Warum kostet ein Smartphone in Brasilien mehr als anderswo?

Veröffentlicht am 8. Oktober 2013

Die Seite “The Verge” veröffentlichte eine Reportage über die hohen Preise von Smartphones in Brasilien und deren Auswirkungen im Land: Einige reisen ins Ausland, um dort günstiger einzukaufen, andere kaufen beim brasilianischen pendent von EBAY und es gibt auch Leute, die illegal eingeschmuggelte Waren zu angeblich niedrigeren Preisen kaufen.

Der Blick von aussen gibt die Schuld an den hohen Preisen vor allen der Inflation und den hohen Steuern. Aber wie wir schon oft beobachtet haben, gibt es andere Motive, die diese Analysen normalerweise vergessen.

Eine kürzliche Reportage der New York Times kommt sehr nah dran, die hohen Preise zu erklären, endet dann aber doch wieder bei den Steuern:

“Die sehr hohen Kosten in Brasilien kann man einer Serie von Faktoren zuordnen, inklusive Transportengpässen, die es verteuern, die Produkte zu den Käufern zu bringen, Massnahmen der Regierung, die nationale Produkte vor der Konkurrenz schützen und einer grossen Masse von Käufern, die an eine relative hohe Inflation gewöhnt sind… Wirtschaftswissenschaftler aber meinen, dass ein Grossteil der Schuld an den unglaublich hohen Preisen im dysfunktionalen Steuersystem liegt…”

Die prekäre Infrastruktur verteuert die Produkte noch mehr: der Transport im Land hängt sehr von den Autobahnen ab. Das ist viel teurer, als mit Güterzügen zu transportieren(die es nur sehr begrenzt zu einigen Hafenstädten gibt) und ausserdem gehen auch Anteile der Ware so verloren. Dazu kommt, dass Brasilien sich auf Platz 130 im Ranking für Bürokratie der Weltbank befindet (je weiter hinten der Platz, umso bürokratischer das Land). All’ das führt zu den Kosten in Brasilien.

Natürlich kann man nicht leugnen, dass die Steuern sehr stark auf den Elektronikwaren lasten, die in Brasilien verkauft werden. Die ICMS (Steuer für alle Waren, die durchs Land transportiert werden) variiert zwischen 16 und 18 % und kann sogar bis zu 25% betragen. Dann gibt es die Importsteuer von 60% – ein Mittel, mit dem die Regierung seit Jahren die nationalen Produkte bevorzugt. Die Firmen geben ein Drittel ihres Jahreseinkommens für Steuern aus.

Mobile devicesSteuern senken hilft, Preise zu senken. Trotzdem werden die Elektronikgeräte davon auch nicht sehr viel billiger. Auf den Smartphones unter 1.500 Reais, die in Brasilien produziert werden, liegt ein Steueranteil von null Prozent, was bestimmte Steuern angeht. Weil der Verkauf der Geräte und nicht ihre Produktion besteuert wird, kann die Wirkung schon in wenigen Tagen auftreten. Einige Läden haben den Preis erstmal aufgebauscht, um dann vorzutäuschen, dass sie Preisnachlass gegeben haben, aber im Allgemeinen sind die Preise wirklich gefallen.

Jedoch blieb der Preisnachlass bei der Mehrheit der Handys auf 50-100 Reais begrenzt. Nimmt man zum Beispiel das Lumia 620: es wurde in Brasilien für RS 899 auf den Markt gebracht und nach den Steuernachlass fiel der Preis bis auf RS 815. Monate nach dem Verkaufsstart kostet es noch weniger: heute kann man es für ca.RS 650 kaufen. Das sind günstige Preise, O.K.? Oder auch nicht. Genauer gesagt kostet derselbe Apparat US$ 200, schon entriegelt bei Amazon.

Der Preisunterschied zwischen Brasilien und dem Ausland hat den Firmenchef Henri Chazan aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul, dazu gebracht, folgenden Satz zu formulieren: ”Weil ich arm bin, kaufe ich nur in den USA.” In bestimmten Fällen kann der Preis eines Geräts in Brasilien seinen Preis in den USA samt Flug und Unterkunft decken. Man bemerke, dass der Firmenleiter dies schon vor 3 Jahren gesagt hat, aber der Satz ist immer noch aktuell.

Wer also Geld übrig hat, kauft ein MacBook Pro Retina für RS 6.000 oder ein iPhone 5 für über RS 2.000. Für die anderen bleibt nur übrig, einen Bekannten in den USA zu bitten, ein Gerät günstiger von dort mitzubringen oder selbst hinzureisen. Deswegen geben Brasilianer dort soviel aus: im vergangenen Jahr waren es 1,9 Milliarden US-Dollar in New York und über 1,5 Milliarden US$ in Miami, wo wir die grösste Nation unter den Touristen sind. In New York stehen wir an zweiter Stelle, gleich hinter den Briten.

Doch sogar so erklären die Steuern noch immer nicht für sich allein, warum in Brasilien alles so teuer ist. Nehmen wir einmal die staatlichen Zuschüsse, die für Tablets gezahlt werden: Nach einem Gesetz aus dem Jahr 2005 sind sie von verschiedenen Steuern befreit, wenn sie in Brasilien gebaut werden. Trotzdem hat es viele Monate gedauert, bis die Preise sanken und ein guter Teil der Preisreduzierung hat dank der Konkurrenz und nicht wegen der Steuersenkung stattgefunden.

Und manchmal ist der Preis auch gleichgeblieben oder sogar gestiegen. Das iPad ist das beste Beispiel: Foxconn bekam Steuervorteile versprochen, um das Gerät von Apple in Brasilien zu produzieren. Trotzdem fiel der Preis des iPad3 nicht in den Geschäften, die das brasilianische Modell verkauften. Schlimmer noch: das iPad4 ist bis zu RS 300 teurer als sein Vorgänger. Sogar das iPad2 blieb teurer im Online-Store von Apple!

Noch ein Beweis, dass die Steuern nicht alles sind: der absurde Startpreis des Galaxy S4. Samsung testete ein neues Preisniveau für den Preis von high-end Smartphonen in Brasilien: vorher war Apple allein mit seinen Höchstpreisen. Aber warum ist das S4 teurer als das S III, als es neu herauskam? Sie hatten keinen Steuervorteil, weil sie über RS1.500 kosten, also nicht unter das entsprechende Gesetz fallen. Aber die Steuern sind im Vergleich zum letzten Jahr nicht gestiegen. Und der Preis des Geräts in den USA ist praktisch nicht gestiegen.

So kommen wir zur Wurzel der überhöhten Preise:
“Es gibt eine Gruppe von Aufsteigern in die Mittelklasse in Brasilien und in ganz Südamerika”, sagt der Anthropologe José Carlos Aguiar. “Sie sind nicht reich, aber auch nicht so arm wie ihre Eltern waren. Also hat man plötzlich Millionen von Personen, die Produkte kaufen wollen – die iPhones und andere neue technologische Produkte, die sie bei reichen Personen und im Fernsehen sehen.”

“Die soziale Klasse in Brasilien wird nicht mehr durch Bildung oder Stadtviertel bestimmt: es geht alles um Lebensstil. Das ist es, was diesen Markt anführt.”

Kommen wir wieder zurück zum Problem der Gewinne in Brasilien. Wenn es jemand gibt, der viel bezahlt, warum sollte man dann den Preis senken? Und wenn das Gadget eben ein Statussymbol ist, macht es nicht viel Sinn, es billiger zu verkaufen. Diese Haltung von Seiten der Käufer lässt zu, dass die Preise in schwindelerregenden Höhen bleiben.

In einem Interview mit der Zeitschrift TRIP bemerkt der Anthropologe Roberto Da Matta, wie Brasilien das amerikanische Modell exzessiven Konsums importiert, dabei aber die Ungleichheit beibehält:

“Als ich in Washington wohnte, war ich einmal joggen und sah Bush Junior, der zu der Zeit Präsident war, ebenfalls joggen mit seinen Bodyguards. Er hatte dieselben Nikes an wie ich. Hier in Brasilien ist es schwieriger, sich diese Szene vorzustellen. Denn die Objekte spiegeln noch viel mehr, zu welcher sozialen Klasse die Person gehört. Der Sportschuh, das Auto, das Restaurant haben nicht nur einen Wert, weil sie das sind, was sie sind, sondern als Statussymbole. Deshalb ist es auch teurer, in Rio oder São Paulo zu dinieren, als in New York.”

Was ist also die Lösung für diese hohen Preise? Für einige heisst das, keine Geräte mehr zum “offiziellen” brasilianischen Preis zu kaufen: sie entweder im Internet zu “gerechteren” Preisen zu kaufen, oder sie im Ausland zu erwerben.

Indessen ist sogar die Reise in die USA, um dort günstiger Elektronikgeräte zu kaufen, zum Statussymbol für die Mittelklasse geworden.

Aus der Financial Times:
“Es ist beinahe wie ein Passage-Ritus”, sagt Andrew Gajary, Geschäftsführer im Hotel InterContinental am New Yorker Times Square. “Eine Reise nach New York scheint zum Statussymbol der neuen brasilianischen Mittelklasse geworden zu sein.”

Die Steuern erklären nicht für sich allein die hohen Preise in Brasilien. Wir haben strukturelle Engpässe, die die Kosten in Brasilien in die Höhe treiben und wir haben eine Kultur des Zur-Schau-Stellens, die hohe Gewinne zur Folge hat. Solange diese zwei Faktoren sich in einem Teufelskreis bewegen, werden die Steuersenkungen nur zu mehr Gewinn für die Hersteller führen und wir haben weiterhin die teuersten Smartphones der Welt.