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Cracolândia – Menschen im Vorhof der Hölle » Seite 2

Veröffentlicht am 6. April 2014

Die Stadtregierung möchte die vom Crack-Virus befallene Region endlich neu aufbereiten. Sie hat Milliarden Reais in ein neues Museum der Portugiesischen Sprache investiert und hat Pläne für eine neue Kunstschule. Haddad verspricht, dass er auch Sozialwohnungen für Strassenbewohner zur Verfügung stellen wird. Die Regierung hofft auf privates Kapital für diese Unterbringungspläne. Aber das scheint schwierig, wenn die wenigen noch existierenden lokalen Geschäftsleute sich andauernd über die Diebereien und die Gewalt jener drogenabhängigen Kommune beklagen.

In einer lokalen Wäscherei, zum Beispiel, erzählt die Belegschaft, dass sie beim besten Willen nicht mehr sagen könnte, wie viele Male sie von Drogensüchtigen überfallen und bestohlen worden seien – so drei- bis viermal pro Woche sei die Regel.

“Der neue Bürgermeister hat versprochen, die Crack-Typen von hier wegzuholen und Unterkünfte für alle zur Verfügung zu stellen. Aber ich glaube nicht daran – das ist wieder so eine leere Wahlpropaganda“, sagt Maria, eine Angestellte der Wäscherei.

Unter der vorhergehenden Administration hat die Polizei eine Kampagne gestartet, Drogenhändler einzulochen und heimatlose Menschen aus öffentlichen Gebäuden zu vertreiben. Strassenbewohner erzählen, wie brutal ihre Methoden waren. “Ich schlief irgendwo, als mir ein Polizist die Decke wegriss – dann, als ich zu mir kam, schlug er auf mich ein. Er brach mir drei Rippen,“ sagte ein Betroffener aus, der seit zwanzig Jahren auf der Strasse lebt. “Sie versuchen immer noch, uns zu vertreiben, denn die lokalen Bewohner und Geschäftsleute hetzen sie auf, sich unserer zu entledigen“.

“Ein Kind wurde von einem Gummigeschoss am Hals getroffen – eine schwangere Frau haben sie an den Haaren über die Strasse geschleift – ein Kerl hat alles gefilmt und wurde verhaftet“, berichtet eine schluchzende Frau. “Als ein Mann erschossen wurde, haben die Gaffer protestiert“ – sagt eine andere. “Die meinen, dass man uns hier wegkriegt, wenn man uns demütigt und auf uns einknüppelt. Die glauben, dass wir “Cracker“ gefährlich sind, aber das Gegenteil ist der Fall: Gefährlich sind die Polizisten – sie schlagen uns, verhaften und verderben unser ganzes Leben“!

Dies sind Aussagen, die von einer Sozialwissenschaftlerin am Tag nach einer jener rücksichtslosen Säuberungsaktionen der Polizei in Cracolândia gesammelt worden sind. Geschehen am 23. Januar 2014, zwei Tage vor dem Geburtstag der grössten brasilianischen Metropole. Diesmal hatte die Präfektur ihrem Säuberungs-Programm den zynischen Titel “Programa Braços Abertos” (Offene Arme) gegeben – einem weiteren Kapitel dieser historischen, staatlich gelenkten Polizeigewalt, die lediglich von Jahr zu Jahr an Menschenverachtung zunimmt.

Ein erwähnter Betroffener hat bis zu vierzig Crack-Kugeln pro Tag geraucht – jetzt befindet er sich im Reha-Zenter “Complexo Prates“ und ist seit einigen Monaten “clean“.
Diese Einrichtung ist bemerkenswert. Es gibt da eine Gesundheits-Einheit, die um die 100 Fälle pro Tag behandelt – bezüglich Einschätzung, Verschreibung von Antidepressiva, Beratungs-Sitzungen und verschiedene Arten von Therapien.

Einwohner, die aus freien Stücken kommen, können Domino oder Tischfussball spielen, Kunstkurse besuchen oder Lesen und Schreiben lernen. Es gibt einen Computer-Raum, und insgesamt können 110 Erwachsene und 20 Jugendliche auch zur Übernachtung untergebracht werden, und ein Speisesaal liefert vier Mahlzeiten pro Tag.

Die Mentale Gesundheits-Koordinatorin für die Zentrale Westregion der Stadt São Paulo, glaubt, dass das Crack-Thema von den Medien hochgespielt worden ist. Es gibt keine grosse Zunahme an Suchtkranken in São Paulo, und die zwangsweise Intervention ist keine Neuerscheinung. “Wir behandeln mehr, und wir bringen mehr Leute unter. Wir haben das Problem unter Kontrolle – es ist nicht schlimmer geworden“, insistiert sie.

Wie auch immer, der Gesundheitsminister Alexandre Padilha sagt, dass die landesweite Situation epidemische Formen angenommen hat. Vergangenen Dezember kündigte Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff einen Plan von 4 Milliarden Reais (1,3 Milliarden Euro) an, um damit die Suchtgefahr durch erzieherische Massnahmen abzuwenden, sowie durch Training und zur Verfügungstellung von mehr Rehabilitations-Personal und Betten, in den Griff zu bekommen. Jedoch läuft dieser Plan viel zu langsam an.

Agência Brasil210113MCSP-4-CrackSão Paulo, die Stadt, welche eigentlich als Modell für die Suchtbekämpfung dienen sollte, hat bisher nur 700 Betten zur Verfügung für das grossartige Vorhaben – diese Zahl soll im nächsten Jahr auf 1.100 Betten wachsen. In anderen Städten herrscht noch viel grösserer Mangel. Die grössten Wachstumsraten der Drogen haben sich inzwischen auf das Interior und die nördlichen Regionen des Landes verlagert – viele von ihnen haben nun ihre eigenen Cracolândias.

Kritiker wenden ein, dass es im Plan der Autoritäten eine fundamentale Schwachstelle gibt, und die bestünde darin, dass sie das Ausmass des Problems weder in seinem Gesamt erkannt, noch die Effektivität unterschiedlicher Behandlungsweisen durch Studien belegt haben. Es existiert kaum Koordination zwischen den verschiedenen Zweigen der Regierung. “Das Geld wird für nichts verschleudert. Das macht mich so zornig“, sagt der Direktor des “Nationalen Instituts für Alkohol- und Drogenpolitik“, an der Staatlichen Universität von São Paulo (USP). “Wenn ich mit meinen Kollegen in der Regierung spreche, merke ich, dass sie keinen Schimmer haben. Ich glaube auch nicht, dass sie überhaupt einen Plan haben. Das ist ein Skandal. Ihre Handlungen sind chaotisch“.

„Cracolândia ist der Tiefststand in einer Gesellschaft“, sagt er. “Es ist eine Verirrung, die in keinem anderen Land erlaubt wäre. Wir müssen diese Leute von den Strassen wegbekommen“! Er unterstützt eine zwangsweise Intervention aus Gründen der Gleichberechtigung. Er fügt hinzu, dass eine unfreiwillige Intervention in der Regel nur bei Suchtkranken aus Familien der Mittelklasse angewendet würde, deren Eltern oder Angehörige Ärzte für die Behandlung bezahlen. Aber dieselbe Behandlung sollte für alle Betroffenen erschwinglich sein, sagt der Regierungsberater.

“In extremen Fällen brauchen die Crack-Süchtigen eine unfreiwillige Behandlung. Das ist aber keine Bestrafung… das ist auch keine Frage von Freiheit oder eingesperrt sein. Diese Menschen sind richtig krank. Sie brauchen unbedingt eine Kurzzeit-Behandlung von mindestens einem Monat.“

Es ist nicht schwer, Crack-Raucher zu finden, die dem zustimmen. “Ich finde, eine Behandlung muss unter Zwang geschehen. Als Suchtkranke weiss ich, wie gut man sich unter Drogen fühlt, und wie schwer es ist, ihnen zu widerstehen. Wenn du high bist, hast du keine Kontrolle mehr über dich,“ sagt Isa, die nun zurück in der Reha ist.

Voll jugendlicher Energie grinst und gestikuliert sie, während sie über ihren Versuch spricht, neu anzufangen. “Ich fühle mich schon besser. Seit einer Woche bin ich “clean“. Das Personal hier behandelt mich gut, so als wären sie meine Eltern.”

Es existiert tatsächlich eine enge Bindung zwischen ihnen und Isa. Aber nächste Woche wird sie achtzehn, und dann kann sie nicht länger als Jugendliche behandelt werden. Das heisst, eine ganze Menge weniger Unterstützung vom Staat und ein erhöhtes Risiko, doch noch in Cracolândia zu enden. Im Moment fühlt sie, dass sie nirgendwo anders hingehen kann, auch nicht zurück woher sie kam.

Wenn ich nach Hause zurück ginge, wäre das keine Hilfe – meine ganze Familie ist süchtig“.

Mit der geschrumpften Cracolândia-Kommune muss sich Isa auch damit abfinden, dass sie ihre Mutter wohl nicht so bald wiederfinden wird. “Sie hat mir versprochen, dass sie an meinem achtzehnten Geburtstag bei mir sein würde, aber ich glaube nicht, dass das klappt“.

Was haben nun all diese spektakulären, von der Staatsanwaltschaft promovierten, Säuberungsaktionen eigentlich gebracht? Nicht viel mehr als unvorstellbares Leid für die Betroffenen, deutliches Scheitern sämtlicher politischer Strategien und eine willkommene Steigerung der Medienauflagen.

Die Crack-Süchtigen kommen an einem Treffpunkt wie Cracolândia zusammen, weil sie aus anderen Orten durch Konflikte mit ihren Familien, Drogendealern, oder der Polizei vertrieben worden sind – oder weil sie ein solches Zentrum als letzte Zuflucht in einer Stadt ansehen, die sie sonst nirgendwo anders duldet. Eine erweiterte historische Perspektive beweist klar und deutlich die Unwirksamkeit einer polizeilichen Repressionspolitik gegenüber den Drogenabhängigen, zumal diese aus den unterschiedlichsten Regionen des Landes hier zusammenströmen. “Cracolândia“ ist ein Problem des ganzen Landes – ein Problem jeder einzelnen brasilianischen Grossstadt.

Und man sollte nicht unerwähnt lassen, dass eine zunehmende Behandlung der Drogensüchtigen gleichzeitig den Krieg und die Kriminalisierung der Dealer vervielfacht – und so ihre Einkerkerung in Massen erhöht. Wenn man nicht endlich den Markt lahmlegt, der die Drogen zum Weiterverkauf anbietet, sondern stattdessen nur die kleinen Dealer von Cracolândia schnappt und einbuchtet, dann provoziert man lediglich eine Substitution dieser kleinen “Angestellten“ – die im Gefängnis allerdings erst zu richtigen Verbrechern “erzogen“ werden. Es ist also unumgänglich, eine strategische Politik für Drogenabhängige zu entwickeln und für Dealer ein ganz andere – ansonsten läuft man Gefahr, dass man die bisherigen Fortschritte wieder zunichte macht.

Wenn es so aussah, als ob die “Offenen Arme“ der Öffentlichkeit, gegenüber dem Problem “Cracolândia“, das Ende des Repressionstunnels für die kleinen Dealer beleuchten würden, so haben die letzten Wochen gezeigt, dass die Fortschritte in der Politik noch von zahlreichen Stolpersteinen, innerhalb des Regierungsbereiches selbst, behindert werden. Die kleinen Dealer zu verhaften, scheint immer noch die einzige Politik in einem innerstaatlichen Konsens zu sein, um dem Problem “Cracolândia“ beizukommen. Und das ist leider zu wenig.