Flussdelfine – die Flussgeister

Veröffentlicht am 21. Januar 2015

Pink dolphin, Inia geoffrensisWährend ihrer Jagd im Innern des Regenwaldes, nutzen die Flussdelfine jenes wunderbare alljährliche Hochwasser Amazoniens zur Bereicherung ihres Speiseplans aus.

Flussdelfine schwimmen zwischen den Baumkronen herum. Sie biegen ihre gelenkigen Körper, gleiten zwischen den Zweigen hindurch und umschlingen wie Schlangen die Stämme der Bäume. Dies ist nicht etwa ein Bild aus einem romantischen Fantasy-Film, sondern ein realistisches Szenario aus der Regenperiode am Oberen Amazonas, unweit der peruanischen Stadt Iquitos. Der Fluss ist über seine Ufer getreten und hat den Regenwald an manchen Stellen bis unter die Baumkronen geflutet, sodass die Flussdelfine in dem Gewirr von Ästen und Blättern ihre Nahrung suchen.

Der Rosarote Flussdelfin (Inia geoffrensis) aus Amazonien hat sich von seinen ozeanischen Vorfahren vor zirka 15 Millionen Jahren getrennt, in einer Periode, die als Miozen bekannt ist. “Zu jener Zeit lag der Meeresspiegel höher“, erklärt ein Biologe und weite Teile Südamerikas, inklusive des Amazonasbeckens, wurden von Flachwasser überflutet. Als dieses innere Meer zurückwich, so eine These, verblieben die Delfine innerhalb des Flussbeckens.

Die Amazonas-Delfine besitzen eine fette, gewölbte Stirn und einen mageren, langen Schnabel, angepasst, um nach Fischen zwischen Verzweigungen zu stochern und sie festzuhalten, oder damit den Schlamm des Flussbettes nach Krustentieren zu durchpflügen. Im Gegensatz zu den Meeresdelfinen, sind die Halswirbel der Flussdelfine so beweglich, dass sie ihren Kopf um 90 Grad verdrehen können, was ihrer Beweglichkeit zugute kommt. Sie haben lange Brustflossen, eine verkürzte Rückenflosse (wäre sie länger, könnten sie sich im Pflanzengewirr verheddern) und kleine Augen – eine Art Sonar erlaubt ihnen, ihre Beutetiere auch im lehmig-trüben Wasser sicher aufzuspüren.

Mit einem Gewicht, das 200 kg erreichen kann, und einer Länge bis zu 2,5 Metern, ist der Amazonas-Delfin der grösste unter den vier bekannten Flussdelfinarten. Die andern leben in den Flüssen Ganges (Indien), Indus (Pakistan), Yang-tse (China) und La Plata (zwischen Argentinien und Uruguay). Alle Arten sind einander ähnlich, aber die vier Arten gehören nicht derselben Familie an. DNA-Studien, die von Biologen und anderen Wissenschaftlern durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass sich die Flussdelfine aus archaischen Walen des Meeres entwickelt haben (also zur Familie der Wale gehören), in mindestens drei verschiedenen Epochen – zuerst in Indien und später in China und in Südamerika – noch bevor die modernen Meeresdelfine auf der Bildfläche erschienen, als eine spezifische Gruppe. In einem Beispiel, welches man “Parallel-Evolution“ nennt, entwickeln bestimmte geografisch isolierte und genetisch verschiedene Arten ähnliche Charakteristika, weil sie sich Umwelten anpassen mussten, deren Bedingungen einander ähneln.

Jedes Jahr verlassen die Amazonas-Delfine die Flussarme, um in ihrem primitiven Habitat Erfahrungen zu sammeln. Im Reservat von Mamirauá, wo ein Engländer von der Universität Kent, seit sechzehn Jahren die Flussdelfine studiert, überfluten zwei Nebenflüsse des Amazonas alljährlich Tausende Quadratkilometer Wald, über einen Zeitraum von sechs Monaten. Sie verwandeln den Regenwald in ein riesiges Meer, in dem die Baumkronen wie grüne Inseln zu schwimmen scheinen. Der Forscher und seine Kollegin vom “Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia”, in Manaus, haben entdeckt, dass besonders die weiblichen Delfine weit in den Wald hinein schwimmen – vielleicht um sich vor den aggressiven Männchen zu schützen, die an ihrer brillant rosa Färbung leicht zu erkennen sind. Die Weibchen sind im Allgemeinen grau gefärbt. Nach Meinung der Experten stammt die rosarote Färbung der Männchen von ihren zahllosen Hautnarben.

“Die männlichen Delfine greifen sich gegenseitig an mit enormer Wildheit“, sagt der englische Forscher, “sie sind äusserst brutal, und sie verbeissen sich gnadenlos in den Schnabel, den Schwanz, in die Flossen und die Atemlöcher der anderen Männchen. Die grösseren Exemplare sind bedeckt von vernarbter Haut“. Lediglich ein kleiner Prozentsatz der männlichen Tiere bildet eine brillante rosarote Färbung aus, erklärt er, und die sind es, die von den Weibchen am attraktivsten empfunden werden – wenigstens während der Reproduktionsphase, wenn das Wasser sich in die natürlichen Flussbette zurückzieht, und beide Geschlechter gezwungen sind, zusammenzuleben.

Die rosa Farbe ist jedoch nicht das einzige Mittel der Männchen, um damit das schwache Geschlecht zu beeindrucken. Manchmal ergreifen sie mit dem Schnabel einen Zweig mit Blättern, drehen den Körper mehrmals um die eigenen Achse, mit dem Kopf über Wasser, und schlagen sodann mit dem abgedrehten Zweig auf die Wasseroberfläche. Der Forscher hat beobachtet, dass sie sich nur in Anwesenheit von weiblichen Tieren so “verrückt“ gebärden – und dass nur die Männchen Zweige abreisen. Kein anderes Säugetier, ausser dem Menschen und dem Schimpansen, benutzt Objekte, um sich in Pose zu setzen. Er meint: “Es ist wie sich in einen Ferrari setzen und damit angeben“!

Flussdelfine werden von keinem Beutemacher angegriffen, mit Ausnahme des Menschen. Im Dezember 2006 hat der Flussdelfin des Yang-tse, der dort “Baiji“ genannt wird, vor der Wasserverschmutzung, den Schiffsschrauben, den Staudämmen und der unkontrollierten Fischerei kapituliert. Er war der erste “Cetaceus“ (Wal), den man als “praktisch ausgestorben“ registrieren musste. “Mit dem Baiji haben wir 20 Millionen Jahre unabhängiger Evolution verloren“, kommentiert der Forscher. Auch der Flussdelfin des Ganges schwebt in Gefahr – es gibt nur noch wenige Tausend in ein paar der meist verschmutzten Flüsse unseres Planeten.

Der Amazonas-Delfin befindet sich wahrscheinlich in einer besseren Situation. Man glaubt, dass wenigstens 100.000 dieser Tiere in Amazonien existieren. Jedoch ist auch ihre Situation zumindest besorgniserregend. Im Reservat von Mamirauá wurde die studierte Population im Lauf von nur sieben Jahren auf die Hälfte reduziert. Die Tiere werden von der lokalen Bevölkerung gejagt, um auf Angelhaken als Köderfleisch für den Fischfang zu enden – und sie verfangen sich in Netzten der Fischer und sterben durch Ertrinken, denn sie sind Lungenatmer (Säugetiere), die in Intervallen an die Wasseroberfläche müssen um zu atmen.

In der Vergangenheit, als die Bewohner Amazoniens mit der Natur noch enger verbunden waren als heute, wären solche Freveltaten undenkbar gewesen. In der Folklore Amazoniens spielt der “Boto“, wie er genannt wird, nämlich eine respektable, sogar gefürchtete Rolle, er ist eine magische Kreatur, die manchmal menschliche Gestalt annimmt, dem Fluss entsteigt, um sich den Frauen zu nähern, die er reihenweise verführt und schwängert. Man sagt, dass er stets einen Hut trägt, mit dem er seine Atemlöcher und die gewölbte Stirn verdeckt. Solche Geschichten klingen unglaublich in unseren modernen Ohren, aber auch ein bisschen traurig. Denn, um dem Flussdelfin das Überleben in unserer heutigen Welt zu ermöglichen, müsste man schon ein bisschen mehr tun, als auf seine Legenden zu vertrauen.