Die Wasserkrise in Brasilien dauert auch 2015 weiter an

Veröffentlicht am 26. Januar 2015

Dried up planet immersed in the waters of world ocean "ElementsWie wir bereits berichtet haben, ist die brasilianische Südostregion, besonders der Bundesstaat São Paulo, seit Anfang des vergangenen Jahres 2014, wegen ausbleibender Niederschläge, von einer Krise in der Wasserversorgung betroffen – inzwischen steht fest, dass die für gewöhnlich zwischen Dezember und Februar zu erwartenden Sommerregen ebenfalls unter dem Durchschnitt verbleiben werden, was die Versorgung der Bevölkerung in diesem riesigen Ballungsgebiet ernstlich infrage stellt – man spricht von der schlimmsten Wasserknappheit seit achtzig Jahren!

Schon seit vielen Monaten informieren die Medien in São Paulo über aufeinanderfolgende, negative Rekorde des “Cantareira-Systems“, der für die Versorgung der Hauptstadt und verschiedener Munizipien verantwortlichen Wasserversorgungsanlage. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Krise, wird eine Rationierung des noch vorhandenen Wassers, die von der Regierung bis vor kurzem noch als unwahrscheinlich bezeichnet wurde, bereits als sicher vorausgesagt, und weitere Massnahmen, wie die Verhängung von Strafen für die Verschwendung von Wasser, sind in Vorbereitung – von beiden ist allein der Verbraucher direkt betroffen.

Um die Ursachen dieser überaus kritischen Situation zu verstehen, und was man tun könnte, um sie zu entspannen und neue Probleme mit der Wasserversorgung zu verhindern, haben wir einen brasilianischen Experten in hydrischen Ressourcen befragt – hier ist seine Meinung.

Frage: Welches sind die verantwortlichen Faktoren für diese historische Wasserknappheit in der metropolitanen Region von São Paulo?

Antwort: Diese Krise bahnt sich schon seit Jahrzehnten an durch ein Fehlverhalten hinsichtlich der Nutzung des Wassers und des Bodens – und das beruht auch auf einer irrtümlichen, kulturbedingten Beziehung, die wir Brasilianer zu den natürlichen Ressourcen pflegen. Wir leben in einer Kultur des Wasserüberflusses. Niemand denkt an Trockenheit innerhalb einer Region mit Atlantischem Regenwald, einem Gebiet mit unzähligen Flüssen, Wasserfällen und Wäldern. Aber wir sehen zu, wie die Wälder durch die vollkommen unkontrollierte Ausbreitung des urbanen Wachstums verloren gehen. Und das hat zu zwei grossen Problemen geführt: der Konzentration des Wasserverbrauchs in der metropolitanen Region und einer zirka achtfachen Zunahme der Verschmutzung von Wasser und Luft. Der gegenwärtige Wassermangel im Bundesstaat São Paulo ist eher die Folge von Verschmutzung und Verschwendung, also ein Fehlverhalten der Wassernutzer, als bedingt durch klimatische Einflüsse. Die extreme klimatische Situation hat die Krise zwar zugespitzt, aber sie ist nicht die Ursache!

Frage: Der Grossraum São Paulo hat vergleichsweise nur noch wenig Wasser zur Verfügung, ausserdem ernste Probleme mit der Verschmutzung der Quellgebiete. Welche Lösung sehen Sie für die gegenwärtige Krise in diesem Szenario und für eine Verhinderung neuer Krisen dieser Art?

Antwort: Drei strategische Massnahmen: Die erste ist eine ernste und kritische Revision der urbanen Planung, mit dem Ziel, die Tendenz zur unkontrollierten und irregulären Besetzung von Quellgebieten zu bremsen. Es ist notwendig festzulegen, dass diese Areale als Wasserschutzgebiete ausgewiesen und streng geschützt werden, und nicht für andere Zwecke missbraucht werden dürfen. Zweitens ist es unumgänglich, massiv und so schnell wie möglich, in eine für die Gesamtbevölkerung umfassende Kanalisierung zu investieren – das heisst, für alle Bürger behandeltes Wasser, Müllabfuhr und Abwasserbehandlung zur Verfügung zu stellen. Drittens brauchen wir ein effizienteres Betriebsmodell, welches die Wasserverschwendung bekämpft. Die Gesetze machen sich sehr gut auf dem Papier, aber sie werden weder in die Praxis umgesetzt, noch angewendet. Zum Beispiel ist bereits in der Verfassung ein Verbot vorgesehen, ungereinigtes Abwasser in irgend ein Gewässer zu leiten. Wenn dieses Gesetz wirklich befolgt würde, wären unsere Flüsse nicht so verdreckt. Verschmutzung ist die schlimmste aller Verschwendungen.

Frage: Ist es vom finanziellen Aufwand her möglich, einen Fluss wie den Rio Tietê oder den Rio Pinheiros zu reinigen?

Antwort: Zweifellos! Es ist ein Verbrechen, sie nicht zu reinigen! Für jeden Dollar, den man für die grundlegenden Sanitäreinrichtungen investiert, spart man zwischen fünf und acht Dollar im Gesundheitswesen der Bevölkerung. Mehr als 70% aller Krankheiten, die mit Wasser zusammenhängen und zum Tod und der Belegung von Hospitalbetten führen, haben ihren Ursprung aus dem Kontakt mit verschmutztem Wasser. Wieso ist genügend Geld vorhanden, um Fussballstadien für die Weltmeisterschaft zu bauen, zusätzliche Brücken zu konstruieren und die Fahrbahnen der “Marginal“ (Autobahn in São Paulo) zu verdoppeln, aber für die Säuberung des Rio Tietê fehlt es? Das sind Entscheidungen. Der Säuberung der Flüsse keine Priorität einzuräumen, ist leider eine Entscheidung fehlender kultureller Erziehungsgrundlagen.

Frage: Einige Spezialisten haben kritisiert, dass man eine Rationierung der Wasserversorgung schon vor einigen Monaten hätte einführen müssen. Stimmen Sie zu?

Antwort: Nein! Eine Rationierung des Wassers ist die schlimmste Massnahme für den Bürger, denn sie bestraft den, der keine Schuld an diesem Problem hat. Der Zugang zu Wasser guter Qualität und in ausreichender Menge ist ein Grundrecht des Menschen. Wenn ein Fehlverhalten der Regierung in der Planung und der Bekämpfung der Verschwendung und der Säuberung vorliegt, dann sollte nicht der Bürger dafür bezahlen müssen. Es gibt Sektoren, die viel mehr verschwenden, wie zum Beispiel die Industrie und die Landwirtschaft zum Giessen der Plantagen, und die sind von einer Rationierung nicht einmal betroffen, weil sie eine Bewilligung für unbegrenzte Wasserbenutzung besitzen. Es ist eine falsche Annahme, dass eine Rationierung des Wassers dazu beigetragen hätte, diese Krise zu meistern. Sie hätte geholfen, wenn man seit dem Energie-Blackout des Jahres 2002 erzieherische Massnahmen eingeführt hätte. Aber jetzt ist die Rationierung unvermeidlich. Es ist eine Notmassnahme, die sich auch auf politischer Ebene niederschlagen wird – und die brasilianische Politik noch perverser gestalten wird, als sie schon ist.

Frage: Einige Städte im Bundesstaat São Paulo, wie zum Beispiel Campinas, haben bereits Strafen für Wasserverschwender eingeführt, und jetzt spricht man darüber, dasselbe auch in der Hauptstadt einzuführen. Ist es Ihrer Meinung nach gerecht, den Verbraucher zu bestrafen, wenn die Industrie viel mehr Wasser verschwendet?

Antwort: Es ist rechtens, jede Art von unangemessenem Verbrauch zu verhindern. Obwohl eine Person für den Verbrauch bezahlt, hat sie nicht das Recht, mit dem Wasser zu machen, was sie will. In einer Krisenzeit ist es notwendig, eine bestimmte maximale Wassermenge pro Person oder pro Haushalt festzulegen. Die Staatsanwaltschaft und die Organe zur Verteidigung des Bürgers können durchaus auch gegen eine eventuelle Unverantwortlichkeit der Sanierungs-Unternehmen ermitteln.

Frage: Eine der Massnahmen zur Aufstockung der Wasserversorgung im Grossraum São Paulo ist die Konstruktion des Reservoir-Systems “São Lourenço“. Aber für dieses Projekt müssten 34 Hektar Atlantischer Regenwald zerstört werden, ein Eingriff in ein Schutzgebiet, sowie die Vertreibung verschiedener Bewohner. Wird der Nutzen dieser Anlage die Opfer kompensieren?

Antwort: Die Anlage wird die Opfer nicht direkt kompensieren, aber sie stellt heute eine dringend notwendige Investition dar, die bereits die ambientale Genehmigung bekommen hat. Kritisieren könnte man in diesem Fall, warum es so lange gedauert hat, um dieses und andere Wasserspeicher anzulegen? Weil es politisch gesehen für São Paulo eigentlich unverschämt ist, sich das Wasser aus der Region des “Vale do Ribeira“ zu holen – es zu benutzen, und es anschliessend als Abwasser ins Interior des Bundesstaates zurückzugeben. Das ist eine perverse Logik der metropolitanen Regionen: Sie konzentrieren Menschen und wirtschaftliche Aktivitäten, importieren natürliche Ressourcen und exportieren Probleme. Sowas ist unhaltbar! Aber in diesem Moment ist es das Beste, mehr Wasserspeicher zu konstruieren, weil derzeit viel von dem wenigen Regenwasser verloren geht. Während der Regenperioden leiden wir unter Überschwemmungen, und während der Trockenheit unter fehlendem Wasser – alles eine Frage kompetenter Planung und Organisation.

Frage: Die brasilianische Nordostregion leidet traditionell am meisten unter der Trockenheit. Ist das Problem dort wirklich durch fehlendes Wasser bedingt, oder hapert es an der richtigen Verteilung?

Antwort: In diesen halbtrockenen Gebieten sind die Ursache tatsächlich die fehlenden Niederschläge. Aber es gibt technologische Lösungen, um das Leben in diesem Biom annehmbar zu gestalten. Der grundsätzliche Irrtum besteht darin, in dieser Region ein unpassendes Produktionsmodell einführen zu wollen, wie zum Beispiel die Rinderzucht. Verschiedene Länder besitzen Wüstengebiete und sind doch viel effizienter in ihrer Produktion als wir. Wir haben eine “Kultur der Trockenheit“ hervorgebracht, die sich für politische Propaganda hervorragend bewährt hat. Die Bevölkerung muss endlich anfangen, ihre speziellen Biome zu verstehen und deren regionale Charakteristika in wirtschaftliche Aktivitäten umzuwandeln und nicht in Probleme.

Frage: Wie vom Ministerium für Urbanismus verlautet, werden durchschnittlich 38,8% behandelten Wassers in Brasilien verschwendet, bevor es die Leitungen der Verbraucher erreicht. Was muss getan werden, um diese Verschwendung zu verhindern?

Antwort: Zuerst einmal eine adäquate urbane Planung. Die grösste Verschwendung in São Paulo, zum Beispiel, betrifft Stadtteile, in denen die Besetzung willkürlich, ohne gesetzliche Grundlage, erfolgt ist. Jedoch kann man die Verschwendungsindikatoren der Hauptstadt São Paulo nicht mit denen anderer Landesteile vergleichen. Im Norden, im Nordosten und in Rio de Janeiro ist die Verschwendung noch viel grösser – durchschnittlich zwischen 42% bis 44%! São Paulo hat noch das Glück, in der “Sabesp“ ein Versorgungsunternehmen mit einer führenden Technologie zu haben, wodurch eine Rationierung bis jetzt verhindert werden konnte. Munizipien, wie zum Beispiel Guarulhos, die nicht von der Sabesp versorgt werden, leiden schon seit mehreren Monaten unter einer Rationierung.

Frage: Die Landwirtschaft ist für 70% der Wasserverbrauchs in Brasilien verantwortlich und ausserdem steht sie an der Spitze der Wasserverschwender. Kann man diese Situation nicht ändern?

Antwort: Es ist tatsächlich so, dass die bewässerte Landwirtschaft und die Monokultur hauptverantwortlich sind für die Verschwendung. Es gibt andere Formen, wie die familiäre Feldbearbeitung, die nicht so viel vergeuden. Beim Begiessen verliert man sehr viel Wasser durch fehlende Technologie und fehlende Kontrolle. Der Landwirtschafts-Sektor im Bundesstaat São Paulo hat der Bezahlung für den Wasserverbrauch den grössten Widerstand entgegengesetzt. Diese Landwirte haben Zahlungsaufschübe von sieben Jahren bekommen, in denen sie für die Entnahme von Flusswasser nichts zu zahlen brauchen. Das ist ein wirtschaftlich sehr starker Sektor, und er hat deshalb grossen politischen Einfluss. Wenn ein Agrarproduzent für seinen Wasserverbrauch mehr bezahlen müsste, und dieser Verbrauch in seiner Produktion zu Buche schlüge, wie es bei der Industrie der Fall ist, dann würde er sich zweifellos anders verhalten. Stellen Sie sich vor, wenn auf einer Reisverpackung aufgedruckt wäre “in der Produktion sind soundso viel Liter Wasser enthalten“. Es gäbe Markenprodukte mit der Aufschrift “dieser Reis spart Wasser“ oder “hier investiert man in die Umwelt“.

Frage: Welche Mechanismen werden von anderen Ländern für den Verbrauch von Wasser genutzt, an denen sich Brasilien eventuell ein Beispiel nehmen könnte?

Antwort: Wir haben viel über das New Yorker Modell gesprochen. Diese Stadt wurde von einer Krise wie der unseren überrascht und bediente sich zu ihrer Überwindung eines Instruments der Wirtschaft: der Bezahlung für ambientale Dienstleistungen. Die lokale Wasserversorgungs-Gesellschaft entdeckte und berechnete folgende Lösung: Wenn sie den Besitzern von Fazendas eine Entschädigung dafür zahlen würde, dass sie den Baumbestand ihrer Wälder erhalten, würde dies die Wasserversorgung von New York für weitere 20 Jahre sichern. Und das taten sie.

Wenn wir dasselbe für unsere Quellengebiete tun würden – wie es auch in unseren Gesetzen zum Schutz dieser Areale vorgeschrieben ist – diese Schutzmassnahme in allen Landsitzen, Farmen und Grossgrundbesitzen einführen würden – von den Quellen in Minas Gerais bis zum letzten der sieben Cantareira-Reservatorien in São Paulo, dann hätte man damit einen grossen, grünen Gürtel geschaffen, und der würde den Grundwasserspiegel steigen lassen, würde die Qualität dieses Wassers steigern, die Kosten der Wasserbehandlung würden fallen, und die Reservoirs wären weniger anfällig für eventuelle klimatische Exzesse.

(Soweit der brasilianische Wasser-Experte)