Próximo – Teil 2

Veröffentlicht am 2. Januar 2011

EINREISE NACH BRASILIEN IM WANDEL DER ZEIT (Teil 2)
Dezember 1993, 07:00 morgens, am Zoll in São Paulo. Ein unfreundliches und barsches “Próximo“ (Nächster) reisst mich aus meinen Gedanken – ich haste zu dem aus seinem Kontrollhäuschen ungeduldig winkenden Beamten.

Dezember 2008, 07:00 morgens, wieder am Zoll in São Paulo. Das obligatorische “Próximo“ kommt dieses Mal etwas schneller als damals, jedoch immer noch genauso barsch und unfreundlich wie schon Jahre zuvor.

Dezember 2010, um 07:00 morgens, wieder am Zoll in São Paulo. Meine optimistische Hoffnung auf eine zunehmend schnellere Abfertigung wird leider von den diensthabenden Beamten zunichte gemacht – die Abstände vom einen “Próximo“ zum andern, genauso barsch und unfreundlich wie immer, sind eher etwas länger geworden. Kein Wunder – diesmal besteht die Warteschlange der Einreisenden aus acht Kolonnen! Vom Gepäckempfang auf dem Laufband – mit dazwischen geschalteten Stichkontrollen der Zollbeamten – bis zum Ausgang der Halle verstrichen, sage und schreibe, zweieinhalb Stunden!

Wir erfuhren später, dass die Immigrations-Beamten sich in einem (illegalen) Streik befanden, also ihre Arbeit an diesem Morgen von dem wenigen Ersatzpersonal besonders lustlos verrichtet wurde. Das interessierte allerdings die sonst so schafsgeduldig wartenden Brasilianer in den Warteschlagen nicht im geringsten – nach ersten Verbalattacken, ob der unerwarteten Verzögerung, ihre Verwandten und Bekannten hinter der Glaswand endlich in die Arme schliessen zu dürfen, kam es sogar zu aggressiven Ausschreitungen: Schrankentrennseile wurden unter Schimpftyraden aus ihrer Verankerung gerissen, alle schrien durcheinander, sie liessen dann ihre Gepäckwagen einfach stehen, packten ihre Koffer unter den Arm und strebten brüllend dem Ausgang zu.

Mitten drin in der tobenden Menge stand ich etwas unentschlossen – noch nie hatte ich die in der Regel so coolen Brasilianer so aufgebracht erlebt (ausser bei einem verlorenen Spiel der Lieblingsmannschaft) – noch nie zuvor waren in mir Zweifel an meinem “Traumland“ aufgestiegen, in dem ich dermaleinst meinen Lebensabend verbringen möchte, und das ich unzähligen Urlaubern empfohlen habe. Unwillkürlich fragte ich mich in diesem eindrucksschweren Moment, ob eigentlich die brasilianische Infrastruktur jenem vielbeschriebenen Wirtschaftsaufschwung des Landes standhalten wird – und: ist dieses Land überhaupt in der Lage, eine Fussball-WM und zwei Jahre später sogar eine Olympiade zu organisieren, wenn es schon mit der Abfertigung von ein paar Touristen Schwierigkeiten hat?

Überraschenderweise schien eine Handvoll jener brasilianischen Agitatoren meine Gedanken in Worte zu fassen, die sie jetzt in die nervöse Menge schmetterten – jedesmal quittiert von heftigem Applaus. Meine Gedanken erhoben sich wieder zu einem positiveren Level – ich spürte, dass sich in dem auf mich oft so lethargisch wirkenden Volk durchaus inzwischen etwas bewegt – sie sind auch gegenüber ihrer eigenen Obrigkeit selbstbewusster geworden – lassen sich nicht mehr wie willenlose Schafe behandeln, sondern sind sich ihrer Rechte bewusst und verlangen, dass diese respektiert werden – auch von jenen arroganten Staatsbeamten.

Allerdings sank gleich darauf mein positiver Gedankenpegel wieder, als mich drei jener agitierenden Hoffnungsträger rechts von meiner Warteschlange überholten und mir der letzte seinen Gepäckwagen mit Wucht in die Ferse rammte, ohne sich zu entschuldigen – der bohrende Schmerz in meinem Fuss liess dann neuen Zweifeln Raum. Das grosse brasilianische Thema “Erziehung“ (Educação), welches die Lokalpolitiker alle vier Jahre an die Spitze ihrer Wahlkampagnen setzen, um es dann wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen – es gehört, genauso wie die Themen “Gesundheitsvorsorge“ oder “Fome-Zero“ (Null-Hunger) zu den Reizthemen jeder Landtags- und Präsidentenwahl – dem, alle vier Jahre wieder, die mehr als 50% des einfältigsten Teils dieses Volkes zum zig-sten Mal Glauben schenken.

35tuiuiu_0065Und dann bin ich gespannt, wie uns wohl die Kontroll-Beamten vor der nördlichen Zufahrt zum Feuchtgebiet des PANTANAL, der Erdstrasse “Transpantaneira“, behandeln werden – werden wir wieder jenes barsch und unfreundlich geschmetterte “Proximo“ zu hören bekommen?

In diesem Jahr besuchten wir das im brasilianischen Mittelwesten (Bundesstaat Mato Grosso) gelegene Tierparadies zwar nicht zum ersten Mal (und sicher nicht zum letzten Mal), aber im Dezember waren wir vorher noch nie dort gewesen, denn eigentlich fällt dieser Monat bereits in die periodische Regenzeit – in diesem Jahr hatte sie sich zu unserer Freude (aber zum Nachteil der Natur) jedoch verspätet: Und so konnten wir mehr als 120 Vogel- und 25 Säugetierarten in ihrem natürlichen Habitat beobachten.

eingangsposten transpantaneira_0014Übrigens waren die Kontrollbeamten am Schlagbaum zur “Transpantaneira“ überraschend freundlich und entgegenkommend – kein “Proximo“ störte unseren sympathischen Eindruck, denn wir waren auch die einzigen Touristen an diesem Tag, wie sie im Verlauf eines kleinen Schwätzchens durchblicken liessen. Schliesslich haben wir mit ihnen zusammen sogar ein paar Fotos fürs Familienalbum geknipst.

Auf den von uns besuchten Pousadas und Fazendas trafen wir ausschliesslich ruhiges, hilfsbereites und ehrliches Dienstpersonal und gastfreundliche Besitzer. Selbst die wilden Tiere präsentierten sich von ihrer fotogensten Seite – und ich bekam eine Reihe von überraschenden Szenen vor mein Objektiv. Der Pantanal entlässt mich auch sechzehn Jahre nach meinem Erstbesuch noch nicht aus seinem Bann!

arara azul_00127Dies ist ein Gebiet Brasiliens, dessen Bewohner sich durch ihren hautnahen Umgang mit der Natur, schon seit Generationen, sowie ihre geografische Abgelegenheit von jeglichem Einfluss der Millionenstädte, einen natürlichen Respekt vor der Natur und jedem ihrer Individuen erhalten haben, und die einen Gast innerhalb ihrer bescheidenen Möglichkeiten wie einen König aufnehmen. Ob solch wunderbarer Entwicklung dieser Reise, hatte ich dann jenes barsche “Próximo“ der Zollbeamten von São Paulo bald vergessen.

Nach einem typischen Pantaneiro-Mittagessen in einer Hängematte schaukelnd lasse ich meinen Gedanken freien Lauf: Die ländliche Bevölkerung mit weniger Schulbildung verhält sich in der Regel, auch Fremden gegenüber, offener und ehrlicher, gastfreundlicher und einfach liebenswerter als ihre vermögenderen Landsleute in den Grossstädten – nun, ich will hier nicht zu weit ausholen, aber die Gründe dafür werden einem klar, wenn man Brasilien länger kennt, und es ist auch für uns Europäer eine nicht unbekannte Tatsache, dass Grossstädte mit ihrem Stress, ihrem geschäftsgeilen Druck, und rücksichtsloser Degradierung des Menschen zu einer Nummer, in diesem Charaktereigenschaften verschüttet und andere entfesselt, die ihm nicht angeboren sondern durch seine urbane Umwelt geprägt worden sind.

Wenn man also die natürlichen Brasilianer kennenlernen will, die einen nicht als “Próximo“ behandeln, sondern als individuellen Gast – dann sollte man das brasilianische Interior besuchen!

Bis zur schon erwähnten WM 2014 in Brasilien ist es ja noch eine Weile hin, und ich kann mir vorstellen, dass ich bis dahin mindestens noch ein oder zweimal in meinem “Traumland“ unterwegs sein werde. Gerne werde ich Ihnen dann wieder meine subjektiven Eindrücke aus dem “Land wie ein Kontinent“ schildern.
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