Meine Gedanken zu unserer Welt

Veröffentlicht am 12. Juni 2010
Junge durch Messerstiche im Westen von Belo Horizonte tödlich verletzt

“Der junge J.P.S. – 16 Jahre alt, wurde in der vergangenen Nacht im Stadtteil Nacional durch Messerstiche getötet. Die Polizei untersucht den Fall und geht einer Anzeige nach, die behauptet, dass der Junge Schulden bei einer Gruppe von Drogenhändlern hatte, die in derselben Region agieren.

Wie die Inspektorin des Morddezernats von Belo Horizonte erklärte, hat eigentlich der Vater J.S.S. des besagten Jungen diese Schulden gemacht, der die Droge “Crack” zusammen mit seinem Sohn verkonsumierte – sie seien Komparsen des Drogenkonsums gewesen. Im Moment der Tat war der Vater des Opfers nicht anwesend. Nach Aussagen von Zeugen, die das Verbrechen beobachteten, flüchtete H.P.S. durch das Fenster seiner Baracke, als er jene Individuen der Drogenmafia kommen sah – der junge R.P.C. hatte nicht dasselbe Glück, die Banditen holten ihn ein und töteten ihn mit insgesamt 9 Messerstichen”.

Ende der Zeitungsnotiz
Schlagzeile in der Tageszeitung “Estado de Minas” vom 5. Juli 2010

Bei Sônia, die bis dato mit ihrem Mann ein scheinbar harmonisches Leben innerhalb einer soliden Ehe geführt hatte, war der Groschen immer noch nicht gefallen – sie begriff immer noch nicht, was da plötzlich geschehen war. Mit ihren fünfzig Jahren hatte sie sich noch nie so schwach und unfähig gefühlt sich zu rühren, wie in diesem Moment, als sie ihren toten Sohn an ihr vorbei trugen.

Agência Brasil270812_ABR4805Die Droge – sie hatte den harmlosen Namen “Crack” – war in ihrem Heim vor etwa einem Jahr aufgetaucht, und dann verschlang sie alles, was sie zusammen mit ihrem Mann in Schwerstarbeit und vielen Opfern angeschafft hatte.

Der Ehemann – schon seit einiger Zeit arbeitslos, hatte nach und nach, sämtliche Möbel verkauft, von seiner Sucht getrieben, die ins grenzenlose wuchs, seit er die Droge zum ersten Mal probiert hatte.

Ihr älterer Sohn, der jetzt leblos vor ihr lag, gerade er schien eine vielversprechende Zukunft zu haben, war stets der Beste seiner Schulklasse gewesen und die ganze Hoffnung seiner Mutter – im vergangenen Monat hatte er plötzlich zwanzig Kilo abgenommen und streunte dann wie eine verlorene Seele durch die Strassen auf der Suche nach dem nächsten “Stein” zum Rauchen – jetzt hatte ihn die Droge umgebracht.

Das war nun das Ergebnis ihrer fünfzig Jahre langen Einschränkung, ihrer Opfer und ihrer Hoffnungen – die Frau eines Suchtkranken, ihr unbeschreiblicher Schmerz über den Verlust des Sohnes – sie verstand in diesem Moment gar nichts mehr, sass nur einfach so da auf dem Bordstein einer noch nicht einmal asphaltierten Strasse, unter einem grossen Baum, von dessen ausladenden Ästen der Regen tropfte – sie spürte die Nässe nicht, fühlte sich entrückt und unsichtbar – ihre Einsamkeit inmitten der um sie herum hantierenden Polizeibeamten, flankiert von Gaffern, war vollkommen, kam tief von innen.

Der Himmel war von dunkelgrauen Wolken bedeckt, und der Regen nieselte herab an jenem Morgen – die Polizeibeamten taten ihre Pflicht, und die Menge der Gaffer verharrte in stiller Neugier. Auch die Vögel flogen tiefer als sonst – lautlos. Die Tränen der Mutter rannen über die zahlreichen Furchen ihres verhärmten Gesichts – unverständliche Tonfragmente drangen aus ihrem zitternden Mund – materialisierte Gefühle der zutiefst erschütterten Seele, die man nicht unterbrechen sollte, denn sie sind auf dem Weg in die spirituelle Sphäre, der Quelle aller Gefühle und Emotionen.

Sônia fühlte sich verraten und allein gelassen, mit ihrem Schmerz auf einer einsamen Insel ohne Liebe und ohne Gnade – einer Insel, von allen Seiten umschlossen von einem Meer der Gleichgültigkeit dieser Welt, Verachtung der Menschen gegenüber dem Nächsten und der moralischen Missachtung gegenüber sich selbst. Nur eine Mutter spürt die tatsächliche Tiefe eines solchen Schmerzes über den Verlust der Frucht ihres Leibes – den Verlust eines Sohnes, der in den reissenden Wellen mundanem Jähzorns untergegangen war.

Sie fühlte sich wie ein Stein unter dem Strom eines Wasserfalls – ein Stein, auf den der gesamte Strom der Gleichgültigkeit und Verachtung hernieder prasselte, ohne dass sie dagegen etwas tun konnte, zumal die Natur selbst sie so geschaffen hatte und an diesen schmerzvollen Ort gestellt – nach einem uns nicht einsehbaren himmlischen Plan.

Sie konnte weiter nichts tun als das gesamte Leid ihrer Hingabe und ihres Lebenskampfes, Ihrer Liebe und Rechtschaffenheit, in sich zu verschliessen – das alles hatte ihr nichts gebracht, keine Frucht getragen – war lediglich zu Erinnerungen verschmolzen, die wie ein Schwarz/Weiss-Film vor ihrem geistigen Auge abliefen – wie Bilder einer Reise im Sommer, die man in irgendeiner versteckten Ecke des Unterbewusstseins abgelegt hat – Bilder aus der Vergangenheit von Ereignissen, die vorüber waren und nie mehr zurückkehren würden. Wie eine voll aufgeblühte Rose an einem Sonnentag, die ihre ganze Pracht in lebendigen Farben entfaltet, war sie plötzlich von ihrem lebenspendenden Zweig abgerissen, ihrer Liebe und Fürsorge beraubt, auf den Boden der Verachtung geschleudert und zertreten worden – durch eine mit der Natur unvereinbare, ihr unverständliche Macht, die nur ein Ziel kennt : das der Zerstörung und Eliminierung.

Ihr Schock war dergestalt, dass sie nicht nach Erklärungen für das schreckliche Geschehen suchte. Alles, was ihr in diesem Moment vielleicht eine Fortsetzung ihres Lebens erlauben würde, war , sich zu einer bedingungslosen Vergebung aufzuraffen – versuchen zu vergessen, was jener ihr zugefügt hatte, den sie geliebt, und sich nur an das zu erinnern, was sie gemeinsam an guten Taten vollbracht – um tief in ihrem Innern die glücklichen Momente der Liebe und des vergangenen Familienglücks sorgsam zu verschliessen.

Unverständnis war eine Wand, gegen die sie hilflos stiess – niemand um sie anzuhören, niemand, der ihr einen Rat geben wollte, niemand, der ihr Hilfe angeboten hätte. Und das war die Regel! Das Normalste auf der Welt war das – Lúcia befand sich inmitten jener mundanen Parameter, deren Regeln sich allein nach der bedingungslosen Schaffung steigender Gewinne orientieren – Mitgefühle, Trost spenden, Hilfe leisten, Nächstenliebe, verkümmern als verstaubte Gefühlsantiquitäten in einer versteckten Ecke des Unterbewusstseins der Menschheit, die immer mehr Geld machen will und immer weniger dafür tun.

Sônia dachte weder an Rache, noch suchte sie jemanden verantwortlich für ihren Schmerz zu machen – nichts interessierte sie mehr, für sie schien in diesem Moment alles sinnlos – aber was sich in ihrer Seele abspielte, das waren Emotionen, die man verbal kaum ausdrücken kann – ich vermag sie jedenfalls nicht in Worte zu fassen – Gefühle, die sich nach aussen in röchelndem Schluchzen und hilfeheischenden Gesten offenbarten, deren Code höchstens die Engel zu dechiffrieren in der Lage waren.

Das Universum, mit seinen diversen planetarischen Systemen, einer unendlichen Anzahl von Sternen und unzähligen Lichtern inmitten des schwarzen Teppichs, konnte sie jedenfalls damit nicht erschüttern. Der Planet Erde in seiner lieblich blauen Atmosphäre, die ein Farbenspiel in allen erdenklichen Nuancen umhüllt, drehte sich weiter – mit seinen Flüssen, Wäldern, Wüsten, Ozeanen und seiner ganzen unbeschreiblichen Schönheit, die man von weit oben im Raum als grenzenlose Losgelöstheit von aller irdischen Problematik und wie Gottesnähe empfindet – so haben die berichtet, die dort waren.

Doch seine erhabene Schönheit aus der entrückten Ferne des Alls täuscht gewaltig – wenn man sich ihm nähert, nach einem nur Minuten währenden Eintauchen in seine Atmosphäre, entdeckt man seine humane Verwandlung und Vergewaltigung: Hunger, Misere, Verwüstung seiner natürlichen Oberfläche, ausgetrocknete Flüsse, abgebrannte Wälder, aus Gründen fanatischer Ideologien dezimierte Urvölker. Und wenn man sich weiter ins Innere des Planeten bewegt, wird die Schlechtigkeit dieser Erdenwelt zunehmend deutlicher: Das Leiden der Kranken, der Eingesperrten, der Hungernden, der Ausgestossenen – hier im Innern unseres Planeten entdeckt man die ganze Trostlosigkeit der menschlichen Seele. In dem Land, in dem ich lebe, haben wir eine von Korruptionsskandalen geprägte Regierung und ein Volk, das in seiner ignoranten Konsumsucht ideellen Werten wie Bildung und Kultur befremdlich gegenüber steht, Leben und Würde des Nächsten miss- und verachtet, um dagegen die Gewinnsucht und bedingungslose Bereitschaft zur Umgehung oder skrupellosen Vernichtung eventueller Hindernisse auf diesem Weg, über alles andere zu stellen.

Und schliesslich entdeckt man auch im Interior des Planeten – trotz aller moderner Technologie, die imstande ist, jedwede Entfernung innerhalb von Sekunden zu überwinden – ein menschliches Wesen, verzweifelt, verloren, gekränkt und verletzt, voller Hass gegen alles und alle.

Und damit beschliesse ich dieses beschämende Bild eines zutiefst erschütterten menschlichen Wesens, einer Mutter, der man den Sohn auf brutale Art und Weise genommen, an einem dunklen, wolkenverhangenen Tag in Belo Horizonte, der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais. Sie sitzt immer noch auf dem Bordstein jener Strasse ohne Asphalt, deren Oberfläche der herabrieselnde Regen inzwischen in ein Schlammfeld verwandelt hat. Sônia bemerkt davon gar nichts – sitzt da und schaut fast bewegungslos ins Leere, betäubt von ihrem brennenden Schmerz – ohne Interesse an ihrer Umwelt, ohne etwas verstehen zu wollen, ohne etwas von der Welt erwarten zu können. Man hat ihr sämtliche Motivation ihres kargen Lebens mit einem Schlag genommen – was kann sie denn noch von einer Existenz inmitten dieser verwilderten und verkommenen Menschheit erwarten?