Der Pianist

Veröffentlicht am 11. Dezember 2009

Ein Pianist beglückt die Bewohner des Rio São Francisco mit klassischer Musik
3.700 Kilometer und ein Publikum von insgesamt 50.000 Personen – das war die Bilanz der Show des bekannten und beliebten Pianisten Arthur Moreira Lima. „Der São Francisco, ein Fluss der Musik“ – unter diesem Motto brachte er klassische und populäre Musik in 12 Städte und Distrikte, die an den Ufern des „Alten Chico“ dahindämmern.

Klaviatur mit dynamischer Hand in BewegungDas Experiment erinnert an die alten Zirkusse des nordöstlichen Interiors, die Ihr Zelt auf dem Dorfplatz aufstellten, ihr Spektakel zelebrierten, um danach alles wieder abzubauen und in die nächste Gemeinde weiterzuziehen. Den grossen Unterschied machte in diesem Fall allerdings der riesige Steinway-Konzertflügel – ein Instrument, dass die meisten Brasilianer des Interior noch nie im Leben zu Gesicht bekommen hatten. „In einem Ort wie „Cabrobó“, zum Beispiel, das 20.000 Einwohner zählt, kamen 8.000 Einwohner zum ersten klassischen Konzert ihres Lebens!“ berichtet Murillo Corrêa, der Tontechniker, der auch für die Beleuchtung der Show zuständig war.

Das gebotene Repertoire war für die meisten Zuhörer vollkommen unbekannt. Musik von Bach, Beethoven, Liszt, Chopin und Astor Piazzola, gemischt mit brasilianischen Komponisten, wie Pixinguinha, Villa-Lobos, Ernesto Nazareth und Luiz Gonzaga. „Es hat uns immer wieder besonders bewegt, diesem von jedweder Kultur isolierten Volk zu begegnen – Erwachsenen und Kindern, deren einzige Musik die „Axé-Music“ darstellt, und die regelrecht nach Kultur dürsten. Sie „trinken“ lediglich keine Kultur, weil man ihnen keine Gelegenheit dazu gibt“, erklärt Murillo.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Personen, die noch nie bei einem Konzert waren oder eine Oper erlebt haben, sich nicht zu benehmen wissen oder an den richtigen Stellen zu applaudieren, bei einem klassischen Konzert. „Auch das einfachste Volk lässt sich mitreissen und klatscht begeistert – und die Kinder sind geradezu fasziniert. Sie applaudieren nicht etwa, um so zu tun als ob sie das Stück kennen“, erzählt Carlos Gustavo Kersten, der Klavierstimmer.

Nach einer Reise ins Abenteuer, von fast einem Monat – vom 13. September bis 4. Oktober – ist das Techniker- und das Musiker-Team zu einer Grossfamilie zusammengewachsen, und um die Show aufzustellen und sich den vielen Applaus zu verdienen, haben sie ein gutes Stück Arbeit geleistet. Man stelle sich vor: 23 Personen auf demselben Trip ins Ungewisse – zusammen aufwachen, zusammen essen und zusammen arbeiten – Tag für Tag. Die zwischenzeitlichen Übermüdungserscheinungen wurden mit viel Spass überbrückt, aber man stand auch, mehr als einmal, vor unlösbar scheinenden Problemen. Das grösste: die prekären, von Löchern übersäten Strassen. Mit den zwei LKWs, einem Omnibus und drei Limousinen hatte die Gruppe zwölf geplatzte Reifen zu überstehen, überhitzte Motoren in drei Fällen, Probleme in Schlauchleitungen und durch Steinschlag zertrümmerte Scheiben. Stunden, in denen das Team geduldig auf die Hilfe eines KFZ-Mechanikers aus dem nächsten, meilenweit entfernten Flecken ausharrte – unter der glühenden Sonne des „Sertão“. Darüber hinaus noch die vielen Überquerungen des Flusses per Fähre und die allgemeine Angst vor dem tödlichen Gewicht der LKWs, was aber zum Glück immer glimpflich abging.

Abgesehen von den Problemen war schliesslich der Saldo der Tourné sehr viel Spass, viel Applaus und ein Sack voller Geschichten zum Erzählen. In der ersten Stadt mit dem ersten Konzert, „São Roque de Minas“ (MG), rief der lokale Radiosender an und bat um ein Interview. Der Name des Senders, „Rádio Chapadão“ (Bezeichnung für einen Besoffenen) reizte das Musiker-Team zu einem Riesengelächter. Unterwegs zum nächsten Ort wurde das Team von einem Mann angehalten, der den Teilnehmern Flöten aus Margarine-Bechern anbietet – Arthur Moreira Lima, dessen Ruf noch nicht bis in diesen Winkel Brasiliens gedrungen war, lädt ihn ein, mit ihm in seiner Show zu spielen – „Ah, der Herr sind Musiker ?“ erkundigt sich dieser ehrerbietig.

Aber nicht immer war die Tour so lustig. Während des grössten Teils war sie schwerste Arbeit. Um den LKW, in eine Bühne zu verwandeln, brauchte man vier Stunden Montage. Der Steinway-Flügel litt am meisten. Er kam aus dem Bundesstaat Santa Catarina und war keine grossen Hitzegrade gewöhnt, die in Petrolina, zum Beispiel, auf 47º Celsius kletterten und den Steinway entsetzten. Prompt reagierte er mit Missklängen, die Carlos Gustav Kersten, seinem Besitzer, und dem die Aufgabe oblag, ihn jeden Abend neu gestimmt an den Maestro weiterzureichen, viele schlaflose Nächte beschert hat – je nachdem dauerte seine Stimmung zwischen zwei und fünf Stunden! Die Shows fanden in der Regel abends statt. Am nächsten Morgen besuchte Arthur Moreira Lima die Schulen. Mit einem kleineren Klavier gab er den Kindern Auskünfte über das Instrument und die klassische Musik. „In einigen der besuchten Orte hatten die Menschen noch nie ein Klavier zu Gesicht bekommen“, erzählt er. Die Attraktion war also perfekt.

Neben der Musik hatte man ein Parallel-Projekt im Gepäck. Während Arthur spielte und erklärte, verteilte seine Frau, die Zahnärztin Margareth Garret Zahnbürsten und Zahnpasta. „Es gab Kinder, die stellten sich dreimal in der Schlange an“, erzählt der Pianist bewegt. „Und während sie diese Dinge verteilte, gab Margareth Ratschläge zur richtigen Anwendung der Mundpflege, damit der São Francisco ein Fluss des Lächelns werde“.

Die Idee zu dieser Unternehmung stammt von Arthur selbst, der seinen ersten LKW mit einer Finanzierung erstanden hat. Dann verwandelte er ihn in eine Show-Bühne, mit entsprechender Tonausrüstung, Dekoration und Beleuchtung. Es gibt sogar eine Umkleide-Kabine mit einem Bett drin. „Ich wollte schon immer mal so was organisieren – eine Show-Bühne ist ein teures Projekt für einen kleinen Ort und dauert ausserdem, um montiert zu werden. Das gute am LKW ist die Tatsache, dass er schnell an irgendeinem Platz in ein Kultur-Zentrum verwandelt werden kann“, sagt der Abenteuer-Pianist.

Die Reise folgte dem Verlauf des „Rio São Francisco“ – vom Ober- zum Unterlauf – durch Orte, die Arthur selbst ausgewählt hatte. Er bezeichnet den Fluss als „den repräsentativsten der brasilianischen Geografie“. Und er beschwert sich: „Der Rio São Francisco wird seit Jahrhunderten schon verunreinigt und seine Umwelt durch die Menschen angegriffen. Aber ich konnte mich beruhigen und mit eigenen Augen den Fortschritt feststellen, den die Verantwortlichkeit für die Umwelt inzwischen im Gewissen seiner Bewohner gemacht hat“ – und er vergleicht die Kampagnen für Umweltschutz mit denen der Verkehrsbehörde (DETRAN), der es endlich gelungen sei, dass sich die Menschen im Auto anschnallen – „weil sie begriffen haben, dass dieser Gürtel ihr Leben retten kann“.

Die Tourné kam mit Empfehlung der Landesregierung zustande und wurde getragen von der „Caixa Econômica Federal“ (Staatsbank) und der Post. Sie begann in Minas Gerais und lief über Bahia, Pernambuco und Sergipe, bis nach Alagoas. Die Shows fanden in folgenden Orten statt: São Roque de Minas (MG), Pirapora (MG), Montes Claros (MG), Januária (MG), Bom Jesus da Lapa (BA), Ibotirama (BA), Paulo Afonso (BA), Juazeiro (BA), Petrolina (PE), Cabrobó (PE), Propriá (SE) und Penedo (AL).

„Es war ein einzigartiges Experiment, unglaublich ermüdend, aber auch aussergewöhnlich dankbar. Ich fühle mich nun viel mehr Bürger als Künstler, und es ist mir eine Ehre, für mein Land in dieser Art und Weise tätig sein zu können. Der Mensch, dem diese Tour am meisten gegeben hat, bin ich selbst“, sagt Arthur Moreira Lima bewegt.