Favelas in Brasilien

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Nachfolgend wollen wir Ihnen eine kleine und selbstverständlich unvollständige Übersicht über die bekanntesten Favelas in Brasiliens bieten. Ob ein Armenviertel in Rio de Janeiro, ein Slum in São Paulo oder ein Elendsviertel in Belo Horizonte, jeder Bezirk hat seine ganz eigene Geschichte. Wir beschränken uns daher zunächst auf die größten und gefährlichsten von Ihnen: die Favelas in Rio de Janeiro!

favela_rocinha

COMPLEXO DO ALEMÃO

In diesem Fall handelt es sich um einen Stadtteil in Rios Nordzone, der sich aus einer Gruppe von 12 Favelas zusammensetzt – eine der gewalttätigsten Gegenden der Stadt. Aus dieser Region stammen etwa 40% aller krimineller Delikte, die in Rio de Janeiro begangen werden. Der Complexo do Alemão befindet sich zwischen den Stadtteilen von Ramos, Penha, Olaria, Inhaúma und Bonsucesso.

Demografische Daten
Dekret der Gründung des Stadtteils: vom 9. Dezember 1993
Grösse des Territoriums: +/– 299 Hektar (2009) – zirka 3 Quadratkilometer
Bevölkerung: +/– 95.000 Personen (2011)
Wohnungen: +/– 21.000 (2011)

Die kriminellen Aktivitäten in dieser Region werden gegenwärtig von den Drogenhändlern Antonio de Souza Ferreira, Spitzname Tota, und Fabiano Atanazio da Silva, Spitzname Fabiano Urubu oder FB, kommandiert, zwei Anführern des “Comando Vermelho” (Rotes Kommando, Stammsitz São Paulo), die sich in diesem Komplex verstecken.

Als der Drogenhändler Orlando da Conceição, Spitzname Orlando Jogador, noch den gesamten Komplex beherrschte, wurde seine Bevölkerung in einen blutigen Bandenkrieg verwickelt, in dem Orlando Jogador von seinem Zögling Ernaldo Pinto de Medeiros, Spitzname Uê, in einen Hinterhalt gelockt und dort ermordet wurde. Zu jener Zeit verlor das “Comando Vermelho” die Kontrolle über den Komplex während einiger Monate an eine andere kriminelle Organisation, das “Terceiro Comando” (Drittes Kommando). Danach gelang dem “Roten Kommando” die Rückeroberung des grössten Teils der Region. Ein Teil allerdings – der “Morro de Adeus” (Berg des Abschieds) verblieb unter der Kontrolle des Dritten Kommandos. Erst im Mai 2007 fiel er zurück an das Rote Kommando.

In diesen Favelas finden grosse Feste und Bälle statt – finanziert von der Drogen-Mafia – die sich CHATUBA, ROTA, RUA 8 und RUA E nennen – ausserdem der “Ball des Gesamtkomplexes“. Auf diesen Festen dominieren Funk, Rap, Drogenkonsum und Sex – inklusive die Verführung Minderjähriger. Ein Reporter mit Namen Tim Lopes wollte darüber eine Reportage machen – und wurde von einer Gruppe des Drogenchefs Elias Maluco gefangen genommen. Seine brutale Exekution begründeten die Banditen mit einer im “Globo“ erschienen Reportage (August 2001) aus seiner Kamera und Feder: “Feirão das Drogas“ (Offener Drogenmarkt) – die Bilder hatte Lopes mit einer versteckten Kamera gemacht, sie zeigten den offenen Verkauf von harten Drogen innerhalb der Favelas. Die Reportage wurde mit dem “Esso-Preis für Journalismus“ ausgezeichnet.

Die Reaktion der Polizeibehörde auf den Tod des Reporters mobilisierte 1.350 Männer. Die Polizisten setzten auch Panzerwagen und Traktoren ein. Im Complexo do Alemão wurden 30 Kilo Kokain und, unter anderen Waffen, sogar Luftabwehrraketen konfisziert! Die Zeitung O DIA schreibt am Mittwoch, den 27 Juni 2007: “Bewohner des Complexo do Alemão transportieren den Körper von einem der 19 Toten der Polizeioperation eingewickelt in ein Betttuch – an der Operation beteiligt waren die PM (Militär-Polizei), die zivile Polizei und die Nationalgarde. Der Komplex, bestehend au 12 Favelas in der Nordzone von Rio de Janeiro, wird als einer der grössten “Bunker“ des Comando Vermelho eingeschätzt. Indem die Regierung dazu übergegangen ist, jener Region mit einer Entschlossenheit gegenüber zu treten, wie jemand, der einen Krieg gewinnen will, hat sie endlich eine parallele Machtstellung erreicht! Dies war die grösste polizeiliche Operation gegen den Drogenhandel, und zum ersten Mal mussten sich die Banditen vor der Übermacht zurückziehen! Der Preis allerdings waren Angst und Schmerz der Bevölkerung, die immer noch um ihre Sicherheit fürchtet.

Die Regierungstruppen positionierten sich gegen 9:30 Uhr am Mittwoch, den 27., in der Avenida Itararé und begannen dann in die Rua Joaquim de Queiroz einzudringen – die Zugangsstrasse zum Complexo do Alemão in Rios Nordzone. Der “Guerra do Alemão“ (Krieg des Deutschen) dauerte bereits 57 Tage, und die Bewohner, bereits an tägliche Schiessereien gewöhnt, ahnten noch nicht, dass die Schlacht, welche sich an diesem denkwürdigen Tag anbahnte, sich zur grössten Operation aller Zeiten ausweiten sollte, die je in diesem Land gegen den organisierten Drogenhandel unternommen wurde. Die schmale Rua Joaquim de Queiroz, mit ihrem vom regionalen Kommerz vereinnahmten Trottoirs, war im Nu besetzt von Hundertschaften der Polizei. Auch an anderen Eingängen zum Favela-Komplex zeigten sich Regierungstruppen. Innerhalb einer halben Stunde schlossen 1.350 Polizeiagenten den Kreis und stiessen ins Innere des Komplexes vor. Sie wurden mit einem Kugelhagel empfangen, und diese Offensive dauerte sieben Stunden – Ergebnis: 19 Tote und 13 Verletzte. Die Polizei konfiszierte 30 Kilo Kokain, 113 Kilo Marihuana und ein wahres Arsenal an Waffen, darunter Flugabwehrraketen, Dynamit und zweitausend Patronen diverser Kaliber. “Wir haben eine intelligente Arbeit verrichtet – nachdem wir herausgefunden hatten, wo sich das Material befand, waren wir verpflichtet zu handeln“, bemerkt der Sekretär der öffentlichen Sicherheit von Rio de Janeiro, José Mariano Beltrame. Wie immer in solchen Fällen, balanciert das einfache Volk zwischen den Aktivitäten der Polizei und denen der Drogenhändler und leidet unter den Konsequenzen. Die Hausfrau Rosa Gomes zum Beispiel, die inmitten der Schiesserei ihr winziges Häuschen bewohnt, scheint hinsichtlich jener kriegerischen Routine resigniert zu haben: “Wird alles wieder von neuem anfangen“, meint sie trocken.

CHAOS UND SCHREIE
Die sieben Stunden dauernde Schlacht beeinträchtigten den Alltag der Kommune ganz gewaltig. Es gibt Hinweise darauf, dass auch Unschuldige getötet wurden.
Die Regierung war vor allem daran interessiert, mit dem bisherigen Eindruck von Schwäche gegenüber der Frechheiten der Drogenmafia Schluss zu machen, als ihre Beamten den Complexo do Alemão mit der Entschlossenheit eines Heeres stürmten, das ein feindliches Territorium besetzt. Und es gelang: Als die Staatsbeamten die äussersten Winkel der Favela schliesslich erreicht hatten, bliesen die Banditen zum Rückzug – zum ersten Mal! Jetzt war die pallele Macht der Gegenseite endlich erreicht.

Die polizeilichen Operationen in diesem Gebiet waren zwei Monate zuvor eingeleitet worden – als Reaktion auf die Exekution zweier Militärpolizisten. Sämtliche Versuche, die Ordnung in dem vom Drogenhandel besetzten Gebiet wieder herzustellen, scheiterten an einem Kugelhagel, mit dem die Polizei jedesmal empfangen wurde – dabei wagten sich die Banditen sogar die Beamten zu verspotten. Aber der Polizei gelang während dieser Periode, sich ein sehr genaues Bild von der Gesamtsituation zu machen, welches schliesslich jene Mega-Operation ermöglichte. Und diesmal stimmten auch die sonst hinsichtlich der Anwendung von Gewalt eher zurückhaltenden Stellen dieser Polizeiaktion zu allerdings mit bestimmten Auflagen. “Der Staat ist demoralisiert worden und musste sich endlich Respekt verschaffen. Jedoch hätte er sich ein bisschen mehr um die Begrenzung von Toten bei dieser Schacht kümmern sollen”, meint die Politik-Wissenschaftlerin Ilona Szabo, Spezialistin n bewaffneten Konflikten, die das Programm für humane Sicherheit der GNO “Viva Rio” leitet. Der Kriegszustand ist so unbestreitbar, dass “Viva Rio” schon dazu übergegangen ist, typische Notsituationen internationaler Konflikte zu trainieren: “Wir brauchen Feldhospitäler, ein Kollektiv zum Abtransport des anfallenden Mülls. Die Bevölkerung ist vollkommen sich selbst überlassen. In Kürze werden wir Flüchtlinge in Massen aufnehmen müssen.”

STADT-KRIEG
Mitten im Chaos, während der Schiesserei, versuchten die Menschen sich durch die Gegend zu bewegen. Währenddessen türmten sich die Leichen in den Gassen.

Um einmal eine Idee von dem tatsächlichen Ausmass zu bekommen, welches die Herrschaft der Banditen im Complexo do Alemão erreicht hat: Seit etwa drei Jahren, so berichtet der Inspektor Allan Turnowski, Chef der Spezialtruppe unserer Polizei, konnte man nicht mehr in die höheren Regionen der Favela vordringen – ein Gelände, das als “Areal, Chuveirinho und Matinha” bekannt ist. Die Bewohner des Komplexes (97.000 nach Aufstellung des IBGE – 200.000 nach Aufstellung eines lokalen Vereins) zweifeln daran, dass die Gegend nach der polizeilichen Rückeroberung auch in der öffentlichen Hand verbleibt. “Wir werden die Polizeikontrollen aufrecht erhalten! Es ist einfach ein unmöglicher Gedanke, dass ein Bürger unserer Stadt sich irgendwo nicht frei bewegen darf, sondern von der Erlaubnis der Drogenhändler abhängt”, sagt der Sekretär Beltrame. Er spricht auch davon, den Bürgern ein soziales Engagement zu vermitteln, sowie die Favela von der Herrschaft der Gangster befreit ist – und dann eine preventve Polizeikontrolle einzurichten, welche die Kommune wieder den Vertretern des Gesetzes näherbringen soll.

BLUTIGE ROUTINE
Die täglichen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Drogenhändlern begannen am 2. Mai. Bis heute sind dabei 40 Menschen ums Leben gekommen.

Der Drogenhandel im Complexo do Alemão steht unter der Order von Marcinho VP, einem der grossen Chefs des “Comando Vermelho”, der im Gefängnis “Bangu I” einsitzt. In derselben Region agierten bereits andere Banditen, die durch ihre Verbrechen in den 90er Jahren eine traurige Berühmtheit erlangten, wie zum Beispiel Orlando Jaodor oder UÊ. Während der 80er Jahre begannen die Drogenhändler den Komplex on 12 Favelas zu übernehmen, und die daran angrenzenden Stadtteile, wie Bonsucesso, Penha und Ramos (bis dato als “angenehm zu wohnen” bekannt) wurden jetzt zu “riskanten Gegenden”, welche von Autofahrern und Fussgängern gemieden werden – besonders bei Nacht. Durch seine ungeheure Ausdehnung ist der Komplex praktisch uneinnehmbar – hier hat sich eine der grössten und mächtigsten Zweigstellen des “Comando Vermelho” aus São Paulo niedergelassen. Der Sicherheits-Sekretär gab bekannt, dass die Polizei sich auf weitere Aktionen dieser Art in anderen Stadtteilen vorbereite. Und die dürften dort ablaufen, wo Untersuchungen auf die Existenz der grössten Waffenlager des Drogenhandels hinweisen, wie in der “Rocinha” und in der “Mangueira”

MANGUEIRAnach oben

Mangueira ist eine Favela von Rio de Janeiro, der im Norden der City gelegen ist. Man kann ihn mit dem Zug der “Supervia” erreichen – er hat eine Station mit demselben Namen. Die grosse Attraktion dort ist der “Palácio do Samba” (Samba-Palast), wo sich an Tagen der Karnevalsproben die Menschen aus allen Stadtteilen einfinden – auch für Touristen stehen dann die Türen offen, allerdings gegen Eintrittskarten.

Demografische Daten
Territoriale Fläche (2011): +/– 83 ha
Gesamtbevölkerung (2011): +/– 22.500
Gesamt der Wohnungen (2011): +/– 4.050

GESCHICHTE
Die Favela entwickelte sich aus ein paar Baracken auf einem Grundstück des Grafen von Niterói. Seit dem 11. Mai 1852, als man im Umkreis von “Quinta da Boa Vista” das erste telegrafische System Brasiliens einweihte, war der Hügel in der Nachbarschaft der “Quinta” unter dem Namen “Telegrafen-Berg” bekannt geworden. Wenig später installierte man in der Nähe eine Fabrik, welche den Namen “Fábrica fernando Fraga” trug und Hüte produzierte – kurze Zeit später war sie bekannt als “Fábrica das Mangueiras” – denn die Region brachte vor allem Mangofrüchte hervor. Und es dauerte nicht lange, da benannten die Besitzer ihre Fabrik um in “Fábrica de chapéus Mangueira” (Hutfabrik Mangueira). Dieser neue Name bekam soviel Gewicht, dass die staatliche Eisenbahn “Central do Brasil” ihre Station, die 1889 eingeweiht wurde, ebenfalls “Mangueira” nannte. Den Hügel, welcher sich hinter dem Schienenstrang erhob, begann man nun ebenfalls mit “Mangueira” zu bezeichnen – während sein alter Name “Telégrafos” nur zur Identifikation eines bestimmten Teils des Hügels verblieb. Gegenwärtig sind “Telégrafos, Pindura Saia (Häng den Rock auf), Santo Antônio, Chalé (Hütte), Faria, Buraco quente (Heisses Loch), Curva da Cobra (Schlangenkurve), Candelária und andere, kleinere Bevölkerungs-Zentren, die zusammen den “Morro da Mangueira” (Hügel des Mangobaums) bilden.

Der Graf von Niterói, der den Hügel vom Kaiser Dom Pedro II. geschenkt bekam, war bereits gestorben, als die ersten Besetzer dort ihre Baracken konstruierten – andere, noch cleverer, bauten dort Wohnungen, die sie vermieteten, wie zum Beispiel der Fall des Portugiesen Tomás Martins, Pate des zukünftigen Komponisten und Poeten Carlos Cachaça, der im Alter von acht Jahren auf demselben Hügel wohnte und seinen Patenonkel als den wahren Gründer des Morro da Mangueira bezeichnet, weil er der Erste war, der ihn als idealen Ort zum Wohnen promovierte. Als er zehn Jahre alt war, unterzeichnete der junge Carlos Cachaça die Miet-Quittungen für seinen Patenonkel, denn der war Analphabet!

1908 entschied die Präfektur von Rio de Janeiro, den Stadtteil “Quinta da Boa Vista” zu reformieren und liess Hütten und Häuschen, die Soldaten des 9-ten Kavallerie-Regiments dort für ihre Familien konstruiert hatten, abreissen. Und weil ihnen offiziell erlaubt worden war, die Reste dieser Demolierung abzutransportieren, wohin es ihnen auch immer gefallen sollte, suchten sich die Soldaten den “Morro de Mangueira” aus, um sich dort neu zu installieren. Ein anderes Ereignis, welches die Zahl der Bewohner jenes Hügels gewaltig nach oben trieb, war der grosse Brand von 1916, dem unzählige Behausungen auf dem “Morro Santo Antônio”, im Zentrum der Stadt, zum Opfer fielen. So bildete sich in Mangueira eine Kommune von armen Menschen, die sich fast ausschliesslich aus Schwarzen, Kindern und Enkeln von Sklaven, zusammensetzte, und die sich allesamt mit kulturellen und religiösen Manifesten identifizierten, welche jene gesellschaftliche und ethnische Gruppe charakterisieren.

Zwischen Weihnachten und dem Tag der Drei Könige (6. Januar) zogen Folkloregruppen singend über den Hügel und verbreiteten ihre rituellen Botschaften. Die Katholiken bauten der “Nossa Senhora da Glòria” zu Ehren eine Kapelle – sie wurde die Schutzheilige des Hügels. Auch “Candomblé” und ”Umbanda” hatten viele Adepten – ihnen dienten verschiedene Hütten als Kultstätten – die bedeutendste unter ihnen war das “Terreiro von Tia Fé” (Benedita de Oliveira), einer Frau aus Minas Gerais (so erzählte Carlos Cachaça) oder einer Bahianerin (so erzählte Sinhozinho, der Präsident der Samba-Schule “Estação Primeira da Mangueira” in den 70er Jahren) – die jeden Tag in ihrer bahianischen Tracht umherging, und in deren Haus auch die grossen Feste der Mangueira stattfanden. 1935 versuchten Nachkommen des Grafen von Niteroi die Bewohner des Hügels zu vertreiben, aber denen wurde Hilfe zuteil von Seiten des damaligen Präfekten Pedro Ernesto. Ein weiterer Versuch im Jahr 1964, durch einen Portugiesen mit dem Familiennamen Pinheiro – der angab, den Hügel von der Familie Saião Lobato gekauft zu haben – wurde von einem Dekret des Governeurs Carlos Lacerda gebremst, der den gesamte Morro da Mangueira enteignete.

1910 gründet die Tia Fé den karnevalistischen Verein “Pérolas do Egito” (Perlen aus Ägypten). Weitere “Blocos”, “Ranchos” und “Cordões”, kamen später noch dazu – wie zum Beispiel “Guerreiros da Montanha, Trunfos da Mangueira und Príncipe das Matas”. 1926 war die Mangueira bereits ein Bollwerk von “Sambistas”, die sich 1929 auf dem Wettbewerb im Haus von Zé Espinguela präsentierten – mit ihrem damaligen Block “Estação Primeira”. Von da an mischt sich ihre Geschichte mit jener des Karnevals!

Die Samba-Schule, deren Name bis zum heutigen Tag Bestand hat, wurde einst von grossen “Sambistas” (Samba-Persönlichkeiten) gegründet und getragen, wie zum Beispiel Cartola, Carlos Cachaça, Zé Espinguela und Saturnino Gonçalves, unter anderen – sie alle kamen vom “Bloco dos Arengueiros” und entschlossen sich 1928, diesen Namen zugunsten des neuen “Estação Primeira da Mangueira” fallen zu lassen, der dann später auch als Name für die gegenwärtige Samba-Schule übernommen wurde.

In den dreissiger Jahren existierte ausserdem eine Schule, die sich “Unidos da Mangueira” (Vereinigung Mangueira) nannte – aber die überdauerte nur wenige Jahre. Mit dem Wachsen der Samba-Welt brachte die Mangueira Verbesserungen des Lebensstandards und ein gewisses Prestige in ihre Kommune – sie bekam behördliche Unterstützung, sowie auch von Seiten gewisser Unternehmen, um ihren Mitgliedern Kurse und sportliche Optionen zu vermitteln. Die Identität des Hügels und der Schule mischten sich im Lauf der Zeit, und heute haben die Betreiber der Eisenbahnlinie “Supervia” sogar die Fahne des Vereins in Grün und Rosa auf die Wände der “Station Mangueira” gepinselt!

MANGUINHOSnach oben

Dies ist ein Stadtteil von Rio de Janeiro, der sich am Rand der Avenida Brasil entlangzieht. In ihm befindet sich auch der Sitz der Stiftung Oswaldo Cruz (FIOCRUZ), einer Institution von internationalem Ruf auf dem Gebiet der Mikrobiologie, der Parasitologie und der allgemeinen Volksgesundheit, die früher mal “Instituto Manguinhos” hiess. Das Gebäude, in dem sich das Institut befindet – ein bemerkenswertes Schlösschen und rostroter Farbe – ist bis zum heutigen Tag Identifikations-Mittelpunkt des Stadtteils geblieben.

Manguinhos ist zwischen der Avenida Brasil, der Avenida dos Democráticos und der Rua Leopoldo Bulhões gelegen. Obwohl nur jener Teil in Eisenbahnnähe vom Volksmund tatsächlich als “Manguinhos” bezeichnet wird, und die anderen Quadranten eigene Namen haben wie “Coréia”, “Mandela” oder “Amorim” – die heute alle von wachsenden Favelas beherrscht werden – ist doch der gesamte Distrikt offiziell als “Manguinhos” registriert. Seit 1980 leidet die Region unter wirtschaftlichem Rückgang, denn die wenigen Industrien der Gegend mussten schliessen oder haben ihre Aktivitäten woanders hin verlegt – wie zum Beispiel die “Cooperativa Central dos Produtores de Leite CCPL” (Zentrale Kooperative der Milch-Produzenten) – ihre Einrichtungen haben sich heutzutage in ein riesiges Domizil von Hausbesetzern verwandelt, die neben der “Gilette do Brasil” und einer Militärkaserne des brasilianischen Heeres, das Gelände als ihre Heimstatt verteidigen. Die “Refinaria Manguinhos” (Raffinerie Manguinhos) ist letztlich noch die einzige bemerkenswerte Industrie der Region.

Das gesamte Gebiet ist praktisch von Favelas besetzt und war schon Schaubühne unzähliger bewaffneter Zusammenstösse zwischen Polizei und Drogenhändlern oder zwischen rivalisierenden Drogenbanden. Die Avenida Leopoldo Bulhões, eine der ersten Strassen des Stadtteils, die parallel zur Eisenbahn verläuft, ist bekannt und verrufen unter dem Namen “Faixa de Gaza” (Gaza-Streifen) in Anlehnung an jene Konfliktgrenze im Vorderen Orient.

Die Region besitzt zahlreiche Schulen und Hochschulen, unter denen sich die folgenden wegen ihrer historischen Bedeutung besonders abzeichnen: “Colégio Estadual Professor Clóvis Monteiro” (eine der besten Hochschulen von Rio unter staatlicher Führung), die “Escola Municipal Estado de Guanabara (gebaut zu Ehren des alten Bundesstaates Guanabara und von Rio de Janeiro annektiert am 15. März 1975), Die “Escola Ema Negrão de Lima (zu Ehren des Governeurs mit diesem Namen), unter anderen, wie zum Beispiel die Regional-Schulen Oswaldo Cruz, Albino Souza Cruz, D. João VI, Orozimbo Nonato, neben privaten Lehranstalten, die innerhalb eines Kreises von weniger als 3 Kilometern zusammen den so genannten “Polo-Estudantil” (Studenten-Pol) bilden.

Manguinhos hat ausserdem eine Samba-Schule, einen populären Markt, verschiedene Kirchen (unter denen eine besonders auffällt, weil sie unter Denkmalschutz steht und sich innerhalb einer Favela befindet), RPG-Gruppen (Rolling Play Game), reichhaltige Einkaufsmöglichkeiten, eine Einheit des DETRAN (brasilianischer TÜV), und viele andere öffentliche Einrichtungen.

COMPLEXO DA MARÉnach oben

Der so genannte Komplex befindet sich im Stadtteil “Bonsucesso”, in der Nordzone von Rio de Janeiro. Mit zirka 130.000 Einwohnern (2006) ist er die grösste Favela-Gruppierung von Rio – Konsequenz des niedrigen Indikators für menschliche Entwicklung, der für jene Region charakteristisch ist.

MORRO DO DENDE – Ilha do Governadornach oben

Ebenfalls in der Nordzone von Rio, auf der “Ilha do Governador” (Governeurs-Insel), und zwar in ihrem zentralen Teil, liegt der “Morro do Dendê” – ein Hügel, der aufgeteilt ist in die Stadtteile “Jardim Carioca”, “Cocotá” und “Guarabu”. Der “Dendê” liegt ausserdem in der unmittelbaren Nachbarschaft von “Cacuia”, “Moneró” und “Tauá”.

Unter den Lokalitäten innerhalb des “Dendê” sind zu erwähnen: Boavista, Tribo, Lixeirinha, Igrejinha, Campinho, Riacho, Pracinha, Baviera und Zezinho.

Bevölkerung
Heutzutage wird der “Morro do Dendê” als drittgrösste Favela von Rio de Janeiro bezeichnet. Man schätzt, dass in dieser Kommune zirka 80.000 Personen leben.

SAMBA-SCHULE
“O.R.E.S. Acadêmicos do Dendê” ist eine typisch “cariocanische” Samba-Schule, die aus dem antiken Block “Unidos do Dendê” hervorgegangen ist (1965) – nach dem Untergang des Blocks “Unidos da Cova da Onça”. Persönlichkeiten wie Alcides, Moacir, Filinho, Tino, Benizário, Fizinho, China und Aurélio trafen sich damals in der Residenz von Senhor Alcides, die sich auf dem Morro do Dendê befand – hier schufen sie die neue Kommission des Karnevals. Ihr Block war viele Jahre lang Champion bei Wettbewerben innerhalb der Ilha do Governador und trug zur Neubildung von zwei weiteren Karnevals-Blocks bei: den “Canarinhos” und der “Falange”.

1990 gab der Zusammenschluss dieser beiden Gruppen dem Karneval der Kommune neue Impulse. 1991 wurde der Block dann Champion. Im nächsten Jahr erreichte der Block dann den Titel “G.R.E.S. Acadêmicos do Dendê” – und wählte als seine offiziellen Farben Blau und Weiss, die heute den Pavillon schmücken.

Als Champions in der Gruppe B (1995) mussten die Acadêmicos do Dendê 1996 erneut in derselben Gruppe marschieren – weil inzwischen die LIESGA aufgelöst worden war. Wegen interner Streitigkeiten präsentierten sie sich im Folgejahr überhaupt nicht – waren aber im Jahr 2000 wieder auf der “Avenida” zur Fünfhundert-Jahrfeier” der Entdeckung Brasiliens.

Im Jahr 2007 marschierten die Acadêmicos do Dendê in der Gruppe C und waren mit einem Zweiten Platz dicht dran, in die Gruppe B zurückzukehren. Jedoch im nächsten Jahr 2008 erreichten sie nur den sechsten Platz.

FUNK
Der Funk-Rhythmus ist allgegenwärtig auf dem Morro do Dendê – der mit einem Funk seiner Kommune im ganzen Land berühmt wurde. Kürzlich gelang es seinen Mitgliedern, dass ihr “Rap das Armas” (Rap der Waffen) – ein Hit aus dem Film “Tropa da Elite” (Elite-Truppe) weltweit für Anerkennung sorgte. Unter einigen Musik-Gruppierungen, die aus der Kommune hervorgegangen sind, haben “Nélio und Espiga” und “Luiz Cláudiio und Cacau” sowie die Gruppe “Atrevida” Erfolg gehabt.

ROCINHAnach oben

Offiziell ist die bekannteste Favela von Rio de Janeiro, “Rocinha”, nach einer Aufstellung der Präfektur mit um die 72.000 Einwohnern registriert (2011) – aber einige andere Quellen versichern, dass es wesentlich mehr sind – und, dass die Rocinha gar die grösste Favela Brasiliens überhaupt sei.

In der Absicht, ihr unkontrolliertes Wachstum in den Griff zu bekommen, implantierte die Stadtverwaltung 2001 ein urbanistisches Projekt, genannt “Eco-limites” (Öko-Grenzen), welches die Zone abgrenzte, innerhalb derer man von Stahlseilen zusammengehaltene Eisenträger zum Hausbau verwenden durfte.

Gegenwärtig wächst die Rocinha wieder gewaltig durch eine starke Welle von Emigranten aus anderen Bundesstaaten – traditionell aus den nordöstlichen und den nördlichen Landesteilen Brasiliens, und besonders aus deren Inland – ein Beispiel dafür ist der Bundesstaat Ceará.

Die Favela Rocinha kann sich mit einem riesigen kommerziellen Netz selbst versorgen – sie hat Fast-Food Läden, Lan-Houses, Banken und Unternehmen, die auch Touristen durch die Favela führen.

Die Favela, mit einem aktuellen Status als “Stadtteil”, befindet sich zwischen den Stadtteilen “Gávea” und “São Conrado”, in der Nähe des Shopping-Centers gleichen Namens – zwei von Rios High-Society-Stadtteilen mit dem höchsten IPTU (Besteuerung des Immobilienvermögens). Die unmittelbare Nähe zwischen den Residenzen der Upper-Class von Rio und der Favela Rocinha schafft einen frappierenden Kontrast in der urbanen Landschaft.

Hervorzuheben ist der “Largo do Boiadeiro”, ein Platz am Eingang zur Favela, auf dessen offenem Markt man Sonntags alle möglichen Produkte aus Nordostbrasilien kaufen kann – oder die erfolgreiche Aktion der Volksbank, die Geld von GNOs in niedrigen Summen (bis zu 1.000 Reais) an kleine Geschäftsleute und Bauchladenhändler verleiht, zu einem unglaublich niedrigen Zinssatz.

Die Kommune hat auch vier Omnibuslinien, verschiedene VAN-Kooperativen, Moto-Taxi-Service, einen Erste-Hilfe-Posten, eine Poststelle, zwei Bankfilialen, Internet-Service, TV-Kabelanschluss, Funkstationen, eine Show-Bühne, drei öffentliche Schulen und verschiedene Kindergärten.

KURZER HISTORISCHER HINTERGRUND
Die Rocinha-Kommune blickt auf etwa 80 Jahre der Veränderungen, Kämpfe und Eroberungen zurück. Sie entstand aus einer riesigen Kaffe-Fazenda gegen Ende der 20er Jahre – anfangs bewohnt von portugiesischen und spanischen Einwanderern. Die hielten sich mit dem Anbau von Feldprodukten über Wasser – “alimentos oriundos da nossa rocinha” (Nahrungsmittel, die von unseren Feldern stammen) – welche sie jenen Personen anboten, die sich auf der Estrada da Gâvea hin und her bewegten (Rocinha – das Feldchen – Verniedlichung von Roça – daher stammt der Name der heutigen Favela).

Die Flächen wurden in grosse Grundstücke für die landwirtschaftliche Nutzung aufgeteilt, ihr grösster Teil gehörte den Unternehmen “Cia. portuguesa Cássio Guidon”, der Teil Barcelos der Cia. Cristo Redentor und der Teil Laboriaux gehörte einer französischen Kompanie. Zu jener Zeit installierte man auch ein paar Sanitäter des Gesundheitsamts in diesm Gebiet, die einer Moskitoplage den Garaus machen sollten, welche Gelbfieber im benachbarten Stadtteil Barra da Tijuca verbreitete.

1938 wurde die Estrada da Gàvea endlich asphaltiert, und dadurch der Prozess der Landbesetzung durch Leute, die glaubten, dass dies öffentliches Eigentum sei, voran getrieben. Ab der 50er Jahre nahm die Einwanderung von “Nordestinos” (Menschen aus dem Nordosten Brasiliens) in Rio zu – und die wendeten sich meistens zur “Rocinha” – 1960 und 1970 geschah eine weitere signifikante Expansion, denn ein Projekt zur Konstruktion der Tunnel “Rebouças” und “Dois Irmãos” für eine verbesserte Integration der Stadt, bot der Bevölkerung neue Arbeitsplätze. Während der 50er und 60er Jahre entwickelten sich deshalb grosse Veränderungen in der Architektur, dem Lebensstil und dem gesellschaftlichen Verhalten jener Bevölkerung, die grösstenteils aus Brasiliens Nordosten stammte.

Der Rückzug der Regierung aus dieser Gesellschaft, die fehlende Infrastruktur, das heisst, Konstruktionen von Baracken aus Pappe, die Abholzung des Waldes, das unkontrollierte Wachstum, die Verteilung von Wasser mittels zementierter Rinnen unter anderen Problemen, führte zu grosser Enttäuschung, zu Entschädigungsforderungen und von Tausenden Unterschriften gezeichneten Protesten. Die Bevölkerung organisierte sich, und viele Kämpfe und Protestmärsche prägten die Geschichte dieser Kommune.

Dann geschah 1970 das Wunder: die Kommune hatte die ersten Erfolge zu verzeichnen – Ergebnis ihrer unablässigen Forderungen gegenüber der öffentlichen Hand – es wurden die ersten Kindergärten, Schulen, eine regionale Zeitung, eine Fussgängerbrücke über die verkehrsreiche Avenida vor der Favela, eine Kanalisation der Abwässer, eine Postfiliale und eine regionale Administration eingerichtet. Und 1982 kam endlich auch ein Erste-Hilfe-Posten dazu, nachdem die Bewohner diesbezügliche Forderungen immer wieder gestellt, und ein lokaler Priester diese unterstützt hatte – ein Weihnachtsgeschenk für die Kommune.

NOCH EIN PAAR DETAILS
Interessant zu erwähnen ist, dass die erste Beleuchtung keine elektrische war. Das Volk erzählt, dass ein Herr die Rocinha durchquerte, um die Lampen der kleinen Behausungen anzuzünden. Später hat man dann Kabinen eingerichtet, von denen aus die jeweiligen Familien im Umkreis mit Brennstoff versorgt wurden. Und noch später begann die Katholische Kirche, zusammen mit einer Abordnung von Favela-Gesandten, die Elektrizitätsgesellschaft “Light” zu bedrängen, elektrische Energie in die Kommune zu verlegen – und sie erreichten ihr Ziel. Trotz aller öffentlichen Einrichtungen, welche man im Lauf der Zeit durchgesetzt hatte, fehlte es der Rocinha noch immer an genügend gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, um damit ihre gesamte Bevölkerung zu erreichen. Aber die wenigen, die man hatte, zeitigten bedeutende Ergebnisse!

Die Rocinha präsentiert einige Eigenheiten – zum Beispiel findet man in ihrem Stadtteil Barcelos eine Vielzahl unterschiedlicher Geschäfte und Dienstleistungen – vor allem eine grosse Zahl von Wohnungen bester Qualität! Dagegen in anderen Arealen, wie zum Beispiel der “Vila Macega”, entdeckt man Holzhäuschen in riskanter Situation und ohne Infrastruktur – hier leben diverse Familien in extremer Armut.

Nach einer Statistik der Elektrizitätskompanie von Rio de Janeiro beträgt die Gesamtbevölkerung der Rocinha 120.000 Bewohner – nach der letzten offiziellen Zählung der Stadt 72.000 – und nach Angaben der Bewohner selbst bewegt sie sich um die 150.000.

Die Kommune hat letzlich einen grossen Fortschritt gemacht, indem sie von der Landesregierung ein Projekt mit dem Titel “Rocinha mais legal” (Rocinha innerhalb des Gesetzes) zugeordnet bekam, das sämtliche Immobilien und Grundstücke legalisiert. Durch die NGO Bento Rubião wird sie ausserdem in ein weiteres Projekt zur Eingliederung in die Stadt eingebunden, welches den Bewohnern in vielerlei Weise ihren neuen Stadtteil verbessert.

VIDIGALnach oben

Ein Stadtteil, welcher zwischen denen von Gávea und São Conrado liegt – er bekam seinen Namen nach dem Ex-Kommandanten der Militärpolizei des Bundesstaates Rio de Janeiro im 19. Jahrhundert, General Miguel Nunes Vidigal.

Vidigal ist ein Rückzugsgebiet verschiedener Tiere und Pflanzen des originalen Atlantischen Regenwaldes, die von der IBAMA (staatl. Naturschutzbehörde) geschützt werden.

Von vielen wird Vidigal als ein Postkartenmotiv der Stadt Rio de Janeiro betrachtet – ein idealer Ort zum Fischen und besonders berühmt wegen seiner einmaligen Sicht aufs Meer. Einige Quellen behaupten, dass die Meeressicht vom Vidigal die allerschönste der ganzen Stadt ist – besonders, wenn man sie von dem Strand aus geniest, der zu diesem Stadtteil gehört. Gegenwärtig ist er von Favelas besetzt und von den Drogenhändlern in Anspruch genommen.