Verzweifelter Opa

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

“Die Jugend? Sie ist bewundernswert. Die Jugend ist fast alles. Sie ist die Menschheit und der Neuanfang aller Hoffnung“
(Der brasilianische Schriftsteller Guimarães Rosa)

DCF 1.0 “Ich bin 82 Jahre alt. Habe Enkel und Urenkel. Und ich verbringe den Rest meines Lebens ohne zu begreifen, was mit ihnen geschehen wird. Drei haben Brasilien bereits verlassen – sie schlagen sich irgendwie durch, und ich vergehe vor Sehnsucht nach ihnen. Ich vernehme einen stummen Schrei, der die JUGEND anklagt, sie als schlecht entlarvt, denn sie hat den Tod eines Studenten in der USP (Uni São Paulo) herbeigeführt, hat das Rektorat der USP zerstört, hat einen armen, obdachlosen Indianer in Brasília mit Benzin übergossen und angezündet, hat eine bescheidene Hausangestellte im Stadtteil Barra da Tijuca / Rio de Janeiro angegriffen und halbtot geschlagen. Ist die JUGEND wirklich schuld, oder ist ihr Verhalten die Konsequenz anderer Faktoren? Wir haben uns zu einer Analyse der brasilianischen Situation entschlossen und sind zu folgenden Ergebnissen gelangt:

Erstens: Die politische Macht
Sie befindet sich fast, wenn nicht ganz, in einem Zustand totaler Entmachtung durch Korruption. Es ist wirklich traurig, mitansehen zu müssen, wie das Triumvirat der Staatsmacht dermassen durch Korruption miteinander verflochten ist, dass man nicht mehr sagen kann, welchem man am wenigsten trauen sollte. Die Exekutive und die Legislative haben die Korruption derart auf die Spitze getrieben, dass man ihre Parteiführer schon längst ihres Amtes hätte entheben müssen. Wir wollen davon absehen, an dieser Stelle die allseits bekannten Skandale aufzuzählen, dies erscheint uns nicht mehr notwendig. Die überraschte Gesellschaft der brasilianischen Bürger erlebt den Polit-Zirkus der Unverantwortung tagtäglich auf ihren Bildschirmen zuhause. Alles scheint erlaubt, wenn die Protagonisten dieses erbärmlichen Spektakels mit und gegeneinander umspringen – man kauft Gewissen, verkauft seine Ehre, um nur irgendwie, auf welche Art auch immer, reich zu werden, Geld zu scheffeln – das tägliche Glücksspiel in der Hauptstadt der Republik, die heute eher einem Bordell gleicht, denn einer Stadt, die Vorbild sein sollte für ihr Land.

Um dem Volk etwas vorzumachen, beschuldigen die Politiker selbst das gegenwärtig geltende politische System. Man schreit herum, so als ob es die Entrüstungsschreie von würdigen und ehrbaren Männern seien. Jedermann weiss, dass ein Regime gleich welcher Art – eine Diktatur, eine Demokratie mit oder ohne König, eine Föderation oder eine Konföderation oder “was weiss der Teufel für eine Regierung“ – ohne die Haltung, den Respekt, die Ehre und Würde seiner Dirigenten keinen Bestand hat. Das Brasilien von heute ist ein durch und durch korruptes Land. Entweder bringt man nun endlich die grossen Diebe hinter Gitter, oder das Land versinkt in der totalen Anarchie. Gibt es jemanden in einem Gefängnis, der die Öffentlichkeit bestohlen hat? Die Antwort ist nein und nochmals nein! Der ehrenwerte Senhor Staatsanwalt der Republik, Wellington Divino, der einen Prozess führt gegen die Präsidenten Fernando Henrique Cardoso und Luiz Inácio Lula da Silva – wegen Nichterfüllung der Gesetze – gibt zu: “In Brasilien gehen nur Schwarze, Arme und Prostituierte ins Gefängnis“ – und er fügt hinzu, dass es in Brasilien zwei Arten von Justiz gibt: “Die für den, der bezahlen kann, und die für den andern, der nicht bezahlen kann“. Wenn eine Autorität diesen Kalibers schon eine solch infame Schweinerei öffentlich zugibt – wenn ein Minister sich dazu hergibt, Schwerverbrecher zu verteidigen und andererseits die zögernden Opfer seiner Unpolitik zu verhöhnen – was, bitte schön, können wir dann von einer JUGEND erwarten, die diesen Zirkus mitansieht?

Zweitens: Die Familie
Die ist in Brasilien entweder krank oder bereits zerstört. Es ist so als ob die LIEBE verschwunden wäre. Der Druck einer materiell orientierten Konsumgesellschaft hat die Familie in die Auflösung getrieben. Es scheint so, als ob es das HEIM oder das Haus der Familie nicht mehr gibt. Entweder haben alle ein Auto, oder sie sind alle unglücklich. Es gibt keinen Dialog mehr zwischen Eltern und Kindern. Die TV-Anstalten zeigen täglich einige der zerstörendsten Werte auf den Bildschirmen des ganzen Landes: “Untreu sein, sich einen Liebhaber halten, auf Kosten anderer zu Geld kommen, heiraten und sich wieder scheiden lassen“ – daraus bestehen die in den beliebten “Novelas“ produzierten Szenen, die man einem Volk präsentiert, welches zum weitaus grösseren Teil ignorant, unkultiviert und kosumgeil ist und solche Verhältnisse als normal und sogar nachahmenswert empfindet. Sich die Jungfräulichkeit bewahren zu wollen, ist Sünde und jene HEILIGE FRAU – die Mutter unserer Kinder – ist schon lange nicht mehr die Säule der brasilianischen Gesellschaft. Die Frau, Gottes wunderbarste Schöpfung, wurde zu einer Tausch- oder Handelsware degradiert – je nach den Massen ihres Busens oder/und ihrer Hüften. Ich möchte ein paar Beispiele nennen, die bestens die dekadente Gesellschaft demonstrieren, in der wir leben.

Gibt es etwas traurigeres als jene Situation der ehrenwerten Gattin unseres Senatspräsidenten, die vor den versammelten Senatoren erschien, um ihren Ehemann zu verteidigen? (Es handelt sich um den Senatspräsidenten Renãn Calheiros, der seine Frau mit einer Geliebten, einer bekannten Journalistin, betrog und nun Alimente für das gemeinsame Kind zahlen muss). Man stelle sich mal den Schmerz dieser Dame vor, wenn sie sich mit ihren Kindern an den Tisch zum Abendessen setzt! Und die Tränen der vielen anderen Frauen während ihrer Zeugenaussagen bei den CPI? (Zur Untersuchung von Korruptionsaffären eingesetzte Gremien). Ein anderer Fall, der die Auflösung der Familie bestätigt, geschah, als ich noch das Kommando der PMSP (Polícia Militar de São Paulo) innehatte. Ich stoppte einen Wagen, der mitten in der Nacht durch die Strassen São Paulos raste, als ob er sich auf einem Formel1-Gelände befände. Drin sassen eine hübsche Kleine von 15 Jahren und ein Junge, der kaum älter war als sie. Hätte meine Tochter sein können. Ich entschloss mich, die beiden ihren Eltern zu übergeben. Das Appartement, in dem die Kleine mit ihren Eltern lebte, befand sich in einem Gebäude der oberen Luxus-Klasse. Ich suche also nach den Eltern, und plötzlich erscheint eine “ältere Schwester“ – die Mutter sei Karten spielen mit ihren Freundinnen, vom Vater wusste sie nicht genau, wo er sich aufhielt – vielleicht betrog er gerade seine Frau mit einer Geliebten. Der Schwester sagte ich nur: “Heute ist ihre Schwester noch einmal lebend nach Hause gekommen – morgen kommt sie vielleicht tot zurück! Und sagen sie ihrem Vater, dass sie an ihrem Sarg nicht etwa in Tränen ausbrechen, denn sie sind die Schuldigen“!

Die Eltern jener jungen Leute, die den armen Indianer in Brasília mit Benzin übergossen und angezündet haben – oder jener Jugendlichen, die wie besessen auf eine Hausangestellte in Rio de Janeiro einschlugen – sollten die je geweint haben, dann waren das Krokodilstränen – weil falsch und schuldig. Ihr Eltern der Moderne, versucht ja nicht, euch eurer Verantwortung zu entziehen! Ihr seid die Verbrecher an der Jugend von heute! Die brasilianische JUGEND rennt ziellos herum – und die Beispiele, welche sie von Seiten ihrer Eltern oder der Polizeimacht geboten bekommt, sind deprimierend und verwerflich. Ich möchte diesen Absatz abschliessen mit einem Beispiel, das mich erschüttert hat:

Eine Lehrerin verteilte in ihrer Klasse leere Blätter und Stifte, nachdem sie die Schüler aufgefordert hatte, eine Zeichnung von ihrem Zuhause anzufertigen. Einer der Jungen malte lediglich einen Punkt auf das weisse Papier. Die Lehrerin begann den Jungen auszufragen: “Ich habe gesagt, dass jeder von euch sein Haus zeichnen soll – Du hast bis jetzt nur einen Punkt gemacht“. Der Junge antwortete der Lehrerin: “Mein Haus ist ein Punkt“. Die Lehrerin gab zurück: “Das kann nicht sein! Du kommst in die Schule im Auto mit Chauffeur und Dienstmädchen und wohnst in einem herrlichen Appartement“! Der Junge sagte: “Trotzdem, mein Haus ist ein Punkt“! Das Fazit ist leicht zu verstehen und sehr objektiv: Der Junge hat vollkommen recht – in diesem Heim gab es keine Liebe. Ihm stand alles Material zur Verfügung, ausser dem einzigen Gefühl, welches die Menschenwesen von den Tieren unterscheidet. Armer Junge und arme JUGEND, die ohne Liebe leben muss. Wo die Liebe regiert, gibt es eine Schulter zum Anlehnen und Weinen, wenn nötig. Wo kann sich unsere JUGEND ausweinen, wenn sie weder Vater noch Mutter hat?

Drittens: Schule und Universität
Die Jugend erhält keine Erziehung von zuhause aus, wie im Beispiel oben erklärt. Sie lebt allein, weil sie kein HEIM hat. Dann geht sie in die Schule und ein paar erreichen sogar die Universität. Was ich jetzt berichten will, ist nicht etwa meiner Phantasie entsprungen, sondern das habe ich aus meinen Gesprächen mit Jugendlichen und ihren Lehrern erfahren. Die Schule ist keine Verlängerung des HEIMS mehr – mit Lehrern, die sich nicht unterkriegen lassen und den Jugendlichen einen Minderwertigkeitskomplex vermitteln. Es gibt auch keinen Ehrenkodex mehr. Die Schulen sind einfach nur dreckig, besonders die staatlichen. Man erreicht die achte Klasse, ohne richtig lesen zu können oder etwas von der Geschichte Brasiliens gelernt zu haben. Es gibt Bundesstaaten, in denen ist es untersagt, dass ein Schüler “sitzen bleibt“ – d.h. die Klasse wiederholt. Disziplin ist ein Ding der Vergangenheit. Ein Lehrer wurde von einem Schüler verprügelt und dann aus dem Dienst entlassen. Er hatte Glück, mit dem Leben davonzukommen, während der Schüler gar nichts abbekam. Das passierte im Bundesstaat Ceará und passiert überall in Brasilien immer wieder. Es gibt Banden von Vandalen, die das Kommando haben in den Schulen – und die Lehrer haben Angst. Schüler in Badeshorts, Hawailatschen und dreckigem T-Shirt. Die Schule erzieht nicht und sie lehrt auch nichts mehr – und es ist viel Wahres dran an dem, was allenthalben über jenen “staatlichen Erziehungsanstalten“ wie ein Damoklesschwert schwebt: “DIE REGIERUNG TUT SO, ALS OB SIE BEZAHLT – DER LEHRER TUT SO, ALS OB ER LEHRT – DER SCHÜLER TUT SO, ALS OB ER LERNT“. Eine totale Absage an die Erziehung einer Jugend, die ausbildungsmässig an 32. Stelle in der Welt steht!

Die Universität ist ein Gebäude, welches der Jugendliche lediglich zur Teilnahme an Vorlesungen betritt. Niemand sucht ihn auf, um sich nach seinem Leben zu erkundigen. Ich habe ein paar Jugendliche gefragt, ob sie den Direktor ihrer Fakultäten kannten, und ihre Antworten waren enttäuschend: NEIN – hab in noch nie gesehen, antworteten sie. Habe auch gefragt, ob irgendeiner der Professoren schon mal mit ihnen hinsichtlich typischer Existenzfragen gesprochen habe – die Antwort war wieder ein grosses NEIN! Der Universität weint niemand nach. Die staatlichen und die privaten Universitäten behandeln den Studenten in der gleichen Art und Weise – sie unterscheiden sich lediglich durch ihre Einrichtungen: in ersteren sind die Toiletten dreckig bis unbenutzbar, in den anderen bemüht man sich um Sauberkeit. Ein Universitätsprofessor hat mir bestätigt: “. . wenn man Toilettenpapier auf die Rolle tut, wird’s geklaut“. Und ein junges Mädchen vertraute mir an: “. . ich bring mein eigenes mit, in meiner Handtasche, denn in meiner Uni gibt’s keins“. Wenn die Szenen bis hierher mit dem Inferno von Dante vergleichbar sind, dann stellen Sie sich bitte mal den Frust vor, den ein Jugendlicher empfindet, wenn er schliesslich sein (wie auch immer) geschafftes Diplom in Händen hält, für das es keinen Arbeitsmarkt gibt, und für dessen in ihm aufgeführte Spezialität der junge Mann eigentlich gar keine Qualifikation besitzt! Tausende von frustrierten Studenten auf den Strassen. Doktoren als Müllkutscher und Strassenfeger – andere als vagabundierende Revoluzzer.

Ergebnis war zum Beispiel die Invasion des Rektorats der Uni von São Paulo. Wahrhaftige Vandalen haben sie völlig zerstört, und die Rektorin, anstatt Disziplinarstrafen zu fordern, ohne Personalität oder Demagogie, lässt sich sogleich darauf ein, Studenten wie Professoren von jeglicher Strafverfolgung zu entbinden. Ein Mitglied dieser phantastischen Wissensvermittlungsanstalt hat mir zugeflüstert: “Diese Dame hätte niemals Rektorin werden dürfen“.

Man tendiert dazu, der JUGEND an allem Desaster die Schuld geben zu wollen. Ich möchte an dieser Stelle auf zwei Fragen eingehen:
Ist die Jugend wirklich an allem Schuld?
Muss ich als Grossvater nicht verzweifelt sein?

Die JUGEND ist Opfer einer korrupten, unverantwortlichen Gesellschaft, die sich selbst alles erlaubt. Die JUGEND ist Opfer politischer Machthaber, deren Ethik nur aus drei Begriffen besteht: GELD – SEX und MACHT – und die sich an ihnen aufgeilen, in ihnen versinken und sich mit ihnen in fast tägliche Skandale verwickeln, in denen die Regierungshauptstadt nichts mehr weiter ist, als ein grosses Bordell.

Die JUGEND ist Opfer einer fehlenden organisierten Familie. Sie kennt kein Heim mehr. Die Frau, einst heilige Säule der gesellschaftlichen Organisation, hat man degradiert zu einer Art Marktware, die man kaufen und verkaufen kann, je nach den Massen ihres Körpers. Jemand hat mal gesagt: “Die Existenz Gottes kann man anhand seiner grössten Schöpfung beweisen, welche auf der Erde existiert: die Frau. Nur Gott kann die Frau und Mutter geschaffen haben“.

Die JUGEND ist Opfer einer Schule, die nicht erzieht und einer Universität, welche die Werte des Lebens missachtet. Schule und Universität bilden den Bürger nicht. Sie erwecken in einem Jugendlichen keine Liebe, sondern entwickeln in ihm die Werte GELD, SEX und MACHT.

Die JUGEND ist Opfer einer materialistischen Konsumgesellschaft, welche die Schande der Gleichheit durch Mittelmässigkeit predigt, und nicht durch Chancengleichheit.

Die JUGEND, welche das Rektorat der USP zerstört hat, welche die arme Hausangestellte verprügelt und den Indianer verbrannt hat, die JUGEND, welche tagtäglich als rasende Rowdies in ihren Autos ihr Leben lassen muss, die sich im Alkoholrausch und mit Drogen ein frühes Ende bereiten – sie alle sind vor allem Opfer:

  • von Männern, die, einmal an der Macht, lügen, stehlen und ihr Vaterland nicht lieben.
  • einer Gesellschaft, welche keinen Wert auf die Familie legt, stattdessen den freien Sex befürwortet und im Geld ihren einzigen Gott sieht – der alles Glück auf Erden verheisst.

Die Formel GELD + SEX + MACHT-LIEBE = DEKADENZ – sie ist eine brasilianische Realität. Und deshalb ist:
Der Grossvater verzweifelt.
Unterschrieben: General der Reserve Francisco Batista Torres de Mello.

P.S. Die Gruppe “Guararapes“ unterschreibt dieses Dokument ebenfalls in Erwartung vieler Tausender von Personen, die es an ihre Freunde und Bekannten weitergeben mögen!