Guaribas

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

…IM BUNDESSTAAT PIAUÍ UND IM BUNDESSTAAT PERNAMBUCO. GLEICHE ORTSNAMEN UND DIESELBE MISERE
Um zum ersten zu gelangen, muss man Schluchten durchqueren und Sandwüsten. Geduld und Ausdauer sind das richtige Gemisch, um die 653 Kilometer zu überwinden, die „Guaribas in Piauí“ von der Hauptstadt Teresina trennen. Wer Schwäche zeigt, bleibt inmitten der Wüstenei stecken – das gilt sowohl für den Menschen wie für sein Fahrzeug. Ein Enduro–Motorrad ist am besten geeignet, um die zahllosen Löcher und Krater zu umfahren – oder ein Esel, dem der Weg, so oder so, nicht an die Nieren geht. Wenigstens sind dies die Empfehlungen der Einheimischen, die sich an das Gejammer der Besucher über die „unmögliche Strassenverbindung“ gewöhnt haben.

Das „Guaribas in Pernambuco“ liegt in der Nähe der Hauptstadt Recife. Eine Kommune, die aus einem „Quilombo“ (Kommune geflüchteter Sklaven) hervorgegangen ist – mitten im halbtrockenen „Agreste“, im Distrikt von Bezerros, 108 Kilometer von der Hauptstadt, erreichbar über die BR 232. Die Strasse wurde kürzlich erst in „Rodovia Luiz Gonzaga“ umbenannt, zu Ehren des „Königs des Baião“, der diese Strasse viele Male unter die Füsse genommen hat.

So nah und doch so weit
Im Distrikts–Ort weiss niemand genau, in welcher Richtung der Flecken „Guaribas“ eigentlich liegt. Ihn auf einer Karte zu suchen ist verlorene Zeit. An einer Tankstelle, dem besten üblichen Ort, um sich zu informieren, „Gua… was, mein Herr?“ fragen mich die Angestellten. Die Lastwagenfahrer waren noch nie dort – und die Marktwagen kommen dort anscheinend auch nicht hin. Der Polizist hat noch nie von Streitigkeiten in dieser Abgeschiedenheit gehört – die öffentliche Hand hat den Weg dorthin einfach vergessen – schon seit undenklicher Zeit.

Von Bezerros (Pernambuco) sind es 40 Kilometer bis zum Fuss eines Gebirges, von dem jemand behauptet hat, dies sei die richtige Richtung. Auf der Strasse weiss niemand zu sagen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Endlich treffe ich auf eine überzeugte aber betrunkene Seele – diese Alkoholiker sind Nomaden – wie eine festgehakte Schallplatte wiederholt er unermüdlich „sim Senhor, para Guaribas!“ Mit meinem Auto gelingt es mir zwar nicht ganz, bis in den Ort hineinzufahren, aber ich kann das Fahrzeug in der Nähe abstellen. Ein kurzer Abstieg zu Fuss, eine Böschung hinunter, und fertig – Auftrag erfüllt.

Der Namensvetter Guaribas in Piauí „geriet am Anfang des vergangenen Jahrhunderts einfach in Vergessenheit“, so sagen seine ältesten Mitbürger, „und erschien erst wieder auf der Landkarte, als der Ort sich zum Schaufenster des Hungers im Land profilierte und zum Pionier für das Programm „Fome Zero“ (Null Hunger) der Regierung Lula auserkoren wurde, am Anfang diesen Jahres“. Jetzt riecht dort alles nach „Neuanfang“: verschiedene, im Bau befindliche Häuser, die Schulen voller Erwachsener, die zum ersten Mal ihren Namen schreiben, neue Zisternen zwischen der einen und der anderen Häusergruppe, Liebesbriefe in den Säcken der ersten gegründeten Post, wehende Betttücher im Wind, die aus den Fenstern der ersten, neu eröffneten Pousada heraushängen und der Geruch von Nagellack aus dem ersten eröffneten Schönheitssalon.

Dagegen hängt über seinem pernambukanischen Namensvetter Guaribas, in den Grotten, in denen hier die Nachkommen der Sklaven aus dem 19. Jahrhundert ihr Leben fristen, immer noch der Nebel der Vergessenheit. Seine Bewohner haben vom piauiensischen Namensvetter durchs Fernsehen erfahren. Und weil auch die Regionen ehemaliger „Quilombos“ ins Programm „Fome Zero“ eingebunden werden sollen, träumen seine Bewohner von besseren Zeiten, die kommen werden. Mehr wollen sie gar nicht, nur auch wieder auf der Landkarte erscheinen!

GUARIBAS IN PIAUÍnach oben

„Meine Damen und Herren, sie hören Rádio Esperança, direkt aus Guaribas in Piauí, Brasilien – Pilot–Dorf des Programms „Fome Zero!“

Viele Bewohner glaubten nicht an die Stimme aus dem Radio, die sich mit dem Geknalle der Feuerwerkskörper und den religiösen Chorälen der Juni–Feierlichkeiten (Festas Juninas) mischten. Die Radiostation der Kommune verbreitete die Nachricht der neuen Vorhaben der Landesregierung bis zur „Serra das Confusôes“, jenem Gebirge, an dessen Ausläufern Guaribas liegt, und wo sie sich, wegen ihrer begrenzten Reichweite, in der Halbwüste des Sertão verlor.

Phantastisch, was plötzlich alles an Neuem in Guaribas passiert! „Alt sind hier nur noch die Leute und ihre Bedürftigkeit“ sagt Dona Tereza Rocha, 88 Jahre alt, eine der ältesten Bürgerinnen. „Nicht mal eine schlechte Nachricht kam bisher zu uns durch, so isoliert waren wir vom Rest der Welt. Nicht mal die Politiker erinnerten sich an uns, um sich von den armen Seelen ihre Stimmen zu holen!“

Es ist immer noch fürchterlich schwierig, zum Sitz des Distrikts vorzudringen, der sich 653 km von der Hauptstadt Teresina befindet. Und man kann für diese Anfahrt nicht irgendein Auto benutzen. Auf den letzten 60 km durchquert man eine Sandwüste fast ohne Bewohner unterwegs. Das ist der Abschnitt zwischen dem Ort „Caracol“ und der Endstation.

„Mein Sohn, Brasilien wurde zwar 1500 entdeckt, aber Guaribas hat man erst jetzt, in diesem Jahr wieder gefunden. Hier war die Tür zum Ende der Welt“, sagt Orlando Rocha, 62 Jahre alt und immer noch erstaunt über die plötzlichen Geschehnisse in seinem Ort. „Jetzt kommen sogar Leute von weit her, um die Dinge hier herum kennenzulernen. Alles hat seine Zeit – jetzt sind wir dran – unser Name erscheint wieder auf der Landkarte“.

„Seu“ Orlando hat eine Familie mit zehn Kindern durchgebracht und mit unzähligen Enkeln – „nur wenn man sie zusammentreibt, kann ich sie zählen“, sagt er lächelnd. „Wir waren vergessen und isoliert von jedweden politischen und öffentlichen Aktionen – wer hier herkam, hatte sich verlaufen. Höchstens mal der Wind, der macht hier eine Kurve“, scherzt er, gewöhnt an den gelben Staub, der sich auf die zerfurchten Gesichter der Menschen legt und das Atmen erschwert.

Guaribas in Piauí erlebt sein zweites Comeback – vor acht Jahren geriet es in die Lokalnachrichten wegen einem Präfekten mit Namen Reginaldo Correia da Silva, weil dieser die Präfektur an seine Freunde vermietete, die das Gebäude als Motel zweckentfremdeten. Er wurde seines Amtes enthoben – der Gerichtsprozess steht noch aus.

Gute Neuigkeiten
Halter des schlechtesten IDH (Index der menschlichen Entwicklung) aller 5.507 Munizipien Brasiliens, wurde Guaribas als Laboratorium des Programms „Fome Zero“ ausgesucht, das ab März 2003 anlief. Neben der finanziellen Hilfe von monatlich R$ 50,00 für 500 der bedürftigsten Familien, um Lebensmittel zu kaufen, konnten die Bürger eine Reihe von Aktionen beobachten, welche die Landschaft und die Situation der Bewohner veränderten.

„Niemals hat auch nur einer auf dieser Welt nach uns geschaut. Wir lebten hingeworfen, wie Gott die Kartoffel geschaffen hat“, erzählt Tereza Rocha. „Habe viele Leute gesehen, die hier gestorben sind, weil ihnen ein paar Kleinigkeiten gefehlt haben – eine kleine Hilfe – irgendein Zuspruch“.

In Zusammenarbeit mit der Zentralregierung hat die Regierung des Bundeslandes Piauí einen Plan vorbereitet, der das Munizip entwickeln helfen soll. Eins der grössten Probleme – wie im gesamten halbtrockenen Gebiet des Nordostens und Minas Gerais – ist das Fehlen von Wasser guter Qualität. Ein neues Projekt – noch in der experimentellen Phase – erlaubt den Hausfrauen von Guaribas bereits den Zugang zur Wasserversorgung der Stadt. Die weit verbreitete Macho-Kultur ist daran schuld, dass man keine Männer beim Tragen der schweren Wasserkübel antrifft. „Früher mussten die Leute ganz schön weit laufen, über Felsen klettern, um an Wasser zu kommen“, sagt Nalva Alves Rocha (23), „Guaribas ist jetzt Teil der brasilianischen Landkarte“.

Ein Reservatorium für Trinkwasser ist von den Technikern der Regierung im Zentrum des Ortes eingerichtet worden. Dieses Projekt heisst „Sede Zero“ (Null Durst) und hat das Leben der Bewohner am meisten verändert. Man sieht sie zwar immer noch mit den Wasserkübeln auf dem Kopf, aber die Entfernungen sind geschrumpft – anstatt 4 bis 6 Kilometer weit weg, befindet sich das kostbare Wasser jetzt nur wenige Meter von der Haustür. Das gleiche Techniker–Team untersucht nun die Möglichkeit, verschiedene artesanale Brunnen im Dorf und in weiter entfernten Siedlungen anzulegen. Die Herausforderung heisst: „Wasser für alle 4.814 Bürger von Guaribas“.

Schon ganz früh am Morgen formiert sich die Warteschlange vor dem Wasser–Reservoir. „Mein Sohn, man kann schon sagen, dass wir jetzt fast im Luxus leben. Du machst Dir ja keinen Begriff, wie wir hier leben mussten“, erzählt Valda Alves da Silva, der die Administration des Hotels Ferreira obliegt, des Pionier–Hotels, eingeweiht in diesem Jahr, Spitzname: „Unterkunft der Autoritäten“. Mit Hängematten, die im Foyer gespannt sind, und Betten in den Zimmern, hat es eine Kapazität „für ungefähr dreissig Köpfe“. Das Bad funktioniert noch auf der Basis der „Kalebasse“ – man schöpft aus einem Tonkrug und giesst sich das Wasser über – aber richtige Duschen sind schon bestellt und unterwegs. Das Hotel ist einer der 1% an Haushalten im Ort mit Bad!

Die miserablen wirtschaftlichen Zustände, das Fehlen von behandeltem Wasser und die Unterernährung haben Guaribas zu einem Ort gemacht, wo die mittlere Lebenserwartung nur 56,11 Jahre beträgt – weit unter dem nationalen Mittel, das bei 68,1 Jahren liegt. In der Kindersterblichkeit herrschen afrikanische Zustände – 59,9 auf eintausend Geburten – der mittlere Landeswert liegt bei 29,6.

Es gibt noch keine offizielle Statistik, aber die Koordination des Programms „Fome Zero“ informiert, dass in den letzten drei Monaten in Guaribas kein einziges Kind gestorben ist.

Zur letzten Ruhe in der Hängematte
Die meisten Mütter verloren ihre Kinder wegen der Unterernährung. „Jedes Haus und jede Hütte hat schon ein paar „Engelchen“ in den Schoss unseres Herrn zurückschicken müssen, da half nichts“, erzählt der Bauer João Bertoldo (75), dem 8 von seinen 15 Kindern weggestorben sind. Guaribas hatte kein Krankenhaus und auch keinen Arzt. „Hab‘ viele Tote gesehen, die man in eine Hängematte gewickelt hat und dann kilometerweit getragen, um ein Fahrzeug zu finden und die Leichen in die nächste Stadt zu fahren“, erzählt Orlando Rocha. Der Distrikt hat zwar noch kein Hospital, kann aber ab sofort auf regelmässige ärztliche Besuche zählen – wieder eine erstaunliche Neuerung für seine Bürger.

Neuigkeiten, Neuheiten und Neuerungen gibt es inzwischen zuhauf im kleinen, ehemals vergessenen Guaribas. Während der Juni–Feierlichkeiten wurde ausser dem Radio-Kanal „Esperança“ (Hoffnung) auch der erste Schnellimbiss eingeweiht. Wenig später dann der Pionier–Schönheitssalon – „mit einer Apparatur zum Strecken des Kraushaars und allem andern“ verspricht die Propaganda der Besitzer.

Wegen der neueröffneten Post–Filiale müssen nun die Rentner und die durch „Fome Zero“ bedachten Familien nicht mehr die lange staubige Piste nach „Caracol“ unter die Füsse nehmen – oder gar nach „Raimundo Nonato“ (200 km).

Die neuen Gebäude im Rohbau, vor der Felsensilhouette des nahen Gebirges, sind ebenfalls Teil des Entwicklungsprogramms. „Ihr seid gekommen, um uns dabei zuzusehen, wie wir uns in Menschen verwandeln, nicht?“ lässt sich der 27–jährige Lídio Duarte Rocha vernehmen. Er arbeitet jetzt als Maurer in einem dieser Gebäude, gleich hinter einem Out-Door, das die Ankunft der Nordost–Bank im Ort ankündigt.

Mit viel Gespür für Legenden und kuriose Geschichten erzählen die Einwohner von dem neuen Ruf des Ortes im ganzen Land. „Die Polizei hat vor ein paar Tagen in São Paulo einen unserer Jungen hopp genommen. Als er seinen Ausweis vorzeigte, und sie sahen, dass er aus Guaribas war – ah! mein Junge – da hat sich alles für ihn geändert: sie haben sich mehr als einmal bei ihm entschuldigt, sie hätten ja nicht gewusst, dass er aus dem „bedürftigsten Ort Brasiliens“ stamme“ – so erzählt unser neuer Freund Orlando Rocha – und beschwört, bei seinen weissen Haaren, die absolute Wahrheit der Story.

Die Neuigkeiten finden ihr Echo ganz besonders auch in der näheren Umgegend. Bisher gewöhnt, dass die Bewohner von Guaribas zu ihnen nach „Caracol“ kamen, machen sich jetzt die Händler und Lieferanten ihrerseits auf den sandigen Weg nach Guaribas. Sie veranstalten offene Märkte auf den wenigen Strassen des Ortes und legen dort ihre Waren aus. „Die Dinge kommen jetzt zu uns“, bemerkt Dona Tereza Rocha. „Manchmal bin ich richtig baff über alle diese Veränderungen – sieht tatsächlich so aus, als sind wir jetzt an der Reihe. Niemand würde sagen, dass es schon ein Paradies ist, aber, dass wir jetzt zur Gesellschaft gehören, kann man nicht mehr bestreiten. Das mag wenig sein für denjenigen, der schon immer im Speck gelebt hat, aber für uns ist es sehr viel!“


GUARIBAS IN PERNAMBUCOnach oben

Die „Quilombo-Kommune“ möchte auch auf die Landkarte
Während „Guaribas in Piauí“ zum Pilot-Projekt des „Fome Zero“ aufgestiegen ist, warten die Bewohner des Namensvetters „Guaribas in Pernambuco“ sehnsüchtig darauf, dass ihre Stunde schlägt. Eine Hoffnung, die sich seit dem 19. Jahrhundert aufgebaut hat, als die ersten schwarzen Sklaven sich dort niederliessen, die von den Zuckerrohr-Plantagen geflohen waren. Sie gründeten die Kommune zwischen den Felsen der „Serra Agreste“, unweit von Bezerros, in der halbtrockenen Zone des Bundesstaates.

Vom Sitz der Distrikt–Verwaltung bis zum Ort Guaribas sind es zirka 40 Kilometer. Auf den Strassen von Bezerros weiss niemand, wo das kleine Nest eigentlich liegt. „Sei não Senhor, sei não senhor, sei não Senhor“, erwidern die Bewohner, nachdem sie mir alle jene stereotype Geste, mit der Hand am Kinn zum Überlegen, vorgeführt haben. Und im Strassenführer kann ich auch keine entsprechenden Angaben finden.

Obwohl gar nicht besonders weit weg, ist es schwierig, eine lebende Seele aufzutreiben, die den Weg kennt. Es sind wohl schon Autos dorthin gekommen, aber zu dieser Jahreszeit, mit der Verschlechterung einer Piste, die eh schon als prekär gilt, ist es unmöglich. „Guaribas de Baixo“ (Unteres Guaribas), wie der Ort genannt wird, ist noch heute ein Stück Boden umgeben von den Vorurteilen und von allen Seiten geächtet.

„Ah, Ihr wollt zu der Favela? Dort ist es gefährlich – anderntags haben sie dort zwei umgebracht“, erzählt uns eine Senhora der Nachbarschaft, die Wert darauf legt, die Territorien zu trennen. „Hier ist Guaribas de Cima (Oberes Guaribas) – das von denen fängt da drüben an“, und sie schiebt ihre Lippen in die Richtung.

An einer Tür entdecken wir ein Plakat vom „II. Treffen der Quilombo-Kommunen aus Pernambuco“ und ein schwarzer Junge von vielleicht 13 Jahren versichert uns: „Ja, hier ist Guaribas de Baixo – willkommen!“ Er ist ein Mitglied der 52 restlichen Familien, die von Sklaven abstammen und sich hierher zurückgezogen haben.

„Silva, Souza“ und „Santos“
Die „Silvas“ – wie Flávio (13), die „Souzas“ – wie sein Cousin Pedro (11) und die „Santos“ – wie seine Cousine Josilene (26), bilden die ganze Bevölkerung. Fast alle sind miteinander verwandt, so erzählt uns Maria Isabel da Conceição (61), die Mutter von Josilene. „Enkel und Urenkel der Qual aus alter Zeit – unser Schicksal kommt von weit her – von den Kaffee– und Zuckerrohr–Plantagen und ihren Folterqualen“. Sie trägt den Namen der Prinzessin, die einst 1888 das sogenannte „Lei Áurea“ unterzeichnete – die Freiheitserklärung der Sklaven. „Jetzt sind wir alle frei, aber wir haben nur wenig Rechte. Wir werden vom Leben immer noch böse geschunden“.

Die „Favela“ besteht aus einer kleinen Reihe von Lehmhütten – manche aus Backsteinen. Dahinter erstreckt sich ein Fussballfeld, auf dem die Jüngeren Kleinigkeiten für die Gewinner eines Matches einsetzen – zum Beispiel Süssigkeiten und Maiskuchen.

Sandro Lido de Souza, 28 jahre alt, ist der Präsident der Anwohner–Vereinigung des Quilombo. Er vertritt Guaribas auf den politischen Treffen, bei denen man die Situation der Sklaven–Nachfahren diskutiert. Er bemüht sich auch darum, dass die Erinnerung an ihre Vorfahren niemals erlischt. „Die Haut in der wir leben, hat eine historische Bedeutung, und man muss die Jüngeren stets daran erinnern“, doziert er.

Es hat dieses Jahr sehr viel geregnet in der Region. Der „Agreste“ ist von Grün überzogen, so als wollte er seine Bedürftigkeit dementieren. Und es sitzen so viele Frösche in der nahen Lagune, dass ihr „foi–não–foi“ Gequake unsere Unterhaltung übertönt. Das feuchte Terrain, jedoch immer noch fremd, gibt nicht viel her. „Das Land gehört uns nicht, und dies zwingt uns, mit kleinen Flächen vorlieb zu nehmen, die uns unsere Nachbarn überlassen“, erklärt Valdemar Lido de Souza (65), der Vater von Sandro und noch weiteren 15 Kindern.

Die Mehrheit der Familienväter arbeitet als Tagelöhner für die Landbesitzer der Region. Ein Arbeitstag bringt, wenn es viel ist, R$ 8,00 (rund 2,5 Euro) – und es gibt nicht für jeden einen Arbeitsplatz. Und wegen diesem Arbeiter-Überschuss nehmen sich einige der Arbeitgeber heraus, den Lohn auf nur 5 oder 6 R$ herabzusetzen – der alte Trick vom „nimm oder stirb“. „Das Feld für die Andern zu bestellen, ist eine furchtbare Zeitverschwendung“, sagt der alte Lido de Souza.

Die Besitzrechte über ihr Land in Form eines Besitz–Titels ist ein langwieriger Prozess. Er wurde 1996 eingereicht, unterschrieben vom Gouverneur des Bundesstaates Pernambuco, und hat sich „irgendwo in der Bürokratie verloren“. „Aber nichts ist für uns leicht – und war es auch nie“ erinnert sich der Präsident der Anwohner-Vereinigung, „obwohl wir eigentlich nur das zurückhaben wollen, was uns schon mal gehört hat“.

HOFFNUNG AUF FOME ZEROnach oben

„Guaribas de Pernambuco“ gehört in der Aufstellung über die „Unsicherheit in der Lebensmittel-Versorgung“ zum Programm „Fome Zero“ und wird in diesem Monat (November) anlaufen. Zusammen mit der beschriebenen Kommune, nehmen daran auch die anderen Quilombo-Kommunen des Bundesstaates Pernambuco teil: Imbé – im Distrikt von Capoeiras, Negros de Jilú – in Itacurubá, Conceição das Crioulas – in Salgueiro, Serrote do Gado Brabo und Sítio Caldeirãozinho – beide in São Bento do Una.

Das Programm wird zu Anfang 142 Kommunen von Sklaven–Nachkommen im ganzen Land begünstigen. Das sind 15.000 Familien, die von einem Abkommen zwischen dem „Ausserordentlichen Ministerium für Ernährungssicherheit“ und dem „Spezial–Sekretariat für Rassische Gleichheit, sowie der „Kulturstiftung Palmares“, betroffen sind.

Die Führer von Guaribas hoffen auf eine schnelle Hilfe durch den „Cartão Alimentação“, der den bedürftigsten Familien eine Soforthilfe von R$ 50,00 pro Monat zugesteht – einer Soforthilfe, die der verbreiteten Unterernährung der Kinder in den Kommunen zugutekommen soll. Es gibt keine Statistiken über diese Misere, aber man erkennt auch als Laie an den mageren Körpern mit den hervortretenden Augen, dass sie diese Hilfe dringend nötig haben.

„Ich habe längst mit dem Zählen der vielen Kinder aufgehört, die bei uns als „Zoinhos“ unter die Erde gewandert sind“ erinnert sich Maria Isabel da Conceição, eine der ältesten Mitglieder der Kommune. „Sie hätten nicht sterben müssen, wenn unsere Männer besser bezahlt würden, wenn wir ein Stückchen eigenes Land hätten, wenn es hier nicht an allem fehlen würde, was ein Mensch zum einfachen Überleben braucht!“

Bearbeitung/Übersetzung Klaus D. Günther für BrasilienPortal