Wiedersehen mit Rio

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Er steht mitten auf dem mit kleinen schwarzen und weissen Mosaiksteinchen gepflasterten Trottoir, direkt vor dem mit einem schweren Eisengitter gesicherten Tor zu meiner Wohnung – das heisst, vor dem Hochhaus, in dem ich im achten Stock bei einer älteren Dame ein Zimmer gemietet habe, vorübergehend, wie ich hoffe. Er schreckt auf, als der Portier per Knopfdruck, von seinem Tisch im Korridor aus, das Türschloss mit einem lauten „Klack“ entsichert, um mich hinaus zu lassen, aber er weicht nicht von der Stelle.

Das Trottoir ist hier sehr schmal, doch der dicht an ihm vorbeirasende Verkehr scheint ihn nicht weiter zu stören – er ist an ihn gewöhnt. Nur wenn ein grosser Bus die verqualmte Luft vor sich herschiebt, sträuben sich seine Nackenhaare, und er tritt von einem Bein aufs andere. Für einen Strassenköter ist er ziemlich gross, und seine beharrliche Haltung scheint eher darauf schliessen zu lassen, dass er einmal bessere Tage gesehen hat – dass sein staubiges, immer noch dichtes schwarzes Fell in jenen Tagen vielleicht sogar regelmässig gebürstet worden ist. Den grossen Kopf mit den schon ergrauten Barthaaren hält er leicht gesenkt – sein Blick ist ausdruckslos, lustlos, abwartend vielleicht – aber worauf sollte er warten? Er glaubt nicht mehr an die Menschen, seit sie ihn plötzlich verstossen haben, und doch gemahnt ihn sein knurrender Magen immer wieder daran, dass er von ihnen abhängig ist. Wenn sie ihm etwas zuwerfen, in einem eher seltenen Anflug von Mitgefühl, schlingt er es runter – aber er schaut nicht mehr zu ihnen auf und sein Schwanzstummel hat das dankbare Wedeln eingestellt. Immerhin machen die vorbeihastenden Passanten einen respektvollen Bogen um ihn herum, vielleicht, weil er so gross ist und immer noch gefährlich auszusehen vermag, wenn er plötzlich seine Lefzen über den Zähnen hochzieht, weil ihn jemand geschubst hat, denn er hat sich ausgerechnet an der engsten Stelle des Trottoirs aufgebaut.

rioneu1Nur ein paar Schritte weiter ist eine Bäckerei – sie heisst “Blume von Copacabana“, in der ich seit der Wiederaufnahme meines Berufslebens in Rio de Janeiro mein karges Frühstück einnehme. In den ersten Morgenstunden sind die abgewetzten Barhocker vor der Glastheke besetzt von Arbeitern in verfleckten Latzhosen und Büroangestellten in Anzug und Krawatte, die sich, vor der alltäglichen Fahrt zu ihrem Arbeitsplatz in der Innenstadt, hier ein hastiges Frühstück einverleiben – in der Regel: Kaffee mit Milch und furchtbar viel Zucker, dazu ein frisches Brötchen, aufgeschnitten und mit gesalzener Butter bestrichen. Bäckereien sind in Brasilien zur Strasse hin offen – wie die Bars, Drogerien, Supermärkte und überhaupt die meisten Geschäfte, in denen reger Publikumsverkehr herrscht. Ich stelle mich in die Schlange vor der Kasse, um dort meine Bestellung aufzugeben und auch gleich zu bezahlen – dafür bekomme ich einen Kassenbon in die Hand, den ich der Bedienung hinter der Theke reiche und nochmal meine Bestellung wiederhole – die rechnet dann nach und beginnt – wenn ich Glück habe, und nicht ihre Kollegin mit einer Frage dazwischenfunkt – endlich mit dem Eingiessen meines Kaffees. Ein typisch portugiesisches Geschäftsgebaren, womit man verhindern will, dass sich gewisse Kunden, mit ihren Brötchen oder nach ihrem Morgenkaffee, in dem allgemeinen Trubel dünne machen – jedoch, wie alle unglaublich umständliche Bürokratie in diesem Land: stressig, zeitraubend und einfach ärgerlich – wenigstens für mich, der ich zwischendurch mal zwei Jahre lang wieder in deutschen Supermärkten einkaufen durfte, in denen die Kassiererin die Waren schneller addiert, als man sie einzupacken vermag.

Geduld. Das ist eine wichtiger Rat für Brasilienbesucher – und eine absolut überlebenswichtige Notwendigkeit für Ausländer, die in diesem Land bleiben möchten. Es fällt einem Europäer, der hier nur seinen Urlaub verbringt, besonders schwer, sich in der kurzen Zeit seines Aufenthalts auf solche Geduldsproben einzustellen. Aber bleiben wir mal bei meinem Frühstück in besagter Bäckerei:

Die kleine rundliche hinter der Theke, mit den haselnussbraunen Knopfaugen, beginnt also mit dem Eingiessen meines Kaffees – das heisst: sie hält erst mal zwei Kannen über meine Tasse, die eine mit Milch, die andere mit Kaffee – und erkundigt sich, wie ich ihn haben möchte: “Mehr Milch oder mehr Kaffee, halb Kaffee und halb Milch oder doch mehr Kaffee und weniger Milch“ ? Ich sags ihr, und sie fängt an einzugiessen – erst die heisse Milch (dabei schaut sie mich fragend an, bis ich ihr ein Handzeichen gebe, als die Milch das von mir gewünschte Level erreicht hat) dann den Kaffee – den giesst sie randvoll, so voll, dass er überschwappt – Gott sei Dank ist eine Untertasse drunter. Ich blicke sie zeihend an – sag ihr, dass ich den Kaffee so übergeschwappt nicht haben will – sie zieht einen Schmollmund und stellt meine Tasse auf eine frische Untertasse mit aufgelegter Serviette. Jetzt akzeptiere ich gnädig. Nun muss ich noch die übervolle Tasse von der höheren Glastheke herunter auf die Abstellkante vor mir balancieren, denn die kleine Dicke langt da nicht hin, mit ihren kurzen Armen. Natürlich geht dabei wieder etwas daneben – sie zuckt ihre fetten Schultern und beginnt mit dem Aufschneiden meines Brötchens, wofür sie doch tatsächlich, der Hygiene wegen, über ihre linke Hand, die das Brötchen hält, eine Plastiktüte wie einen Handschuh streift – die das Messer schwingende ist unbedeckt. Sie streicht kräftig Salzbutter auf die beiden Hälften klappt sie wieder zusammen, schneidet sie etwas schräg in der Mitte durch und reicht sie mir dann auf einem kleineren Teller – immer noch mit Schmollmund. Ich grinse zurück und balanciere den glühend heissen, übervollen Kaffee zum Mund – sie nimmt den nächsten Kassenbon eines geduldig Wartenden entgegen und beginnt die ganze Zeremonie von vorn.

An diesem Morgen hatte ich, ausser meinem üblichen, schon beschriebenen Frühstück, auch eine “Rabanada“ erstanden – das ist eine grosse Scheibe in Milch eingeweichtes Weissbrot, in Ei gewälzt und nach dem Ausbacken mit Zucker und Zimt bestreut. Viele Kunden essen diese billige Leckerei zu ihrem Kaffee. Ich liess mir eine einwickeln – ohne Zucker und Zimt. Etwas Besseres war mir im Moment nicht eingefallen. Dann ging ich die wenigen Meter zu meinem Hauseingang zurück, wo er immer noch mit hängendem Kopf ausharrte. Ich liess mich auf dem Treppenabsatz vor ihm nieder, wickelte die Rabanada aus und schob sie ihm auf dem Papier entgegen. Zu meiner Enttäuschung reagierte er überhaupt nicht, schien nicht einmal in meine Richtung zu blicken. Jetzt stieg sogar eine eilige Fussgängerin über den Leckerbissen hinweg – und, gedeckt, aus ihrem Schatten heraus, schnappte er zu – die Rabanada war weg, nur noch das leere Papier bewegte sich leicht im Luftzug des vorbeirauschenden Verkehrs. Ich beobachtete ihn, wie er gemächlich ein paar Meter weitertrottete, um sich dann im schattigen Winkel einer Garagenausfahrt niederzulegen und sein erobertes Frühstück so gemächlich zu verzehren, wie es sich für einen alten Herrn gehört. Ich wartete, ob er vielleicht doch ein bisschen mit dem Stummelschwanz wedeln würde – er tat es aber nicht. Nicht jeder kann eben seine Dankbarkeit zeigen, dachte ich – vielleicht auch nicht jeder Hund.
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Wir haben Oktober in Rio, und der tropische Sommer meldet sich an. Die Temperaturen steigen täglich schon auf über 30 Grad, nächtliche Gewitter mit starken Regenfällen kühlen die Luft wieder etwas ab. Erst vor vierzehn Tagen bin ich von einem fast zweijährigen Deutschlandaufenthalt in die Stadt am Zuckerhut zurück gekommen, in der ich zuvor zwölf Jahre lang gelebt habe – von fast vierzig Jahren in Brasilien. Bin “zu sehr zum Brasilianer geworden“, wie meine Freunde in der Heimat sagen, “um mich bei ihnen wieder einleben und (vor allem) anpassen zu können“ – ich fürchte, dass sie das durchaus so meinen, wie es sich anhört.

Habe ein paar Euros gespart und es nicht so eilig, wieder in einer Touristikagentur vor dem Computer zu sitzen. Erst mal ein bisschen umsehen in der Stadt und an ihren langen Stränden – alte Freunde besuchen – einen “Churrasco“ geniessen – “Caipirinhas“ – “Feijoada“ – frische Crevetten . . . Rio hat sich überhaupt nicht verändert in den zwei Jahren, die ich weg war. Derselbe Tumult, der gleiche ohrenbetäubende Lärm, derselbe ineinander verkeilte Verkehr, das gleiche abenteuerliche Chaos – besonders im Stadtteil Copacabana, an der “Barata Ribeiro“, wo meine Unterkunft liegt. Meine besten Freunde, Bruno und Célia – er ist Fremdenführer oder “Tourguide“ und sie Immobilienmaklerin – finden, dass sich auch sonst nichts geändert hat: an der Korruption, an den Zusammenstössen zwischen Polizei und Drogenmafia, an den Lügen und der Unfähigkeit der Politiker, den täglichen Überfällen, der Verunsicherung der Bürger. Aber teurer ist alles geworden. Nach ein paar Vergleichen stelle ich fest: etwa um 70% sind die Preise innerhalb meiner Abwesenheit gestiegen, und das heisst, dass ich mit meinen paar Euro auch nicht bis Ende des Jahres durchhalten werde, sondern mir möglichst ab nächsten Monat einen Job suchen muss. Schöne Bescherung!

rioneu3 Also noch die paar Tage bis dahin geniessen – und Fotos schiessen fürs BrasilienPortal. Habe mir bei einem fliegenden Händler eine Gürteltasche aus schwarzem Leder gekauft – mit vielen Fächern und ebenso vielen Reissverschlüssen. Man trägt sie um die Hüfte geschnallt und verstaut darin all seinen persönlichen Kram, wie Geldbörse, Sonnen- und Lesebrille, die Hausschlüssel, Adressbuch, Kugelschreiber, Handy und noch einiges mehr – Dinge, die man wegen der Hitze und entsprechend leichter Kleidung – meistens nur Hemd und Hose – sonst schlecht am Körper unterbringen kann. Sogar meine kleine Digital-Kamera hat im Mittelfach Platz. So gerüstet, schlendere ich am frühen Morgen am Copacabana-Strand entlang, denn nur morgens beleuchtet die Sonne im richtigen Einfallswinkel die Skyline der Wohn- und Hotelpaläste, welche die vier Kilometer lange, hufeisenförmige Bucht von Leme und Copacabana einrahmen. Diese typische Stadtstrandszenerie möchte ich in meinen ersten Bildern festhalten.

Es ist Samstag, 8:30 Uhr, und der Sandstrand ist bereits dicht besetzt. Bei Ebbe, wie an diesem Morgen, hat er eine Breite von fast zweihundert Metern. In seiner oberen Hälfte liegen die Spielfelder für Fussball, Strand- und Foot-Volley – die untere, vor den träge anrollenden Wellen, ist von den Wasser- und Sonnen-Fans besetzt. Der Treff am Strand ist für die Bürger von Rio, die „Cariocas“, unverzichtbares Zeremoniell ihres Wochenendes. Hier spielt, joggt und turnt man, diskutiert Fussball- Ergebnisse und Politik, stillt und wickelt die Babies und nimmt seinen Lunch ein, dazu eisgekühlten Mate oder ein Bier von den im Sand herumwieselnden ambulanten Verkäufern. Ins Wasser geht man kurz mal zwischendurch und nur zum Abkühlen – wenn man einen schönen Körper hat, verhaltenen Schrittes, mit spielenden Muskeln die Männer, mit wiegenden Hüften wie kugelgelagert, Busen zum Horizont gereckt, die Frauen. Und nach kurzem Eintauchen in die Wellen geniesst man die ebenso spektakuläre Rückkehr zu seinem Handtuch im Sand unter den bewundernden Blicken des Strandpublikums, darunter auch die Neidischen, die mit solchen Muskeln oder jenen, einer spanischen Gitarre vergleichbaren femininen Formen, nicht mithalten können. Der Carioca ist ein Voyeur. Er bewertet all jene menschlichen Attribute besonders hoch, die seine optischen Sinne reizen und seinen unersättlichen Appetit auf sexuelle Abenteuer stimulieren – während er den weniger offensichtlichen, wie Seele und Verstand, eher befremdlich gegenüber steht und selten bereit ist, ihrer Entdeckung ein bisschen Geduld und Zeit zu widmen. Natürlich gibt es da Ausnahmen – aber die bestätigen eben die Regel.

Und die Regel der Frauen heisst: Zeig’ (fast) alles, was Du hast! Ich bin alles andere als prüde, aber in den zwei Jahren, die ich weg war, ist es den Cariocas gelungen – und in diesem Fall meine ich die Frauen – ihre weltweit unvergleichbare Kunst der Zurschaustellung atemverschlagender Körperformen noch um etliche Nuancen zu steigern! Sie haben vor allem das Dekolletée wiederentdeckt – allerdings in einer dermassen unverhaltenen Totalität, dass einer Marie Antoinette und sogar einer Lucrezia Borgia bei ihrem Anblick die Schamröte ins Gesicht gestiegen wäre. Damit nicht genug, ist auch die einheimische, immer noch am meisten getragene, Jeansmode um ein Stück kürzer geworden – nicht unten an den Knöcheln, sondern oben, am Bauch – die Hüftpartie, durch deren Schlaufen man früher einen Gürtel geschlungen hat, sie ist weg! Die Hose hält jetzt auch ohne Gürtel, durch hautengen Sitz unterhalb der Taille, einfach auf den breiten Hüften, durch die sich eine Carioca in der Regel auszeichnet. Dass dadurch beim Bücken die Trennungslinie der Apfelpopobacken eine Spur herausschaut, ist durchaus Absicht. Und von seiner Vorderfront her bietet dieses weit unterhalb des Nabels ansetzende Beinkleid noch den Vorteil, dass jener, meist mit einem “Piercing“ geschmückte Mittelpunkt cariocanischen Körperkults nun ebenfalls zur Bewunderung frei geworden ist, denn auch das dekolletierte Blüschen reicht nicht so weit hinab. Ganz im Ernst: ich habe neben Ringen und Perlen auch schon mal einen silbernen Elefanten an einem solchen Ziernabel baumeln gesehen! Übrigens, dass es in Rio soviele hochgewachsene Schönheiten gibt, liegt in den meisten Fällen an deren überdimensionierten “Tamancos“ – Korksandalen, die ihre Trägerin grosszügige fünfzehn bis zwanzig zusätzliche Zentimeter wachsen lassen – mit Jeans, die bis auf den Boden reichen, wird dann die Täuschung vollkommen.

Wenn Sie nun annehmen, dass die mit soviel aufregenden Formen und dekorativem Zierat ausgestattete tropische Weiblichkeit ihren Bewunderern auch ein stimulierendes, vielleicht sogar laszives Lächeln gönnt, dann täuschen Sie sich gewaltig! Sie kennen sicher den inzwischen auch auf internationalen Laufstegen allgemein üblichen grimmigen Gesichtausdruck der in den neuesten Kollektionen der Stilisten auf und ab flanierenden Starmannequins? Jene scheinbar wütenden Gesichter, aus deren aufgeworfenen Lippen man das gefährliche Knurren von Raubkatzen zu vernehmen scheint? Mit diesem Laufstegblick stolzieren auch die selbstbewussten Cariocas durch die Strassen oder am Strand entlang – ich möchte sogar behaupten, dass sie um so gnadenloser und abweisender dreinschauen, je aufreizender ihr Outfit ausgefallen ist – eine durchaus verständliche Bremsreaktion. Oder doch ein unverständliches Paradox?

Inzwischen bin ich an der Einmündrioneu4ung der Avenida Princesa Isabel in die Atlântica angelangt – dort, wo auf der gegenüberliegenden Seite der riesige Turm des Hotels Meridien prangt. Der Übergang vom Copacabana- zum Leme-Strand an dieser Stelle ist nahtlos – auch die in jeweils fünfzig Metern Abstand voneinander postierten Kioske sind die gleichen. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man ein paar kleine Unterschiede: der Leme-Strand ist erfreulich weniger dicht belegt, unter der Woche ist er sogar fast einsam. So wird er von den älteren Herrschaften wegen seiner Ruhe bevorzugt. Und, kurioserweise sind hier an den Kiosken die Kokosnüsse billiger als in Copacabana! Wie bei uns allgemein bekannt, ist es ein gesundes Vergnügen, so eine grüne Kokosnuss auszutrinken – man bekommt sie “natural“ – direkt vom Strunk, oder “gelado“ – aus dem Eisschrank. Mir schmeckt sie “natural“ am besten, denn die isolierende, dicke Schale hält die Flüssigkeit im Innern stets angenehm frisch, und ihr feines Aroma kommt bei dieser „natürlichen“ Temperatur zur angenehmsten Entfaltung. Ich setze mich unter einen der aufgespannten Tisch-Sonnenschirme mit Blick aufs Meer – ein braungebrannter, junger Bursche stellt meine Kokosnuss auf den Plastiktisch. Unten von einem Messerhieb abgeflacht, steht sie da wie ein grosser, grüner Becher, oben hat er die Spitze ebenfalls abgeschlagen und einen Strohhalm quer darüber gelegt. Ich entferne die Hülle vom Halm und gebe mich dann ganz diesem ersten tiefen Zug aus dem Innern der Frucht hin – ich glaube sogar, dass ich dabei die Augen genussvoll geschlossen habe.

Wenn die Nuss anfängt zu röcheln, weil der Halm die letzten Tropfen der Flüssigkeit aufsaugt, kommt der zweite Teil des Vergnügens: die mehr oder weniger dick angesetzte weisse Fruchtschicht an der Innenwand zu verspeisen. Dazu gibt man die Nuss zurück an den Kioskbesitzer mit dem Wort “abra“! (öffne!) – ob jemand davon die bekannte Zauberformel “Abra cadabra“ abgeleitet hat, weiss ich nicht – und wenn Sie etwas zart beseitet sind, dann schauen Sie lieber nicht hin, wenn der Kioskbetreiber mit wenigen gezielten Hieben seines Hackmessers die Kokosnuss in der offenen Hand in drei Teile zerlegt, ohne sich dabei einen Finger abzuhacken. Mit einem kleinen Seitenhieb trennt er dann noch einen Schaber von der Aussenhülle ab, mit dem sich die Innenschicht wunderbar ablösen lässt – insgesamt eine köstliche Zwischenmahlzeit. Auch für die vielen Tauben, die sich auf die ausgeschabten Schalen stürzen, um die Nussreste herauszupicken, wenn man sie unter dem Tisch auf dem Boden deponiert.

rioneu5Die Luft ist heiss, aber ein lauer Wind weht angenehm erfrischend vom Meer her, ich habe mir einen zweiten Stuhl herangezogen, die Beine hochgelegt und fange an, im Schatten meines Sonnenschirms ein wenig zu dösen. Werde dann aber plötzlich vom heftigen Flattern der Tauben unter meinem Tisch aufgeschreckt – und dann sehe ich ihn. Er hat sich zwischen den Tauben ein Stück von meiner Kokosnuss geschnappt und trägt sie nun zu einem leeren Tisch, unter dem er sich niederlegt und seine Beute zwischen den Vorderpfoten beleckt. Kein Zweifel möglich, er ist es – an seinem trotzigen Gesichtsausdruck und seinem Stummelschwanz würde ich ihn jederzeit wiedererkennen. Und er scheint Erfahrung mit Kokosnüssen zu haben – es knirscht und knackt laut und vernehmlich, wenn er seine Kiefer einsetzt, um an die Reste des Fruchtfleisches zu kommen, die ihm die Tauben übrig gelassen haben. Hätte nicht gedacht, dass seine alten Zähne das noch mitmachen. Dabei beobachtet er wachsam seine gesamte Umgebung. Möchte den sehen, der es wagt, ihn zu vertreiben. Sein Vater mag ein Rottweiler gewesen sein, die kräftigen, leicht nach aussen gewinkelten Beine und die breite Brust stammen von ihm – und seine Mutter vielleicht eine Schäferhündin, die für einen Rottweiler zu lange Schnauze muss er von ihr geerbt haben und auch das dichte, mittellange Fell. Ich unterbreche meine Betrachtungen und bestelle eine zweite Kokosnuss. Er hört auf zu knacken und beobachtet jetzt jede meiner Bewegungen aufmerksam. Ich beeile mich mit dem Austrinken und lasse sie aufschlagen – dann lege ich eins der Drittel neben meinem Stuhl auf den Boden. Er verfolgt alles genau, macht aber keine Anstalten, sich das Stück zu holen. Die Tauben sind da sehr viel mutiger – schon trippeln sie kopfnickend heran und picken nach dem weissen, nahrhaften Inhalt – also nehme ich das Stück wieder an mich. Er ist sehr vorsichtig und wird wissen warum. Nun schubse ich das halbrunde Nussdrittel ein Stück übers schwarzweisse Wellentrottoir in seine Richtung – im Nu sind die Tauben hinterher – da fährt er zwischen sie wie ein schwarzer Derwisch und schnappt zu, die Vögel retten sich mit knatterndem Flügelschlag in die Luft. Und nun ist er wieder die Ruhe selbst, beisst ein Stück nach dem andern krachend ab, hält es dann geschickt zwischen den Vorderpfoten und schabt das Fruchtfleisch mit seinen Fangzähnen heraus.

Auch der Kioskbesitzer schaut inzwischen fasziniert zu – einen Hund, der Kokosnüsse frisst, hat er noch nie erlebt, meint er mit einem anerkennenden Seitenblick auf mich. Und weil wir beide nun in eine Richtung starren, bleiben auch gleich ein paar neugierige Passanten stehen und starren ebenfalls den grossen schwarzen Hund an, der unter einem der Kiosktische Kokosnussstücke abnagt. Ob es mein Hund sei, will einer wissen – der Kioskbesitzer verneint – es sei ein streunender Hund! “Und wenn er die Tollwut hat“? wirft eine aufgetakelte Mitvierzigerin mit einem Riesendekolletée dazwischen – und aller Augen richten sich prompt auf ihr freizügiges Display. “Jemand muss die Hundefänger rufen“, bemerkt ein älterer Herr in schlodderiger Badehose und einer giftgrünen Schildkappe, während ein junger, kraftstrotzender Bursche mit überlegenem Lächeln eine Hand aus dem Kraushaar seiner ihn anschmachtenden “Namorada“ nimmt und sein Handy betätigt. Mein schwarzer Freund scheint die Gefahr zu erkennen, die ihm droht – er zieht die Lefzen hoch und knurrt, laut und deutlich, was die Mehrheit der Neugierigen in ihrer Vermutung bestätigt, dass hier ein Fall von Tollwut vorliegt, ausserdem “wer hat schon mal davon gehört, dass ein Hund Kokosnüsse frisst – ist doch klar, dass der nicht normal ist“!

Ich schubse ihm, ungeachtet der wachsenden Menge von Gaffern, das nächste Nussdrittel hin – und er holt es sich ungerührt, zieht dabei allerdings wieder drohend die Lefzen hoch – die Menge weicht zurück, und ein paar vorwurfsvolle Blicke treffen mich – das laute Knacken der Nussschalen ist dann das einzige Geräusch in dieser ratlosen Stille. Und plötzlich hören wir alle die Sirene – “die Feuerwehr“, meint der kraftstrotzende Bursche, “die werden mit so was fertig – die haben Erfahrung mit tollwütigen Hunden“. Und mein schwarzer Freund hat wohl so seine Erfahrungen mit der Feuerwehr: beim ersten Ton der Sirene lässt er von seiner Kokosnusshälfte ab, hebt den grossen Kopf, postiert sich dann einen Moment lauschend, mit gespitzten Ohren und drohend entblösstem Gebiss, vor seinem Tisch – die Gaffer sind wieder einen Schritt zurück gewichen – und dann macht er einen Riesensatz vom Trottoir auf den Sandstrand, ist mit wenigen Sprüngen an der Wasserlinie und rennt in Richtung auf Copacabana davon, ohne sich auch nur noch einmal umzublicken. Ich setze ein zufriedenes Grinsen auf und bahne mir einen Weg durch die perplexe Menge, unter der sich jetzt ein paar Wichtigtuer mit den heranrollenden Feuerwehrleuten über tollwütige Hunde auslassen werden. Ich bin überzeugt, dass mein Freund einfach nur Hunger hatte – und die nichtsnutzigen Gaffer haben selbst mich wütend gemacht.

Das Ende des Leme-Strandes ist von steil aufragenden Felsen berioneu6grenzt, an deren Fuss ein schmaler Pfad, etwa zehn Meter, über dem Meer entlang und in die Bucht hineinführt. Hier ist der Stammplatz der Angler – in dichter Reihe stehen sie am Geländer, baden ihre Würmer und warten, dass ein Fisch anbeisst. Dazwischen rennen ihre Kinder herum, und ihre Frauen haben sich kleine Hocker mitgebracht, stricken oder häkeln und erzählen sich den neuesten Klatsch. Die Sicht auf den gesamten, hufeisenförmigen Leme-Copacabana-Strand, insgesamt sechs Kilometer, ist von diesem Ende aus besonders beeindruckend. Ich mache meine Fotos und schlendere den Anglerpfad wieder zurück. Ein Gruppe Neugieriger umringt einen Betonpfosten des Geländers, auf dem sich ein älterer Japaner aufgebaut hat, mager wie ein abgenagter Hühnerknochen. Er sei schon siebzig, sagen die Leute, und er würde von hier aus ins Meer springen. Und das täte er immer an den Wochenenden. Zehn bis zwölf Meter in freiem Fall – da muss er einen ziemlichen Bogen springen, denn der Fels verläuft gefährlich schräg hinunter zum Wasser! Ehe ich noch meine Kamera einstellen kann ist er weg – sehe ihn gerade noch aufs Wasser klatschen – dann taucht er wieder auf und winkt den Leuten grinsend zu. Zuvor hat er am Geländer ein dickes Tau befestigt, an dem er sich jetzt über den steilen, schrägen Felsen wieder nach oben hangelt – ein wirklich zäher alter Mann. Ob er wohl nochmal . . . ? Nein, tut er nicht, “perigoso demais“ (zu gefährlich) sagt er wieder grinsend. Und da halten die Leute einen Kokosnüsse knackenden Hund für nicht normal!

rioneu7Ich flaniere auf dem Wellentrottoir zurück. Es ist jetzt richtig heiss, und ich bin der Einzige weit und breit, der mit langen Jeans und Turnschuhen rumrennt – ein Gringo eben. Aber das stört niemanden – wir sind in Rio, und an der Copacabana sind alle noch so unglaublichen Verrücktheiten erlaubt – auch ein Gringo in langen Jeans bei fast vierzig Grad. Ein bisschen Schatten finde ich bei Milton in einer Nebenstrasse. Er ist ein “Camelô“ – ein fliegender Händler – verkauft Früchte an die Vorübergehenden, die er auf einem Stand aus Obstkisten ausgelegt hat. Habe ihn und seine Verkäuferin Marcela vor ein paar Tagen zufällig kennengelernt, als ich mir ein Dutzend Bananen bei ihnen aussuchte. Ein “Camelô“ zu sein, bedeutet in Brasilien in der Regel, andauernd mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, denn diese fliegenden Händler haben keine Lizenz für ihre Verkaufstätigkeit, und sie sind den lizenzierten, und vor allem Steuern zahlenden, Ladenbesitzern natürlich ein Dorn im Auge. Die einen rollen ihre Karren mit süssem und salzigem Gebäck durch die Strassen auf der Suche nach Kunden, andere kochen Maiskolben über einem Gasbrenner auf dem Trottoir, grillen Fleisch- und Wurstspiesschen oder frittieren Popcorn, dann gibt es jene, die ihre Waren mit sich herumtragen – die Besen- und Staubwedel-Verkäufer zum Beispiel, die Strass- und Sonnenbrillen-Händler oder die Gilde mit den Putzlappen und Geschirrtüchern. Richtig lästig sind solche, die frech eine Decke auf dem Trottoir ausbreiten – stets an den meist frequentierten Strassenkreuzungen – und damit einen Engpass schaffen, der den Passantenstrom staut, weil die Leute rücksichtsvoll und vorsichtig um die Schmuggelwaren aus Paraguay herumstolzieren. Besonders im Stadtteil Copacabana und in der Innenstadt veranstaltet die Polizei regelmässige Razzien, um den Camelôs die Suppe zu versalzen, aber deren Frühwarnsystem per Handy funktioniert so perfekt, dass sie meistens schon weg sind, wenn der träge Arm des Gesetzes eintrifft: schliesslich haben sie Räder an ihren Karren und die mit den Decken raffen diese zusammen und stopfen sie in einen Rucksack oder schwingen das Deckenbündel über die Schulter und verschwinden um die nächste Strassenecke. Erwischt werden nur die weniger mobilen – aber anstatt deren Waren zu konfiszieren und sie zum Beispiel an arme Leute zu verteilen (jedenfalls versuchte ich einem dieser ignoranten Beamten mal einen solchen Vorschlag zu machen), schlagen die Polizisten mit ihren Holzknüppeln alles kurz und klein. Eine solche Schlacht zwischen Polizei und Camelôs kann dramatische Ausmasse annehmen, denn die Händler, deren Existenz durch den Verlust der Waren auf dem Spiel steht, setzen sich heftig zur Wehr – und da der Polizei in diesem Fall der Gebrauch von Schusswaffen ausdrücklich untersagt ist, haben die Strassenhändler eine echte Chance durch ihre zahlenmässige Überlegenheit und vor allem ihre verzweifelte Entschlossenheit. Da werden Eisenstangen, Obstkisten und Pflastersteine gegen die Polizisten eingesetzt – eine beleibte Obstverkäuferin hat einmal einen Polizisten mit einem Kürbis krankenhausreif geschlagen – ihn aber später dort besucht und sich bei ihm entschuldigt.

Auch Milton und Marcela sind in diesem Sinne nicht mobil. Wenn sie die Warnung vor einer Razzia erreicht, haben sie in der Regel höchstens fünf Minuten Zeit, die wertvollsten Früchte zusammenzuraffen und in Kisten in einem Zeitungskiosk auf der gegenüberliegenden Strassenseite zu verstecken, dessen Besitzer mit ihnen befreundet ist. Just in einem solchen kritischen Augenblick begegnete ich ihnen zum zweiten Mal und bekam ein paar dankbare Blicke, weil ich ihnen spontan half, die Kisten über die Strasse zu tragen. Nur noch ein paar Bananen lagen herum, Milton, Marcela und ich sassen alsodann demonstrativ auf ein paar Kisten beim Domino-Spiel, als drei Polizeibeamte auftauchten – und dann die Überraschung: “Die sind harmlos“, sagte Milton erleichtert, stand auf und klopfte dem einen freundschaftlich auf die Schultern. “Na, alles verkauft“? meinte der und blickte sich nach den Bananen um. “Kannst du mitnehmen“, antwortete Milton grosszügig, und die zwei anderen rafften die zweieinhalb Dutzend Bananen zusammen. Dann schälten sie sich jeder eine und zogen Bananen kauend weiter. „Die kommen einmal pro Woche vorbei, kriegen dann ein paar Früchte von mir und geben Ruhe“ erklärte Milton ihren friedlichen Abzug.

So einfach kommen sie allerdings nicht irioneu8mmer davon, und wenn die richtige Schlägertruppe ihren Kistenstand bearbeitet hat – in der Regel einmal pro Monat – dann stehen die beiden in einem Haufen von Holzsplittern und zermatschten Früchten scheinbar deprimiert und ratlos herum – sowie die Schläger aber in eine Nebenstrasse eingebogen sind, fegen sie den Matsch beiseite, holen die versteckten Kisten aus dem Kiosk und bauen ihren Stand neu auf. Eine halbe Stunde später kann die Stammkundschaft schon wieder bedient werden. Ja, ja, sie haben tatsächlich Stammkunden! Das sind meistens ältere Herrschaften aus der Nachbarschaft, die nicht bis zum Supermarkt laufen wollen und gerne ein paar Centavos mehr für die Früchte direkt in ihrer Strasse zahlen. Ausserdem bringt ihnen Marcela auf Wunsch eine Bestellung bis ins Haus, die sie per Handy aufgeben können. Insofern hat Milton seinen Standort vortrefflich gewählt: einen Häuserblock vom Copastrand entfernt, an einer Ecke der “Rua Constante Ramos“ – auf dem Trottoir vor einer Bäckerei, gegenüber von einer Bar und einem Zeitungskiosk. Mit allen Besitzern ist er bestens befreundet: Der Portugiese von der Bäckerei übergibt ihm jeden Abend einen Sack voll nicht verkauftem Brot – der Barbesitzer stellt seinem Publikum die wichtigsten Fussballspiele im Fernseher über dem Tresen zur Verfügung und spendiert für seine engeren Freunde bei jedem Tor seines Flamengo-Vereins einen Schoppen, ausserdem stehen Miltons Obstkisten nachts unter dem Schutz seines Nachtwächters – und der Kioskbesitzer leistet, wie schon gesagt, erste Hilfe in Notsituationen, indem er Miltons Obstkisten vor der Polizei versteckt. Darüber hinaus ist die “Constante Ramos“ eine beliebte Durchgangsstrasse für ein bunt gewürfeltes Publikum: Rentner, Hausangestellte, ältere Damen, die ihre Hündchen ausführen, Muttis mit Kinderwagen, Surfer, Prostituierte und Touristen – die meistens zum Strand wollen oder von ihm heimwärts schlendern. Und Miltons Früchte sind stets eine Versuchung, entweder als Erfrischung am Strand oder als Nachtisch zu Hause, zumal er eine grosse Auswahl davon hat und beste Qualität dazu.

Milton (58) ist gross, hager und braungebrannt, mit grauen Locken und einem ebensolchen Bart, hat nur noch zwei Zähne im Mund aber Feuer im Blick und bedient seine Kunden in einem weissen Kittel, auf dessen Brusttasche “Volte sempre“ (komm wieder) mit blauem Garn aufgestickt ist. Nicht zu vergessen: ein kleines Zweiglein Rosmarin, das er, wie alle Frucht- und Gemüsehändler, hinters Ohr geklemmt trägt. Er ist ein umgänglicher, höflicher Zeitgenosse, der es gut versteht, besonders älteren Damen seine Früchte aufzuschwatzen, indem er ihnen deren unterschiedliche Wirkungen auf den menschlichen Organismus erklärt – und an dem Gekicher der alten Weiber kann man leicht erkennen, auf welche Wirkungen des Organismus Milton dabei anspielt.

Marcela (22) ist eine kräftige, etwas untersetzte Nachkommin afrikanischer Sklaven – schwarz wie Ebenholz, mit etwas grob geschnitzten Gesichtszügen, in die zwei wunderschöne, mandelförmige Augen mit honigfarbener Iris eingefügt sind. Ihre Lippen, wie bei vielen Afrikanern sehr üppig ausgefallen, geben eine makellose Reihe von schneeweissen Zähnen frei wenn sie lacht, dann könnte ich mir ihren grossen Mund auch als Waffe vorstellen. Das krause, schwarze Haar trägt sie während der Arbeit zu einem Knoten geschlungen, leichte Bluse und ein kurzes Jeans-Röckchen, sind alles, was sie an Arbeitskleidung braucht, und die allgemein üblichen “Tamancos“ geben ihren nackten Füssen und Beinen eine angenehm feminine Präsenz. Besonders auffällig finde ich ihre gutturale Stimme, ein Organ, das mich an amerikanische Blues-Sängerinnen erinnert – habe allerdings Marcela noch nie singen gehört. Doch sie lacht viel und trägt mit ihrem freundlichen Wesen erheblich zur Erweiterung von Miltons Stammkundschaft bei. Ausserdem kennt sie die Preise aller Auslagen und managt den Verkauf oft ganz allein, wenn Milton seiner besonderen Leidenschaft frönt, dem Dominospiel mit seinen Freunden.

Im Schatten eines Baumes, von dem aus man den Fruchtstand überwachen kann, sitzen sie dann auf umgestülpten Obstkisten und vergessen den hektischen Verkehr um sich herum – in ihrer Mitte ein etwas breiteres Brett, auf dem gespielt wird. Dann hallt die Umgebung wieder vom Geknalle der Dominosteine auf dem Holz und gelegentlichen Flüchen der überraschten oder bezwungenen Gegner und dem schadenfrohen Gelächter des Siegers dazwischen. Milton, Manuel und Raimundo sind das verbissenste Domino-Trio, das ich je erlebt habe. Manuel ist Portugiese, etwa in Miltons Alter, aber ziemlich beleibt, ausserdem hat er noch seine vier Eckzähne im Mund, mit denen er aussieht wie ein Vampir, wenn er einen angrinst. Eine grob karierte, weiss-rote Schildmütze ist sein Markenzeichen, niemand hat ihn je ohne sie gesehen. Und er trinkt leidenschaftlich gerne einen Schoppen Bier – wenn jemand den bezahlt. Raimundo ist der schwärzeste “Baiano“ (aus dem Bundesstaat Bahia), den ich je gesehen, hat die Farbe von Bitterschokolade – wenn Sie wissen, was ich meine – und sein Alter kann man schwer schätzen, höchstens an seinem schneeweissen Kraushaar – vielleicht siebzig oder achtzig? Früher hat er mal eisgekühlten Mate-Tee zwischen den Sonnenanbetern am Strand verkauft – aber das anstrengende Hin und Her im losen Sand, das machen seine Beine heute nicht mehr mit, wie er mir anvertraute. Jetzt winkt er Autos in Parklücken ein und lebt von den Trinkgeldern, die er dafür bekommt. Ihm geht’s beim Domino in erster Linie darum, Manuel endlich mal zu schlagen. Raimundo ist der zweitbeste Spieler, aber eben nur der Zweitbeste! Manchmal, wenn er sich allzu sehr konzentriert, macht sich der untere Teil seiner dritten Zähne selbständig und schiebt sich aus seinem zerknitterten Mund langsam heraus – ungerührt drückt Milton seinem Freund die Zähne in den Mund zurück, bevor sie auf das Brett fallen und vielleicht die Dominosteine durcheinander bringen. Raimundo entschuldigt sich dann jedesmal ausgiebig, und Manuel fragt nur gereizt: “Haste nu den nächsten Stein oder können wir dich überspringen“?

Und darum geht es bei diesem Domino meiner neuen Freunde: jedes gewonnene Spiel zählt einen Punkt für den Sieger – wer zuerst zehn Punkte erreicht, scheidet aus – dann spielen die anderen beiden weiter, bis der Verlierer feststeht – und der zahlt dann die Runde Bier an der Bar auf der anderen Strassenseite. Manuel hat eigentlich nie Geld dabei – wenigstens behauptet er das – braucht er auch nicht, denn er gewinnt immer. Fast immer! Nur einmal war ich Zeuge des Dramas, als Milton und Raimundo ihn ausgetrickst haben – Raimundo hatte die ersten zehn Punkte, und dann gewann auch noch Milton als Zweiter: da sass Manuel erst nur da und starrte auf das Brett, als habe er gerade sein Todesurteil vernommen, dann fluchte er fürchterlich und fletschte seine Vampirzähne – drehte sich schliesslich zu Milton um und sagte in weinerlichem Ton, dass er kein Geld dabei habe, und ob der ihm nicht die Schoppen auslegen könnte? Darüber wurde nunmehr Raimundo furchtbar wütend und bedachte Manuel mit den übelsten Schimpfnamen aus dem Strassenjargon, die ihm gerade so einfielen, und Milton weigerte sich, ihm das Geld zu borgen. Also sprang ich ein – obwohl Raimundo strikt dagegen war und mir versicherte, ich würde das Geld nie wieder sehen – während Manuel mich dankbar anlächelte, mir die Schultern klopfte und mich seinen “Lebensretter“ nannte. Und dann gingen wir gemeinsam hinüber zur Bar – schon von weitem zeigte Milton dem Keeper vier ausgestreckte Finger seiner Hand – die vier Schoppen Bier erwarteten uns an der Theke…