Die Gesetzlosen…

Veröffentlicht am 8. Dezember 2009

…Taxifahrer arbeitet nur nachts, um Polizeikontrollen zu entgehen.

Ohne Arbeitsbuch seit 13 Jahren, bezahlt “Bürger U“ keine Strafzettel, keine Unfallversicherung, kauft Piraterie-Produkte und besitzt auch keine Eintragung seines Hauses im Grundbuch.

AgenciaBrasil060712DSC_4590Ein Taxifahrer, Bewohner einer grossen Kommune von armen Bürgern in Rio de Janeiros Südzone, verheiratet – aber nicht auf dem Papier – Vater von drei Kindern, ist die Personifizierung allen gesetzlichen Ungehorsams, welcher die hiesige Gesellschaft beutelt. Fast sein ganzes Leben lang am Rande des Staates, kann man ihn tatsächlich als “Bürger U“ bezeichnen (von ungehorsam und meistens sogar ungesetzlich). Er wohnt in einer “Favela“ und deshalb vom Gesetz her auf “illegalem Grund und Boden“ – ohne gesetzlich verbrieftes Eigentumsrecht, also bezahlt er auch keine Grundsteuer (IPTU) – er hat keinen unterzeichneten Arbeitsvertrag seit 13 Jahren, seit er seinen Posten als Wachmann eines privaten Unternehmens verlor. Heute zirkuliert er mit dem Taxi, das den Unterhalt für seine Familie garantiert, nur nachts, um so eventuellen Polizeikontrollen zu entgehen, die dann seltener sind – denn schon seit mehr als zwei Jahren sammelt er Strafzettel wegen nicht bezahlter Unfallversicherung (IPVA).

Zuhause besitzt der “Bürger U“ illegale Licht- und Kabel-TV-Anschlüsse, dies ist ein Verbrechen. Ausserdem konsumieren er und seine Familie regelmässig so genannte “Piraterie-Produkte“, wie Cd’s und TV-Spiele, die der “Bürger U“ mit seinem geringen Einkommen erklärt.

“Die öffentliche Hand gibt mir was? Nur Schwierigkeiten“!

Gefragt, wodurch er sich zu diesem Extrem von gesetzlichem Ungehorsam hat hinreissen lassen, antwortet er:

“Die Bedürftigkeit. Ich verdiene kaum etwas, im vergangenen Jahr hatte ich eine starke Depression und dadurch verlor ich die Kontrolle über meine Situation noch mehr. Ich hörte auf, Strafzettel zu begleichen, die Unfallversicherung, alle Autopapiere verloren an Gültigkeit, und jetzt weiss ich nicht, wie aus dem Schlamassel rauskommen. Die öffentliche Hand gibt mir was? Macht mir nur Schwierigkeiten! Ich versuche beim SMTU meine Situation zu regeln, aber es geht nicht – die erfinden einen immensen Bürokratismus, verlangen von mir, einen Buchhalter anzustellen, der mir hilft – sie geben einem keine Möglichkeit, die Schulden in Teilbeträgen abzuzahlen, wie es bei mir notwendig wäre. Abgesehen davon, dass die Präfektur jene Industrie von Halsabschneidern mit ihren Strafzetteln ernährt, die Radar-Kontrollgeräte über die Stadt verteilen, die aber unsereinem nicht einbringen. Und dann auf allen Strassen diese unzähligen Löcher . . .

Taxi fährt er eigentlich erst seit kurzem – und ohne der Besitzer des Fahrzeugs zu sein – stattdessen bezahlt er der Besitzerin monatlich RS 1.800 dafür, die Kiste fahren zu dürfen:

“Zwischen der Möglichkeit, die Strafzettel zu bezahlen und der, Lebensmittel für meine Kinder kaufen zu können, habe ich mich für die zweite Alternative entschieden. Zwischen der Alternative, den grossen Unternehmen das Geld in den Rachen zu schieben und der, CDs, Turnschuhe, Batterien und Elektronik-Spiele für meine Kinder beim “Camelo“ (fliegender Händler) zu kaufen, was glauben sie wohl, wofür ich mich entscheide? Ich kaufe sogar Radios und Elektrogeräte bei denen! Die Preise liegen bei einem Zehntel derer in den Geschäften. Bestimmt könnte die Industrie auch billiger verkaufen, wenn die nur wollten“!

Seine Rede ist politisch gefärbt. Und er ignoriert, dass er mit seinem Verhalten die Verbindung der Piraterie mit dem international organisierten Verbrechen fördert.

“Habe nie darüber nachgedacht, das hat mich nie gestört. Mafia existiert doch überall. Im Kongress, bei den Unternehmen, bei der besseren Gesellschaft! Ich finde, dass die Bekämpfung der Piraterie falsch ist, so wie sie gehandhabt wird. Die Polizei kennen nichts anderes, als auf die Strassenhändler einzuschlagen, die Armen! In den meisten dieser Fälle, ist der “Camelo“ ein Arbeiter ohne Anstellung. Stattdessen sollten sie lieber hinter den grossen Fischen hersein“, schlägt er vor.

Piraterie-Games für RS 3,00 beim Strassenhändler
Die Piraterie von Dienstleistungen, wie Strom und Kabel-TV, erklärt er ohne zu zögern so:
“Ich versuche ja, meine Situation bei der “Light“ (Stromlieferant) in den Griff zu bekommen, aber auch das ist schwierig. Der Tarif ist zu hoch – ich kann mein Konsum-Level so nicht aufrechterhalten. Dort, wo ich wohne, haben alle “Piraten-TV“ – ich bin da keine Ausnahme!

Die beiden Töchter des “Bürgers U“, von 6 und 8 Jahren, erhielten vor kurzem vom Vater ein neues Video-Game. Gekauft auf Raten in einem Elektronik-Laden. Der Apparat wird mit Piraten-Software gefüttert, die für RS 3,00 (etwa 1 Euro) beim fliegenden Händler angeboten wird.

“Sie verlangen so viele Sachen – wie alle Kinder eben. Nur mein Kleiner, mein Sohn von 1 Jahr, verlangt noch nichts. Aber es schmerzt mich, wenn ich daran denke, dass ich eigentlich nicht in der Lage bin, ihnen alles zu geben, was sie verdienen. Nur die Erziehung bekommen sie gratis – und mit der ist es nicht weit her. Meine Töchter gehen in dieselbe Schule, in die auch ich gegangen bin – eine der einzigen öffentlichen Schulen in der Nähe wo wir wohnen. Zu meiner Zeit gab’s da noch Disziplin, wir verbrachten viele Stunden in der Schule. Heute beobachte ich, dass man von den Kindern nichts verlangt. Alles ist schlechter geworden“.

Seine Staatskritik begnügt sich aber nicht mit den Zuständen im Erziehungswesen. Der “Bürger U“ prangert auch die Korruption innerhalb der Polizei an. Ignoriert damit aber wieder seine eigene Rolle innerhalb der Korruption, als er freimütig berichtet, dass er immer wieder Schmiergelder an Polizisten zahle, wenn sie ihn bei einer Kontrolle erwischen:

“Vergangenen Monat kam ich von Bangu zurück, wo ich der Besitzerin von meinem Auto die monatliche Miete bezahlte, als ich von einer Polizeikontrolle aufgehalten wurde. Ich habe es nicht glauben wollen: der PM (Polícia Militar – Militärpolizei) zeigte mir doch wahrhaftig den Saldo auf seiner Kreditkarte von 400 Reais und sagte dazu, dass wir, die “Irregulären“, diese Rechnung zu bezahlen hätten. Ich hatte nur noch 30 Reais bei mir – das war alles, was mir nach der Bezahlung der Automiete geblieben war. Ich bat den PM also, es diesmal bei 20 Reais bewenden zu lassen, schliesslich brauchte ich ja noch ein bisschen was für Lebensmittel für die Kinder. Aber der Kerl machte furchtbaren Druck – ich fing sogar an zu heulen, aber das machte ihm keinen Eindruck.

Der “Bürger U“ ist der Auffassung, dass er dem Staat mehr gibt, als er von diesem zurückbekommt. Und sagt, dass er keine Hoffnung habe, dass seine Kinder einmal eine bessere Gesellschaft erleben werden.

“Sie reden von Rechten und Pflichten, aber wie es aussieht hat der Bürger nur Pflichten. Niemand fühlt sich dazu stimuliert, Regeln in einer Gesellschaft einzuhalten, die so korrupt und so ungerecht ist. Hier herrscht nur ein Gesetz: Rette sich wer kann! Und dann wiederholt er einen der Sätze, welche er während dieses Interviews mehrmals gebraucht hat: “Ich bin da keine Ausnahme“!