Puxa-saco

Veröffentlicht am 8. Januar 2013

PleiteBevor ich Ihnen, liebe Leser, einen Fall dieser Krankheit enthülle, deren typische Symptome bis in höchste Regierungskreise diagnostiziert werden können, muss ich Ihnen natürlich erst einmal erklären, was es mit dieser scheinbar so schwer auszusprechenden brasilianischen Wortschöpfung überhaupt auf sich hat. Am besten fange ich mal damit an, Ihnen die richtige Aussprache dieses Doppelwortes zu erleichtern – so schwierig es auch aussieht, es spricht sich, auch wenn man nur der deutschen Sprache mächtig ist, ganz einfach: “PUSCHA-SAKKISMO“ – die betonten Silben sind fett. Wenn wir nun mit der wörtlichen Übersetzung anfangen, dann hat das Verb “PUXAR“ die Bedeutung von “ZIEHEN“ und “SAQUISMO“ ist abgeleitet vom Substantiv “SACO“, dem “SACK“ – zusammengesetzt lässt sich also ohne grosses Kopfzerbrechen erkennen, dass wir es hier mit “Sackziehen“ zu tun haben. Falls Sie den brasilianischen Strassenjargon jedoch nicht beherrschen, wissen Sie damit allerdings immer noch nicht, um welche Krankheit es sich eigentlich handelt, hab’ ich Recht?

Eine weit verbreitete Krankheit in Brasilien – Puxa-saco

Nun, die Brasilianer haben die Umgangssprache mit einer Unmenge eigenwilliger Wortschöpfungen aus der Folklore bereichert – und tun es noch – die sie in einem Wörterbuch der portugiesischen Originalsprache ganz sicher nicht finden werden. Der Ausdruck “Puxa-saco“ (Sack-Zieher) hat seinen Ursprung im Militär-Jargon: Die Offiziere pflegten ihre Kleidung und andere Utensilien für eine Reise nicht in Koffern zu verstauen, sondern in Säcken. Und wer diese Säcke schleppte, hinauf und hinunter, stets in unterwürfiger Haltung, das waren die einfachen Soldaten. Diese Säcke zu schleppen, sie “hinter sich herzuziehen“, wurde zum Synonym für Unterwürfigkeit und Kriechertum, folglich bezeichnet man als “Puxa-saco“ in Brasilien jene Individuen, die ihren Vorgesetzten nach dem Munde reden, die sie umschmeicheln und . . . aber Ihnen muss ich doch nichts weiter erklären, denn bei Ihnen gibt es die “Sackzieher“ doch auch – in Ihrem Jargon nennt man sie, wenn ich mich nicht irre, “Speichellecker“ und “Arschkriecher“, richtig? Sehen Sie, der leicht diagnostizierbare Virus “Puxa-Saquismo“ (Speichelleckerei oder Arschkriecherei) ist in der ganzen Welt verbreitet – und heutzutage scheinbar mehr denn je.

In Brasilien gibt es sogar einen (inoffiziellen) “Arschkriecher-Tag“, das ist der 20. Dezember: Der letzte Tag für die Auszahlung der zweiten Hälfte des (gesetzlichen) 13. Monatsgehalts. An diesem Tag schleichen nämlich alle “Puxa-Sacos“ heimlich durch die Strassen, um das Weihnachtsgeschenk ihrer jeweiligen Chefs nicht zu verpassen.

Ich nehme an, dass Sie nun ziemlich gut vorbereitet sind für meine Geschichte, in der die illustre brasilianische Präsidentin Dilma, in ihrem bescheidenen Präsidenzial-Jet, einen Flug von Brasília nach Porto Alegre antritt, um dort einer wichtigen Konferenz beizuwohnen. Kaum hat der Flieger abgehoben, als sich ihr ein Taifeiro-Soldat (das ist einer, der als Küchenhelfer und gelegentlicher Servierer abgestellt ist) mit einem Tablett nähert, auf dem er einen Ananassaft balanciert. Die Mandatsträgerin führt das mit einer Papierserviette umhüllte Glas an ihre Lippen – während sie trinkt, bestätigt ihr zufriedener Gesichtsausdruck, dass sie den Saft geniesst. Als sie ihr Glas absetzt, fragt sie der Soldat, ob er nachgiessen soll, was die Präsidentin jedoch ablehnt. Und damit wäre die ganze Sache bereits erledigt, wenn dieser geschwätzige Soldat nicht die Gelegenheit ergriffen hätte, nunmehr eine wahre Show als professioneller “Puxa-saco“ abzuziehen:

“Wissen sie, Exzellenz, ich bin nun schon seit zehn Jahren Küchensoldat. Andere, die viel kürzere Zeit beim Militär sind, werden vor meiner Nase promoviert – aber das ist eigentlich gut so, denn wäre ich promoviert worden, dann hätte ich jetzt keine Gelegenheit, mit der illustren Senhora zu sprechen, von der die Diktatur bekämpft und besiegt worden ist“.

“Das ist wahr, Leutnant, es war ein harter Kampf, aber es hat sich gelohnt – heute atmet Brasilien Demokratie“.

“Wissen sie, Frau Präsidentin, was ich am meisten an ihnen bewundere, das ist die Tatsache, dass Sie die Mission auf sich genommen haben, die Regierung Lula fortzusetzen, eines Mannes, der so ist wie ich – aus dem Volk, ohne Studium, der alles für die arme Klasse getan hat“.

“Das ist wahr, Oberleutnant – Brasilien brauchte jemanden, der sich um die weniger Privilegierten kümmert“.

“Aber ausser den weniger Privilegierten, haben sie, Frau Präsidentin, ganz Europa eine Unterrichtsstunde in Regierungsangelegenheiten verpasst. Sie hatten sogar den Mut, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Vortrag über moderne Wirtschaft zu beglücken“.

“Herr Hauptmann – Europa ist nicht mehr unser Brötchengeber. Die Zeit, in der wir Kolonie waren und keine eigene Stimme hatten, ist lange vorbei“.

“Und die Erziehung? Dank ihnen, Frau Präsident, ist es vorbei mit dieser Geschichte, dass nur Reiche und Weisse der Mittelklasse eine Universität besuchen dürfen – die Bourgeoisie hat eine Lektion verdient“.

“So ist es, Herr Major – jetzt haben alle unsere Bürger ein Anrecht auf Erziehung und Bildung“.

“Frau Präsident, ich bin ein Angehöriger des Militärs, aber ich gebe zu, dass das Verschleudern von Steuergeldern durch die Streitkräfte beschämend war. Das Heer sparte, die Luftwaffe gab aus, und die Marine verschwendete – während das Volk darbte“.

“Herr Oberstleutnant – noch habe ich einige Werkzeuge in meiner Hand, um die Schrauben dieser Militärbande anzuziehen“.

“Und die müssen sie tatsächlich anziehen, Frau Präsident! Die Offiziere in den Kasernen verbringen ein halbes Jahr damit, die Rekruten zu strizen und das andere halbe Jahr mit Ball spielen“.

“So ist es, Herr Oberst – aber es gibt eben zu viele Probleme“!

“So wie ich es sehe, Senhora, haben sie richtig gehandelt, indem Sie die Stromkosten gesenkt haben. Das Volk hat es satt, soviel Geld den Energiekonzernen in den Rachen zu werfen“.

Zwischenfrage der Präsidentin: “Wo sind wir jetzt, Herr Oberst“? Der Küchen-Oberst sieht durchs Fenster und informiert die Präsidentin, dass man die halbe Strecke wohl hinter sich hat.

“Herr Oberst – was sagen eigentlich ihre Vorgesetzten von mir, dort in den Kasernen“?

“Sie sagen, dass Präsident Lula selbst bestätigt habe, das sie Senhora, überhaupt nichts bekämpft haben – sie Senhora, hätten lediglich die Waffen geölt, die durch ihre Kollegen im Einsatz waren“.

“So, so, Herr Oberstleutnant – und was sagen die Offiziere in Bezug auf meine Hingabe, mit der ich nach dem Expräsidenten regiert habe“?

“Sie sagen, dass man eine Coca-Cola gegen eine Pepsi eingetauscht hat – und dass Brasilien weiter wächst wie ein Pferdeschwanz: nämlich nach unten…“
“Herr Major – ich bewundere Ihre Offenheit – ihre besondere Art, frei heraus zu sprechen, so ohne Umschweife“.

“Jawohl, so bin ich nun mal. Und ich sage noch mehr: Ich glaube dass sie, Frau Präsidentin, mit dieser Schamlosigkeit des Krieges zwischen Militärpolizei und Banditen in den Favelas endlich Schluss machen sollten. Was der Favela-Bewohner wirklich braucht, ist dasselbe, was die Regierung den Andern gibt, die nicht in einer Favela wohnen. Und Krieg an den Berghängen füllt niemandem den Teller, gibt niemandem Arbeit und niemandem seine Menschenwürde zurück“.

“Also heisst das, sie glauben, Herr Hauptmann, dass die untere Klasse unseres Volkes immer noch vernachlässigt wird“?

“Vollkommen! Der Sohn eines Reichen und der aus dem Mittelstand, die haben Geld für gute Plätze im Schulsystem, und sie bekommen auch die besten Noten. Aber wo bleiben die armen Menschen aus den Favelas – welche Chancen haben die“?

“Das ist ein Fall, über den ich nachdenken muss, Oberleutnant – aber ich glaube, wir befinden uns jetzt im Landeanflug“.

Der Präsidenzial-Jet rollt auf dem Flughafen in Porto Alegre aus, und die Präsidentin befiehlt: Leutnant, bitte sorgen Sie für das Ausladen meiner Koffer“!

Dann verschwindet Präsidentin Dilma in der gepanzerten Limousine, kurbelt das verdunkelte Fenster über der Tür herunter und winkt dem Burschen:

“Bis zum nächsten Mal, Soldat“.