Exotische Suppe

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Vorwort des Übersetzers: Neben den zahllosen Korruptionsaffären, Flugzeugkatastrophen und Gewaltverbrechen, bekommt auch Brasiliens Gesundheitswesen zunehmend die Inkompetenz derer zu spüren, die sich als professionelle Lenker der Geschicke unseres Landes und seines geduldigen Volkes um den Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva geschart haben: Staatsminister und ihr administrativer Klüngel, die zwar die höchsten Diäten der Welt beziehen, sich aber schon seit Monaten untereinander bekriegen, und sich gegenseitig der Korruption und noch Schlimmerem bezichtigen.

Diese schmutzige Wäsche wird inzwischen via TV auch in der Öffentlichkeit gewaschen. Das ist einerseits gut so, denn das Volk fängt so langsam an zu begreifen, was für einen unfähigen Präsidenten sie da mit “ihrem Lula“ gewählt haben, der aus der Arbeiterklasse aufgestiegen ist und alle diese blasierten “Herren“ um sich geschart hat (wenn ihn ein Journalist nach einem neuen Skandal befragt, dann hat er “davon nichts gewusst“) – andererseits wird man als leidendes Mitglied dieses betrogenen Volkes jedoch müde, sich jeden Abend wieder vom “Jornal Nacional“ bestätigen zu lassen, dass sich nichts ändern oder gar bessern wird.

Unter anderem haben die nationalen Medien, als neuestes Drama unseres Volkes, auch eine “Massenflucht“ der Ärzte aus dem Staatsdienst angeprangert – besonders krass in Pernambuco, wo Patienten in den Korridoren der Hospitäler starben, weil es plötzlich keine Ärzte mehr gab. Ich habe den folgenden Artikel ausgewählt, in dem ein Arzt in Recife (Bundesstaat Pernambuco) einmal aus seiner Sicht der Zustände berichtet:

“Der Teufel hat sich inzwischen schon so globalisiert, dass er sich im Francise-Geschäft betätigt. Und da hat er sich entschlossen, eine Filiale der Hölle bei uns in Recife zu gründen – genauer in der Avenida Agamenon Magalhães (ohne Hausnummer) im Stadtteil Derby. Auf die Fassade haben sie den Namen “Hospital da Restauração“(Hospital der Restaurierung) gepinselt – aber lassen Sie sich nicht täuschen – dies dient nur der Maskierung, um die wahren Absichten Luzifers zu verschleiern.

Ich bin Arzt, 28 Jahre alt, hab ein Studium der Medizin absolviert, wohne in Recife und bin der Stolz der Familie – ich gehe ganz auf in meinem Beruf. Studiere, um mich fortzubilden, mich zu aktualisieren, plane meinen Professor zu machen, eine eigene Familie zu gründen, meine Kinder zu ernähren und zu erziehen, glücklich zu sein. So wie alle Brasilianer strebe ich nach meinem Platz an der Sonne. Ich liebe das, was ich tue – ich kann nichts anderes – aber ich bin fast vor Schreck gestorben, als ich heute entdeckte, dass ich in einem Franchising-Betrieb der Hölle arbeite.

Ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich an Depressionen leide, wie viele meiner anderen Kollegen, die ihre heimlichen Depressionen nicht zugeben. Ich komme morgens ins Hospital, und mein Blick erfasst in bangen Sekunden die Menge der Leidenden – Menschen sterben direkt vor Deinen Füssen, andere haben sich in ihre Agonie zurückgezogen und da stehe ich – und kann rein gar nichts tun. Manchmal fehlt das Mindeste des Mindesten – nicht einmal Gaze und Mundschutz sind vorhanden!

Meine Kollegen lassen ihre Tuberkulose behandeln – eine neue Epidemie unter den Ärzten. Ärzte werden auch krank – haben Sie das gewusst?

Meine Kollegen vom UTI (Intensivstation) haben die teuflische Aufgabe, zu entscheiden, wer von den eingelieferten Patienten sterben wird und wer leben darf, denn wir haben eine Liste von wenigstens 30 Intensiv-Patienten – aber es gibt keine Plätze mehr im UTI. Wie macht man das, unter 30 schwerkranken Fällen einen herauszusuchen, der in den UTI darf – und dadurch vielleicht gerettet wird – und 29 andere lässt man sterben?

Wir haben alle unsere Albträume – wir sind schlecht gelaunt, haben Schwierigkeiten mit Beziehungen zu anderen Menschen. Wir leben ausschliesslich im Stress schlimmster Art – wir schlafen schlecht, verdienen schlecht, riskieren unsere eigene Gesundheit jeden Tag. Warum? Für was? Ganz bestimmt tun wir das nicht wegen dem kümmerlichen Lohn, den uns die Regierung bezahlt.

Gestern habe ich eine Szene erlebt, die aus er Geschichte eines Fischers stammen könnte – man nennt solche Geschichten, glaube ich, “Anglerlatein“ oder “Seemannsgarn“ – aber ich hab’ die Szene fotografiert, habe Zeugen, kann sie also beweisen:

Um 22:00 Uhr des Tages 26. Juli 2007, begaben sich der Chirurg Dr. Martinho Medeiros (buco-maxilofacial) und seine Equipe zum Abendessen in der Kantine des Hospitals, wo ihnen eine Suppe serviert wurde. Als der Arzt einen ersten Löffel voll zum Mund führen wollte, sah er sich einem in der Brühe sich windenden Etwas gegenüber, das er als eine Insektenlarve – oder wie wir sagen: einen “Tapuru“ – eine Made, identifizierte. Entweder hatten sie einen neuen Küchenchef im Hospital eingestellt, der mit einer gewissen Schwäche für die indische Küche diese exotische Suppe kreiert hatte – oder, wir waren tatsächlich Zeugen eines unglaublichen Vorfalls: dass der Teufel sogar vor der Küche des Hospitals nicht halt machte – er hatte sie bereits in seiner Gewalt!

Jene Kündigungswelle der Massen von Ärzten in Pernambuco ist das Ergebnis einer chronischen Unzufriedenheit mit ihren Arbeitsbedingungen, mit dieser lächerlichen Entlohnung, mit diesem Witz, zu dem das staatliche Gesundheitswesen (SUS) geworden ist. Vor allem anderen, sind wir zuerst einmal Menschen, mit einer Würde – und ich habe das Gefühl, das wir jetzt auf der Suche nach unserer Selbstachtung sind.

Deshalb werde ich, an diesem Montag, zusammen mit verschiedenen Kollegen der Medizinischen Klinik des Hospitals “Getúlio Vargas“, meine Kündigung unterschreiben. Es ist besser, einen Job zu verlieren als die eigene Gesundheit, besser in Paraíba (Nachbarstaat) zu arbeiten und von hier wegzuziehen, als unter solchen Bedingungen zu bleiben. Ich liebe meine Heimat Pernambuco, aber ich trage mich sogar ernstlich mit dem Gedanken, auszuwandern, wie das mehrere meiner Kollegen bereits getan haben. Ich hoffe, das dieser Hölle eines Tages mal ihr Ende bereitet wird, und unsere Gesellschaft ihre Grundrechte wieder zurück bekommt: Gesundheit ist ein Recht aller – und eine Verpflichtung für den Staat“!
Ein Artikel von Dr. Tiago Acioli
Publiziert im “Diário de Pernambuco“ (Dienstag, den 31.07.2007)

Deutsche Übersetzung Klaus D. Günther für BrasilienPortal