Brasilien – das Land der Zukunft?

Veröffentlicht am 17. September 2011

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, der 1942 in Petrópolis, im Bundesstaat Rio de Janeiro, verstarb – schuf diesen Begriff in seinem Buch “Brasilien. Ein Land der Zukunft“, erschienen bei Bermann-Fischer, Stockholm, im Jahr 1941. Der hoffnungsvolle Ausdruck hat sich bis heute gehalten, obgleich auch immer mehr Brasilianer die sarkastische Ergänzung: “…und wird es immer sein“ anzuhängen pflegen.

Auch mich packte anfangs der 90er Jahre jene Aufbruchs-Euphorie vom Land der Zukunft, und ich begann damit, mir ein Netzwerk vor Ort aufzubauen, es folgte ein Reisebüro, dann ein Sozialprojekt, und zusammen mit meinen Netzwerkpartnern veröffentlichten wir mehr als ein Dutzend Informationsplattformen zum Thema Brasilien.

land_der_zukunftHeute, viele Jahre später, ist es an der Zeit, für einen Rückblick: Auf unsere jahrelang anhaltende Euphorie der Brasilien-Berichterstattung und unsere Toleranz mit so vielen negativen Geschehnissen in diesem schönen Land, die unseren positiven Ansichten zwar zuwider liefen aber unsere Begeisterung nicht bremsen konnten, müssen wir nun ernüchtert feststellen: Die Euphorie ist vorbei – und nicht nur unsere – auch die vieler Brasilianer selbst (lesen Sie die Reportage der Veja zur WM 2014) – Fazit: Brasilien wird ein ewiger Hoffnungsträger bleiben, weil seine Entscheidungsträger nur in ihre eigene Zukunft, aber nicht in die ihres Volkes, investieren!

Investition in die Zukunft eines Volkes heisst nicht, die grössten Soja-Exporte der Welt zu produzieren und dafür jährlich Tausende von Hektar lebenspendenen Amazonasregenwald zu zerstören – heisst nicht, der Erde rücksichtslos ihre Mineralien und Erze zu entreissen und eine erodierende Mondlandschaft zurückzulassen, in der nichts mehr wächst – heisst nicht, sich mit den neu entdeckten Ölfeldern vor der Küste in die Ölmultis dieser Welt einreihen zu wollen, um damit bereits die nächste Umweltkatastrophe zu projektieren, durch die wieder das Volk, nämlich die Fischer, am meisten benachteiligt würden…

Investition in die Zukunft eines Volkes heisst vielmehr: Erziehung und Bildung für alle – mit Qualität, von der Grundschule bis zur Universität oder einer handwerklich-technischen Ausbildung – Vermittlung einer ökonomisch machbaren und ökologisch vertretbaren Grundeinstellung – humane Ethik – politisches Gewissen, Denken und Handeln – entsprechende Infrastruktur im Transport- und Bildungsbereich, und im vernachlässigten Gesundheitswesen. Diese Begriffe sind in Brasilien leider zu reinen Schlagworten der Wahlkampagnen geschrumpft.

Und der gegenwärtige Wirtschafts-Boom Brasiliens, von dem man inzwischen weltweit gehört hat? Er beruht nicht auf der Schaffens- oder Arbeitskraft der Menschen, oder gar ihrer Genialität – sondern auf der ungeheuren Weite des Landes und einer mit Ressourcen reich bestückten Natur, die eine Ausbeutung seit mehr als 500 Jahren hinnimmt – schon die portugiesischen Invasoren waren an Brasiliens Bodenschätzen, Gold und Diamanten, interessiert, nicht an der Feldbearbeitung, für die sie sich Sklaven besorgten. Der Ausverkauf der Natur ist in Brasilien immer noch das grosse Geschäft – nicht für das Volk, sondern für jene Wenigen, die nur an ihre eigene Zukunft denken. Inzwischen kann man allerdings absehen – und berechnen – wann diese Ausbeutungsstrategie zusammenbrechen wird – wenn niemand sie aufhält. Aufhalten? Die wissenschaftlichen Expertenmeinungen häufen sich, dass es dafür bereits zu spät ist – und die gebeutelte Natur hat mit erschreckenden Trockenperioden in Amazonien und dramatischen Überschwemmungs-Katastrophen im Süden und Südosten erste Warnsignale gesendet.

Brasilien ein Land wie ein Kontinent, oder ein riesen Land mit grossen Problemen. Eines der grössten Probleme ist und bleibt die allgegenwärtige Korruption. Aber auch Gründe wie die Besetzung durch Vetternwirtschaft oder Parteizugehörigkeit anstatt nach Wissen und Können bei der Vergabe von Positionen in den vielen Staatsbetrieben oder im öffentlichen Dienst. Nicht zu vergessen das “Geschwür Bürokratie“ mit den Extraausgaben, den Sondergenehmigungen, Abänderung-, Transport-, Verschiebe- und sonstigen Gebühren und und und.

korruptiuon-demoKurios ist, dass der Regierung diese Zustände seit je her bekannt sind, und sie seit Jahrzehnten Besserung in Aussicht stellt, aber es ändert sich nichts. So klagen Unternehmer aus dem In- und Ausland schon seit Jahren, dass sie an diesen brasilianischen Auflagen kaputt gehen – dieser Bürokratenalptraum zermürbe sie. Und viele haben sich trotz der wirtschaftlichen Wachstumsraten ganz aus Brasilien zurückgezogen, andere harren der Dinge, welche die nahe Zukunft bringen möge.

Die Zukunft! Gebildete und gut ausgebildete Brasilianer, denen es endlich gelingt, eine Dienstleistung, Handel oder Produktion in Brasilien aufzubauen, laufen ebenfalls Gefahr, von skrupellosen Geschäftemachern und geldgeilen Staatsbeamten ausgenutzt zu werden, so wie viele der hart arbeitenden Landarbeiter, die plötzlich auf undurchsichtige Weise enteignet werden und ihren Grund und Boden an Spekulanten verlieren.

Immer mehr Brasilianer zuhause oder solche, die in Europa leben, ärgern sich über die unbefriedigenden Zustände in ihrer Heimat oder bei einem ihrer offiziellen Behördengänge zur Botschaft und zum Konsulat. Das können wir aus den Zuschriften, die wir von Brasilianern und Brasilianerinnen in Europa erhalten, oder auch vielen persönlichen Gesprächen, die wir mit ihnen führen, zweifelsfrei entnehmen. Die meisten sind zwar stolz, Brasilianer zu sein, die wenigsten jener Auslandsbrasilianer möchten aber zurück in ihre Heimat – ausser in den Ferien.

Sie sind nicht nur 5-facher Weltmeister im Fussball, (diesen Titel wird ihnen in den kommenden Jahren auch niemand streitig machen können, nicht weil sie heutzutage noch besondere sportliche Leistungen bringen, sondern weil der nächst gelegene Aspirant auf diesen Titel, Italien, diesen erst in acht Jahren überbieten könnte), die Brasilianer sind vor allem auch Weltmeister im Erfinden von neuen Quellen jemanden zu schröpfen – jedoch ohne einen sichtbaren Mehrwert oder irgendeine Extraleistung.

Das Land der Zukunft? Eher, das Land der ewigen Zukunft!