Der afrikanische Spiritismus erobert die brasilianische Mittelklasse

Veröffentlicht am 5. August 2014

Es ist eine kühle Nacht in São Paulo. Eine Gruppe aus Rechtsanwälten, Ingenieuren, Ärzten und Unternehmern versammelt sich in einem geräumigen, hell beleuchteten Salon im zweiten Stock eines Gebäudes, in der Ostzone der Hauptstadt. Sie sind ganz in Weiss gekleidet und präsentieren Blumen und Kerzen – jeder von ihnen hat seine persönlichen Gründe hier zu sein, alle haben jedoch eine gemeinsame Absicht: den afrikanischen Naturgottheiten “Orixás“ zu huldigen und ihnen ihre Körper als “temporäre Wohnung“ anzubieten.

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Dieses Ritual – sie nennen es “Gira“ in der Sprache der Umbanda-Religion – findet hier alle vierzehn Tage statt, begleitet vom Rhythmus der Trommeln und dem Gesang der Mitglieder, unter Leitung des Mediums, das sich selbst als “Priester der Umbanda“ bezeichnet.

Ausser den Prestige-Berufen der Mitglieder ist ein anderes Detail besonders interessant: Unter den zweihundert Anhängern beider Geschlechter, die in dieser Nacht anwesend sind, sind nur drei afrikanischer Herkunft. Die weisse Mehrheit dieser Versammlung ist symptomatisch für die neuzeitliche Zusammensetzung von Mitgliedern afro-brasilianischer Religionsgemeinschaften.

Wurden diese spiritistischen Zirkel früher mehrheitlich von Personen bescheidener Herkunft, geringer Schulbildung und schwarzer Hautfarbe frequentiert, so erobern jene Kulthandlungen afrikanischen Ursprungs – Umbanda, Candomblé und die Religion der Orixás – inzwischen zunehmend die gebildete weisse Mittelklasse Brasiliens. Nach Daten des IBGE (Brasilianisches Institut für Geografie und Statistik) sind heute 47% der Mitglieder von Afro-Kulthandlungen in Brasilien weiss, und 13% dieser Mitglieder haben ein Universitätsstudium absolviert – das sind mehr als der Landesdurchschnitt von 11%.

Die Rechtsanwältin Flora, 29 Jahre alt, ist ein typische Repräsentantin dieser wachsenden Anhängerschaft. Aufgewachsen in einer nicht praktizierenden, katholischen Familie, vermisste sie schon immer eine aktive Teilnahme an einer Religion. “Aber ich habe mich nicht wohlgefühlt in einer Kirche vollgestopft mit Dogmen und Regeln, an die ich nicht glaube“, sagt Flora. 2012, als sie die schwierige Auflösungsphase eines amourösen Verhältnisses durchmachte, entschied sie sich, in der “Umbanda“ Trost und Unterstützung zu suchen – sie absolvierte einen Kurs und begann in einem “Terreiro“ (Kultstätte) zu arbeiten.

Monate später jedoch lernte sie das “Candomblé“ kennen und lieben . . . Heute ist sie eine “Tochter“ des Priesters Armando und immer noch mit der Assimilation ihres neuen Glaubens beschäftigt. “Es ist als ob ich in meine Kindheit zurückkehre. Ich muss von Null anfangen – aber es ist ein sehr schöner Lehrstoff. Ich bin in eine Familie aufgenommen worden“, lächelt sie.

Der Spiritismus afrikanischen Ursprungs kam zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert nach Brasilien, im Kopf der Sklaven, die aus den afro-portugiesischen Kolonien zur Zwangsarbeit ins Land geschafft wurden – unter ihnen auch afrikanische Priester. Weil aber zu jener Zeit allein der Katholizismus als einzige Religion im Land akzeptiert wurde, mussten sich die Anhänger der “Orixás“ wie Christen verhalten – sie frequentierten deren Messen und huldigten deren Heiligen.

Aus dieser Mischung zwischen afrikanischer Tradition und europäischem Einfluss entstand der “Candomblé“ – er vereint die Huldigung der Orixás mit den Grundlagen des Katholizismus – und später die “Umbanda“, eine Mischung aus Orixá-Kult mit kardecianistischen Erkenntnissen (Seelenwanderungslehre) und indigenen Glaubensvorstellungen.

“Die afro-brasilianischen Religionen entstanden marginalisiert und gingen im Lauf der Zeit Verbindungen ein mit einflussreichen Leuten, die dazu beitrugen, die Vorurteile in der Gesellschaft zu verringern“, sagt ein Professor der Abteilung für Soziologie an der Universität von São Paulo (USP) und Autor des Buches “Mythologie der Orixás“.

Die Personen der Mittel- und Oberschicht integrieren sich schon seit langer Zeit in die Afro-Kulthandlungen, aber sie verhalten sich diskret, wegen ihrer gesellschaftlichen Positionen“, erzählt der Priester Rubens. “Aber ihre Integration, besonders in die “Umbanda, nimmt stetig zu“.

Profil der Anhänger

  • 588.797 Brasilianer erklärten, dass sie Anhänger der Religionen afrikanischen Ursprungs “Umbanda” oder “Candomblé“ seien.
  • 47% davon sind Weisse
  • 13% haben eine höhere Schulbildung – über dem nationalen Durchschnitt.
  • 7% verdienen mehr als fünf Mindestlöhne pro Monat.

Um den Bildungsgrad der Anhänger afrikanischer Religionen anzuheben, richtete man Schulen und Kurse für “Umbanda“ und “Candomblé“ ein, in denen die theologischen Begriffe hinter den praktizierten Aktivitäten der religiösen Zentren gelehrt werden. Es gibt sogar schon eine Fakultät der Umbanda-Theologie (FTU). Ein anderer Sektor prosperiert ebenfalls mit dem Zulauf der Wohlhabenden zu den afro-brasilianischen Kulthandlungen: der Kommerz mit den religiösen Kultartikeln.

Allein das Geschäft der “Mãe África“ (Mutter Afrika) – das grösste Unternehmen der Branche im Land – bietet mehr als zweitausend Artikel auf 340 Quadratmetern Verkaufsfläche an – der teuerste davon, eine Skulptur in Bronze, die eine Königin des afrikanischen Iorubá-Volkes darstellt, kostet 15.000 R$ (5.000 Euro). “Die Vorstellung, dass die Afro-Religionen etwas für ungebildete oder arme Leute seien, ist vollkommen falsch“, erläutert der Priester. “Heute besteht die ärmste Schicht der Brasilianer, die Basis der Gesellschafts-Pyramide, in ihrer Mehrheit aus evangelischen Christen“.

Die Unternehmerin Juliana (37) wuchs in einer katholischen Familie der Mittelklasse auf, deren Vorfahren einst aus Japan eingewandert waren. Sie hat persönlich die Veränderungen im Profil der Anhänger afro-brasilianischer Religionen miterlebt. Als sie dreizehn Jahre alt war, wurde sie zum ersten Mal von einem Onkel zu einem Umbanda-Kult mitgenommen, weil sie eine Heilung, oder zumindest eine Erklärung, für ihre Kopfschmerzen suchte, von denen sie andauernd geplagt wurde, und für die sie von Ärzten keine Erklärung bekam.

Während der sieben folgenden Jahre widmete sie sich der Religion, entdeckte sich selbst als Medium, zog sich dann aber aus den Ritualen zurück, um auf andere Art und Weisse ihre Spiritualität zu leben und kehrte erst im Jahr 2009 wieder zur Umbanda zurück. “Früher war es sehr selten, hier jemanden zu finden, der eine höhere Schulbildung hatte. Heute haben alle Leute in der Kultstätte, die ich frequentiere, einen Hochschulabschluss“, erzählt Juliana. Ihre religiöse Option offen zuzugeben, das ist allerdings heute genauso schwer wie vor zwanzig Jahren.

“Die Vorurteile existieren wie eh und je, manchmal scheinen sie sogar schlimmer als früher wegen der Zunahme der evangelischen “neocharismatischen Bewegung“, deren Mitglieder sind gegen die Afro-Kulte“, sagt sie. „Sie sehen die Religionen afrikanischer Herkunft als ihr Feindbild an, und diese aggressive Gegnerschaft trägt dazu bei, dass die die ungebildetsten und bescheidensten Afro-Anhänger wegbleiben“, ergänzt der Priester.

Die neuen Anhänger der Mittelklasse legen ihrerseits Wert darauf, ihre Religiosität nicht zu verbergen. Das ist auch der Fall beim Arzt Rogério (38), der seit sieben Jahren bereits Mitglied der Orixá-Religion ist. Jedes Mal, wenn er den Priester Babá, des Oduduwa-Tempels in Mongaguá (São Paulo), begrüsst, kniet der Arzt für Allgemeinmedizin nieder und drückt seine Stirn auf den Zementboden, als Zeichen seiner Ehrerbietung – auch wenn er sich im Hospital befindet, indem er arbeitet.

“In dieser Religion gibt es keine Vorurteile, und wir respektieren jeden Menschen so wie er ist“, sagt Rogério. “Hier kommt es nicht darauf an, wer mehr oder wer weniger verdient – hier sind wir alle gleich“!

Aus afrikanischen Wurzeln

Die drei bedeutendsten Zweige des afrikanischen Spiritismus in Brasilien sind:

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Religião dos Orixás

Stammt in erster Linie aus Nigeria, wird als Original-Religion angesehen, aus der “Umbanda“ und “Candomblé“ hervorgegangen sind. Wurde durch die “Iorubá“ (afrikanische Ethnie) im 19. Jahrhundert nach Brasilien gebracht. Huldigt den “Orixás“ ohne Synkretismus. In ihr gibt es den Begriff von “Böse“ nicht und auch keinen „Teufel“.

Candomblé

Huldigt ebenfalls den “Orixás“ (Gottheiten der Natur), jedoch mit einigen Referenzen gegenüber dem Katholizismus, indem man Parallelen zwischen den afrikanischen Gottheiten und den katholischen Heiligen zieht. So wie die Original-Religion bedient sie sich des “Orakels der Muscheln“ und macht ebenfalls keinen Unterschied zwischen Gut und Böse.

Umbanda

In Brasilien zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Vereint Elemente aus dem Orixá-Kult mit kardecianistischen Erkenntnissen und einigen indigenen Glaubensvorstellungen. Huldigt “Orixás“ und Heiligen des Katholizismus. In ihren Ritualen beschwört sie die Afro-Gottheiten, die sich in den in Trance versetzten Medien manifestieren. Sie unterscheidet zwischen Gut und Böse.