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Was mich stört…

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

…ODER WIE MICH DIE BRASILIANER “AUF DIE PALME BRINGEN“
Hoffentlich ist Ihnen, lieber Leser, die Bedeutung dieses Ausdrucks noch geläufig? Denn ich bin schon solange weg aus Deutschland, dass ich manchmal, wenn ich einen Begriff aus der deutschen Umgangssprache – um nicht zu sagen dem “deutschen Jargon“ – benutzen möchte, ein bisschen unsicher bin ob dieser vielleicht altbacken oder inzwischen für Sie gar unverständlich daherkommt?

Aber die Wortspielerei mit der “Palme“ schien mir in diesem Fall besonders passend – ich hätte natürlich auch ganz einfach sagen können: “Was mich hier in Brasilien auf 80 bringt“, aber damit hätte ich mich eines weiteren Ausdrucks aus dem deutschen Jargon bedient – ausserdem bin ich mir da auch nicht mehr so sicher, ob man heutzutage jemanden nicht mindestens “auf 200“ oder gar “300 bringen“ muss, damit sich das im Vergleich zu den inzwischen üblichen Geschwindigkeiten adäquat anhört? Noch einfacher hätte ich allerdings sagen können: “Was mich hier in Brasilien ärgert“ – und damit sind wir hoffentlich klar und unmissverständlich beiderseits bei dem von mir anvisierten Thema.

Es ist wahrscheinlich so – nicht nur durch mein fortschreitendes Alter bedingt, sondern auch durch meine langjährige Gewöhnung an all die vielen, früher so unkritisch bewunderten, touristischen Reize Brasiliens, und besonders die meiner einstigen “Traumstadt Rio de Janeiro“ – dass meine Bewunderung inzwischen längst ab und die eigene Reizbarkeit stark zugenommen hat.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERADie Brasilianer, und insbesondere die “Cariocas“ (Einwohner von Rio), verhalten sich nämlich (inzwischen) ganz anders, als sie im BrasilienPortal gerne geschildert werden. Von meinen vierzig Jahren Brasilien habe ich mindestens fünfzehn in Rio de Janeiro verbracht – mehr oder weniger aus beruflichen Gründen, anfangs auch weil ich glaubte, mit meiner Arbeit in dieser Traumstadt das grosse Los gezogen zu haben: herrliche Lage am Meer mit wunderbarem Klima – warm das ganze Jahr über – wohlgestaltete Menschen, besonders die Frauen – Lachen und Unbeschwertheit allenthalben – herzliche Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber uns Ausländern. Das sind ein paar der vielen Klischees, die der Stadt am Zuckerhut anhaften – und die von einer Informationsplattform wie dem BrasilienPortal aus offensichtlichen Gründen vertreten werden (müssen). Deshalb bin ich auch ziemlich skeptisch, ob die meine persönlichen Erfahrungen in dieser Stadt, die nicht nur für mich, sondern auch für viele Einheimische inzwischen eher zur “Albtraumstadt“ geworden ist, überhaupt veröffentlichen werden – trotzdem möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen und meiner eingeschnürten Seele endlich Luft machen.

“Lass Dampf ab, dann geht es dir gleich wieder besser“, pflegte mein Vater gerne zu sagen. Und es hilft mir tatsächlich, wenn ich mir meinen Frust von der Seele schreibe – eigentlich egal, ob das später jemand liest – aufs Rauslassen kommt es an, um die eigene aufgestaute Aggressivität abzubauen! Ich schreibe – und danach gelingt mir sogar gegenüber unserem dumm-dreisten Portier wieder ein freundliches Lächeln – ob man das nicht mal bei der UNO als Vorschlag für die Wiederherstellung des Friedens in der Welt einbringen sollte?

Seitdem ich nach einem zweijährigen Deutschlandaufenthalt wieder in Rio zurück bin, ziehe ich von einem “Temporada-Appartement“ zum andern – das sind sündhaft teure Saison-Appartements, die besonders im Stadtteil Copacabana an ausländische Touristen vermietet werden. Sie haben aber den Vorteil, dass man für sie keine Kaution hinterlegen muss, die bei einem normalen Mietvertrag in der Regel drei Monatsmieten betragen würde – bei einem “Temporada-Appartement“ bezahlt man dagegen nur die vereinbarte Monatsmiete im Voraus und kann auch jeden Monat wieder ausziehen. Die meisten befinden sich in Strandnähe. Heutzutage sind viele der Gebäude, von denen die berühmte “Copa“ eingerahmt wird, in solche Wohn-Silos umgebaut worden – aus jenen 150 bis 200 Quadratmeter grossen Luxus-Appartements der ehemaligen Creme der Gesellschaft, haben ihre weniger “cremigen“ aber sehr cleveren Nachkommen 10 bis 15, meist spärlich möblierte, “Kitchenete“-Parzellen gemacht, das sind meist winzige Einzimmer-Appartements (man nennt sie hier scherzhaft “apertamentos“ – apertado = eng), die sie zu horrenden Preisen an Touristen vermieten. Das läuft besonders gut während der Saison, zwischen Dezember und Februar, wenn die zahlreichen Feste hierzulande auch die Touristen in Scharen anlocken. Amerikaner bezahlen dann 1.500 bis 2.000 Dollar für eine solche “Bumsbude an der Copa“, mit 15 bis 20 Quadratmetern Wohnraum – den drei- bis vierfachen Monatslohn eines durchschnittlichen brasilianischen Angestellten. Die Nachfrage geht allerdings dann ab März deutlich zurück, und die Besitzer solcher Touristenzwinger werden wieder auf vernünftigere Preise ansprechbar, die dann etwa bei einem Viertel jener Saisonpreise liegen. So bin auch ich vorübergehend in einer “Kitchenete mit seitlichem Meerblick“ untergekommen, werde mich aber schon bald nach einer anderen Bleibe umsehen müssen, denn die Besitzerin hat bereits ein lukrativeres Angebot vorliegen. Dies nur mal zu des verehrten Lesers Einstimmung, denn eigentlich wollte ich ja von unserem Portier erzählen:

Und der, den ich meine, ist einer von vier Portiers, die sich alle acht Stunden ablösen – also eine Betreuung (vielleicht sollte ich lieber sagen “Bewachung“) unseres Gebäudes und seiner Bewohner rund um die Uhr. Entsprechend hoch sind deshalb auch die so genannten “Nebenkosten“ – in meiner Miete jedoch bereits inbegriffen. Meine Gegend in Strandnähe gilt als besonders “überfallgefährdet“, deshalb sind die Eingänge sämtlicher Gebäude von hohen Metallzäunen umgeben, deren Portal der Portier durch Knopfdruck, von seinem Tisch hinter der Glastür aus, öffnet, nachdem er einen der Hausbewohner erkannt, oder sich der Besucher entsprechend ausgewiesen hat.

“Joelson“ (28) heisst jener Portier, von dem ich erzählen will. Er ist eigentlich gar kein Carioca, sondern kommt aus “Piauí“, dem ärmsten Bundesstaat des brasilianischen Nordostens – alle Portiers kommen aus “Piauí“, und wenn nicht, dann aus “Paraíba“, mit ähnlichen Verhältnissen – aufgewachsen in der unglaublich trockenen, menschenfeindlichen Gegend des “Sertão“, ohne bezahlte Arbeitsmöglichkeiten. Und wenn sie in der Grossstadt keinen Job als Portier finden, dann eben als Aufzugführer im Geschäftszentrum von Rio oder als Office-Boy, denn eine Ausbildung haben sie nicht – kaum eine Schulbildung.

Es war Anfang Juni, die Aufregung um die Fussball-WM in Deutschland war in Rio gerade am Erblühen, als wir uns anlässlich meines Neueinzugs kennenlernten – das heisst, als ich die beiden Koffer mit meinen wenigen Habseligkeiten vor dem Aufzug abstellte und ihm beiläufig erklärte, dass ich Deutscher sei. Nun, die wenigsten Brasilianer haben überhaupt eine genauere Vorstellung davon, wo Deutschland eigentlich liegt, aber dass in diesem Jahr 2006 dort die “Copa“ (WM) stattfand, das wusste hier nun wirklich jedes Kind!

Joelson versuchte sich erst einmal bei mir beliebt zu machen, indem er nachplapperte, was allabendlich von den in Deutschland stationierten brasilianischen TV-Korrespondenten über den Bildschirm herüberwehte: Wie toll die Organisation der “Copa“ funktioniere . . . dass die Deutschen sehr (gast)freundliche Leute und Fans der brasilianischen “Seleção“ seien . . . worauf ich ihn mitten in seinem Redefluss unterbrach – vielleicht, weil mich diese brasilientypische Anbiederung langweilte, vielleicht auch, weil mich der Hafer stach – und brüsk ergänzte: “Und die “Copa“ werden die Deutschen auch gewinnen“! Er nahm die kalte Dusche mit scheinbarer Gelassenheit, verzog keine Mine, aber sein begeisterter Erguss über die Qualitäten der Deutschen war jäh zuende – stattdessen hielt er mir schweigend die Tür des Aufzugs auf, ich wuchtete meine Koffer hinein und damit wurde unsere Bekanntschaft erst einmal ad acta gelegt.

Nach den ersten zwei Spielen, welche die Brasilianer mit Ach und Krach durchstanden, wie man weiss – während sich die deutsche Mannschaft von Mal zu Mal steigerte – wechselten wir immer mal wieder ein paar Worte, die sich um den jeweiligen Stand der “Copa“ drehten, wobei er tapfer die jämmerliche Präsentation der brasilianischen Mannschaft als “noch steigerungsfähigen Anfang“ verteidigte, und nach der dritten Partie der “Seleção“ – der gegen die Japaner – war er sich wieder ganz sicher und frohlockte: “Brasilien, Sie werden es erleben, Brasilien holt den “Hexa“ (womit er den “Sechsfachen Weltmeistertitel“ meinte) und setzte dann noch einen drauf: “Brasilien gegen Deutschland im Endspiel“!

Nun wissen wir ja inzwischen alle, was sowohl aus seinen als auch meinen Prognosen geworden ist. Als Brasilien gegen Frankreich verlor – “das Spiel wird für uns Papaya mit Zucker“, hatte Joelson vor dem Anpfiff noch überzeugt getönt (womit er ein “leichtes Spiel“ meinte) – und die “Seleção“ ob ihrer laschen Haltung in dieser Partie einen schmerzhaften Spiessrutenlauf durch die Gassen enttäuschter Fans auf den heimatlichen Flughäfen antreten musste – wenigstens jene Spieler, die sich nicht in ihre europäischen Nobelclubs verkriechen konnten – da sass er dann scheinbar gebrochen ein paar Tage lang hinter seinem Tisch wie sein eigenes Gespenst, sprach kaum, drückte nur stereotyp den Türknopf und einmal beobachtete ich ihn, wie er sich verstohlen ein paar Tränen wegwischte, die ihm über die Wangen liefen. Emotionen, wie sie nur echten Fussballfans zu eigen sind – in Brasilien gibt es allerdings die meisten von dieser kuriosen Sorte Mensch, und der verlorene “Hexa“ hat sogar einige Brasilianer zum Selbstmord getrieben.

Wenige Tage später war dann auch der Traum für Deutschland endgültig ausgeträumt, was unseren Portier Joelson, zumindest mir gegenüber, wieder aufrichtete. Er erdreistete sich sogar, mir mit Bemerkungen wie “die Deutschen haben Glück gehabt“, auf den Sack zu gehen und völlig zu ignorieren, dass die Deutschen wenigstens, im Gegensatz zu den zu Unrecht favorisierten schlappen Brasilianern, kämpfend untergegangen sind! Und vor dem Anpfiff zum Endspiel zwischen Italien und Frankreich hatte Joelson entschieden, sich auf die Seite der Italiener zu schlagen – ging schliesslich sogar soweit zu behaupten, er hätte schon immer gewusst, dass Italien diesmal Weltmeister würde! Und dabei blieb er – und schloss sich damit der breiten Volksmeinung jener grün-gelb trikotierten Männlein und Weiblein an, die in unserer grün-gelb geschmückten Strasse die schmierigen “Botecos“ (Kaschemmen) belagerten, um ihren Kummer um den verlorenen “Hexa“ in unzähligen Schoppen Bier zu ertränken, enttäuscht auf den Fernseher über ihren Köpfen zu starren und sich röchelnd (weil sie sich bei der dritten und letzten Präsentation der Seleção die Lunge aus dem Hals gebrüllt hatten) darüber zu einigen, ab sofort die Italiener anzufeuern, denn schliesslich sind ja viele Brasilianer selbst italienischer Abstammung – vor allem die vielen Tonnen der für den “Hexa“ angehäuften Feuerwerkskörper mussten ja auch noch sinnvoll in die Luft gejagt werden – nun also für Italien.

Als dann so gegen Montagmittag die streunenden Hunde und Katzen von Copacabana, immer noch verstört von der ohrenbetäubenden Knallerei für Italien, aus ihren Verstecken krochen – ich nehme an, wer den Worldcup gewonnen hatte, war ihnen ebenso schnuppe wie mir – als sich endlich gegen zwei Uhr nachmittags wieder die üblichen Menschentrauben durch die Türen der Metro zu quetschen begannen, um sich mit ihrem Copa-Kater ins Büro zu schleppen und noch ein paar Stunden Präsenz zu mimen – da fing es plötzlich an, wie aus Kannen zu giessen. Die noch auf der Strasse waren, begannen zu rennen, sich unterzustellen – die in den Büros traten an die Fenster und sahen mit verschleiertem Blick, wie sich eine grün-gelbe Brühe in den Löchern und Unebenheiten der Trottoirs und auf den Strassen sammelte – zerronnene grün-gelbe Hoffnung, die lange brauchte, um abzufliessen, denn die Gullis waren wie üblich vom Abfall verstopft.

Kaum hatte Joelson an diesem Montagabend meine Gestalt durch den Metallzaun erblickt, als er den Türknopf betätigte und mir mit einem aufgesetzten Siegerlächeln durch den Korridor entgegeneilte. Da ich mir schon denken konnte, wie er nun versuchen würde, sich auf die Seite der Copa-Sieger zu lavieren, fixierte ich ihn ungehalten und nahm ihm erst einmal den Wind aus den Segeln, indem ich ihn anfuhr: “Warum grüssen Sie eigentlich nicht mehr, wenn Sie einen Hausbewohner hereinlassen“? Kurze, verblüffte Pause – dann antwortete er patzig: “Weil die Person, die zur Tür hereinkommt, zuerst grüssen muss – und, da Sie es nicht taten, tue ich es auch nicht“! Nun meinerseits verblüfft, machte ich den Versuch, seine seltsame Logik zu entlarven, aber er entgegnete nur lapidar: “So ist das nun mal hier in Brasilien“! Womit er allerdings bei mir einen Nerv getroffen hatte, von dem er nichts ahnte, von dem ich später aber noch erzählen werde. Um also seine Theorie von Erziehung und Anstand zu erschüttern – von wegen “so ist das nun mal hier in Brasilien“ – versuchte ich es mit einem Vergleich:

Das Telefon klingelt . . . man nimmt den Hörer ab, sagt “Hallo“, und eine Stimme fragt: “Von wo sprechen Sie“? (so ist es tatsächlich in Brasilien üblich) – anstatt, dass sich der Anrufende erst einmal vorstellt und anschliessend nach der Person fragt, mit der er sprechen möchte (so ist es im Rest der Welt nämlich üblich)!

Habe mich schon immer – während all der Jahre, die ich in Brasilien bin – über dieses “typisch brasilianische Telefonverhalten“ geärgert und jene obligatorische Frage stets mit einer andern beantwortet, nämlich: “Mit wem möchten Sie denn sprechen“? . . . was meistens funktioniert, denn dann nennt der Anrufer den Namen des gewünschten Gesprächspartners – worauf meine nächste Frage kommt: “Und wer sind Sie – würden Sie sich bitte vorstellen“? Die meisten Anrufer mit etwas Anstand tun es dann endlich – manche entschuldigen sich sogar – aber nicht wenigen ist meine Starrsinnigkeit einfach zuviel und sie legen kurzerhand auf.

Was erwarten jene Anrufer aber eigentlich auf ihre Frage “von wo sprechen Sie“? Die Antwort ist: eine Telefonnummer – meine Telefonnummer – die sie dann mit der von ihnen gewählten vergleichen können um festzustellen, dass sie sich nicht verwählt haben. Damit sind aber sowohl der Angerufene als auch der Anrufende noch keinen einzigen Schritt weiter hinsichtlich ihrer gegenseitigen Identifikation, nur die Uhr der hier in Brasilien sündhaft teuren Sprechminuten, besonders bei einem Handy, läuft unerbittlich! Nachdem er also die Nummer verglichen hat, fragt der Anrufende nach der Person, die er sprechen möchte: “Ist Herr Sowieso da“? . . . immer noch ohne sich selbst vorgestellt zu haben! Also wieder ein Grund für mich, ihn zu fragen: “Wer möchte mit Herrn Sowieso sprechen“? Und dann kommt entweder endlich der Name des Anrufenden – oder er legt ebenfalls auf. Und dieses ganze unerquickliche Gefasel bringt den Telefongesellschaften Millionen!

Habe schon stundenlange Diskussionen mit brasilianischen Freunden über dieses leidige Thema bestritten – in der Regel mit wenig Erfolg – ich meine: wenig Erfolg für die von mir vertretene effektivere Version des Telefonierens, die nur von ganz wenigen Brasilianern auch als vernünftigere eingesehen wird – in der Regel von jenen, die sich schon mal im Ausland aufgehalten haben. Die andern öden einen an mit Begründungen, die sich immer wieder und vor allem um die Wahrung der Privatsphäre und um die persönliche Sicherheit drehen: deshalb nenne man Fremden gegenüber keine Namen oder Adressen, deshalb gäbe es auch auf Briefkästen keine Namensschilder, nur Nummern – deshalb seien auch vor Wohnungstüren oder neben Klingelknöpfen keine Namen angebracht, sondern nur Appartements-Nummern. Gut und schön, inzwischen sind tatsächlich alle brasilianischen Grossstädte derart verseucht von Banditen, die sich darauf spezialisiert haben, Kreditkarten zu kopieren und damit Bankkonten zu plündern, arme Rentner um ihre Pension zu bringen, indem sie sich telefonisch Auskünfte erschleichen, oder in ganz grossem Stil – wie etwa unsere brasilianischen Politiker – sich mit Millionen aus Geldern der öffentlichen Hand selbst zu bedienen.

“Aber was hat das alles mit der von mir vertretenen Art und Weise des Telefonierens zutun? Wenn sich der Anrufer vorstellt und die von ihm gewünschte Person beim Namen nennt – wer kompromittiert dann wen“? frage ich. Aber den Brasilianern eine Frage nach der Logik ihres Verhaltens oder einer der von ihnen vertretenen Ansichten zu stellen, ist so, als ob man die Absicht hätte, ihr Nationalbewusstsein angreifen zu wollen – sie reagieren abrupt sauer und abweisend: “Wenn Dir unsere Art zu telefonieren nicht passt, warum gehst Du dann nicht zurück nach Deutschland? Wir telefonieren eben so in Brasilien“!

Zu meiner Überraschung hat unser Portier Joelson meine Geschichte durchaus verstanden – auch meinen Vergleich mit der Vorstellung des Anrufenden am Telefon: “So muss es sein“, sagt er kopfnickend, “wer anruft, muss sich zuerst vorstellen“ – und fährt mit einem Grinsen fort, welches ich als hämisch auslege – “und wer zur Tür reinkommt, muss zuerst grüssen“!

Diesmal war es an mir, die kalte Dusche gelassen hinzunehmen – aber ich dachte daran, ihm demnächst mal einen Vortrag über die richtige Einstellung von Portiers gegenüber Hausbewohnern zu halten, von deren Wohlwollen ihre Existenz abhängt. Dazu kam es jedoch nicht, da er – wieder aufgebaut durch den Sieg der Italiener einerseits, und seinen erfolgreichen Abschlag meines Angriffs auf seine Erziehung andererseits – mich schon am nächsten Tag vor der Aufzugstür abpasste, um mit mir “ein paar persönliche Worte zu wechseln“, wie er sich ausdrückte – wobei mir nur einfiel, dass er mich vielleicht um Geld anpumpen wollte. Aber das war es nicht, obwohl seine beschwichtigende Gestik und sein Drumherumgerede mit gedämpfter Stimme genau diesen Eindruck in mir noch verstärkten.

“Bitte nehmen Sie mir nicht übel, was ich Ihnen jetzt sagen möchte“, begann er scheinbar etwas unsicher und fuhr fort, “könnten Sie mir versichern, dass Sie sich nicht aufregen werden, wenn ich Ihnen jetzt etwas sage, was ich für wichtig halte“? – trat dabei von einem Fuss auf den andern und rieb sich verlegen die Hände. Ich nickte erstaunt, beim zweiten Teil schüttelte ich meinen Kopf, aber immer noch wortlos – er lächelte verständnisinnig und fuhr fort: “Es ist nämlich so“, nochmal machte er eine kurze Anlaufpause, “ich wollte Ihnen schon lange mal sagen, dass man hier in Brasilien seinem Gegenüber nicht direkt in die Augen sieht, wie Sie das tun“ – jetzt war ich baff! In vierzig Jahren Brasilien habe ich zwar schon eine Menge Unglaubliches gehört, aber sowas noch nie! Nicht mal in Piauí, seiner Heimat, war ich je Menschen mit einer solch zynischen, alles menschliche ignorierenden Ansicht begegnet – und Joelson ist ein junger Mann von 28 Jahren!

Er deutete wohl meine lange Überraschungspause falsch, vielleicht auch weil in meinem Gesicht der Widerwillen gegen eine solch absurde Ansicht zu lesen war, machte er unwillkürlich einen Schritt zurück – erwartete wohl irgendeinen Gefühlsausbruch von meiner Seite – aber der kam nicht. Zu sehr war ich von seiner offensichtlichen Überzeugung hinsichtlich seiner Äusserung betroffen – die Art und Weise wie er sie vorgebracht hatte – da war kein Zweifel möglich, ob er sich vielleicht mit mir einen Spass hatte erlauben wollen! Ich war im wahrsten Sinn des Wortes erst einmal sprachlos – und fing mich erst wieder, als er seinen Blödsinn bekräftigend hinzufügte: “So ist das nun mal bei uns in Brasilien“! Trotzdem nahm ich mich zusammen und fragte noch einmal nach, ob er das tatsächlich ernst gemeint habe, und so? Doch, doch, es war ihm durchaus ernst mit seiner Äusserung – man solle “im Umgang mit anderen Menschen diesen niemals direkt in die Augen sehen“ – das sei “unhöflich und provokativ“!

Nachdem ich mich ohne weitere Debatte erst einmal fassungslos in meine Wohnhöhle zurückgezogen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: natürlich – darüber hatte ich doch schon irgendwo gelesen – ich glaube es war in einem Buch von Diane Fossey, die unter Gorillas gelebt hat, sie berichtete, dass unter jenen Primaten das direkte “In-die-Augen-Schauen“ als Provokation angesehen wurde – nur der Chef durfte das, ohne Gefahr zu laufen, vom direkt Anvisierten verprügelt zu werden! Und seinerseits verprügelte er jeden, der es wagte, ihm in die Augen zu schauen! Natürlich – bei den Primaten gehörte das zum üblichen sozialen Verhalten innerhalb ihrer Rangordnung. Aber deren Sozialverhalten und das von Joelson – nun, das schien mir doch ein zu gewagter Schluss! Darwin hätte vielleicht gesagt, “da fehlen mir die Zwischenglieder“!

Von dem Vortrag, den ich ihm bezüglich “Augen sind die Fenster zur Seele“ halten wollte, nahm ich dann wieder Abstand – auch, “dass gesenkte Augenlider etwas zu verbergen haben“ bemühte ich mich nicht mehr, ihm zu erklären, und von dem Versuch, ihm die Augen zu öffnen für den Blödsinn, den er da von sich gegeben hatte, zog ich mich wieder zurück – nicht zum ersten Mal, aber wieder einmal, stand ich vor dem Problem, das brasilianische Nationalisten schon vor Jahren in einen radikalen Slogan gefasst hatten, der als Aufkleber auf der Heckscheibe vieler Autos noch heute prangt: BRASIL – AME O OU DEIXE O! (Brasilien – lieb es oder verlass es!) – mit anderen Worten: pass dich an oder hau ab!

Und das ist es! Wenn man in diesem, von Europa so grundsätzlich unterschiedlichen, Land leben und auch glücklich sein möchte, dann muss man lernen, sich ihm anzupassen – und das heisst vor allem: sich seinen Bewohnern anzupassen, denn mit denen hat man täglich zutun. Mich aber den Cariocas (Bürgern von Rio) anzupassen, diese Unmöglichkeit verfolgt mich jetzt schon über fünfzehn Jahre! Unmöglichkeit, weil ich in meinem ganzen Wesen fast das genaue Gegenteil eines Carioca bin: was ihm Spass macht, ist für mich eine Qual (und umgekehrt) – wovon er sich angezogen fühlt, das vermeide ich lieber – wie er mit Frauen umgeht, ist mir zuwider – und wie die Frauen sich Männern gegenüber verhalten, erst recht – womit die Cariocas ihre Zeit verbringen, würde ich mich langweilen – welchen Sinn sie ihrem Leben geben, ist mir schleierhaft geblieben – sie mögen alles laut, ich möglichst leise – Dreck stört sie nicht, mir wird manchmal übel davon – zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehören Sex, Fussball, Strand und TV – in dieser Reihenfolge – statt Fussball, Strand und TV, fotografiere und lese ich lieber. Aber vielleicht bin ich doch endlich und ganz langsam auf dem Weg der Anpassung, denn was sie am liebsten essen, mag ich inzwischen ebenfalls: Feijoada und Churrasco!

Jedoch werde ich keinen dieser mentalen Primaten ändern können – und beim genaueren Hinsehen scheint mir ein Vergleich mit dem Sozialverhalten ihrer Evolutions-Vorläufer auch eher abwegig, denn Primaten verhalten sich um etliches humaner. Ausser dem für beide Seiten typischen tyrannischen Macho-Gebaren ihrer männlichen Vertreter und dem brünstig-servilen ihrer weiblichen, unterscheiden sich dann doch die angeblich ebenfalls zum Homo Sapiens evoluierten Cariocas wesentlich von ihren ehemaligen Vorfahren: Denn sie verehren zwar einen wohlgestalteten Body, legen aber keinen Wert auf “Seelen-Building“ – betrachten Sex als Sport anstelle einer Beziehung aus Liebe – Vandalismus, Lärm und Schund haben einen weit höheren Stellenwert als Erziehung und Bildung – Konsum wird anstelle von Kultur bevorzugt – Prügeleien ersetzen Gespräche – Gewalt zwingt Toleranz in die Knie und anstelle einer Harmonie unter den Bürgern von Rio, sind Mord und Totschlag an der Tagesordnung!

Ach, Sie finden, dass ich übertreibe? Dann sind Sie sicher eine(r) jener Exil-Cariocas, die(der) schon Jahre von ihrem(seinem) geliebten Rio de Janeiro getrennt im Ausland lebt und den Blick für die Carioca-Realität verloren hat. Ich nehme Ihnen das nicht übel, denn ich habe am eigenen Leib die Sehnsucht erfahren, die einen befällt, wenn man längere Zeit von Brasilien getrennt wird – und ich bin, wie schon erwähnt, hier nicht einmal geboren – kann Ihnen aber trotzdem nachfühlen, wenn Sie sich über meine etwas drastischen Schilderungen empören – aber übertrieben sind sie nicht ! Und wenn Sie heutzutage mal einen Blick in die Polizeiberichte dieser Stadt werfen könnten – die vor Blut nur so triefen – dann würden Ihnen nicht nur die Augen überlaufen! Aber soweit möchte ich mit meinen Schilderungen gar nicht gehen – mir genügt es, mir das Selbsterlebte von der Seele zu schreiben – Dampf abzulassen – und damit ein bisschen an der Schale eines Allgemeinverhaltens zu kratzen, das zu den entsprechenden erwähnten Exzessen führt – und mich heutzutage immer noch “auf die Palme bringt“!

Apropos: Haben Sie schon einmal erlebt, wie Ihre Landsleute, die Cariocas, sich in der Untergrundbahn verhalten? Nun, vielleicht sind Sie ja schon solange weg aus Rio, dass Sie unsere hiesige “Metro“ noch gar nicht erlebt haben? Also möchte ich Ihnen mal ein paar cariocanische Stilblüten schildern:

Ganz zweifelsohne gehört die seit 1990 in Betrieb genommene “Metro“ von Rio de Janeiro, mit ihrem alle fünf bis zehn Jahre geringfügig erweiterten Streckennetz (solange braucht man hier um zirka einen Kilometer Tunnel im Untergrund fertigzustellen), zu den segensreichsten Einrichtungen dieser Stadt – und ich bin sicher, dass mir in diesem Fall auch die Mehrheit der Cariocas zustimmen wird. Die beiden einzigen Metro-Strecken – von Süd nach Nord und von Nord nach Süd – bringen die finanziell besser gestellten Cariocas des südlichen, teuren Teils der Stadt, mit den ärmeren aus der nördlichen Peripherie im Stadtzentrum, um den “Lago da Carioca“ herum, zusammen – wenn die einen morgens ihre exekutiven und die andern ihre servileren Bürojobs antreten – und trennen sie gegen Abend wieder, wenn die einen in ihre südlichen Stranddomizile und die andern in ihre Behausungen der nördlichen Vorstadt streben. Allerdings bedienen sich die weitaus meisten Cariocas immer noch der unzähligen Busse, entweder, weil sie zu weit weg von der Metro-Schiene wohnen, oder einfach weil die Busse billiger sind.

Ich selbst gehöre zu denen, die so tun, als seien sie “besser gestellt“, denn im Grunde kann ich mir eine Miete in Copacabana, die drei Fünftel von meinem derzeitigen Einkommen verschlingt, gar nicht leisten. Aber als alleinstehende Person kann ich selbst entscheiden, was mir wichtiger ist – schön zu wohnen und weniger zu essen, oder schlecht zu wohnen, schlechter zu essen und mehr Geld für dummes Zeug auszugeben. Mein zusehends wachsender Bauch hat mir die Entscheidung eigentlich leicht gemacht – und das Ergebnis hat mir recht gegeben! Und da ich tatsächlich auch einen Exekutiv-Job bekleide, gehört es sich einfach, abends am Rand der “südlichen Schiene“ auf meine Metro zu warten.

Apropos: Ob nun Exekutive oder Servile – Cariocas sind absolute Chaoten, auch als Passagiere der Metro, deren Administratoren ganz neue, manchmal direkt peinliche Wege beschritten haben, um ihren “verehrten Klienten“ (so bezeichnen sie sie) ein Minimum an Benimm auf den Stationen und innerhalb der Wagen beizubringen. Und damit den allenthalben durch Lautsprecher dröhnenden Verhaltensmassregeln auch der entsprechende Nachdruck verschafft wird, stehen überall uniformierte (übrigens sehr höfliche) Metro-Polizisten herum, die im Fall eines Falles einzugreifen berechtigt sind. Wären die nicht da, würden Cariocas zum Beispiel über die per Fahrkarte auszulösenden Drehkreuze springen, um das Fahrgeld zu sparen (Fahrkarten muss man vorher an einem etwas entfernten Schalter kaufen) – sie würden die Stationen mit ihrem weggeworfenen Abfall verdrecken (anstatt die Mülleimer zu benutzen, die überall aufgestellt sind) – sie würden überall rauchen und ihre Kippen hinwerfen (das Rauchen ist im Metro-Bereich verboten) – sie würden unerträglich lärmen und randalieren – sie würden nur mit Badehose und Bikini bekleidet in die Bahn einsteigen – sie würden ihre Schosshunde mit der Metro transportieren – sie würden sogar die Wände in abgelegenen Ecken der Station bepinkeln . . sie würden . . . sie würden . . . und deshalb ist die Bahnpolizei da! (Was da so klingt wie Annahmen, sind keine! Dies sind nämlich ein paar Auszüge aus einer offiziellen Liste von Vergehen, die trotz Bahnpolizei immer wieder vorkommen!

Nun, das waren Betrachtungen von aussen – von den Bahnstationen aus, meine ich. Steigen Sie nun mal ein und erleben Sie die Cariocas innerhalb der Metro! Bereits vor dem Einsteigen bilden sie dicht gedrängte Menschenbündel an den Bahnsteigkanten, und zwar jeweils an den Stellen, an denen erfahrungsgemäss die Wagentüren zum Halten kommen. Anstatt ruhig abzuwarten – wie sie es sonst in langen Schlangen an den Bushaltestellen oder vor Bankschaltern zu tun pflegen – beginnt bereits hier das Gedränge um die Standplätze in den ersten Reihen, und wenn man auch nur ein paar Zentimeter Abstand von diesem Wirrwarr hält, drängt sich noch prompt jemand ungerührt dazwischen – das alles, noch bevor der Zug überhaupt eingefahren ist – und warum ? Weil es ihnen hier um die relativ wenigen Sitzplätze im Innern der Wagen geht. Wer sich in den ersten drei Reihen des Menschenbündels halten kann, hat eine gute Chance – falls er gut im Drücken und anschliessenden Hineinrennen ist – einen der begehrten Plätze zu ergattern. Wobei jene Menschenbündel bereits das erste Sicherheitsgebot im wahrsten Sinne des Wortes “übertreten“: Auf dem Bahnsteig ist nämlich zirka 50 cm vor der Bahnsteigkante ein durchgehender gelber Sicherheitsstreifen angebracht, auf dem steht wiederholt “diese Linie nicht übertreten“ – die um die besten Plätze drängelnden Menschen beachten sie überhaupt nicht!

Nun fährt der Zug ein – die Menschenbündel weichen einen Moment ein bisschen zurück – “ihre Tür“ kommt genau vor der ersten wartenden Reihe zum Stehen. Dann dauert es etwa eine Minute – währenddessen immer mehr Menschen herbeiströmen, die alle noch mitwollen – bis der Zugführer die zweigeteilten automatischen Schiebetüren nach links und rechts mit lautem Zischen öffnet – jetzt drängt man ohne Rücksicht hinein und schwingt sich, teils mit wahren Hechtsprüngen, auf die Bänke – wer nicht schnell genug ist, hat eben das Nachsehen und muss sich im Gedränge der Volksmenge mit den Halterohren über dem Kopf begnügen. Unverantwortlich aber von Seiten der Metro-Gesellschaft ist es, dass der Zugführer, kaum hat er die Türen geöffnet, bereits die schrille Warnpfeife betätigt, die das Schliessen der Türen ankündigt – und prompt reagiert die Menge wie ein Rudel Antilopen, die einen Löwen in ihrer Umgebung haben brüllen hören – man springt durcheinander, die noch draussen sind schieben jene in der Tür grob nach innen, die empören sich – und über dem ganzen Chaos schliesst der Zugführer doch tatsächlich einfach die Türen, um den Menschenstrom regelrecht abzutrennen! Es geschieht oft, dass welche von den Türen eingeklemmt werden – dann ziehen und zerren die von innen solange an der Person herum, bis sie endlich drin ist – denn wenn die Türen nicht ganz geschlossen sind, kann der Zug nicht abfahren ! Warum keine Metro-Polizisten das Einsteigen überwachen? Weil sie nur dort eingesetzt werden, wo die Bahnbetreiber ohne ihre Kontrolle eine finanzielle Einbusse erleiden würden – wie die Leute einsteigen, interessiert sie anscheinend nicht!

Apropos: Rein theoretisch gesehen, hat man sich im Planungsbüro auch irgendwann einmal mit dem Ein- und Aussteigeverhalten der Cariocas beschäftigt, das beweisen die beiden tellergrossen Verkehrssymbole, die man an jeder der automatischen Schiebetüren angebracht hat: auf der rechten Hälfte, in Augenhöhe, ein grüner Kreis mit Pfeil und der Aufschrift “Entrada“ (Eingang) – auf der linken Hälfte, ebenfalls in Augenhöhe, ein durchgestrichener roter Kreis mit der Aufschrift “Saida“ (Ausgang). Von innen sind die beiden Symbole entsprechend umgekehrt angebracht – tellergross und deutlich! Gebracht haben sie aber bis heute rein gar nichts: Nach wie vor drängen die Cariocas in türbreiter Phalanx an den jeweiligen Stationen ins Innere – während die Aussteigewilligen sich zwischen ihnen hinausquetschen müssen! An diesem Dilemma ist allerdings die Metro-Administration mit schuld, denn an jeder Station ertönt jene schrille Warnpfeife – die gehörsensiblen Menschen wie mir beinahe das Trommelfell platzen lässt – sofort nach dem Öffnen der Türen und versetzt sowohl Ein- wie Aussteigende in Panik, denn manchmal zieht der Zugführer diesen Pfeifton über eine Minute lang, bevor er die Menge “trennt“ – ein andermal kommt die Schliessung der Türen sofort danach – weil aber niemand genau weiss, wielange die Türen jeweils offen bleiben, hetzen sie eben alle hinaus und hinein !

Ich steige grundsätzlich an der grün markierten Türhälfte ein und aus – kann mich dann aber nicht beherrschen und schiebe den Gegenstrom einfach auseinander, was mir, ausser ein paar bitterbösen Blicken, bisher noch keine weiteren Schwierigkeiten eingebracht hat, denn ich bin mindestens einen Kopf grösser als der Durchschnitts-Carioca und auch sonst ziemlich kompakt. Habe es anfangs auch schon mal mit Lehrsätzen wie “Der Eingang ist links“! oder “Hier ist der Ausgang“! probiert, die ich dem Gegenstrom zugezischt habe – hat aber ausser ein paar Flüchen, wie “Du Hurensohn“ oder “Du sollst verrecken“! nichts weiter gefruchtet – wobei die Frauen sich mit besonders kreativ-scheusslichen Bezeichnungen hervortun: eine hat mich mal “Arschficker“ genannt.

Auch bezüglich des allgemeinen Runs auf die Sitzplätze hat man sich bei der Administration Gedanken gemacht und jeweils zwei direkt hinter den Türen befindliche Sitzplätze orangefarben gestrichen – die andern sind grün. Sowohl durch ständig sich wiederholende Aufrufe aus den Lautsprechern im Innern der Wagen, als auch über Aufkleber, die über jenen besonderen Sitzplätzen angebracht sind, betreibt man nun schon seit fünfzehn Jahren Volkserziehung, und das klingt so: “Verehrte Klienten – die orangefarbenen Sitzplätze sind für Behinderte, alte Leute, schwangere Frauen und Mütter mit Schosskindern gedacht – beweisen Sie Ihre Solidarität und überlassen Sie ihnen den Platz“! Diese und andere “erzieherische Aufrufe“ ertönen in betäubender Lautstärke während der gesamten Fahrt – zwischen den Stationsansagen, die man erst neuerdings, eingedenk der ausländischen Touristen in Rio, mit dem Zusatz versehen hat:“Next stop “Lago da Carioca“ (zum Beispiel) – während die Ansagerin auf dem Band in Portugiesisch zwar auch die entsprechenden Busanschlussmöglichkeiten von den jeweiligen Stationen bekannt gibt, begnügt sie sich leider im Englischen mit jenem kurzen “Next stop . . .“ – wäre auch zuviel verlangt bei dem schweren Brasil-Akzent mit dem sie schon diese zwei kurzen Worte belegt, würde sowieso kein Ausländer mehr verstehen!

Nun hat man tatsächlich im Lauf der vielen Jahre erreicht, dass das hereindrängende Carioca-Volk jene orangenen Plätze entweder frei lässt oder beim Auftauchen einer älteren Person bereitwillig aufsteht. Aber selbst diese Bereitwilligkeit kann, bei der eigenwilligen Sturheit gewisser Cariocas zu einem neuen Problem werden: nicht wenige jener “alten Leute“ – vielleicht, weil sie wenige Stationen weiter schon wieder aussteigen wollen, vielleicht auch, weil sie sich jünger fühlen, als sie eigentlich aussehen – winken ab, wenn man ihnen den “orangenen Platz“ anbietet. Oft insistiert der Abgelehnte dann aber – er ist schon aufgestanden, die Leute im Zug werden auf die Szene aufmerksam, und er möchte nun nicht sein Gesicht als höflicher Bürger verlieren – also fasst er die alte Dame am Arm und will sie auf den freien Platz nötigen – die aber bleibt stur, jetzt erhebt sie ihre Stimme und krakeelt, dass sie gleich wieder aussteigen werde – inzwischen hat sich schon ein älterer Herr auf den angebotenen Platz gesetzt – der jüngere Mann bleibt mit rotem Kopf stehen, und ich bin ziemlich sicher, dass er so schnell seinen orangefarbenen Platz niemand mehr anbieten wird!

Und so ist es hier in allen Lebenslagen: Die Menschen sind sowas von stur und hängen an ihren althergebrachten Sitten und Gebräuchen, welche allerdings in einer Metropole wie Rio de Janeiro eher zum Hindernis als zum Vorteil einer Bürgerschaft werden, die einerseits mit der allgemeinen Globalisierung Schritt halten möchte, andererseits aber kaum ein entsprechendes Niveau an Erziehung und Kultur mitbringt. Das Land und diese Stadt sind voll von lauthals geschmetterten Höflichkeitsfloskeln, die jedoch keinerlei praktischen Anspruch für die Menschen besitzen und im Wind verwehen – Höflichkeit praktizierende Menschen sind die Ausnahme – wirklich höfliche Cariocas eine absolute Seltenheit. Höflichkeit und andere gute Eigenschaften werden dagegen durchaus von ihrem Gegenüber erwartet – während der Carioca seine eigenen Charaktereigenschaften leider nie infrage stellt, und über den Horizont seiner eigenen Interessen auch kaum hinausgeht. Ausnahmen, die es natürlich gibt, bestätigen aber die Regel.

Da fällt mir jene Begegnung vor ein paar Tagen wieder ein: Wie jeden Abend nach Büroschluss, hole ich meine zwei Liter Milch und ein paar frische Brötchen beim Bäcker in meiner Strasse – der Dicke hinter dem Tresen kennt mich sogar beim Namen und schiesst stets sehr hilfsbereit auf mich zu, wenn ich mich blicken lasse. So auch an diesem Abend – er packt mir meine vier Brötchen gerade ein, und ich möchte ihn noch um ein Stück Butter bitten – als eine Dame mittleren Alters, neben mir, uns unterbricht und mit herrischer Stimme vom Dicken zwei Pakete Toastbrot verlangt. Ich wende mich ihr zu und sage nur: “Würden Sie bitte warten, bis Sie an der Reihe sind – ich habe es ebenso eilig wie Sie“! Worauf Sie patzig erwidert: “Sie haben wohl keine Erziehung“, und weil Sie mich als Ausländer erkannt hat, hinzusetzt “gehen Sie doch in Ihr Land zurück, wenn es Ihnen hier nicht passt“! Ich kontere:“Wer hier keine Erziehung hat, sind Sie, Senhora – bitte warten Sie“! Worauf sie alle meine Schilderungen bestätigend zurückschiesst: “Ich bin hier in meinem Land“! Und ich, auch nicht maulfaul:“Ach so, und deshalb brauchen Sie keine Erziehung“? Gott sei Dank habe ich die Anwesenden auf meiner Seite – unter deren grölendem Gelächter macht sich die Frau mit ihren zwei Paketen Toastbrot davon, die ihr der Dicke während unserem Schlagabtausch verlegen über den Tresen geschoben hat. Mich trösten die Lacher ein wenig und zeigen mir, dass es hier so etwas wie Fremdenhass eigentlich nicht gibt, und dass die meisten Probleme nur aus der allgemeinen Nachlässigkeit, Bequemlichkeit, Fahrlässigkeit – kurz, einer erschreckenden Unerzogenheit und Unkultur der Menschen entstehen. Aber kann oder sollte man ihnen die tatsächlich verzeihen? Hat nicht ein Mensch, der an andere gewisse Ansprüche stellt, auch selbst die Verpflichtung, solchen Ansprüchen seinerseits zu genügen?