Der Planet Erde ohne Wasser

Veröffentlicht am 22. März 2012

“Das Wasser auf dem Planet Erde zu schützen bedeutet, die Zukunft unserer Spezies zu sichern“.

Es ist kaum zu glauben, dass dies hier geschehen könnte, wo zwei Drittel der Oberfläche von immensen Meeren, Flüssen, Seen und Eisbergen bedeckt sind – um vom gigantischen unterirdischen Wasservorrat erst gar nicht zu reden. Trotz alledem, es geschieht hier . . .

Several TVs with imagesDenn es ist eine Tatsache, dass nur ein kleiner Teil dieser Wassermenge aus Süsswasser besteht. Und es ist auch eine Tatsache, dass seine Verteilung auf unserem Planeten ungleichmässig ist. Wir sprechen von Ressourcen, die ständig erneuert werden, die bereits in genügender Menge vorhanden waren, um die Bedürfnisse aller Lebewesen auf unserem Planeten zu befriedigen. Der Bericht über die weltweite Entwicklung des Wassers, verbreitet von der Unesco im Jahr 2003, recherchiert vom verantwortlichen Organ für die Bewertung des Wassers in der Welt (WWAP) bestätigt, dass in 50 Jahren zwischen 2 bis 7 Milliarden Menschen keinen Zugang mehr zu Trinkwasser guter Qualität, und in ausreichender Menge, haben werden.

Diese Bedrohung kann man in einer einfachen Formel zusammenfassen: Wir verbrauchen mehr, als wir zur Verfügung haben – wir verschmutzen zehnmal mehr als wir verbrauchen, und wir verschwenden eine unkalkulierbare Menge unseres behandelten Wassers.

Und es existieren noch andere Elemente, die man diesem Schreckensbild hinzufügen muss, weil das Wasser ja nicht nur von Menschen verbraucht wird – es wird mit allen anderen Lebewesen geteilt. So wie die menschliche Bevölkerung, werden Milliarden von Exemplaren der 10 Millionen Spezies unseres Planeten ebenfalls unter den Konsequenzen unserer Verschmutzung, unseres Konsumexzesses und unserer Verschwendung zu leiden haben.

Mehr: so wie andere Gaben der Natur, von der die Menschheit abhängt, ist das Wasserangebot direkt abhängig vom Konservierungszustand der natürlichen Umgebung. Wenn also die Milliarden von Lebewesen, aus denen die Vielfalt der natürlichen Ökosysteme besteht, vom Untergang bedroht sind, bedeutet das, dass die grundlegenden ökologischen Funktionen angegriffen werden und das Risiko eines Zusammenbruchs der Süsswasser- Ökosysteme besteht, das jedwede Lösungsperspektive unwahrscheinlich macht.

Die Gründe für das Fehlen von Wasser in der Welt zu identifizieren ist deshalb der erste Schritt zur Verhinderung einer solchen Katastrophe. In den letzten Jahrzehnten werden die internationalen Diskussionen über dieses Thema von zwei Tendenzen gespalten. Die erste, sie beherrscht die offizielle Sphäre, schreibt das Problem der schlechten Nutzung der hydrischen Ressourcen zu und einem Fehlen von modernen Modellen zu einer wirtschaftlicheren Nutzung des Wassers. Die andere, sie wird von nicht-staatlichen und akademischen Gruppen verteidigt, bezeichnet die globale Zerstörung der Biodiversifikation als die Ursache der Krise. Die eigentlichen Gründe sind in Wirklichkeit komplementär, und aus der Fusion dieser beiden Strömungen – sowie der Lösungen, auf die beide hindeuten – wird man einen Ausweg für die Zukunft konstruieren.

Länder mit mehr Wasser pro Kopf und Jahr

  • 01.) Franz. Guyana: 812.121 m3
  • 02.) Island: 609.319 m3
  • 03.) Guyana: 316.689 m3
  • 04.) Surinam: 292.566 m3
  • 05.) Kongo: 275.679 m3
  • 06.) Papua Neu Guinea: 166.563 m3
  • 07.) Gabun: 133.333 m3
  • 08.) Salomon Inseln: 100.000 m3
  • 10.) Neuseeland: 86.554 m3
  • 23.) Brasilien: 50.810 m3

Länder mit wenig Wasser pro Kopf und Jahr

  • 01.) Kuwait: 10 m3
  • 02.) Ver. Arabische Emirate: 58 m3
  • 03.) Bahamas: 66 m3
  • 04.) Quatar: 94 m3
  • 05.) Malediven: 103 m3
  • 06.) Lybien: 113 m3
  • 07.) Saudi Arabien: 118 m3
  • 08.) Malta: 129 m3
  • 09.) Singapur: 149 m3
  • 10.) Jordanien: 179 m3

Fakt ist, dass der wachsende Bedarf von Wasser auf unserem Planeten sich vervielfacht: während die Weltbevölkerung sich zwischen 1900 und 1997 etwa verdoppelte, wuchs der Wasserverbrauch um das zehnfache! Daten von 1940 verzeichnen einen mittleren Verbrauch pro Person von 400 Kubikmeter pro Jahr, dagegen betrug der Verbrauch 1990 durchschnittlich 800 Kubikmeter pro Jahr! Dieser Konsum begreift alles Wasser produktiver Aktivitäten mit ein, inklusive die Durststillung der gesamten Menschheit.

Nicht genug, dass die Ökosysteme des Süsswassers allein durch den gewaltigen Bedarf an Trinkwasser und für die Produktion unter Druck stehen – die wertvollen Flüsse wurden und werden immer noch zur Aufnahme von Abwässern, Haushalts- und Industriemüll, sowie chemische Rückstände von Agrargiften missbraucht. Man schätzt, dass zirka 2 Millionen Tonnen Müll täglich in Flüsse und Seen der Erde gelangen, und dass 12 Kubikkilometer Wasser weltweit verschmutzt werden. Wenn diese Verschmutzungswerte im gegenwärtigen Rhythmus weiter wachsen, springt diese Zahl auf 18 Kubikkilometer bis 2050!

Die Situation wird noch gravierender aus der Perspektive der fahrlässigen Nutzung und der fehlenden Aufsicht – ein unkalkulierbares Volumen an Wasser verliert sich innerhalb der Leitungen, besonders durch Infiltrationen und undichte Stellen. In Europa gibt es Verlustmeldungen, die bei 10% liegen. Einige Orte in Asien, wie zum Beispiel Singapur, verlieren 6%. In Brasilien, so hat eine Gruppe von Forschern der ”Pós-Graduação e Pesquisa em Engenharia” von der staatlichen Universität in Rio de Janeiro (Coppe-UFRJ) ermittelt, liegt die Verlustquote bei 47% – mit anderen Worten: Zirka 6 Milliarden Kubikmeter behandelten Wassers werden pro Jahr verloren!

Obwohl die Zahlen hinsichtlich des Konsums, des Verlustes und der Verschmutzung des Wassers aggressiv daherkommen, fehlen in diesen Aufstellungen klare Referenzen bezüglich der Funktion der verschiedenen Elemente, aus denen der Zyklus des Wassers besteht. Die Zerstörung der Natur, zum Beispiel, sie wird selten im Zusammenhang mit der Wasserfrage dargestellt, obwohl den Rodungen der letzten zwanzig Jahre Millionen Hektar Wald zum Opfer fielen – auf dem Planeten insgesamt mindestens 16 Millionen Hektar Verlust pro Jahr – so die Organisation der Vereinten Nationen für Landwirtschaft und Ernährung (FAO).

Die Vernichtung der Wälder beeinflusst den Grundwasserspiegel und reduziert das Wasserangebot in den entwaldeten Gebieten, mit direkter Einwirkung auf die Ökosysteme des Süßwassers, wie katastrophalen Überschwemmungen, verursacht durch die Degradation des Bodens – Ausrottung der Spezies (Fische und andere Aquatische Tiere) – Zuschüttung von Quellen und bewässerten Arealen. Es bildet sich ein Teufelskreis, der den Grundwasserspiegel noch weiter sinken lässt und das Volumen der Flüsse durch Versandung reduziert. Die Konsequenzen aus einer Unterbrechung der natürlichen Produktions- und Reinigungssysteme des Wassers gehen weit über die Grenzen einer wirtschaftlichen Betreuung hinaus. Aus einem einfachen Grund: Degradierte Ökosysteme und ausgerottete Spezies können nicht vom humanen Genie „wieder hergestellt“ werden – von dem sie zerstört wurden!

Unter der Menge jener Probleme, welche durch die Zerstörung der natürlichen Ressourcen entstanden sind, befindet sich auch die globale Erwärmung. Die klimatischen Veränderungen, die von der Emission von Gasen in die Atmosphäre verursacht werden, provozieren bereits Veränderungen im jährlichen Regenzyklus – erhöhen die Perioden und die Intensität der Wärme – verlängern Trockenheit und bilden die Auslöser für grosse Unwetter und Überschwemmungen. Die Konsequenzen aller dieser Veränderungen auf die Ökosysteme des Süßwassers erhöhen das Risiko einer Verknappung – und zwar gewaltig!

Auch den unkontrollierten ausbeuterischen Eingriffen in die Naturressourcen muss ein Ende gesetzt werden, denn sie schaffen neue Kategorien der Wasserverknappung. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sind wir soweit, dass das Naturprodukt Wasser in die Kategorie ”Blaues Gold“ aufgenommen werden muss und seine Bestände im gegenwärtigen Konsummodell bereits als ungenügend eingestuft werden müssen. Deshalb sind wir dazu übergegangen, Wasser als Handelsprodukt zu betrachten und zu behandeln – damit regeln wir seine Nutzung. In der ganzen Welt erscheinen inzwischen Mechanismen zur Begrenzung und Bewertung des Wassers, wie die Ergebnisse der letzten Weltgipfel über dieses Thema demonstrieren: Das Dokument des 3. Weltwasser-Forums“ in Japan 2003 enthält eine lange Liste an Empfehlungen hinsichtlich der Behandlung der Ressourcen – allerdings nur einen einzigen lakonischen Artikel von vier Zeilen über die Erhaltung der Biodiversifikation.

Die Erklärung des 4. Forums, 2006 in Mexiko, ist noch diskreter. Es begrenzt sich auf die lapidare Bestätigung: “Wir vermerkten mit Interesse die Bedeutung einer Ergänzung der Erhaltung der Ökosysteme“.

Auf jeden Fall hat die Universalisierung der Diskussionen den Vorzug, die Suche nach Lösungen zu erweitern, selbst wenn sie sich auf die wirtschaftlichen Aspekte konzentriert. Viele Länder verfügen heute über spezifische Gesetze betreffs ihrer hydrischen Ressourcen. In Brasilien ist das nicht anders: An 23. Stelle unter den Ländern mit dem grössten Wasservolumen pro Person, sind in diesem Land noch 40% der Haushalte ohne Zugang zum Wasserversorgungsnetz und mehr als 65% der Haushalte ohne Anschluss an ein Abwassernetz. Die Flüsse werden als Abfallgruben von Haushalten und Industrien missbraucht, darüber hinaus nehmen sie grosse Mengen an Erde auf, die in der Regel von Agrarpestiziden vergiftet ist. In den Städten, in denen die grössere Zahl der Brasilianer lebt, sind die natürlichen Ambiente extrem degradiert worden – die Quellen verschüttet – die ”Várzeas“ und Ufer der Flüsse von Slums (Favelas) besetzt – die Flüsse sehen aus wie Abwässer unter freiem Himmel.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, wurde 1997 das Gesetz Nr. 9433 verabschiedet, das die ”Nationale Politik der Hydrischen Ressourcen“ begründete. In ihm wird das Wasser als ”begrenzte natürliche Ressource von wirtschaftlichem Wert“ definiert, was die Basis dafür schafft, unter anderen Werkzeugen, für die Nutzung des Wassers eine Gebühr erheben zu können. Die Durchsetzung des Gesetzes geht langsam voran, aber die auf dem neuen Konzept der ”natürlichen Ressource von wirtschaftlichem Wert“ basierenden Initiativen produzieren interessante Früchte. Da ist zum Beispiel der Fall des so genannten” virtuellen Wassers“ – das heisst, die Menge des zur Produktion von Nahrungsmitteln benutzten Wassers und deshalb” exportiert“ mit den Produkten. Im Jahr 1995 waren 66% des aus den Quellen der Erde entzogenen Süßwassers für die Landwirtschaft bestimmt, so die FAO. In Brasilien betrug der Prozentsatz desselben Jahres 61%.

Spezialisten des ”Núcleo de Estudos de População” der stattlichen Universität von Campinas (NEPO-Unicamp) schätzen, dass im Durchschnitt jedes Kilo Soja etwa 2.000 Liter Wasser für seine Produktion verbraucht, während das Rindfleisch 43.000 Liter pro Kilo konsumiert. Das ”virtuelle Wasser“ ist in einer unendlichen Kette von Industrieprodukten enthalten – wie Zellulose und Papier – und es positioniert Brasilien unter die grossen virtuellen Exporteure von Wasser. Die zentrale Frage dieser Diskussion ist: Wie sieht die Relation Kosten/Nutzen dieses virtuellen Exports für das exportierende Land aus?

Zuhause demonstrieren die Industrien Einsatz zur Anpassung an die neuen Zeiten. Die ”Federação das Indústrias do Estado de São Paulo (Fiesp) und die “Agência Nacional de Águas” (ANA) haben ein ”Handbuch der Orientierung für den Industriesektor zur Konservierung und Wiederbenutzung des Wassers“ publiziert, in dem sie die Einführung von Programmen empfehlen, die sich als ”wirtschaftlich vorteilhaft“ erweisen, und die ”erlauben, die produktive Effizienz zu steigern, mit direkter Konsequenz einer Reduzierung des Wasserkonsums, einer Reduzierung von Abwässern und, als indirekte Konsequenz, eine Reduzierung des Energiekonsums und der chemischen Produkte, die Optimierung der Prozesse und die Reduzierung von Kosten mit der Wartung“. Aktionen wie diese – so erklärt das Handbuch – ”haben direkten und potenziellen Einfluss auf das Image der Unternehmen, sie demonstrieren die wachsende Bewusstwerdung des Sektors mit Relation auf die ambientale Erhaltung und die gesellschaftliche Verantwortung“.

Die Sophistikation des Mineralwasser-Marktes ist ein anderes Phänomen dieses neuen Gesichtspunkts. Die Mineralwasser stammen von natürlichen oder künstlich konstruierten Quellen und besitzen eine chemische Zusammensetzung oder physiologische Eigenschaften, die sich vom normalen Wasser unterscheiden. Jedoch hängt der wachsende Konsum der Mineralwasser nicht nur vom Qualitätsunterschied ab, sondern von zwei Faktoren: einer gewissen Unsicherheit gegenüber dem ”Leitungswasser“ und der praktischen Handhabung jener transportablen Verpackungen.

Brasilien steht an sechster Stelle der Mineralwasser-Produzenten, mit einer Produktion von zirka 6 Milliarden Liter pro Jahr. Die ”Nationale Mineralwasser-Produktion (DNPM) schätzt die Anzahl der autorisierten Quellen auf 600 – davon sind 300 in Funktion – und mehr als 3.500 neue Anträge zur Autorisierung liegen vor. Innerhalb der vom Gesetz festgelegten Grenzen zur Extraktion von Mineralwasser kann diese Aktivität ein günstiges Instrument zur Konservierung der Umwelt sein – wenn die entsprechende Überwachung effizient und oft genug durchgeführt wird. Aus marktwirtschaftlicher Sicht lockt eine solche Mineralquelle grosse internationale Unternehmen auf den Plan – Marktführer sind Multis wie Nestlé und Coca-Cola, mit einem Jahresumsatz von mehr als USD 4 Milliarden – jeder von ihnen!

In vielerlei Formen ist das Wasser nun schon längst ein Handelsprodukt, und die Befürchtung, dass dieser expandierende Markt sich zu einer Kontrolle unseres Lebenselixiers ausweiten könnte, hat den ”Conselho Nacional de Igrejas Cristãs do Brasil (Conic), die ”Conferência Nacional dos Bispos do Brasil“ (CNBB), die ”Confederação Suíça de Igrejas Evangélicas“ (SEK) und die ”Comissão Nacional Justiça e Paz da Suíça“ dazu veranlasst, im Jahr 2005 die ”Ökumenische Erklärung über das Wasser als Menschenrecht und Volksgut“ herauszugeben und zu verbreiten, in der sie das Wasser als ”fundamentales Gut des Lebens, das nicht privatisiert werden kann noch darf“ hervorheben.

Hervorhebung des Zugriffs, aber weder der Verschmutzungskontrolle noch der Konservierung der natürlichen Ambienten. Marktdisziplin anstelle einer Garantie öffentlicher Kontrolle. Wasser als Handelsware. Gefährliche Wege, die zu einer Katastrophe führen können. Die Kanadierin Maude Barlow ist die Autorin des erfolgreichsten Buches über dieses Thema – es heisst ”Blue Gold“ (Blaues Gold). Sie glaubt nicht, dass eine wirtschaftliche Regelung zu einer Lösung führen kann. ”Es ist das Problem eines Konzepts. Mir scheint es, dass man einem Zugriff zum Wasser mehr Bedeutung beimisst als der Verknappung oder der Verschmutzung. Ohne eine sehr strenge Gesetzgebung, zum Beispiel, wird man niemals die Verunreinigung des Wassers in den Griff bekommen“, sagt die Autorin. Für sie ist die bedeutendste Tatsache die, dass ”das Wasser der Erde gehört und allen auf ihr lebenden Wesen. Es ist ein humanes Grundrecht und nicht eine Handelsware. Und es muss für zukünftige Generationen bewahrt werden. Wenn man es privatisiert, wer kümmert sich dann noch um die Natur? Wen wird es interessieren, ob die Tiere Zugang zum Wasser haben? Oder ob die Ökosysteme ausreichend bewässert werden?

Mit anderen Worten haben die Ureinwohner Kanadas dieselbe Frage in ihrer Erklärung über das Wasser, aus dem Jahr 2001, behandelt: ”Wenn das Wasser bedroht ist, sind alle lebenden Wesen ebenfalls bedroht. Unsere Herzen weinen, wenn wir beobachten, auf welche Art und Weise die Menschen, unter Billigung von Regierungen und multinationalen Unternehmen, das Wasser aus Gründen ihrer Gier zerstören. So wie uns das Wasser lebendig erhält, müssen wir um das Leben des Wassers kämpfen“.

Wenn man wirtschaftliche Aspekte und solche des Naturschutzes separat behandelt, führt das zu Missverständnissen, die eine noch grössere Krise provozieren. Man kann nicht ein Element zur Handelsware erklären, welches zu mindestens zwei Dritteln in der Komposition fast aller Lebewesen vorhanden ist. Man schätzt, dass sich mindestens 1% des Süßwassers dieser Welt in konstantem Austausch in den lebenden Organismen befindet. Die Träne eines Kindes, der Schweiss eines Bauern, die Transpiration der Pflanzen, der Urin der Tiere, sie alle vermischen und verwandeln sich in Wolken, Regen, Fluss und Quelle.

erde_ausgetrocknetWasser ist eine der Grundvoraussetzungen für Leben, und es ist das Ergebnis eines langen Evolutionsprozesses. Wasser erschien auf der Erde vor zirka 3,8 Milliarden Jahren, und die Lebewesen, welche heute die Biodiversifikation unseres Planeten ausmachen, teilen sich Eigenschaften, die unser Planet während dieser langen Geschichte seiner Evolution angenommen hat – und die ist innig mit dem Wasser verbunden. Dieser Evolutionsprozess schuf ein Ambiente, das sich für das Erscheinen von zunehmend komplexeren Spezies eignete, die alle nur deshalb überleben und sich reproduzieren konnten, weil die Erde ihnen die notwendigen und genügenden Bedingungen präsentierte – Wasser war die Grundbedingung für die meisten.

Nicht nur die Entwicklung der humanen Spezies war abhängig von der Evolution vorausgehender Lebensformen, auch ihr Überleben hing, und hängt immer noch, von entsprechenden ambientalen Bedingungen ab, wie Luft, festes Land, adäquate Temperaturen, Nahrung und Unterkunft. Der Physiker Carl Sagan mahnt: ”Wir sind eine seltene und wertvolle Spezies, weil wir lebendig sind, weil wir innerhalb unserer Möglichkeiten zu denken verstehen. Wir haben das Privileg, unsere Zukunft zu beeinflussen, vielleicht sogar zu kontrollieren. Ich glaube, dass wir die Verpflichtung haben, für das Leben auf der Erde zu kämpfen – nicht nur für uns selbst, sondern für alle humanen und anderen Spezies, die vor uns waren und denen wir zu Dank verpflichtet sind – und, wenn wir intelligent sind, auch für jene, die nach uns kommen werden. Es gibt keinen wichtigeren Grund, keine angemessenere Aufgabe als jene, die Zukunft unserer Spezies zu schützen“.

Kommunale Lösungen

Der Stadtteil Santa Felicidade, in Curitiba (Bundesstaat Paraná), berühmtes gastronomisches Zentrum italienischer Küche, nimmt einen besonderen Platz im Landschaftsbild der Region ein. In ihm befinden sich fast 60% aller nativer Grünflächen des Munizips – gut erhaltene Wäldchen mit unzähligen Quellen und Brunnen, die den Rio Cascatinha bilden, einen Zufluss des Rio Barigui, einer der bedeutendsten Wasserläufe der Hauptstadt. Im Jahr 2002 versammelten sich die Bewohner des Stadtteils, auf Initiative der kommerziellen, industriellen und religiösen Organisationen, um die Zukunft von Santa Felicidade zu diskutieren. Eine der in der ”Carta Compromisso de Santa Felicidade“ festgelegten Aufgaben betraf die Reinigung des Flusses und den Schutz der Quellen.

Im Bewusstsein des starken Allgemeininteresses an Bauland in diesem Gebiet, suchte die Gruppe nach Alternativen, welche den Schutz jener Areale ebenso attraktiv machen würden, wie auf dem Immobilienmarkt. Und sie fanden die Antwort in einem bis dato einmaligen Experiment: der Schaffung von ”Privaten Naturreservaten“ (RPPNs) im munizipalen Bereich. Nach der Zustimmung der Besitzer erhalten diese Grundstücke den Status von überschriebenen Schutzzonen, deren Bestand von einem Notariat beglaubigt ist.

Ein Incentiv-Gesetz, geschaffen von der Präfektur von Curitiba, erlaubt, das das konstruktive Potenzial dieser Areale auf andere Lokalitäten transferiert werden kann, um damit die wirtschaftlichen Interessen mit denen des Naturschutzes zu verbinden.

Für den Unternehmer Eurico Borges dos Reis, einen der enthusiastischen Befürworter dieses Vorschlags, ist der Tausch des konstruktiven Potenzials eine Form der gerechten Entlohnung gegenüber dem Besitzer und gleichzeitig eine Anerkennung des ambientalen Wertes dieser Areale. Bis jetzt beträgt die Fläche der RPPNs insgesamt 20.000 Quadratmeter. Jeder Besitzer eines überschriebenen Grundstücks kann das konstruktive Potenzial (jene Fläche, die er nicht bebaut, um den Wald zu erhalten) mit Bauunternehmern oder Eigentümern in anderen Gebieten der Stadt in die Verhandlungen einbringen – zu einem Wert, der dem aktuellen Marktpreis seines Areals entspricht.

Und die Anstrengungen der Bewohner hörten damit nicht auf. Es gibt eine permanente Erziehungskampagne in den Schulen und eine Incentive, um weitere Eigentümer für dieses Programm zu gewinnen: Ziel sind 100.000 Quadratmeter RPPNs bis zum Jahr 2008.

Borges dos Reis ist sicher, dass dieses Ziel sogar übertroffen werden wird, und mit den sanitären Projekten, die in der Region geplant sind, wie zum Beispiel einem Abwassernetz im gesamten Becken des Rio Cascatinha, wird ihr Stadtteil noch attraktiver werden: Ein sehr grüner Stadtteil und ein kristallklarer Fluss, in dem man bereits die ehrenvolle Präsenz eines ”Lutra longicaudis“, eines Fischotters, registriert hat – immerhin eine Spezies, die auf der offiziellen Liste der vom Aussterben bedrohten brasilianischen Fauna aufgeführt ist.