziele der Touristen.

Pacaraima ist jedoch vornehmlich ein Bindeglied der brasilianisch-venezolanischen Freundschaft. Es ist die einzige Grenze zwischen beiden Ländern und der lokale Warenverkehr hält den kleinen Ort am scheinbaren Ende der Welt am Leben. Zwischen beiden Grenzanlagen wurde eine überdimensionale Tankstelle aus dem Boden gestampft, der fast kostenlose Sprit aus dem Karibikstaat ist bei den Brasilianern begehrt – wenn denn die Tanks einmal gefüllt sind. Dann lohnt sich selbst die zweimal 200 Kilometer lange Fahrt von Boa Vista an die Grenze und wieder zurück.

Grenze zwischen Brasilien und Venezuela im Nirgendwo

Grenze zwischen Brasilien und Venezuela im Nirgendwo

Für die Bewohner der venezolanischen Grenzstadt Santa Elena de Uairén war die brasilianische Seite aufgrund der dort angesiedelten Geschäfte viele Jahre interessant, doch die zunehmende Geldentwertung in Venezuela lässt die Produkte im größten Land Südamerikas stets teurer werden, die Kundschaft bleibt mittlerweile immer häufiger aus. Das spüren auch die Geldwechsler am kleinen Busbahnhof in Pacaraima, die den Ankömmlingen bündelweise venezolanische Banknoten unter die Nase halten, um sie illegal und zum verhandelbaren Schwarzmarktkurs gegen harte Reais einzutauschen.

„Am Anfang war hier nur das Militär, um die Grenze zu schützen“ erklärt Jorge, der am Busbahnhof einen kleinen Imbiss betreibt. Damals kannte man den Fleck nur unter der Bezeichnung BV-8, später nannte man die Ansiedlung dann Vila Pacaraima. Erst 1995 wurde das von Savannen und schroffen Felsen gekennzeichnete Munizip eigenständig, zuvor gehörte es verwaltungstechnisch zur Hauptstadt Boa Vista.

Die Region, die seit Jahrhunderten von indigenen Gruppen besiedelt wird, hat sich augenscheinlich nicht verändert, sieht man von der Verbindungsstraße und einigen an deren Rand gelegenen Ansiedlungen einmal ab. Mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von 21 Grad ist sie zwar wesentlich kühler als der amazonensische Teil des Bundesstaates im Süden, bietet jedoch auch deutlich weniger Nutzflächen für Ackerbau und Viehzucht. Es waren daher auch die großen Vorkommen an Gold und Diamanten, die letztendlich für die gegen alle Widerstände der Ureinwohner durchgesetzte letzte Kolonisierung in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts verantwortlich gemacht werden dürfen.

Heute haben die Indianer ihre ursprünglichen Territorien zumindest auf dem Papier zurückerhalten. Die sogenannte „Demarkation“ beschäftigt allerdings seit Jahrzehnten die Justiz, erst vor wenigen Jahren wurde durch die höchsten Gerichte im fernen Brasília verschiedene Kolonien für illegal erklärt. Knapp die Hälfte des Bundesstaates sind ausgewiesene Schutzgebiete der Ureinwohner. Doch auch weiterhin treiben in der Region Goldgräber ihr Unwesen, immer wieder kommt es dabei auf beiden Seiten der Grenze zu Zwischenfällen. Denn die brasilianischen Goldsucher versuchen ihr Glück inzwischen immer häufiger in Venezuela, da ihnen die Umweltpolizei im eigenen Land deutlich schneller auf die Schliche kommt.

Rund ein Dutzend verschiedener Ethnien teilen sich heute wieder die hügelige Landschaft im extremen Norden, darunter auch die bekannten Yanomami-Indianer. Weitere Volksgruppen sind die Macuxi, Taurepang, Ingarikó, Wapixana oder Yekuana. Sie alle sind noch heute von der Übermacht der fast 40.000 Goldsucher gezeichnet, die vor einem knappen Vierteljahrhundert in die Region eingefallen sind. Sie mussten sich schnell der modernen Welt anpassen, nicht zuletzt um die eigene Kultur zu retten. Vor allem von den Siedlern eigeschleppte Krankheiten dezimierten zu Beginn die Volksgruppen erheblich, wahre Tuberkulose-Epidemien wüteten in den Dörfern. Heute überwacht die Brasiliens Indianerbehörde Funai die medizinische Betreuung, Funkgeräte und Satellitenanlagen sind als Kommunikationsmittel allgegenwärtig.

Die Ureinwohner haben sich dem modernen Leben angepasst

Die Ureinwohner haben sich dem modernen Leben angepasst

Und auch entlang der BR-174 warten immer wieder Angehörige der verschiedenen Volksgruppen auf den Bus, der sie nach Boa Vista oder Pacaraima zu einer Behörde, einem Arzt oder einfach nur zu dort lebenden Verwandten bringen soll. Man erkennt sie heute nur noch an den Gesichtszügen, mit normaler Straßenkleidung und einem Mobiltelefon am Ohr unterscheiden sie sich bei einer solchen Reise faktisch überhaupt nicht mehr von der nicht-indigenen Bevölkerung des Bundesstaates. Und doch leben sie gerne in ihren abgeschieden kleinen Siedlungen, wo sie zumindest ansatzweise noch ihren von den Vorfahren überlieferten Traditionen nachgehen können. Auch wenn die moderne Zeit sie längst eingeholt hat.

Auch in Pacaraima und in Santa Elena de Uairén sieht man die wahren Besitzer des Landes gelegentlich im Straßenbild, dann allerdings meist aus der Not heraus. Sie versuchen Handarbeiten wie Schmuck oder geflochtene Körbe an die wenigen Besucher und Touristen zu verkaufen, seitdem eine Selbstversorgung in den Dörfern durch zu viel Einmischung des Staates kaum noch möglich ist und das Geld für den Kauf von Lebensmitteln fehlt. Doch dies ist keineswegs ein regionales Problem. Landesweit kämpfen die brasilianischen Ureinwohner um ihre Existenz, doch im vom Rest des Landes entnabelten Norden erhält diese Tatsache einen ganz anderen Stellenwert.

Und so steht Roraima auch zukünftig vor gewaltigen Herausforderungen. Die wirtschaftliche und touristische Entwicklung steht hoch oben auf der Agenda der Verantwortlichen, die ethnischen Volksgruppen werden allen Gegenmaßnahmen zum Trotz immer stärker zur Inklusion – oder noch schlimmer – zur Integration gedrängt. Das Leben im extremen Norden Brasiliens, einst geprägt vom egoistischen Pioniergeist auf der Suche nach Reichtum, sucht nun den Anschluss. Und die Verlierer dieser Entwicklung stehen schon heute fest.

Roraima: der vergessene Norden Brasiliens

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