Schwarze Erde in Amazonien

Veröffentlicht am 1. Mai 2010

Die roten Verwitterungsböden im Regenwald von Amazonien sind Milliarden von Jahren alt und gehören zu den unfruchtbarsten der Welt. Um dieser Erde etwas abzuringen, betreiben die Bewohner auch heute noch Brandrodung, die Asche der Bäume wirkt als Dünger. Ein bis zwei Jahre können die Felder bewirtschaftet werden, dann ist der Boden ausgelaugt und die Bauern müssen weiterziehen. Auch Kunstdünger wird vom Regen sofort ausgewaschen.

Marcello_Casal_JrABrDoch die Menschen der frühen Amazonaskultur waren sesshaft und müssen nachhaltige Landwirtschaft betrieben haben. Archäologische Untersuchungen belegen inzwischen, dass die Ureinwohner den unfruchtbaren Regenwald in eine Kulturlandschaft verwandelten, wie zum Beispiel die Lüneburger Heide. Auch diese Landschaftsform existiert nur, weil Menschen seit Jahrhunderten Weidewirtschaft betreiben. Mitten im Stadtzentrum von Manaus machte der Archäologe Dr. Eduardo Góes Neves, von der Universität São Paulo, eine wichtige Entdeckung. Er fand Urnengräber mit Beigaben von einzigartigen Keramikwaren einer sehr frühen indianischen Hochkultur.

Einige Experten vermuten heute, dass Anfang des 16. Jahrhunderts Millionen von Menschen im Amazonasbecken lebten. Heute noch höchstens 330.000 Indianer sind die Ureinwohner Amazoniens, so schätzt man. Eine internationale Gruppe von Archäologen ist einer Legende auf der Spur. Gab es am Amazonas doch eine hochentwickelte frühe Kultur, und wie konnte sie überleben? Die Forscher fanden ausser unfruchtbaren Regenwaldböden dazwischen immer wieder sehr fruchtbare Ackerflächen. „Terra Preta“, schwarze Erde, nennen die Einheimischen die zwei- bis dreitausend Jahre alte Erde.

Etwa zehn Prozent der Fläche von Amazonien ist mit diesem dunklen, humusartigen Boden bedeckt. Der Regenwald Amazonien ist also nicht nur unberührte Wildnis, sondern zum Teil auch eine von Menschen geschaffene Kulturlandschaft.

terra_pretaMittlerweile wurden Zehntausende dieser Terra-Preta-Areale entdeckt, immer in der Nähe von Flüssen. Manche Erdhügel waren etwa 20 Meter hoch. „Terra Preta“ ist eine nährstoffreiche Erde, deren Zusammensetzung die Forscher vor ein Rätsel stellt. Sie enthält neben Holzkohle, Überreste von Abfällen und Fäkalien, Knochen und Tonscherben. Die Bodenproben der Geologen brachten verblüffende Erkenntnisse. Auf dieser schwarzen Erde wachsen Pflanzen doppelt so schnell und bringen mehrfachen Ertrag. Aber wie hat sie sich entwickelt ?

Das Geheimnis liegt in der Zusammensetzung und einer unvollständig verbrannten Biomasse. Die Wissenschaftler schliessen eine übliche Brandrodung aus, da der Anteil an unverbranntem Material zu hoch ist. Die Analyse ergibt, dass sich Holz in einem noch rätselhaften chemischen Prozess in Holzkohle verwandelte. Holzkohle düngt nicht wie Asche, sondern sie bindet Wasser und Nährstoffe im Boden. Der hohe Holzkohleanteil verhindert, dass der Regen die Nährstoffe aus dem Boden wäscht. Vermischt mit biologischen Abfällen entsteht die schwarze Indioerde, die auch ohne Dünger konstant fruchtbar bleibt.

An der Universität in Bayreuth wird das Geheimnis der mysteriösen Schwarzerde analysiert, um sie künstlich herzustellen. Die Geologen aus Bayreuth und ihre brasilianischen Kollegen arbeiten bereits an dem Projekt „Terra Preta Nova“. Die Testergebnisse sind sehr ermutigend, denn auf den neuen „Terra-Preta-Böden“ wachsen Bananenstauden in einem Jahr bis zu fünf Meter hoch. Gelingt es den Forschern, „Terra Preta“ künstlich herzustellen, könnte der Einsatz der schwarzen Erde die heute übliche Brandrodung überflüssig machen, denn die bereits vorhandenen Flächen würden zur Bewirtschaftung ausreichen.