Cracolândia – Menschen im Vorhof der Hölle

Veröffentlicht am 6. April 2014

Brasilien wird heute, nach den USA, von der grössten Crack-Epidemie der Welt heimgesucht. In der Metropole São Paulo, dem Zentrum des Crack- und Kokainmissbrauchs, (Cracolândia) hat sie sich inzwischen über drei Bezirke der Innenstadt ausgebreitet – in siebzehn Strassen präsentieren sich Suchtkranke in einer wahren Horror-Show, die von Zynikern als “Humaner Zoo“, von anderen als “Zombie-Attraktion für den Tourismus“ bezeichnet wird. Der gebräuchlichste Name für die Gegend ist jedoch “Cracolândia“ (Crack-Land).

INTERNACAO COMPULSORIA CRACKDie Drogensüchtigen, viele von ihnen in schmutzige Decken gehüllt, liegen auf dem Asphalt oder auf vergammelten Sofas herum. Andere schlurfen durch die Strassen, offensichtlich ohne ihre Umgebung wahrzunehmen. Niemand versucht das Übel zu verbergen, weshalb sie hier sind: Crack-Kokain – eine Droge, die offen und überall in Form von weissen Kügelchen geraucht wird, die zwischen R$ 3.00 und 10.00 (1.00 bis 3.00 Euro) kosten.

Noch vor einem Jahr war dieses Gebiet im Herzen der grössten Stadt Südamerikas als so gefährlich verrufen, dass sich nicht einmal die Polizei hinein wagte. Untersuchungen haben erbracht, dass eine von drei Personen innerhalb von fünf Jahren auf jenen Strassen stirbt, in der Regel durch Gewalt. Als den Autoritäten endlich klar wurde, dass dieser gesellschaftliche Tumor sich immer weiter ausbreiten würde, begannen sie mit einer Reihe von widersprüchlichen Initiativen, um dieses sichtbare Symptom einer kranken Gesellschaft einzudämmen.

São Paulo, ist die grösste Metropole und das Wirtschaftszentrum des Subkontinents Südamerika. Im Jahr 2005 begann die lokale Präfektur mit der Schliessung von Bars und Stundenhotels im Stadtzentrum, die als Basis des Drogenhandels und der Prostitution stadtbekannt waren. Das Polizeiaufgebot wurde verstärkt, um den lokalen Drogenkonsum zu unterbinden, Strassenbewohner wurden mit Gewalt vertrieben. Hunderte von Immobilien wurden enteignet. Ziel des Programms, das man bezeichnender Weise als “Operação Limpa“ (Säuberungsoperation) bezeichnete, war eine Sanierung der Gesamtregion, um sie wieder attraktiv für private Investitionen zu machen – Platz zu schaffen für Unternehmen der Immobilienbranche.

Kritiker des Programms beklagten jedoch die rücksichtslose Vorgehensweise, hoben hervor, dass die Restaurierung von Gebäuden, öffentlichen Plätzen, Parks und Avenidas nicht von Aktionen begleitet sei, welche die in dieser Region lebenden und arbeitenden Menschen berücksichtige – sie würden einfach verjagt. “Die “Sem-teto“ (wörtlich: ohne Dach) wurden verscheucht, die Arbeit der Sammler von Recycling-Material erschwert, und die Crack-Raucher und -Süchtigen (viele von ihnen Kinder und Jugendliche) wurden daran gehindert, sich dort zu versammeln – also waren sie gezwungen, sich auf die benachbarten Stadtteile auszubreiten, wo sie in Banden ohne Ziel erneut der Bevölkerung zur Last fielen.

Bei der “Operação Limpa“, von 2005, kamen Einheiten der Polizei, Gesundheitsfürsorge, Sektoren des Sozialamts und der Stadtreinigung zum Einsatz. Ergebnis waren 2.216 Festnahmen, 426 beschlagnahmte Crack-Päckchen, 12 verhaftete Drogendealer, 3 “Hotel“-Absteigen, die mit Zement verschlossen wurden, 3 beschlagnahmte Feuerwaffen, 50 konfiszierte Handys, 369 an Asyle weitergeleitete Erwachsene und Kinder, 2 wieder eingefangene, gesuchte Verbrecher und 5.200 beschlagnahmte CDs (aus der Zeitung “Folha de São Paulo, vom 10.03.2005).

Ebenfalls repressiv war der nächste Versuch, die “Operação Centro Legal“ (Operation Schönes Zentrum), im Jahr 2009. In einem Bulletin wurden die Aktionen der Militärpolizei, der Sozialhelfer, der Gesundheitsbehörde und der “Guarda Civil“ hoch gelobt. In diesem Fall hat man lediglich das Ergebnis von einem Monat nach Aktionsbeginn veröffentlicht: 13.674 Überprüfungen durch die Polizei, 5.915 Festnahmen, 296 Einkerkerungen und erzwungene 195 Reha-Internierungen.

Die “Operação Sufoco“ (Unterdrückung) im Jahr 2012 – von den Betroffenen wird sie auch “Operação Dor e Sofrimento“ (Operation des Schmerzes und des Leidens) genannt – war in erster Linie geprägt von einer verstärkten Repression seitens der Polizei, welche nicht nur durch die gegen Crack-Süchtige angewendete Gewalt, sondern auch durch die erzwungenen Internierungen, heftige negative Kritik unter den Professionellen und Spezialisten des Gesundheitswesens auslöste. Dies führte zu einer Reihe von Aktionen seitens der Staatsanwaltschaft und der Aktivisten für Menschenrechte.

Das Ergebnis von Jahrzehnten repressiver Politik erreichte seinen absoluten Höhepunkt in den letzten sechs Monaten, als man feststellte, dass im Gegenzug zu den repressiven Aktionen der Staatsgewalt – oder vielmehr aufgrund derselben – die Crack-Süchtigen sich offensichtlich auf einen territorialen Widerstand geeinigt und eingerichtet hatten: Plötzlich bauten sie Zelte und kleine Hütten an ihrem Versammlungsort auf – sie schufen eine “kleine Favela“ mitten im Zentrum von São Paulo und stellten die Behörden vor ein neues Problem.

Anfang 2014, so berichtet einer der ältesten Betroffenen, “kamen Abgesandte der Präfektur zu mir, um mich zu fragen, was sie für mich tun könnten, damit ich mein Zelt von der Strasse entferne“.

Die Antwort auf diese Frage ist heute stadtbekannt als Programm “Braços Abertos“ (Offene Arme) – eine bis dato noch nie dagewesene, scheinbar einsichtige Art und Weise, mit der man jetzt das Suchtproblem anging: Mittels einer nicht polizeilichen Strategie, ohne Forderungen an die Abstinenz der Betroffenen, unter Einsatz von Sozialhelfern und Gewaltgegnern und –kritikern, traf man mit den Suchtkranken die folgende Vereinbarung: Den Abbau der Zelte und Hütten gegen eine Unterbringung in Herbergen, mit drei Mahlzeiten am Tag und vier Stunden Arbeit, gegen eine Bezahlung von 15 Reais.

Auf der einen Seite versprach dieser unerwartete und grosszügige Vorschlag, die Frage der Arbeit und Unterkunft zu regeln – etwas, auf das diese Menschen, neben medizinischer und sozialer Betreuung, gar nicht mehr zu hoffen wagten – auf der andern, weil er sich nur an jene Besitzer von Zelten und Hütten richtete, spaltete dieser Vorschlag die Menge der Süchtigen in zwei Lager: 1. Jene, die mit dem Programm einverstanden waren, weil sie das Versprechen bekommen hatten, geheilt zu werden – 2. die anderen, die dem Programm nicht zustimmten, weil sie nicht konnten oder nicht wollten.

Wenn man die Logik vieler anderer sozialpolitischen Ansätze der letzten Zeit verfolgt, so erkennt man die “Bedingungen zur Gewährung der Menschenrechte“: Für jene, die diese Bedingungen nicht akzeptieren, erfolgt die Repression als einzige Alternative. Es ist kein Zufall, dass die massive Polizeigewalt der vergangenen Woche sich in der Repression dieser zweiten Gruppe entlud. Ausserdem ist durch diesen Fall ein Konflikt zwischen der staatlichen und der munizipalen Regierung hinsichtlich der Vorgehensweise in diesem komplexen Thema entstanden, da die bevorzugte repressive Aktion der Polizei sich nicht nur als unwirksam erwies, sondern möglicherweise auch lokale Konflikte weiter zugespitzt hat.

Inzwischen hat die Präfektur von São Paulo den Strassensäuberungen durch die Polizei Alternativen gegenüber gestellt: Die Investitionen für Rehabilitationszentren wurden erhöht und erst seit kurzer Zeit, konzentriert man sich stärker auf eine gerichtliche Intervention und die unfreiwillige Behandlung der Suchtkranken. Befürworter halten solche Massnahmen für die richtigen Schritte zur Lösung eines der schlimmsten Probleme der Stadt und einer schon lange überfälligen Bereitstellung von Hilfeleistungen für diejenigen, die so tief gefallen sind, dass sie sich selbst nicht mehr helfen können.

Kritiker bemängeln jedoch, dass die Polizei immer noch willkürlich handelt, getrieben von politischen Windrichtungen, dass sie nur zu oft die Menschenrechte verletzt und von geschäftlichen Interessen geleitet wird, wenn sie ein potenziell wertvolles Terrain säubert.

In den 1990er Jahren war São Paulo die erste Stadt Brasiliens, die sich einem Crack-Problem gegenübersah, aber das Problem hat sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung über die gesamte Nation ausgebreitet – die Sucht, so schätzt man, hat sich seit der Jahrhundertwende verzehnfacht, und keine der brasilianischen Grossstädte ist mehr frei davon.

Viele der Süchtigen von Cracolândia haben eine erschütternde Leidensgeschichte physischen und sexuellen Missbrauchs hinter sich. Isa, 17 Jahre alt, kam aus Brasiliens Norden vor zehn Monaten nach São Paulo, um ihre Mutter zu finden, eine Crack-Abhängige. Was sie fand, war nur die Sucht. Zuerst versuchte sie Kokain, als jemand es ihr auf einer Party anbot – und wurde selbst abhängig. Dann ging sie zu einem Check-up in ein Reha-Zentrum – aber ein Dealer kam zum Tor dieser Einrichtung.

“Er hatte nur Crack, aber ich brauchte den Schub in diesem Moment so sehr, dass ich es genommen habe, obwohl ich wusste, dass es gefährlich ist“, sagte sie. Und nun rennt sie immer wieder weg vom Behandlungs-Zentrum, um in Cracolândia high zu werden – sind nur fünf Minuten zu Fuss bis dorthin.

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Es gibt keine verlässliche Statistik, aber auf seinem Höhepunkt war Cracolândia die Heimat von zirka 2.000 Suchtkranken. Heutzutage, während seiner geschäftigsten Momente – um 2:00 Uhr freitagnachts – sind es zirka 800. Stattdessen sind die Crack-Raucher inzwischen zunehmend häufiger in anderen Stadtteilen anzutreffen – zum Beispiel im Park der “Catedral da Sé“ (Stadtkathedrale). Jedoch gibt es inzwischen auch mehr Initiativen, Süchtige zu behandeln. “Cracolândia schrumpft wegen der Polizei und des Medieninteresses. Es ist inzwischen weniger offensichtlich – weniger Horror-Show für Touristen. Aber anstelle eines grossen Cracolândias haben wir jetzt zahlreiche kleine Cracolândias,“ sagt ein Richter, der in einem staatlichen Reha-Zentrum arbeitet.

Er führt weiter aus, dass seine Überstellung in diese Institution, im Januar 2014, als historische Initiative der São Pauloer Justiz anzusehen ist, um auf die lokalen Autoritäten Druck auszuüben, damit sie ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachkommen, die gesundheitliche Versorgung aller ihrer Bürger zu garantieren. Familienmitglieder sollen jetzt auf die Unterstützung von Rechtsanwälten und schnellere Entscheidungen von Richtern zählen können, wenn sie um Interventionen von Ärzten im Fall von suchtkranken Kindern, Angehörigen oder Verwandten ersuchen.

“Zum ersten Mal hat ein Gericht proaktive Massnahmen ergriffen, um sich mit einem Fall von Armut und Drogensucht zu beschäftigen,“ bemerkt der Richter. “Als wir damit anfingen, war das wie ein Dammbruch – so viele Leute strömten herein. In den ersten Tagen waren es Tausende“.

Dieser Wechsel hat teilweise einen politischen Hintergrund. São Paulos neuer Bürgermeister, Fernando Haddad, früher Bildungsminister, gab im Januar bekannt, dass die Stadt ab sofort auch vor zwangsweisen Interventionen nicht zurückschrecke. Seit dieser Ankündigung wurden 33 Festnahmen durchgeführt, von denen später bekannt wurde, dass sie einer Suchtbehandlung zugestimmt hätten. “Unser Projekt sieht vor, dass wir im Fall einer notwendigen Behandlung auch vor einer Zwangseinweisung nicht zurückschrecken – aber wir ziehen es vor, diese Menschen durch ein Gespräch zu überzeugen“, sagt Rosangela Elias, Koordinatorin für mentale Gesundheit des Bundesstaates São Paulo, die an einem Zwei-Jahresplan arbeitet, der Suchtkranken helfen soll. “Es ist nicht unser Ziel, Cracolândia aufzulösen. Unser Ziel ist es, Menschen zu behandeln”.

Aber sie bemerkt den Druck für eine kosmetische Lösung. “Man kann nicht einfach einen Zauberstab hochhalten und Cracolândia verschwinden lassen, aber die Politiker und Geschäftsleute bedrängen uns, eine sofortige, “quasi magische“, Lösung zu finden“.