Rio gestern und heute

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

rioDie lange Nacht von Rio de Janeiro . . .
Die Stadt, die als Symbol Brasiliens gilt, hat noch einen weiteren Grund, ihre Probleme zu bewältigen:
eine gloriose Vergangenheit.

rio1. . . und ihre sonnige Vergangenheit
In den 50er Jahren verkörperte Rio de Janeiro die Träume eines ganzen Landes, das der Zukunft mit Vertrauen entgegensah. Diese Zeit ist der Beweis für das Potential der Stadt, wieder werden zu können, wie sie einmal war: “maravilhosa“!

Eine Stadt ist viel mehr als nur eine Anhäufung von Menschen in einem bestimmten geografischen Raum. Sie ist vielmehr eine Verflechtung von Symbolen, Gebäuden, Häusern, Strassen, Brücken Plätzen und Monumenten, denen jene ihren Sinn verleihen, die in und zwischen ihnen leben. Einige dieser Städte sind etwas ganz besonderes. Im Verlauf einer langen Geschichte, ihrer Geschichte, wachsen sie über ihren Raum hinaus und nehmen all das in sich auf, was es im ganzen Land an Gutem, Schönem und Vielversprechendem gibt. Nach der Definition des italienischen Historikers Giulio Argan sind dies die Hauptstädte. Ein Status, welcher der Rolle einer Hauptstadt des Landes gerecht werden kann – oder auch nicht – aber er verpflichtet eine vitale Stadt zur Schaffung einer nationalen Identität. In Brasilien entspricht die beste Umsetzung dieses Konzepts zweifellos der Stadt Rio de Janeiro, die letztlich nur noch in den nationalen Gazetten wegen ihrer Makel erscheint – aber sie ist immer noch die beste Übersetzung der brasilianischen Seele, hier und im Ausland, mit ihren Schönheiten und trotz ihrer Wunden.

Der Leser wird auf den folgenden Seiten keine durch Schiessereien unpassierbar gewordenen Strassen finden, noch Bilder vom Chaos in den Hospitälern der Cariocas. Vor allem wird er nicht lesen, dass Rio de Janeiro ein unlösbarer Fall sei. Was ich vorschlagen will, ist, die Motive der Dekadenz einer Stadt zu analysieren, mit der man einen grossen Teil der brasilianischen Geschichte schuf, und ganz besonders aufzuzeigen, wie eine Wiederherstellung möglich ist. Dies ist eine nationale Aufgabe in einem Land, das sein Wachstum plant. Unbestreitbar ist Rios Absturz nach der Verlegung der Hauptstadt nach Brasília, im Jahr 1960, und, fünfzehn Jahre später, durch die Fusion der Staaten Guanabara und Rio de Janeiro. Trotz alledem, erwirtschaftet die Stadt immer noch das fünfte Bruttosozialprodukt Brasiliens und konzentriert in ihrem Umfeld Unternehmen von höchster wirtschaftlicher Bedeutung für das Land. Ihr Potential zur Wiederherstellung ist gross.

Um die Gründe für die “cariocanische Krise“ zu skizzieren und die Möglichkeiten sie zu überwinden, wurden Städteplaner, Wirtschaftsexperten und Umwelt-, Wohn- und Sicherheitsspezialisten angehört. Die schlechte Nachricht ist, dass alle Metropolen einen immensen Knoten bedeuten, den man in der ganzen Welt zu entwirren sucht. Die gute Nachricht: dass es Beispiele gibt für Städte, die in die Dekadenz verfallen, plötzlich den Weg zur Aufwärtsentwicklung gefunden haben. An dieser Stelle einige Ideen aufzuzeigen, damit auch Rio de Janeiro wieder zu dieser Entwicklung zurückfindet, dazu mag dieser Beitrag der Zeitschrift VEJA (Überarbeitung und Übersetzung Klaus D. Günther) dienen – damit die Stadt wieder so wird, wie sie einmal war: wunderbar.

rio3Es gibt Zeiten, in denen scheint eine Art Konspiration für eine bessere Zukunft stattzufinden. Die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts waren so eine Periode. Selten, dass man damals zu fürchten brauchte, dass irgend etwas schief laufen könnte. Die ganze Welt schaute nach dem Krieg mit Optimismus nach vorn. Brasilien wählte seinen Ex-Diktator Getulio Vargas und, noch vor seinem schockierenden Selbstmord, liessen sich die Menschen schon wieder von einem kollektiven Traum davontragen, in der Gestalt des Juscelino Kubitschek. Die Stadtlandschaft von Rio de Janeiro war privilegierte Bühne für eine positive Event-Kombination, welche einerseits die Fussball-Weltmeisterschaft und andererseits die Kür der Miss Universum (Adalgisa Colombo) präsentierte. In diesen Jahren tanzte man auf Bällen im Copacabana Palace, flanierte man über die schwarz-weissen Wellentrottoirs der Avenida Atlantica (damals noch mit nur einer Fahrbahn, auf der importierte Autos zirkulierten und ab 1959 die ersten VW-Käfer made in Brazil, die man liebevoll “Fuscas“ nannte). Die ersten Akkorde des Bossa Nova erklangen und einige der grössten Namen aus Hollywood und des europäischen Kinos verbrachten ihren Urlaub in der Stadt – ohne ein Honorar zu verlangen.

In diesem Szenario tauchte die Wiederbelebung der alten Idee einer Verlegung der Hauptstadt Brasiliens ins westliche Hochland auf, wie ein neues und modernes Projekt des Landes. Und Rio de Janeiro, eine Ikone der nationalen Modernisierung seit der Ankunft der portugiesischen Kaiserfamilie in seinen Mauern, sah keinerlei Grund zur Sorge. “Jene, die meinen, dass Rio seine Bedeutung verliert, wenn es nicht mehr Hauptstadt ist, die machen sich keinen Begriff von der Kapazität dieser unserer Stadt, noch begreifen sie ihre aussergewöhnliche Position auf der Bühne des nationalen Lebens“ – so titelte die Zeitung O GLOBO noch unbeirrt am 23. März 1955. In jenen Tagen gegen den Umzug der Hauptstadt zu sein, bedeutete, sich gegen eine brillante Zukunft Brasiliens zu stellen – und dafür hatte Rio stets seinen Beitrag geleistet.

Die Stadt fieberte vor neuen Ideen. In der Buchhandlung Jrio4osé Olympio, im Zentrum, traf sich jeden Nachmittag eine Gruppe von modernen Schriftstellern allerhöchsten brasilianischen Ranges – unter ihnen Gracílio Ramos, aus Alagoas, Manuel Bandeira, aus Pernambuco, Carlos Drummond de Andrade und João Guimarães Rosa, aus Minas Gerais, Rachel de Queiroz, aus Ceará. “Wie Paris, so ist Rio de Janeiro das kulturelle Zentrum und die literarische Hauptstadt unseres Landes, eine Position, welche die Stadt ohne Zwang und nur mittels ihrer natürlichen Evolution erreicht hat, wie wir wissen“, schrieb in den 50er Jahren der Kritiker Afrânio Coutinho. Oscar Niemeyer und Lúcio Costa widmeten sich der neuen Hauptstadt, aber andere Architekten arbeiteten mit Volldampf in Rio. Von Affonso Eduardo Reidy stammt zum Beispiel das Museum Moderner Kunst auf dem “Aterro do Flamengo“. Auf dem Reissbrett von Olavo Redig de Campos wurde im Stadtteil Gávea die geniale Villa des Bänkers Walther Moreira Salles entwickelt – dessen Ehefrau, Elisinha, stets die Listen der elegantesten Frauen von Rio anführte, welche vom Kolumnisten Ibrahim Sued publiziert wurden. Der Landschaftsarchitekt Roberto Burle Marx kaufte sich einen Landsitz in Guaratiba, in der damals weitab gelegenen Westzone der Stadt, wo er die Gärten kreierte, welche später einige der schönsten Exemplare moderner brasilianischer Architektur rahmten, und wo lange, lustige sonntägliche Mittagessen während der folgenden Jahrzehnte stattfanden. In der gerade erst gegründeten “Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico“ formulierte man die Basis des zweiten Sprunges der brasilianischen Industrie. Und in der “Fundação Getúlio Vargas“ brütete man die Prinzipien aus, welche die brasilianische Wirtschaft der 60er Jahre modernisierten.

In diesem Rio de Janeiro schien fast alles harmonisch und charmant zuzugehen, obwohl die Abwässer noch in “natura“ ins Meer abflossen – mit offensichtlicher Beeinträchtigung des Badepublikums – und die Landschaft der Lagune Rodrigo de Freitas durch zwei riesige Favelas in ihrer harmonischen Kulisse gestört schien. Aus jener Zeit stammt ebenfalls die Ironie, mit der die Cariocas zwei offensichtliche Mängel ihrer Stadt zu kommentieren pflegten: “Rio, cidade que me seduz – de dia falta água, de noite falta luz“ (Rio, Stadt, die mich verführt – am Tag fehlt Wasser, in der Nacht fehlt Licht). Aber, niemand störte das so sehr, dass er deshalb schlecht über seine Stadt gesprochen hätte. Irgendwie war es für viele ganz natürlich, dass ihre “Cidade maravilhosa“ auch ihre kleinen Fehler haben musste. Und noch heute sind jene Zeiten der Glorie die beste Inspiration für das Projekt der Wiederherstellung der Stadt. Der Journalist Leonel Kaz, Professor für brasilianische Kultur an der Katholischen Universität von Rio, zitiert den Schriftsteller Sérgio Buarque de Holanda, Autor der Klassiker “Raízes do Brasil“ und “Visâo do Paraíso“, um diese Idee zusammenzufassen: “Sérgio schrieb, dass Brasilien Sehnsucht hat nach einer hypothetisch gloriosen Vergangenheit, die es niemals erlebt hat. Ich sage, dass Rio de Janeiro Sehnsucht hat nach einer Vergangenheit, die es tatsächlich erlebt hat“. Und es ist diese Vergangenheit, die das Potential Rio de Janeiros unter Beweis stellt – Rio ist nicht die erste und auch nicht die letzte Stadt unseres Planeten, die in einer profunden Krise steckt. Im Gegenteil, Perioden der Prosperität und der Dekadenz sind das Herz urbaner Dynamik.

“Der Erfolg einer Stadt liegt nicht in ihrem dauernden Wachstum sondern in ihrer effizienten Antwort auf Herausforderungen. Ihr Überleben basiert auf einer Neuorientierung“, sagt der amerikanische Wirtschaftsfachmann Edward Glaeser, der sich auf urbane Ökonomie spezialisiert hat. Und genau das ist es, was Rio nicht mehr umsetzen konnte, nachdem ihm der Status der Hauptstadt genommen worden war. Aber es ist auch unbestreitbar, dass die Schwierigkeiten der Stadt, eine neue Berufung zu finden, von einigen ähnlichen Motiven bestimmt wird, wie jene, die ihr damals die Zeiten der Glorie bescherten. Die Elite der Cariocas hat sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts – seit dem Umzug der portugiesischen Kaiserfamilie nach Brasilien – daran gewöhnt, sich mit den grossen nationalen Fragen zu beschäftigen und jedwede lokalen Erfordernisse als provinziell und verächtlich zu empfinden. Schliesslich kamen ja auch Wohltaten und Verbesserungen damals noch ohne Anstrengungen, wie von selbst, zu ihnen – eben weil Rio Hauptstadt war. “Brasilien hat Rio de Janeiro geschaffen“, sagt der Architekt Sérgio Magalhães, zweiter Sekretär für urbane Entwicklung des Bundesstaat Rio de Janeiro.

rio5Rio war Symbol eines nationalen Projekts seit jener Zeit. Und aus der Zeit der Gründung der Republik stammt auch seine Position als Symbol Brasiliens. Der Wirtschaftsfachmann Carlos Lessa, Ex-Rektor der Universität von Rio de Janeiro (UFRJ) ist Carioca und enthusiastischer Verteidiger seiner Stadt. Er sagt, dass das Bild von Rio de Janeiro, als Zusammenfassung aller schönen Dinge Brasiliens, eine Schöpfung der Alten Republik sei. Ihre Gründer schämten sich der brasilianischen Rückständigkeit gegenüber den anderen Ländern Südamerikas, die ihre Unabhängigkeit früher erklärt und ihre Sklaven auch Jahre vor der unseren in die Freiheit entlassen hatten, also beschlossen sie, an der Stadt Rio de Janeiro zu beweisen, dass Brasilien beabsichtigte, ein modernes Land zu werden. Deshalb liess sich der Präfekt Pereira Passos im Jahr 1902 mit seiner grossen urbanen Reform vom Modell eines Georges-Eugène Haussmann, Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris, inspirieren. “Die aussergewöhnlichen Machtbefugnisse, die man einem Pereira Passos einräumte, sowie die Auswahl der in Rio realisierten Bauwerke, sind Beweise eines Wiederholungsprozesses durch die Republik, der Nation ein Schaufenster, einen Spiegel der Nation zu schaffen, eine Rolle, die Hauptstädten in der Regel zukommt“, so analysierte die Historikerin Marly Motta vom “Centro de Pesquisa e Documentação (CPDOC) der “Fundação Getúlio Vargas“ in ihrem Buch “Rio, Cidade-Capital“. (Anlässlich dieses Prozesse der urbanen Renovierung wurden übrigens die mittellosen Bewohner aus dem Zentrum der Stadt verjagt, die sich dann in ihren Verschlägen an den Hügeln festsetzten und so die ersten “Favelas“ begründeten). Eine zweite grosse Investition für die Stadt wurde mit der Gründung des neuen Bundesstaates Rio de Janeiro vorgenommen – wieder in einem Moment der Neukonstruktion eines landesweiten Projekts, der neuen Hauptstadt Brasília.

Und die Elite Carioca, die ebenfalls aktiv an der Konstruktion der neuen Hauptstadt beteiligt war, glaubte blind, dass sich mit ihrer Verlegung für sie nichts ändern würde. Und die unmittelbare Realität nach dem Umzug 1960, schien ihnen recht zu geben – auch, weil die Regierung in Wirklichkeit noch bis Ende 1960 in Rio weiter verblieb. Ausserdem bekam Rio in den folgenden, vom Militärputsch 1964 geprägten Jahren, seinen unternehmungsfreudigsten Präfekten: Carlos Lacerda vervollständigte den Modernisierungs-Zyklus von Rio, mit Werken, deren auffälligstes der “Aterro do Flamengo“ ist (eine künstliche Strandaufschüttung rund um die Innenstadt, mit der das Verkehrschaos endlich durch eine Umgehungs-Autobahn beruhigt werden konnte). Erst als 1975 die Fusion (Stadt Rio de Janeiro + Staat Guanabara) stattfand, wachte die Carioca-Elite endlich auf – und zwar wegen dem Kulturschock zwischen der Provinzmentalität der Politiker des Hinterlandes und der dominanten Klasse der Stadt, die sich immer noch mit den grossen nationalen Fragen beschäftigten. “Ab 1960 empfand man es plötzlich als notwendig, Strategien zur lokalen Entwicklung zu organisieren, aber die wurden sehr durch die Illusion behindert, dass die Stadt weiterhin die “Hauptstadt de facto“ bleiben würde“, sagt der Ökonom Mauro Osório, von der UFRJ, der demnächst sein Buch “Rio Nacional, Rio Local“ heraus bringen wird.

Und das ist es, was sich endlich geändert hat. Zum ersten Mal nach so vielen Jahren, gibt es Leute, die nachdenken, diskutieren und streiten über die Zustände in dieser Stadt. Und dies ist die positive Seite der Diskussion über eine eventuelle Trennung, die der Stadt ihren Status der Hauptstadt eines Bundesstaates zurückgäbe. Die Überlegung hinsichtlich der Verluste für Rio aus den beiden Veränderungen – von der Hauptstadt des Landes zur Hauptstadt des Bundesstaates Guanabara und dann zur Hauptstadt des Bundesstaates Rio de Janeiro – ist eine goldenen Gelegenheit, endlich nach neuen Wegen zu suchen. “Es ist höchste Zeit, dass Brasilien Rio von vorne betrachtet“, sagt der Präsident der Industrievereinigung von Rio de Janeiro, Eduardo Eugenio Gouvea Vieira. Aber nicht, um die Vergangenheit herauf zu beschwören. Trotz aller Zahlen und Bilder, die eine Verschlechterung der Lebensqualität in Rio seit den letzten Jahrzehnten demonstrieren, ist es ein Irrtum zu glauben, dass es für die Stadt eine Lösung gibt, die ihre Integration in die metropolitane Region nicht einbezieht. Die Trennung ist keine Lösung. In der Schlichtung einiger der grössten Probleme aller Städte, wie Sicherheit, Sanierung, Müll, Gesundheit, Wohnung und Transport, werden lokale Initiativen gebraucht, aber die Artikulation zwischen den Distrikten des Bundeslandes ist ebenfalls von fundamentaler Bedeutung. Die Soziologin Ermínia Maricato, Exekutiv-Sekretärin des Städte-Ministeriums und eine der grössten Experten des Landes im Wohnungsbau, erinnert daran, dass ein Teil des Problems der Favelas durch das schlechte Transportsystem zwischen den Distrikten noch verschärft wird. “Wenn man von zuhause zur Arbeit und wieder zurück auf eine schnelle, billige und sichere Art kommt, kann die Entfernung 100 km betragen“, sagt sie. Ausserdem, die Hoffnungen einer Lösung für die Stadt nur auf eine Trennung vom Hinterland zu setzen, heisst die grossen notwendigen Anstrengungen für eine Lösung auf eine ungewisse Zukunft zu vertagen – und diese Anstrengungen werden auch für alle anderen brasilianischen Metropolen beispielgebend sein. “Es ist höchste Zeit, über die institutionelle Organisation der grossen Städte nach- und umzudenken“, sagt die Polit-Wissenschaftlerin Lucia Hippolito.

Zu ignorieren, dass ein Programm zur Restauration von Rio de Janeiro gute Chancen hat, ist ein Widerspruch in sich. Es stimmt, dass mit dem Verlust des Status als Zentrum der politischen Entscheidungen auch die grossen Banken gegangen sind, die Unternehmen des Finanzmarkts, die Börse, die grössten Werbeagenturen. Und erst kürzlich entschlossen sich auch andere bedeutende Unternehmen, ihren Sitz nach São Paulo zu verlegen, wie die “Companhia Siderúrgica Nacional“ (Stahlhütte) und die “Aracruz Celulose“. Trotzdem halten sich in Rio de Janeiro auch bedeutende Vorteile. Die Stadt konzentriert in sich Zentren von internationalem Ruf, wie die “Coordenação dos Programas de Pós-Graduação de Engenharia da UFRJ“ und das “Centro de Pesquisas e Desenvolvimento da Petrobras“ sowie verschieden erstklassige Universitäten. Die Stadt ist weiterhin erste touristische Destination des Landes und Niederlassung von fünf der zehn grössten Konzerne Brasiliens, der bedeutendsten Ölfirmen (Petrobras, Ipiranga, Shell, Esso und Texaco), der wichtigsten Erzförder-Unternehmen und solcher der Telekommunikation. Und die Stadt besitzt ausserdem den grössten audio-visuellen Pol des Landes. Sektoren, die einen multiplikativen Effekt haben. Neuestes Beispiel ist die Entscheidung des TV-Kanals Record, mit Sitz in São Paulo, die Studios Reato Aragão zu kaufen, um seine “Novelas“ in Rio produzieren zu können. Das Motiv: Dort hat auch der Globo-Kanal seine Produktions-Zentrale – ein Mega-Unternehmen, das eine Fläche von 1,3 Millionen Quadratmeter besetzt und Szenen, Kostüme, ganze Städte fabriziert. Wegen dem Globo-Kanal lebt auch die grosse Mehrheit der Schauspieler und Schauspielerinnen in Rio, und natürlich findet man hier auch den grössten Teil der spezialisierten Handwerker für die Fernseh-Produktionen. Es ist also von Vorteil für alle aus diesem Business, sich in dieser Stadt niederzulassen.

Das dritte Motiv ist, dass sich in den letzten zehn Jahren die Wirtschaft des ungeliebten Hinterlandes (des ehemaligen Staates Guanabara) langsam erholt. Eine Erhebung, vorgenommen von der Industriellen Föderation des Bundesstaates Rio de Janeiro, demonstriert, dass bis zum Jahresende Investitionen von 33 Milliarden Dollar im Hinterland vorgesehen sind, angezogen von der Öl fördernden und verarbeitenden Industrie. Das bedeutet, wenn die Stadt Rio wirklich in den ersten Jahren ihrer Fusion geschädigt worden sein sollte, so wird sie mittelfristig anfangen durch diese Fusion zu prosperieren, denn das Hinterland macht Fortschritte und hört auf, nur ein Ort zu sein, der Bauern in die Stadt spuckt. “Der Zyklus der Verlegung der Hauptstadt geht zu Ende“, resümiert der Senator und Expräfekt von Rio, Roberto Saturnino.

Offensichtlich ist der Weg verschlungen. Im Lauf der letzten 45 Jahre hat sich in Rio de Janeiro eine enorme Menge an Problemen angesammelt, deren Lösung eine Reihe kompetenter Administrationen verlangt, die alle auf denselben Rettungsplan ein- und abgestimmt sind. Eine Lösung für Rio zu finden ist ebenfalls eine gute Gelegenheit, über den brasilianischen föderativen Pakt erneut nachzudenken, der wegen seiner schlechten und ungerechten Verteilung finanzieller Ressourcen und entsprechender Verantwortung die Basis für jenes Hin und Herstossen zwischen Distrikt (Município), Bundesland und Staat bildet, und damit als Ausrede für die Inkompetenz der Regierenden der drei Körperschaften herhalten muss, wenn sie den anstehenden Problemen immer wieder ausweichen. Vor allem aber ist es wichtig zu erkennen, dass Rio de Janeiro nach wie vor eine mächtige nationale und internationale Anziehungskraft besitzt und deshalb auch der privilegierte Raum sein kann, um ein Brasilien zu projektieren, das man sich für die Zukunft wünscht.

Der Wirtschaftsexperte José Alexandre Scheinkman, selbst ein Carioca, heute Professor an der Princeton University: “Wenn Rio de Janeiro wieder funktionieren sollte, wird diese Stadt einen vitalen Einfluss auf die Schaffung eines besseren Brasilien haben“. Sein Wort in Gottes Ohr.

ES GIBT EINE LÖSUNG FÜR RIOnach oben

Rio de Janeiro hat Eigentümlichkeiten, welche sein urbanes Drama vertiefen, viele davon sind aber auch in anderen Metropolen vorhanden. Eine der bedeutendsten ist die Gleichgültigkeit, mit der aufeinander folgende Regierungen fundamentale Fragen behandelten, wie die der Erziehung, des Wohnraums, des Transports und der Sicherheit seiner Bürger. Indem sie sich für einen unverantwortlichen Populismus entschieden, der sich genau von der Armut nährt, öffneten diese Regierenden den Weg zur “Favelisierung“ der Stadt und für die Ausschreitungen von Gewalt. In den folgenden Abschnitten wollen wir ein paar Ideen für Lösungen von ausgewählten Fragen zusammenfassen, unter zwei Kriterien: die gravierendsten Probleme des Dramas der Stadt und die Fronten, an denen internationale Erfahrung mit lokalen Aktionen bereits gute Ergebnisse erzielt haben.

Sie wurden erarbeitet von den folgenden Spezialisten und Institutionen:
Mayra Buvinic (Banco Interaméricano de Desenvolvimento), Luiz Fernando Corrêa (Secretaria Nacional de Segurança Pública), Ermínia Maricato (Ministério das Cidades), Israel Klabin (Fundação Brasileira para o Desinvolvimento Sustentável), Alfredo Sirkis (Secretaria de Urbanismo do Rio de Janeiro), Sérgio Bessermann (Instituto Pereira Passos), Sérgio Magalhães (Secretaria do Estado de Meio Ambiente e Desenvolvimento Urbano do Rio de Janeiro), Pablo Benetti (Faculdade de Arquitetura e Urbanismo da Universidade Federal do Rio de Janeiro), Rio Convention & Visitors Bureau, Gabinete do Vereador Eliomar Coelho und Banco Mundial.

SICHERHEITnach oben

Das Problem:
Rio de Janeiro hält mit Vitória und São Paulo den traurigen Rekord der Stadt, die in Brasilien am meisten unter Kriminalität zu leiden hat. Die entsprechenden Statistiken sind die höchsten des Landes und besetzen den vierten Platz im weltweiten Ranking der Ermordungen. Das Verbrechen in Rio hat seine eigenen Charakteristika. Die Stadt ist Eingangsportal für den Waffenschmuggel, was den Drogenhandel mit einem Arsenal bestückt, das der Polizei um ein vielfaches überlegen ist. Die Kühnheit der Drogenhändler kennt keine Grenzen und ihre Aktionen bringen ganze Stadtteile ausser Kontrolle des Staates.

Der Kampf um die Kontrolle bestimmter strategischer Punkte ist im Alltag der Favelas stets präsent, mit störenden Reflexen im Leben und der Wirtschaft der Stadt. Die Aktionen der Banden provozieren die Sperrung von Strassen und Autobahnen, wie der “Linha Vermelha“, der wichtigsten Ein- und Ausfahrt und Verbindung mit dem internationalen Flughafen. Der Grad innerstädtischer Unsicherheit ist sehr hoch, gemessen an internationalem Standard. Dazu kommt die prekäre Situation der Polizeistationen, deren Beamte nur wenig verdienen, nicht genügend ausgebildet sind und schlecht ausgerüstet. Also sind ihre Körperschaften von Korruption kontaminiert und von der Mittäterschaft beim organisierten Verbrechen.

Die Lösung:
Die Gangster zu entwaffnen, muss der erste Schritt sein – und nicht nur die Bevölkerung. Der zweite ist der Angriff auf den Waffenschmuggel, und zwar dergestalt, dass die Macht des Angriffs der Polizei jener der Verbrecher überlegen ist. Zur gleichen Zeit ist es notwendig, unter den Polizeibeamten eine “Reinigung“ vorzunehmen, die Korrupten zu entlarven und denen beizustehen, die sich von einem ehrenhaften Leben nicht haben abbringen lassen. Dies ist die vitalste Aufgabe überhaupt, und die schwerste. In den 50er Jahren wurde Rio de Janeiro – damals noch “Föderativer Distrikt“ – in bestimmten Bereichen von gemischten Patroullien kontrolliert – sie bestanden aus zivilen Polizisten, Militär-Polizisten und Soldaten der Streitkräfte. Hat nicht funktioniert. Anstatt die Korruption zu bekämpfen, wurden Militärs des Heeres, der Marine und der Luftwaffe korrumpiert. Eher Erfolg versprechend wäre in diesem Fall die Intensivierung von intelligenten Aktionen unter der Verantwortung der Staatspolizei. Man kann nicht mehr gestatten, dass auch nur ein einziger Häuserblock existiert, in dem die Gesetze des Staates keine Gültigkeit mehr haben. Ausserdem ist es notwendig, die ambientale Sicherheit innerhalb der Stadt zu gewährleisten, hier ist die Distrikts-Regierung der Schlüssel. Die Beleuchtung und Wartung der städtischen Einrichtungen in gutem Zustand sind Aufgabe der Präfektur und unverzichtbar. Und die Stadt-Polizei sollte ihre Aufgabe vor allem in der vorbeugenden Kontrolle sehen.

Wo das bereits funktioniert hat:
Das bekannteste internationale Beispiel ist New York, wo man unter dem Präfekten Rudolph Giuliani zu einer Politik der “Null-Toleranz“ überging. Aber auch andere Städte, wie New Orleans, haben einen expressiven Rückgang der Kriminalität verzeichnen können, indem sie in die Ausrüstung und die Ausbildung der Polizisten investierten, kombiniert mit einer Verbesserung des urbanen Ambientes. Mit der Einführung dieser Massnahmen hat auch Bogotá, die Hauptstadt Kolumbiens, die Zahl der Morde pro 100.000 Einwohner, von 70 (vor zehn Jahren) auf 24, im Jahr 2003, gesenkt. Rio de Janeiro bringt es auf 48 Morde pro 100.000 Bürger – das ist das Doppelte. Wenn es in Bogotá funktioniert hat, einem Land, das durch einen Bürgerkrieg zerrissen ist, kann es auch in Rio funktionieren.

Was die Pessimisten einwenden werden:
Rio de Janeiro hat viel ernstere Probleme hinsichtlich der polizeilichen Korruption und der Unterwerfung der armen Bevölkerung in den Favelas durch die Drogenmafia. Als New York in der Hand der Verbrecher war, waren nur 8% der Polizisten korrupt. Bei der Polizei von Rio ist der Prozentsatz der korrupten Polizisten wesentlich höher.

Wie stehen die Chancen, dass es funktioniert:
Die internationale Erfahrung zeigt, dass Sicherheit das Ergebnis einer Reihe von Faktoren ist und von Aktionen auf verschiedenen Ebenen abhängt. In Übereinstimmung mit den Statistiken, beziehen sich rund 75% aller Telefonanrufe bei der Polizei auf Vorkommnisse geringer oder mittlerer Bedeutung. Es sind Fälle von Diebstahl, Einbrüchen und Raufereien – bewiesenermassen Fakten, die ein Gefühl von Unsicherheit verstärken und den schwereren Delikten Raum verschaffen. Verbrechen werden in besser beleuchteten, gut gepflegten und polizeilich effizient kontrollierten Plätzen stark unterdrückt. Das Vertrauen der Bürger in die Administration steigt, und dies trägt zur Schaffung eines gutartigen Zirkels bei. Ein sicheres gesellschaftliches Ambiente verhindert kriminelle Aktionen und befreit so die zivile und Militärpolizei zur Bekämpfung des Schwerverbrechens.

FAVELASnach oben

Das Problem:
Das Bevölkerungsverhältnis zwischen Bewohnern einer Favela (Armenquartier, Slum) und der Gesamtbevölkerung von Rio hat sich von 7% in den 50er Jahren, auf 19% im Jahr 2000 erhöht. Rio hat mehr als 1 Million Bürger, die sich auf rund 700 Favelas verteilen, die aufgrund des Fehlens einer entsprechenden Wohnungspolitik unkontrolliert gewachsen sind. Obwohl die Statistiken ziemlich ungenau sind, denn es gibt keine einheitlichen Kriterien innerhalb der Distrikte hinsichtlich der Definition einer Favela, ist das Phänomen, welches vom IBGE (Institut für Volkszählung) “sub-normale Anhäufungen“ genannt wird, eine urbane Tragödie. Wenn man dieses Problem nicht mutig an den Hörnern packt, wird Rio de Janeiro sich nicht aus seiner gegenwärtigen Lage befreien können. Angelegt an den Hängen der zahlreichen Stadtberge und –hügel, sind die Favelas zu privilegierten Orten des Drogenhandels und der Bildung von Verbrecherbanden geworden.

Die Lösung:
Regierungsoberhäupter wählen, die bereit sind, der Welle von Unpopularität zu trotzen, welche mit der Wiederherstellung der urbanen Ordnung kommen wird. Und die könnte so aussehen: Stopp des Wachstums der existierenden Favelas innerhalb ihrer gegenwärtigen Grenzen, Einführung von Regeln zur Besetzung des Bodens innerhalb dieser Areale, Abbruch von irregulären Konstruktionen und die Entfernung von anderen aus Risiko-Arealen oder naturgeschützten Gebieten. Die wirtschaftlichen und sozialen Kosten einer solchen Massnahme dieser Art sind enorm. Und ihre Durchführung wird nur möglich sein, indem Präfektur, Regierung des Bundesstaat und der Union zusammenarbeiten. Wenn man verhindern will, dass sich Personen in der Nähe ihrer Arbeitsstätten niederlassen, ist die Schaffung eines effizienten und billigen urbanen Transportsystems erforderlich, das den Umzug kompensiert. Aber dies sollte nicht Voraussetzung dafür sein, das Wachstum der Favelas zu stoppen.

Wo das bereits funktioniert hat:
Es gibt keine Nachrichten aus der restlichen Welt über ein so weit reichendes und tief greifendes Programm einer Reurbanisation, welches man mit der Herausforderung von Rio de Janeiro vergleichen könnte. In Peru und in Mexiko-Stadt wurde das Problem in Angriff genommen, indem man den Favela-Bewohnern Eigentumsbescheinigungen über ihr Grundstück ausgestellt hat. Daraufhin haben viele von ihnen an den Staat verkauft und sich ein Häuschen in einem geregelten Gebiet gekauft. Eine kürzlich publizierte Aufstellung der World Bank hat jedoch schwache Ergebnisse aufgezeigt.

Was die Pessimisten einwenden werden:
Alles, was von einer gemeinsamen Aktion der drei Machtbereiche (Stadt, Land, Staat) abhängt, hat keine Chance zu funktionieren. Erst wenn dieses Land eine Wohnraum-Politik hat, wird es möglich sein, das Wachstum der Favelas aufzuhalten. Niemals wird es einen Politiker geben, der bereit ist, eine richtige Sache durchzuziehen, wenn dies seine Unpopularität bedeuten würde. Man hat bereits in den 60er Jahren versucht, Favelas abzureissen und deren Bewohner in Wohnsiedlungen zu verlegen – es ist misslungen.

Wie stehen die Chancen, dass es funktioniert:
Die Lektionen der 60er Jahre hat man begriffen. Die Wohnsiedlungen degenerierten wegen des Versagens der öffentlichen Hand, welche die neuen Bewohnern ohne entsprechende Infrastruktur, hinsichtlich Transport und Sicherheit, sich selbst überliess. Heute weiss man aber, dass es ohne diese Infrastruktur nicht möglich ist, neue Favelas zu verhindern – und, dass man ohne sie auch solche Wohnsiedlungen in Ghettos der Armut und der Gewalt verwandelt. Man weiss auch, dass die Präsenz der Polizei keine Kommune stigmatisiert. Im Gegenteil, die Bekämpfung der Asozialen garantiert das Recht auf Sicherheit der ordentlichen Bürger.

RÜCKKEHR DES WIRTSCHAFTSWACHSTUMSnach oben

Das Problem:
Das Bruttosozialprodukt der Stadt Rio de Janeiro (PIB), welches zwischen 1960 und 1975 durchschnittlich um 7,5% gewachsen ist (gegen 8,1% mittleren Wachstums pro Jahr des PIB Brasiliens), verliert immer mehr an Rhythmus. Zwischen 1995 und 2004 stagnierte das Wachstum, mit etwas nach oben oder unten schwankenden, durchschnittlichen 0,3% pro Jahr – weit unter dem schon bescheidenen nationalen Wachstum von 2,3% pro Jahr.

Die Lösung:
Um die Ex-Hauptstadt des Landes aus der Stagnation zu heben, ist es unabdingbar notwendig, ihr ein entsprechendes Ambiente zurück zu geben, ein Ambiente, das die Investoren von heute suchen: Lebensqualität, gut gepflegte Umwelt, angenehme städtische Atmosphäre, Sicherheit an einem für die Unternehmensniederlassung und ihr Wachstum geeigneten Ort.

Bereichs-Hilfen: Neben dem Tourismus, Rios bekanntester Berufung, können die Stadt und der Bundesstaat mit einer Reihe von wirtschaftlich bedeutenden Segmenten allererster Güte aufwarten, wie Erdöl, Telekommunikation und die audio-visuelle Industrie. Das sind Sektoren, deren Aktivitäten multiplikativen Charakter besitzen, in dem Mass, wie sie spezifische Dienstleistungen benötigen, welche von kleineren Unternehmen ausgeführt werden können, und für die kann der Distrikt unterstützende Programme entwickeln – wie zum Beispiel Kredite und Initiativen zur Bildung eines Unternehmensnetzwerks, wie es zum Beispiel in einigen Regionen Italiens (Toskana) bereits funktioniert.

Investition in die Menschen: Rio de Janeiro hat eine der besten Schulbesuchs-Statistiken des Landes. Kann also für die “erzieherische Revolution“, die nötig sein wird, damit Brasilien in den nächsten Jahren einen Sprung nach vorne machen kann, von einem überdurchschnittlichen Bildungsniveau ausgehen. Mit einer Verbesserung der erzieherischen Qualität wird es möglich, der Stadt ein grosses Kontingent spezialisierter Handwerker zur Verfügung zu stellen – und dies ist einer der Faktoren, welche entsprechende Investitionsüberlegungen beeinflussen sollten.

Abbau von Hindernissen: Rio de Janeiro ist keine Ausnahme im beschämenden bürokratischen Sumpf, der Brasilien auf dieselbe Stufe setzt mit Ländern wie Haiti, Laos oder Mosambik, wenn es um die Schwierigkeiten geht, ein Unternehmen zu gründen. Aber man könnte dem auch lokal abhelfen, wie zum Beispiel die urbane und ambientale Gesetzgebung vereinfachen und die Bürokratie bei munizipalen Vorgängen reduzieren – wie zur Erlangung von Ermächtigungs-Urkunden oder der Eintragung bei der Steuerbehörde. In dieser Stadt verliert man 45 Tage mit der Saumseligkeit der städtischen Beamten und weitere 46 Tage, um die erforderlichen Lizenzen, die notwendigen staatlichen und föderativen Zertifikate für die Eröffnung einer Firma zu bekommen. Hier handelt es sich um die zweitlangsamste Behördenreaktion Brasiliens – nur São Paulo ist noch langsamer.

Die “Jogos Pan-Américanos“ von 2007: Es ist durchaus möglich, dass die Präfektur von Rio de Janeiro übertreibt, wie sie das wirtschaftliche Potential dieser Spiele einschätzt. Aber deren Verwirklichung kann sehr wohl einige sichtbare Projekte von positiver Wirkung im Gesamtbild der Stadt verankern – besonders auf dem Sektor der sportlichen und freizeitlichen Infrastruktur sowie dem Transportwesen.

Wo das bereits funktioniert hat:
Es gibt Beispiele im Überfluss von Städten in der Welt, die von Perioden intensiver Dekadenz heimgesucht wurden und sich später wieder erholt haben. Barcelona (Spanien) ist da ein klassischer Fall. Ende der 70er Jahre, als diese Stadt von den Textil- und Metallurgischen-Industrien verlassen wurde – der ganzen Wirtschaftsmacht dieser Region – verlor Barcelona 300.000 Arbeitsplätze und tauchte in eine ernste Krise ab. Im Lauf eines Jahrzehnts taten sich Regierung, Restunternehmen und die Bevölkerung zusammen zu einem einmaligen Kraft- und Vertrauensakt, der in der Vorbereitung für die Olympischen Spiele 1992 gipfelte. Heute gehört die Stadt zu einer der erfolgreichsten Europas.

Was die Pessimisten einwenden werden:
Erst wenn Brasilien wieder anfängt zu wachsen, wird auch Rio de Janeiro wieder Erfolg auf der Route zum Wachstum beschieden sein.

Wie stehen die Chancen, dass es funktioniert:
Indem sie die lokalen Hindernisse angeht kann die Stadt zu einem Impulsgeber der Entwicklung im ganzen Land werden. Ausserdem, und trotz aller Dekadenz, steht das Bruttosozialprodukt (PIB) der Stadt Rio de Janeiro lediglich hinter denen der Bundesstaaten Rio de Janeiro, São Paulo und Minas Gerais, sowie dem der Stadt São Paulo – aber es repräsentiert 7,86% des nationalen PIB im Jahr 2002. Die Stadt liegt im Mittelpunkt einer Region, die 70% des brasilianischen PIB erwirtschaftet. Hat eine Bevölkerung mit gutem schulischem Niveau und vereint in sich einige Zentren akademischer Exzellenz, wie das “Instituto Nacional de Matemática Pura e Aplicada“ das “Instituto Militar de Engenharia“, die “Coordenação dos Programas de Pós-Graduação de Engenharia da UFRJ (COPPE), die “Fundação Getulio Vargas und die PUC. Die Stadt hat also eine beneidenswerte Basis, um sich auch wirtschaftlich zu erholen.

TOURISMUSnach oben

Das Problem:
Obwohl eine Stadt von internationalem Ruf, wegen ihrer besonderen landschaftlichen Lage und Schönheit, und verantwortlich für 33% des ausländischen Touristenverkehrs in Brasilien, nutzt Rio de Janeiro seine touristische Berufung nur wenig und überdies noch schlecht. Die Stadt wird inzwischen von weniger Touristen besucht als Dubai, in den Arabischen Emiraten – ein krasses, aber hoffentlich wirkungsvolles Beispiel.

Die Lösung:
Rio als Eingangsportal für Touristen, die Brasilien besuchen wollen, wieder aufwerten. Die Stadt empfängt 335 der ausländischen Touristen, aber nur 9,5% der Überseeflüge kommen auf dem internationalen Flughafen von Rio an. Die Mehrzahl internationaler Flüge bietet nur einen Anschlussflug von São Paulo nach Rio de Janeiro. Es wäre gesund für beide Städte, wenn internationale An- und Abflüge besser und effektiver zwischen „Cumbica“ und „Galeão“ abgewickelt würden.

Die Natur als eine der ersten Attraktionen der Stadt aufwerten – Rio hat den grössten Stadtwald der Welt (Floresta de Tijuca) und eine Strandlinie von unvergleichlicher Schönheit. Dafür ist es unabdinglich, dass man permanent die Qualität der Strände im Auge behält, sowie den Zustand der Grünanlagen.

Ebenfalls auf dem Sektor Umwelt ist es lebenswichtig, dass endlich das Programm der Reinigung der “Bahia de Guanabara“ vorankommt – eine der schönsten und malträtiertesten Landschaften Brasiliens. Es ist notwendig, dass man dazu eine professionelle Equipe aufstellt, die mit der bundesstaatlichen Regierung und den Präfekturen rund um die Bucht Hand in Hand arbeitet – deren Aktionen jedoch nicht durch neue Regierungsperioden unterbrochen werden – so wie es mit der Reinigung der Themse, in London, geschah, und der Bucht von San Francisco ebenfalls.

In die Kulturszene investieren. Rio de Janeiro beherbergt einen grossen Teil des Erbes aus der Kolonialzeit – mit herrlichen barocken Gebäudekomplexen – ebenfalls aus dem Imperium und aus der Republik, bis zur Einweihung von Brasília, die aber leider kaum in die üblichen Touristik-Programme einbezogen werden.

Endlich internationale Kampagnen durchführen, die Rio de Janeiro als touristische Destination sowohl für Freizeit als auch für Business propagieren.

Den Tourismus professionalisieren – mittels Verbesserung des Informationssystems, des Signalisierungssystems, der Dienstleistungsqualität in Hotels und Restaurants – und nicht zuletzt der Arbeit von Guides und Polizisten.

Wo das bereits funktioniert hat:
Dafür gibt es wirklich unzählige internationale Beispiele, aber eines der eloquentesten Modelle für den Erfolg einer Investition in diesem Sektor befindet sich in Brasilien, und zwar in Salvador. Während der letzten zehn Jahre hat die Stadt in die Restauration ihres historischen Erbes, in die Hotellerie, in Sicherheit, den Karneval und in Marketing-Kampagnen investiert – und hat so die Besucherzahlen von einheimischen und internationalen Touristen wesentlich erhöht!

Was die Pessimisten einwenden werden:
Der Tourismus wird nicht wachsen, solange das Problem der Kriminalität in Rio de Janeiro nicht gelöst ist.

Wie stehen die Chancen, dass es funktioniert:
Neben der Informatik und der Telekommunikation ist es der Sektor Tourismus, welcher weltweit am meisten wächst. Er bewegt jährlich fast 5 Trillionen Dollar. Allein schafft er 230 Millionen Arbeitsplätze auf unserem Planeten. Brasilien besetzt einen bescheidenen 29. Platz unter den Nationen, welche die meisten touristischen Besucher empfangen. In einer Stadt wie Rio de Janeiro kann der Tourismus zu einem der bedeutendsten Motoren zur Wiederaufnahme wirtschaftlichen Wachstums werden.

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Das Problem:
Die Innenstadt von Rio de Janeiro und das Hafengebiet haben sich zu dekadenten Arealen entwickelt, die ausserdem wenig bevölkert sind.

Die Lösung:
Ein ambitiöses Programm zur Wiederbelebung der zentralen Areale der Stadt, unter Beachtung der Erhaltung historischer Bauten, Konstruktion von neuen Gebäuden, für die man eine Besetzung mit kulturellen Institutionen vorsieht, mit Freizeiteinrichtungen, kommerziellen Räumlichkeiten und auch Privatwohnungen.

Wo das bereits funktioniert hat:
New York, Buenos Aires und Sydney verwandelten ihre zentralen Bezirke und den Hafen erst einmal in sichere Stadtgebiete, die dann auch als Wohnadressen umworben wurden. Die Erfahrungen dieser Städte zeigen auch, da solche Investitionen einer längeren Reife bedürfen, dass es nötig ist, in diesem Fall eine Koordination durchzusetzen, welche durch das Mandat der Regierenden nicht unterbrochen werden kann.

Was die Pessimisten einwenden werden:
In einer Stadt mit so vielen armen Leuten wäre es besser, wenn die Regierung ihr Geld für soziale Programme ausgäbe.

Wie stehen die Chancen, dass es funktioniert:
Die zentralen Regionen der grossen Städte waren einmal Industriegebiete. Deshalb haben sie eine gute Infrastruktur geerbt, welche die Wiederbesetzung erleichtert und neue Möglichkeiten für Freizeit und Wohnraum eröffnet.