Das Fest der Pequi-Palmfrucht

Veröffentlicht am 7. November 2011

Die Kuikuro-Indianer, vom Xingu (Bundesstaat Mato Grosso) präsentieren das Fest der Pequi-Palmfrucht – die auch wild wächst und eine wertvolle Bereicherung ihres Speiseplans darstellt – deshalb wird ihre Ernte dankbar mit viel Gesang und Tanz gefeiert.

pequiDie Pequi (Caryocar brasiliense) ist eine der Früchte mit höchstem Gehalt an Vitamin A – auch B und C sind anteilig enthalten – ausserdem Proteine und andere Mikronährstoffe. Mit ihrem Fruchtfleisch wissen die Frauen verschiedene Gerichte zu bereiten. In einer Pequi-Süssspeise, zum Beispiel, ist kein Zucker im üblichen Sinn enthalten – denn an diesem Ort wächst kein Zuckerrohr – sondern die Süsse wird erreicht, indem die Frauen die süssesten Pequi-Früchte stundenlang kochen, bis der Fruchtzucker sich löst und sich auf dem Boden des Topfes absetzt.

Ein Gericht, welches alle Kuikuro verehren, ist die Pequi-Suppe. Sie besteht aus klein geschnittenen Pequi-Früchten, Wasser und grünem Pfeffer. Ein Gericht mit Salz. Und dieses Salz gewinnen sie aus der aquatischen “Aguapé-Planze“ (Eichhornia), die in Seen und Flüssen der Region relativ häufig ist. Nach dem Trocknen der Pflanze in der Sonne, wird sie verbrannt. Die Asche hat einen pikanten Geschmack, der an Meerrettich erinnert. Das Öl der Pequi-Frucht wird aus dem Fleisch und den Kernen gepresst – es ist reich an Betacarotin. Mit ihm pflegen die Frauen ihre Haare und schützen auch die Haut gegen die intensive Sonnenbestrahlung.

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Kuikuro
Pajé
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Die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen ist perfekt definiert im Dorf der Kuikuro. Die landwirtschaftlichen Produkte vom Feld zu holen, ist zum Beispiel Aufgabe der Frauen. Deshalb gibt es innerhalb der Menschenmenge, die auf die Felder strömt, um Gemüse und Früchte für das grosse Finale des Festes zu ernten, nur Frauen und Kinder. Sie wandern fröhlich lachend und singend durch eine Allee von Pequi-Palmen, die einst von den Männern ihres Dorfes gepflanzt wurden.

Die Aufgabe, Wald zu roden und Felder anzulegen ist Männersache. Und nur Männer können die Funktion eines Dorfhäuptlings ausüben. “Afucaca“ hat den Job von seinem Vater geerbt. Er wohnt in einer Hütte mit seiner Familie. Zwei Frauen, Schwestern, sind seine Ehefrauen. Dort ist es Brauch, dass ein Mann mehr als eine Frau haben darf. Insgesamt haben sie neun Töchter und nur einen Sohn.

Der Häuptling sagte uns, dass er Samen aus der diesjährigen Ernte sammeln will, um seiner jüngsten Tochter, Dieré, ein Pequi-Feld anzulegen. Er erklärt, dass dies zur Tradition der Kuikuro gehört: für jedes neu geborene Kind muss der Vater die Bäume pflanzen, die in Zukunft dessen Ernährung sicherstellt.

“Und dann, wenn die Kinder und Enkelkinder heranwachsen, übernehmen sie die Kontrolle der Feldarbeit. Ich werde fünfzig Fuss für meine Jüngste pflanzen, und sie kann dann in zehn Jahren anfangen, die Früchte zu ernten“, schätzt der Häuptling.

Er und sein Sohn Tauaragui wandern in Richtung auf die Felder. In einem Körbchen haben sie die Pequi-Samen untergebracht, die sie für Dieré in den Boden stecken werden. Eine Pequi-Pflanzung wird stets in der Mitte eines Maniokfeldes angelegt. Sie nutzen ein Maniokfeld drei Jahre lang. Dann überlassen sie das Feld allein den jungen Pequi-Palmen. Afucaca legt Wert darauf, dass sein Sohn ihn bei diesem Ritual begleitet – sie betrachten das Einpflanzen von Samen als ein Ritual – mit Gebet und allem, was dazu gehört.

Tauaragui befindet sich in Vorbereitungen zur Übernahme der Häuptlingsposition seines Vaters. Wenn er stirbt, ist er der neue Chef und übernimmt die Aufgabe, die Tradition seines Volkes aufrecht zu erhalten.

Afucaca erklärt seinem Sohn, das die Pflanzfurche flach sein muss und man das Samenkorn stets mit dem “Auge“ nach oben einlegen muss – denn aus ihm entwickelt sich der Keim.

Im Dorf gibt es einige sehr alte Pflanzen. Sämtliche Bäume, die Früchte für das Fest liefern, wurden vor mehr als fünfzig Jahren gepflanzt. Der Agraringenieur Marcus Schmidt, vom “Istituto Sócio Ambiental“ – einer GNO, die am Xingu arbeitet, hat eine Inventur hinsichtlich der von den Indianern gepflanzten Pequi-Bäume gemacht:

“Es ist eine Schätzung von um die 14.000 Pequi-Palmen heraus gekommen. Einer der grössten Reichtümer dieser Gegend dank der Umsicht der Indianer. Wenn Brasilien einst das gesamte Potenzial der Pequi-Frucht entdecken wird, dann haben die Indianer bereits den wichtigsten Part erledigt – das kann man hier deutlich erkennen“, sagt der Ingenieur.

Die Pequi vom Xingu ist eine Amazonensische Spezies, die zur botanischen Familie der Cariocáceae gehört, derselben wie die Pequi des Cerrado. Der Unterschied besteht in erster Linie aus der enormen Grösse jener Spezies vom Xingu – die von den dort lebenden Indianern bereits seit Hunderten von Jahren kultiviert wird. Die Pequi-Frucht, welche wir vom Cerrado-Gebiet kennen, hat einen gelblichen Kern. Am Rio Xingu gibt es unterschiedliche Varianten – weisse, orangene und gelbe. Einige haben Stacheln, aber alle sind saftig und süss.

Die Frauen sammeln die Früchte ein und entnehmen ihnen die Kerne auf dem Feld. Das erleichtert ihnen den Transport des Fruchtfleisches bis ins Dorf, das unter Umständen einige Kilometer entfernt sein kann. Sie laufen bepackt mit den Körben bis auf den Platz in der Dorfmitte, wo sie dann den Inhalt auf einen Haufen schütten.

Am Ende der einlaufenden Frauenschlange folgen die Männer. Die Frauen schwitzen so unter der Last der schweren Körbe in der Tageshitze, dass sie sich im Verlauf der Wanderung ihrer Kleider entledigen – ihre Ankunft im Dorf wird mit allgemeiner Freude quittiert.

Der Häuptling erscheint, um den Tanz zum Abschluss des Festes anzukündigen. Männer, Frauen und Kinder verlassen ihre “Ocas“ (Hütten), um am Pequi-Tanz teilzunehmen. Der Tanz ist zu Ehren des “Beija-flor“ (Kolibri), dem Bestäuber und “Herrn des Pequi“.

Der Tanz wird hitziger – man strömt ins Haus des “Dono da Festa“ (dem gewählten Gastgeber des Festes), wo die üblichen Provokationen zwischen Männern und Frauen hin und herfliegen – viele Männer machen “schmutzige Bemerkungen“ sexueller Art gegenüber den Frauen, was deren Zorn anstachelt. Das Ganze ist ein Spiel, aber wer es beobachtet, fühlt sich etwa so wie als drittes Rad bei einem Ehekrach.

Ein Mann, der die Frauen anscheinend tief gekränkt hat, wird aus der Hütte geschleift – aber selbst unter Beistand eines seiner Freunde, gelingt es ihm nicht, sich aus den ihn umschlingenden Krallen der beleidigten Frauen zu befreien. Der Mann verteidigt sich, greift aber die Frauen nicht tätlich an. Uguissapa, der “Herr des Festes“, interveniert und befreit den Mann endlich aus den Krallen der Frauen. Die aber sind offensichtlich noch ausser sich über dessen Unverschämtheiten.

Langsam kehrt wieder Friede ein, und Gesang lockert die Gemüter. Das Fest dauert länger als eine Woche und endet erst, wenn die letzten reifen Pequi-Früchte auf den Boden gefallen sind. Im nächsten Jahr wird eine neue Ernte das Dorf in Bewegung bringen. Neue Pflanzungen werden angelegt für die Neugeborenen, und das Pequi-Aroma wird wieder Tanz, Gesang und die Musik der Kuikuro vom Xingu inspirieren.