Ein Brasilianer in Deutschland

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Eines habe ich während meines Aufenthaltes in Berlin gelernt: Ich werde erst wieder nach Deutschland zurückkommen, nachdem ich einen Kurs über Amazonien absolviert und mindestens eine grundlegende Biographie über die brasilianischen Indianer gelesen habe. Denn es kann hier ganz schön schwierig werden für Brasilianer wie mich, die gar nichts von Amazonien und den Indianern verstehen. Wenn sie von meiner Unwissenheit erfahren, sind einige Deutsche derart empört, dass sie sofort jedes weitere Gespräch mit mir einstellen.

ein brasilianer inAndere, und das scheint mir die Mehrheit zu sein, wollen mir meine Unwissenheit schlichtweg nicht abnehmen, hören gar nicht auf meine diesbezüglichen Argumente, sondern reden einfach weiter, sodass unsere Unterhaltung geradezu schizophrene Züge annimmt.

„Amazonien ist bestimmt faszinierend, nicht wahr?“
„Ja, ganz bestimmt – da bin ich ganz sicher.“
„Ich verstehe, was sie sagen wollen. Für einen wie sie, der direkt von dort kommt, ist es sicher schwer, so fasziniert davon zu sein, wie ein Ausländer. Wer von aussen kommt ist jedenfalls…“
„Ganz so ist es eigentlich nicht – ich habe Amazonien nämlich nie gesehen.“
„Du lieber Gott, was sagen sie denn da! Das ist ja schrecklich!“
„Ja also…ich…“

„Ich wusste gar nicht, dass die Zerstörung schon soweit fortgeschritten ist – wie furchtbar! Und sie haben Amazonien gar nicht gekannt? Als sie geboren wurden war das Gebiet schon zum grossen Teil zerstört, niedergebrannt, verwüstet! Finden sie nicht, dass dies ein schreckliches Verbrechen gegen die Natur, gegen unseren Planeten ist?“
„Natürlich. Aber das ist es gar nicht, denn ich…“
„Würden sie nicht auch sagen, dass man auf jeden Fall die Zerstörung von Amazonien aufhalten muss – mit allen Mitteln?“
„Aber sicher.“

„Ich habe auch keine andere Haltung von ihnen erwartet. Helga, komm doch mal her und hör dir an, was unser brasilianischer Freund mir über Amazonien erzählt – keiner kann uns besser als ein Brasilianer die Wahrheit über Amazonien sagen, und was er gerade erzählt hat, ist tatsächlich grauenhaft – noch viel schlimmer als wir gedacht haben! Stell dir nur mal vor, er ist in Brasilien aufgewachsen und hat Amazonien nie gesehen! Die Zerstörung war schon soweit fortgeschritten, dass er gar nichts mehr vorgefunden hat! Kommen sie, mein guter Freund, erzählen Sie der Helga mal, was sie mir gerade erzählt haben – das ist wirklich schrecklich. Helga, er hat gesagt…“

Bei Lesungen, Vorträgen und ähnlichen Anlässen ist es noch schlimmer, weil da ein kollektiver Druck entsteht. Kaum habe ich ausgeredet, erhebt sich ein Herr, gibt sich erstaunt und sagt vorwurfsvoll:

„Ich habe in einer Zeitung gelesen, dass sie noch nie einen Indianer gesehen haben. Stimmt das?“

Gemurmel im Publikum. Ich überlege, ob das weisse Ding in der Hand dieses Jungen mit der Punkfrisur wohl ein Ei sein könnte, dass er gleich in meine Richtung werfen wird, wenn ich die falsche Antwort gebe? Ob die Frau in der ersten Reihe wohl mit ihrem Regenschirm auf mich losgehen wird? Ob sich wohl die Studenten dahinten gerade anschicken, sich zu erheben, um in wilde Buh-Rufe auszubrechen? Bei einer drohenden internationalen Krise dieses Ausmasses sollte man einige Kreativität bereithalten.

„Natürlich nicht“ sage ich zuvorkommend. „Das ist eine Lüge der Zeitung – Zeitungen lügen wie gedruckt! Klar, ich sehe jeden Tag Indianer. Als ich noch klein war, kamen die Indianer immer aus dem Urwald von der anderen Strassenseite und sprangen über die Mauer in unseren Hof, um die Hühner mit Pfeilen zu erlegen. In der letzten Zeit habe ich allerdings in Rio de Janeiro gelebt, wo es relativ wenige Indios gibt – aber trotzdem trifft man so auf zwei- bis dreihundert am Tag.“

Allgemeine Erleichterung – Lächeln – man wirft sich zufriedene Blicke zu – ein Meer von erhobenen Händen folgt – Fragen über Fragen.

„Und ihre Bräuche? Behalten sie die in Rio bei?“
„Das hängt vom jeweiligen Stamm ab. Einige sind mehr, andere weniger assimiliert. Wieder andere überhaupt nicht, so dass es schon vorkommen kann, dass man in einem Bus sitzt, und ein kleiner, nackter, ganz bemalter Indianer neben einem Platz nimmt.“

„Und der Kannibalismus?“
„Der wird praktisch nicht mehr ausgeübt, obwohl einige Umweltschützer gegen die weisse Unterdrückung dieses Jahrtausendealten indianischen Brauches protestiert haben. Hin und wieder hört man noch, dass sie einen verspeist haben – aber in der Regel einen von ihren eigenen Leuten.“

„Und wie stehen Sie zur Ausrottung der Indianer?“
„Ich bin natürlich radikal dagegen. Auch, weil das für mich selbst den Selbstmord bedeuten würde. Denn wie Sie klar an meinem Äusseren erkennen können, habe ich Indianerblut in mir – ein Viertel etwa. Meine Grossmutter mütterlicherseits war vom Stamm der Caeté, die berühmt wurden, weil sie im 17. Jahrhundert einen portugiesischen Bischof verspeisten“.

Grosser Beifall – viele Male herzlicher Händedruck – ein grosser Erfolg. Und zwar so gross, dass ich auf die Idee komme, diese Art der Darstellung nun auf alle meine Lebensbereiche anzuwenden, solange ich noch in Berlin bin. Nein, wenn ich es recht überlege, tue ich das bereits. Gestern ging meine Frau ans Telefon und bat den Anrufer am anderen Ende der Leitung, nach einem kurzen Wortwechsel, er möge bitte einen Moment warten und wandte sich dann an mich:

„Da ist ein sehr netter Deutscher am Telefon, der will ein Hörspiel über Amazonien produzieren, und dazu braucht er Stimmen von Amazonaskindern. Er hat gehört, dass wir zwei kleine Kinder haben und möchte nun wissen, ob die beiden diese Stimmen im Stück spielen können. Soll ich ihm erklären, dass unsere Kinder nicht aus Amazonien sind und auch noch nie dort waren?“

„Nein, nein“ sagte ich, „frag ihn, wie viel er zahlt. Und sag ihm, wenn er jemanden für die Rolle des Häuptlings braucht, dann übernehme ich das persönlich!“