Wahlpotential von “Mehr Ärzte” alarmiert Medien und Opposition

Veröffentlicht am 1. September 2013

Am Nachmittag des letzten Samstags gab der Gesundheitsminister Alexandre Padilha im Hauptsitz des Gesundheitsministeriums in São Paulo (er hatte den Vorsitz), Interviews an Blogger mit dem Ziel, die Welle der Kritik am Programm “Mehr Ärzte”, (Ärzteimport, v.a. aus Kuba, Anm. d.Ü.) zu bekämpfen, die in den schrillsten Bereichen der Ärzteschaft begann, sogleich die Sympathie der Opposition der Regierung Dilma Rousseff gewann und einen beträchtlichen Teil der grossen Presse.

Drei Stunden lang antwortete Padilha den Bloggern – unter ihnen auch der, der hier schreibt – auf alle Fragen, Anklagen und alarmierenden Vermutungen, die von Gruppen der Klasse der Mediziner formuliert werden und die unkritisch von einem guten Teil der grossen Presse übernommen werden.

Wer Geduld und Zeit hat, kann das Interview im Video am Ende der Reportage ansehen. Die Teilnahme dieses Bloggers (hier) und die Antwort des Ministers kann man ab 2:14:29 im Video finden.)

Ich formulierte eine Frage dazu, ob es Pläne für politische Massnahmen gäbe, Ärzte in Regionen und sozialen Klassen auszubilden, die solche Berufstätigen nicht haben und auch, die den Medizinstudenten eine humanere und weniger kommerzielle Sicht des Berufes vermitteln sollten.

Während des Interviews machte ich zum Minister eine Bemerkung über die wachsende Unterstützung der Gesellschaft für das Programm (MAIS MÉDICOS), die von einer Untersuchung von Datafolha Mitte dieses Monats erstellt wurde. Sie enthüllte, dass die Befürwortung die Ablehnung übersteigt. Die Befürwortung hat in dieser Umfrage 54% erreicht, während die Ablehnung auf 40 % zurückfiel.

Die Antwort Padilhas sagte alles über die Erwartungen der Regierung Dilma in Beziehung auf “Mehr Ärzte”:
“Und das Programm hat nicht einmal begonnen zu funktionieren…”

ABr082413VCVAC_8519Diese Antwort bedeutet Folgendes: wenn die einfache Erwartung der Einsetzung des Programms “Mehr Ärzte” schon die mehrheitliche Sympathie erobert hat, – und zufolge von noch nicht bestätigten Informationen, steigt diese weiter in der Bevölkerung – wird der positive Effekt des Programms in der Beliebtheit der Regierung und des Gesundheitsministers noch viel grösser sein müssen, wenn abgelegene Städte oder Stadtviertel, die keine Ärzte haben, endlich Ärzte bekommen werden.

Man merkt, dass die Wiedergewinnung der Popularität von Präsidentin Dilma schon auf irgendeine Weise dem Programm “Mehr Ärzte” angerechnet werden kann. Vor allem wegen der arroganten, elitären und unsensiblen Haltung der Behörden der Ärzteschaft, der Opposition und Teilen der Medien, die nicht mehr wissen, was sie noch erfinden sollen, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass das Programm nicht gut ist.

Fakt ist, dass die Vorwände der Ärzteschaft, der Medien und der Regierungsopposition, mit denen sie das Programm “Mais Médicos” angreifen, mehr als an den Haaren herbeigezogen sind.

Anfangs sagten sie, dass die kubanischen Ärzte nicht mehr als “curandeiros” (spirituelle Heiler) seien und entschuldigten das Desinteresse der brasilianischen Ärzte, in diesen verarmten und entlegenen Regionen zu arbeiten mit dem “Fehlen von Infrastruktur”, ohne die sie ihren Beruf dort nicht ausüben könnten. Aber das hat niemand geglaubt.

Frisch veröffentlichte Studien des Gesundheitsministeriums zeigen, dass die Zahl der Ausstattung für das Gesundheitswesen – die sogenannte “Infastruktur”, über die sich die Ärzte beklagen, in den vergangenen 5 Jahren mehr als die Anzahl der Ärzte gestiegen ist. Und vor allem, dass vollständig ausgestattete Krankenhäuser am Mangel von Spezialisten leiden.

Im Folgenden die hauptsächlich fehlenden Spezialgebiete in den abgelegenen und verarmten Regionen des Landes:

  • Pädiatrie/Kinderheilkunde
  • Neurologie/Nervenheilkunde
  • Anästhesiologie/Narkose
  • Neurochirurgie
  • Allgemeinmedizin
  • Radiologie
  • Kardiologie
  • Nephrologie/Nierenheilkunde
  • Psychiatrie
  • Gynäkologie/Frauenheilkunde
  • Orthopädie
  • Allgemeinchirugie

Den Theorien über die Ausbildung der ausländischen Mediziner (vor allem der Kubaner) ist also die Luft aus den Segeln genommen. Die kubanischen Ärzte haben exzellente Noten und ein hohes Qualitätsniveau im Gesundheitswesen ihres Landes. Kuba hat sogar bessere Gesundheitsindikatoren als die USA! Und an die Theorie der “fehlenden Infrastruktur” glaubt auch niemand mehr. Angesichts dieser Tatsachen haben sich Ärzteschaft und mediale Opposition mit ihrem Geschrei eine neue Zielscheibe gesucht.

Mit dem Diskurs des Staatsanwalts des Ministeriums für Arbeit, der mit der aus Konservativen, Medien und Ärzten bestehenden Rechten sympathisiert, appellieren diese nun an die Bedingungen von “Sklavenarbeit”, der die kubanischen Ärzte unterworfen werden sollen, da sie ihre Gehälter von ca. RS 10.000 für die Dienstleistungen im Land nicht direkt erhalten werden.

Die Gehälter werden an die Regierung Kuba’s gezahlt, die den nach Brasilien geschickten Ärzten ca. ein Viertel dieses Betrags auszahlen wird. Alles in Allem sind für einen kubanischen Staatsbürger ein Gehalt von ca. 1000 US-Dollar mit Haus, Verpflegung und weiteren Vergütungen ein Vermögen. Sie werden viel mehr verdienen, als sie in ihrem Land verdienen würden und niemand könnte sich vorstellen, dass sie in Sklaverei leben, nur weil sie ein Gehalt bekommen, das nur wenige Brasilianer verdienen!

Darüber hinaus waren viele der nicht kubanischen Ärzte, die gerade ankommen, in ihren Heimatländern arbeitslos, was die Ausübung ihres Berufes in Brasilien noch viel lohnender macht.

Um diese Geschichte ein für alle Mal zu begraben, genügt es zu wissen, dass die Vereinbarung zwischen Brasilien und Kuba von der OPAS (Panamerikanische Gesundheits-Vereinigung) gegengezeichnet wurde, die diese Art von Vereinbarung zwischen der karibischen Insel und 58 Ländern besiegelt hat, die kubanische Ärzte bekommen haben.

Für alle, die nicht wissen, was die OPAS ist, es handelt sich um eine auf Gesundheitswesen spezialisierte Organisation. Sie wurde 1902 gegründet und ist die älteste internationale Vertretung für Gesundheit der Welt. Sie ist ein Organ mit einem Jahrhundert an Erfahrung, die sich der Verbesserung der Gesundheitsbedingungen in den amerikanischen Ländern widmet. Die OPAS/OMS gehört auch zum System der Organisation der USA (OEA) und der Organisation der Vereinten Nationen (UNO).

Man kann sich nicht vorstellen, dass eine Organisation wie diese “Sklavenarbeit” unterstützen würde, oder?

Über alles hinaus, was ärztliche Vereinigungen getan haben, um die Bevölkerung falsch zu informieren, die durch “Mehr Ärzte” begünstigt wird, sagen sie jetzt, dass sie die “Polizei rufen” werden, um kubanische Ärzte festzunehmen, die im Land ihren Beruf ohne ihre Billigung ausüben würden.

Diese Erklärung ist lächerlich und hat keine rechtliche Basis. Padilha zufolge werden alle rechtlichen Mittel der ärztlichen Vereinigungen nacheinander entkräftet. Die Vereinigungen werden die vorläufigen Massnahmen erfüllen müssen, die von “Mais Médicos” geschaffen wurden, und vorläufige Dokumente zur Berufserlaubnis ausstellen müssen, die den ausländischen Ärzten gestatten, im Land zu arbeiten.

Es ist offensichtlich, dass sie nur Theater machen.

Die Gründe für all’ diese Gegnerschaft gegenüber einer Massnahme, deren Vorteile für die Mangel leidende Bevölkerung mehr als offensichtlich sind, teilen sich deshalb in innungsbedingte (der Ärzteschaft) und politische. Was die Opposition der Ärzteschaft gegen Mais Médicos angeht, haben wir im Gesundheitsministerium das Gefühl, dass sie sich zwischen Vorurteil, Stolz und Gewinnsucht aufteilt.

Das Vorurteil ist ideologisch (vor allem im Fall Kubas), rassistisch und von sozialem Klassendenken, denn die brasilianischen Ärzte gehören entweder zur oberen Mittelklasse oder sind wirklich reich, von absolut wenigen Ausnahmen abgesehen.

Der verletzte Stolz der schreienden Ärzte kommt daher, dass sie schlecht dastehen, wenn die Gesellschaft realisiert, dass ihnen nur sehr wenig am brasilianischen Volk gelegen ist und dass sie nur an ihre persönlichen Annehmlichkeiten denken, obwohl die grosse Mehrheit der Universitäten, an denen sie studiert haben, öffentlich sind, sodass sie kostenlos studiert haben, auf Kosten der gesamten Bevölkerung.

Die Gewinnsucht aber verdankt man der Tatsache, dass mit dem Mangel an Ärzten die Gewinne derjenigen, die in solche abgelegenen Regionen gehen wollen, exorbitant werden. Die schreienden Ärzte wollen den Markt in diesen Regionen, für alle Fälle, für sich reservieren.

Aber der Brennpunkt dieses Posts sind die politischen Gründe der Medien und der Opposition, das Programm “Mehr Ärzte” abzulehnen. Denken Sie sich, lieber Leser, was mit dem Bild der Regierung Dilma in diesen ca. 700 Regierungsbezirken geschehen wird, an denen keiner der von der Regierung aufgeforderten Ärzte Interesse hatte, dort zu arbeiten. In einigen dieser Orte gibt es alte Menschen, die noch nie beim Arzt waren…

Über das Ansehen der Regierung Dilma hinaus gibt es einen anderen Bonus für die Arbeiterpartei (PT), das von “Mais Médicos” ausgehen wird. Alexandre Padilha wird seit langem als Kandidat für den Gouverneursposten in São Paulo im kommenden Jahr in Betracht gezogen.

Ich habe den Minister am Ende des Interviews (“in off”,d.h. bei ausgeschalteten Mikrofonen) danach gefragt und er hat diese politische Bestrebung verneint. Es war mir klar, dass er das tun würde. Trotzdem wird der Gewinn an Popularität, den er erzielen wird (vor allem wenn das Programm zu funktionieren beginnt), seinem Namen sehr viel Ansehen verleihen zur Nachfolge Geraldo Alckmins (aktueller Gouverneur von São Paulo, das seit vielen Jahren von den Konservativen regiert wird, Anm.d. Ü.). Und so wird er sich vermutlich verpflichtet fühlen, der Aufforderung der Bevölkerung Folge zu leisten.

“Mehr Ärzte für Brasilien”

Lerne das Profil der kubanischen Ärzte kennen, die in den 701 Städten arbeiten werden, die nicht von brasilianischen und anderen ausländischen Ärzten ausgewählt wurden:

  • 89 % sind älter als 35 Jahre. Der repräsentative Altersdurchschnitt ist von 41-50 Jahren (65% von der Gesamtzahl).
  • 84% haben über 16 Jahre Erfahrung in Medizin.
  • Sie haben in grossen Umfang mit tropischen Erkrankungen gearbeitet.
  • Sie sind an schwierige Situationen gewöhnt.
  • 100% haben schon Aufträge in anderen Ländern erfüllt (Haiti, Bolivianisches Amazonien und Venezuela), davon haben 42 % schon an 2 oder mehr Aufträge erfüllt.
  • 100 % von ihnen haben Spezialisierungen in Familienmedizin und Gemeinde-Medizin, davon haben 20 % einen Master-Degree in Gesundheitswesen und 28 % andere Postgraduierten-Kurse.
  • Es werden diejenigen bevorzugt, die Portugiesisch sprechen, weil sie schon an anderen Aufträgen in Ländern portugiesischer Sprache teilgenommen haben.
  • Quelle : Gesundheitsministerium Brasilien

Interview der Blogger mit Gesundheitsminister Padilha auf Youtube