Der Mulungu Baum

Veröffentlicht am 18. Mai 2012

Der vielseitige Mulungu Baum mit den herrlichen Blüten findet oft in der Landschaftsgestaltung Verwendung, oder in der Aufforstung eines Terrains, und er ist der Fauna besonders von Nutzen. Die Monate Juli und August werden in der Regel von der Trockenheit heimgesucht, es gibt nur wenig zu fressen für die Tiere und fast keinen Regen in weiten Regionen Brasiliens.

Und genau in dieser Zeit der Dürre fallen die “Mulungus“ (der Gattung Erythrina – Korallenbäume) besonders auf im gleichförmigen Landschaftsbild. An der Seite der “Ipês“ blühen sie lange bevor der Frühjahrsregen kommt. Und wie die Ipês, verlieren die Mulungus ihre Blätter und bedecken ihre Zweige nur mit Blüten – voller Farbe, entzückend und verlockend anzusehen.

So ist es kein Wunder, dass diese Bäume zu den beliebtesten der Landschaftsgestalter gehören. Besonders dann, wenn man die Absicht hat, einen Garten zu gestalten, der während des ganzen Jahres Blumen und Blüten hervorbringt – denn den Winter über gibt es da nur wenige Alternativen.

MulunguDoch bevor wir uns mit weiteren Besonderheiten der Mulungus beschäftigen, sollten wir diese interessanten Bäume ihrem Status gemäss vorstellen. Das Volk hat ihnen zahlreiche und ganz unterschiedliche Namen gegeben, so zum Beispiel: “Bico-de-lacre, Amansa-senhor, Árvore-de-coral, Bico-de-papagaio, Canivete, Capa-homem, Corticeira, Flor-de-coral, Suína, Suinã, Tiricero“, unter anderen. Viele dieser Arten kommen in Brasilien vor – die Häufigsten sind Erythrina mulungu, Erythrina verna, Erythrina falcata und Erythrina poeppigiana. In der übrigen Welt erreicht die Gattung Erythrina zirka 120 bisher bekannte Arten – so der Agraringenieur und Professor Demóstenes – der Forstwirtschaft an der landwirtschaftlichen Hochschule der Universität von São Paulo, in Piracicaba.

Die nativen Mulungus sind besonders in den Bundesstaaten Mato Grosso, Minas Gerais und São Paulo verbreitet (E. mulungu) – im halbtrockenen Teil von Minas Gerais, den trockeneren Gebieten São Paulos und Paranás und auch in der Caatinga des Nordostens (E. velutina) – in den Bundesstaaten Maranhão bis hinunter nach Rio Grande do Sul (E. crista-galli) – und noch in Minas Gerais, Mato Grosso do Sul und Rio Grande do Sul (E. falcata).

Der Umstand, dass diese Bäume unbeeinträchtigt von der Trockenzeit blühen, ist für viele Tiere lebenswichtig. Je nach Art und Standort kann die Farbe ihrer Blüten vom lebendigen Rot bis zu einem helleren Orange variieren – manchmal blühen sie auch in ziegelrot oder fast rosarot. Aber egal in welcher Farbe, sie locken Insekten und Vögel an auf der Suche nach Nektar. Besonders die Kolibris sind hier sehr zahlreich und als die bedeutendsten Bestäuber zu nennen. Aber auch Leguane lassen sich die wohlschmeckenden Blüten nicht entgehen – das haben Forscher in Fernando de Noronha beobachtet. Auf der grössten Insel des Archipels kommt die Art E. veluitina vor, mit orangefarbenen Blüten. Auf dem Kontinent, in einem Abschnitt des Atlantischen Regenwaldes, werden Papageien und Sittiche von den Mulungus E. falcata (Korallenstrauch) angelockt, die sich besonders vor eine Aufforstung des Galeriewaldes entlang der Flüsse eignen.

Eine andere Spezies, die aus dem Atlantischen Regenwald stammt, und gerne als Kulturpflanze verwendet wird, ist E. verna, einer der schönsten Mulungus überhaupt. Er ist einfach zu reproduzieren und tritt deshalb oft im urbanen Landschaftsbild in Erscheinung, und er eignet sich vorzüglich um degradierte Gebiete zu restaurieren.

“Vor dem Chemiegebäude auf dem Campus der Universität haben wir zwei Exemplare der Gattung Erythrina, die mehr als fünfzig Jahre alt sind und phantastisch dastehen für ihr Alter“, erzählt Demóstenes. In der Absicht, die Belegschaft der Universität und auch die in ihrem Einzugsbereich lebenden Bewohner zu orientieren, entwickelte man zwischen 1994 und 1996 in der Uni das Projekt “Trilhas do Parque da Esalq“ mit Spazierwegen und Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten. Eine didaktische Serie von Heftchen, die bis heute verwendet werden, präsentiert sieben Routen mit Karten und den im Park vorkommenden Baumarten. Die Mulungus sind in zweien dieser Publikationen vertreten: In “Nützliche Bäume“ und in “Heilende Bäume“.

Was ihre “Nützlichkeit“ betrifft, so ist besonders ihr widerstandsfähiges Holz gegen Termiten und Holzwürmer zu erwähnen. Beim Kriterium “heilend oder heilkräftig“ ist die Liste wesentlich länger. Nach Professor Demóstenes wird E. mulungu in der Volksheilkunde besonders gegen Husten empfohlen, aber er kann auch gegen Hysterie, rheumatische Schmerzen, Leberleiden, chronische Neuralgien, Asthma und Keuchhusten angewendet werden. Der Tee aus seiner Rinde wird in der Regel am meisten gegen Schlaflosigkeit aufgebrüht – ein Beruhigungsmittel von angenehmer Wirkung auf das Nervensystem. Vieles von seiner Wirkungsweise muss noch wissenschaftlich erforscht werden, deshalb ist es stets anzuraten, dass man einen Spezialisten vor einer Selbstbehandlung zu Rate zieht. Und besondere Vorsicht, “die Samen sind toxisch“, warnt das Buch “Plantas Medicinais do Brasil“ von Harri Lorenzi und F.J. Abreu Matos, in dem noch die folgende Empfehlung steht: “Die breite Anwendung dieser Pflanze in der häuslichen Praxis der Volksmedizin, und in der phytotherapeutischen Industrie, ist ein guter Grund, sie zum Thema chemischer, pharmakologischer und klinischer Forschung zu machen, mit dem Ziel, ihren Wert als effizientes und sicheres Medikament zu festigen“.

Ein weiterer, etwas kurioser Aspekt des Mulungu ist seine Nutzung in religiösen, afro-brasilianischen Ritualen. Seine Blätter dienen der so genannten “Entlastung“ und die Samen, in ihrer lebhaft roten Färbung, sind im Candomblé symbolische Opfergaben. Auf der Suche in Kiosken und Marktständen für religiöse Produkte und medizinische Kräuter des städtischen Marktes in Campinas dauerte es ziemlich lange, bis mir klar wurde, warum nur wenige Personen die Samen des Mulungu kannten. Eine befragte Verkäuferin entschlüsselte schliesslich das Geheimnis: “Ah, Sie sprechen von der “Fava-de-Ogum“ – so nennen wir sie hier“. Die Kerne haben in etwa die Grösse einer weissen Bohne, mit ovaler Form. Wie Raquel Nascimento erklärt, die seit 42 Jahren in diesem Gewerbe tätig ist, wird die “Fava-de-Ogum“ zur Verschönerung jener Teller mit Opfergaben an die religiösen Gottheiten benutzt. “Ogum entspricht dem Sankt Georg und ist einer der bedeutendsten unserer Orixás“ belehrt sie mich.

An einem anderen Stand nebenan entdeckte ich noch ein kleines Paket mit Rindenstücken vom Mulungu – für Tee aufzubrühen. “Wenn sie Probleme mit dem Einschlafen haben, nehmen Sie zwei Rindenstücke auf einen halben Liter Wasser – aber der Tee wird stark! Sonst können Sie auch einen Liter nehmen und ihn dann während des Tages trinken“ rezeptiert die Verkäuferin Elisângela, und zeigt mir ein Buch, das so alt ist, dass der Einband bereits fehlt. In diesem Buch steht wörtlich: “Den Extrakt der Rinde kann man als Bad zur Beruhigung der gestressten Nerven verwenden – und auch um Schlaflosigkeit zu bekämpfen“.

Und wenn Sie glauben, dass die vielen Nützlichkeiten des Mulungu damit abgehandelt sind, dann sollten Sie noch wissen, dass man seine Samenkerne mit Vorliebe auch zur Herstellung von Bio-Schmuck verwendet, für die Bijouterie aus natürlichen Rohstoffen, die man in Kunsthandwerksläden findet, in Shoppings und sogar in vornehmeren Boutiquen.

Und ob Sie’s glauben oder nicht, dieser Baum ist so vielseitig und so beliebt, dass er sogar für drei brasilianische Gemeinden herhalten musste: “Mulungu“ im Bundesstaat Paraíba – “Mulungu“ im Bundesstaat Ceará – und “Mulungu do Morro“ im Bundesstaat Bahia.