Brasilianisches Chaos

Veröffentlicht am 8. Dezember 2009

Oder Amerikanische Ordnung?
Wenn man wie ich tagein und tagaus in Rio de Janeiro seiner Arbeit nachgeht – ich bin in der Touristikbranche tätig – und jeden Morgen den auf Plastikplanen mitten auf dem Trottoir aufgestapelten, aus Paraguay eingeschmuggelten Waren der “Camelós“ (fliegenden Händler) ausweichen muss – sich an langen Reihen von Taxifahrern vorbeischiebt, die mangels öffentlicher Bedürfnisanstalten im Schutz ihrer geöffneten Wagentüren in den Rinnstein pinkeln.

Oder an den unzähligen, Dreck verklebten Bettlern und Vagabunden, deren Gestank einem den Atem nimmt und schier den Magen umdreht, vorbei muss – dann kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass man es in einem anderen, von den Brasilianern ehrfurchtsvoll als “Primeiro Mundo“ (Erste Welt) bezeichneten Land, vielleicht besser hätte treffen können. Zählt man dann noch die allgemeine dürftige Entlohnung dazu, die man in einem brasilianischen Job erwarten darf – nun, dann ist man sogar fest davon überzeugt, dass man woanders besser dran wäre.

rio_am_abendSie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich habe nur vier Tage in den gelobten USA dazu gebraucht, um mich schon wieder auf die Heimreise nach Rio zu freuen. Ein ähnliches Experiment habe ich mit meinem Geburtsland Deutschland vor zwei Jahren gemacht, da hat es immerhin sechs Monate gedauert, bis mich die Sehnsucht nach Brasilien wieder packte. Diese “Saudade“, wie die Brasilianer jenen unwiderstehlichen Herzschmerz nennen, ist nicht leicht zu erklären, aber sie packt unwillkürlich jeden, der sich nach einer gewissen Zeit wieder aus dem Land unter dem Wendekreis des Steinbocks entfernt. Ich habe sogar von Touristen gehört, die von ihren kurzen, beeindruckenden Erlebnissen und Erfahrungen in Brasilien nicht mehr loskommen. Ist also diese “Saudade“ eine Krankheit? Nun, wie man es nimmt – ich würde sie aber durchaus als eine Art Virus bezeichnen, der einem ganz schön zu schaffen machen kann, je länger und weiter man weg ist von Brasilien – und der sofort verschwindet, wenn man wieder zurück ist!

Während meiner vier Tage in Chicago – anlässlich einer internationalen Touristikmesse – habe ich vieles beobachtet, was mir die Rückkehr nach Brasilien besonders leicht macht. Die beeindruckende Höflichkeit der US-Amerikaner, die man so unterwegs trifft, ihr “Hello, how are you today“? ist, wie ich herausfand, reines Geschäftsinteresse – Amerikaner sind vierundzwanzig Stunden lang auf Business gepolt. Die Freundlichkeit der Brasilianer dagegen kommt tatsächlich von Herzen, ist ihre Natur – sie sind vierundzwanzig Stunden lang Gefühls- und Seelenmenschen, auch beim Business – wer ihnen nicht gefällt, mit dem machen sie auch keine Geschäfte.

Habe in Chicago Menschen getroffen – Taxifahrer und Wahlamerikaner – aus Kroatien, Pakistan, Indien und den Philippinen, die mich ob meiner Wahlheimat Rio de Janeiro regelrecht beneideten, und die meine Eindrücke von den USA bestätigten: “Hier hilft dir niemand“, äusserte sich Lito, von den Philippinen, zum Thema, der seit acht Jahren in Chicago Taxi fährt und mir seine Geschichte erzählte – die Geschichte von seinem “amerikanischen Traum“: “. . . die Amerikaner sind höflich, korrekt, sauber und diszipliniert, aber so mit dem Geldverdienen beschäftigt, dass sie vergessen, zu leben“! Ich weiss, was er meint, denn genau aus diesem Grund habe ich Brasilien nie endgültig den Rücken kehren können, obwohl ich mir im Lauf meiner vierzig Jahre in diesem Land immer mal wieder einen “Erholungsurlaub vom Chaos“ in Europa gegönnt habe – die “Saudade“ hat mich stets wieder eingeholt: Man lebt in Brasilien intensiver, bewusster, uneingeschränkter, freier – und eine ganze Menge köstlicher Adjektive mehr – und das an jedem Tag!

Mit dem “brasilianischen Chaos“ – dem von Rio, zum Beispiel, und einer Reihe anderer brasilianischer Grossstädte ebenfalls – meine ich sowohl die wirtschaftlichen als auch die gesellschaftlichen Zustände und Zusammenhänge – besonders die verkehrstechnischen und kriminellen Probleme, die bürgerlichen Frechheiten und, nicht zu vergessen, die Unverschämtheiten einer korrupten Minderheit in Anzug und Krawatte, welche das Land regiert – was die machen, ist schon lange keine Politik mehr, sondern reiner Amtsmissbrauch und Bereicherung auf Kosten ihrer leichtgläubigen Wählerschaft. Der brasilianische Alltag besteht aus genau diesen, nicht nur für einen US-Amerikaner verständlicherweise abstossenden Ingredienzien, die ich persönlich genauso verurteile, aber er besteht auch aus überraschenden Begegnungen mit sensiblen Menschen aus aller Herren Länder, die sich mit ihrer Einwanderung einen Traum erfüllten und nun die multikulturelle Palette Brasiliens bereichern – der brasilianische Alltag in Rio de Janeiro ist dazu noch besonders warm (auch menschlich gesehen), voller Poesie und Musik, und läuft ab in einer unvergleichlich zauberhaften Stadtlandschaft, die Besucher aus der ganzen Welt anlockt, die wie trunken von soviel Naturschönheiten schwören, wiederzukommen – und wenn dann die “Saudade“ sie packt, verkaufen sie ihr Haus in der Heimat und wandern aus nach Brasilien: “BRASIL, UM PAÍS DE TODOS“ – Brasilien, ein Land für alle, so heisst der gastfreundliche Slogan, mit dem sich die Brasilianer heute dem Rest der Welt präsentieren – allerdings vermute ich, dass die Amerikaner unter den Einwanderern sicher das kleinste Kontingent darstellen.

Der “American Way of Life“ steht aber auch im extremsten Gegensatz zu der Lebensweise eines Brasilianers: In Amerika ist der gesamte Alltag seiner Bürger durchorganisiert, man lebt und arbeitet nach Regeln und Vorschriften, und es gehört zum Ehrenkodex eines US-Bürgers, diese genauestens einzuhalten. Auch deshalb funktionieren US-Wirtschaft und Gesellschaft vorbildlich. Für einen Brasilianer gibt es zwar ganz ähnliche Regeln und Gesetze, aber sie scheinen ihn lediglich zu deren Übertretung zu reizen: Hierzulande fährt man grundsätzlich schneller als erlaubt und überfährt rote Ampeln ohne grössere Gewissensbisse. Fussgänger sollten nicht auf die Rücksicht von Autofahrern vertrauen – dafür sterben jene wie die Fliegen und produzieren die höchsten Unfallquoten der Welt. Amerikanische Autofahrer leben wahrscheinlich länger, aber dafür langweiliger: “Das Leben eines brasilianischen Autofahrers ist kurz und intensiv – das der Motorradfahrer noch kürzer“! Warn- oder Verbotsschilder sind im brasilianischen Strassenverkehr rein überflüssig, niemand richtet sich nach ihnen – das haben auch die Behörden erkannt und packen die notorischen Gesetzesbrecher dort, wo es ihnen wehtut : entweder am Geldbeutel – mit aufgestellten Radarfallen, oder noch schlimmer, an der fanatischen Hingabe zu ihrem Auto – mit besonders hohen, aufzementierten Strassenschwellen, der bislang effektivsten Massnahme zur Geschwindigkeitsbegrenzung: wenn man die mit Vollgas überfährt, muss man hinterher die meisten Teile seines Autos aufsammeln. Sie werden im Volksmund “Quebra Molas“ (Federungsbrecher) genannt.

Aber nicht nur auf der Strasse sind die Unterschiede zwischen Amerikanern und Brasilianern so krass – nehmen wir doch mal ein Beispiel aus dem gesellschaftlichen Verkehr: Dermaleinst hat die amerikanische Regenbogenpresse der Welt den Sex als wirtschaftliche Alternative beschert – Verleger wie Hugh Hefner (Playboy) haben damit Millionen verdient, und ein unübersehbares Heer amerikanischer Pornoproduzenten macht sich inzwischen im Internet breit – ohne jedoch die eigene Nation aus ihrer Prüderie befreit zu haben: in amerikanischen Filmen oder TV-Streifen ist ein nackter Busen immer noch tabu, selbst wenn er schön ist, von freizügigen Sexszenen gar nicht zu reden, die werden entweder nach einem einleitenden Kuss ausgeblendet oder durch entsprechendes Vor- oder Nachgeplänkel ersetzt. Die Brasilianer dagegen lieben und leben ihren Sex frei und uneingeschränkt – er ist bei ihnen fast noch beliebter als Fussball, und die zahlreichen Prostituierten auf dem nächtlichen Trottoir der Copacabana machen ihr Geld in erster Linie mit US-amerikanischen Touristen, die ihren verordneten Puritanismus daheim gelassen haben und in Brasilien endlich mal die Sau rauslassen können – dafür legen sie den von ihnen so verehrten Latinas anschliessend einen beachtlichen Packen Dollars aufs Lotterbett.

Das bis ins Detail programmierte, organisierte und automatisierte Leben der US-Amerikaner, vollgestopft mit Vorschriften und Verboten, liess, wie gesagt, in mir schon nach vier Tagen Langeweile aufkommen – denn nach nunmehr über vierzig Jahren in Brasilien habe ich bewiesen, dass ich Geldverdienen nicht als höchstes Ziel meines Lebens betrachte. Amerikaner sind eher an sich selbst interessiert, als an Fremden – und seit dem schrecklichen 11. September auffallend misstrauisch gegenüber Touristen. Brasilianer brennen geradezu darauf, Fremde kennenzulernen, und das bringt unsereinem zahlreiche Vorteile – vor allem den, viele und schnelle Kontakte und Freundschaften zu erschliessen.

Die Grossstadt Chicago wirkte auf mich wie eine von Disney konzipierte Prunk- und Protzwelt – Stahl, Glas und Marmor zu golden und silbern glänzenden Monster-Buildings verarbeitet – durch deren Strassenschluchten ich am letzten freien Nachmittag bis zum Lake Michigan wanderte, während die wenigen Menschen um mich herum von ihrer Mittagspause zurück ins Büro hetzten. Tatsächlich – die Amerikaner hetzen durch ihre Stadt – Zeit ist Geld, mehr denn je – Amerikaner sind aus den unterschiedlichsten Gründen immer in Eile, oder sie geben vor, es zu sein, aus strategischen Gründen. Sogar, wenn sie miteinander reden, bemerkt man ihren Stresszustand an dem Wort-Stakkato, dass sie sich gegenseitig an den Kopf werfen. Auch das Personal in den Restaurants und Cafes überfällt einen Gast regelrecht mit diesen in Höchstgeschwindigkeit hervorgestossenen Begrüssungs- und Service-Floskeln, die jeden Ausländer erst einmal sprachlos machen. Wenn man jedoch einen Moment zulange staunt, ist die Bedienung schon wieder weg – wie gesagt, Zeit ist Geld, besonders bei den Amerikanern. In dem Café mit Blick auf den Lake hatte ich jedoch keinesfalls vor, mir diesen allgemeinen US-Stress aufzwingen zu lassen – auch nicht für vier Tage. Also schaute ich mir die Speisenkarte in Ruhe an, während die feiste Bedienung immer wieder schnaufend auftauchte, um mir ein paar weitere “few minutes“ zu gewähren. Die Portionen sind in der Regel für den Appetit eines Truckers ausreichend, und was da so alles auf den Tisch der Amerikaner kommt, erklärt, warum 60% dieser geschäftstüchtigen Zeitgenossen Übergewicht haben – und davon zirka 20% so unglaublich fett sind, dass sie nur mit Mühe überhaupt noch laufen können. Die amerikanische Angewohnheit, die Arbeitstage mit Fast Food zu verbringen, das heisst, mit Kalorienbomben von zweifelhaftem nutritiven Wert, dick mit Mayonnaise und Ketchup dekoriert, scheint mir der Hauptgrund für die zunehmende Verfettung der US-Bürger zu sein. Und, dass sie zu ihrer Fortbewegung stets das Auto vorziehen: ich erregte allgemeines Staunen unter der Belegschaft meines Hotels, als ich verkündete, dass ich die “two miles“ zur Metro morgens und abends zu Fuss zu gehen beabsichtigte, und nicht per Taxi fahren wollte.

Fast Food hat in Brasilien inzwischen allerdings auch seine Anhänger gefunden. Weniger wegen der Zeiteinsparung, die spielt bei den Brasilianern noch keine so entscheidende Rolle wie in Amerika, sondern eher weil sie – besonders die Jugendlichen – es “schick“ finden, mit einem Hamburger, einer Schale Pommes oder einem Soft-Ice vor sich, in der poppigen Ausstattung von MacDonalds und Co. ihre “Namoradas“ zu beeindrucken oder sich nach einem neuen Flirt umzusehen – ein billiges und in der Regel recht erfolgreiches Vergnügen. Mit anderen Worten: Den Brasilianern sparen die Fast Food Etablissements in erster Linie Geld für romantische Abenteuer ein, und auch eher an den Wochenenden, an denen man sich, im krassen Gegensatz zur amerikanischen Auffassung des Fast Food, viel Zeit nimmt, um bei einem einzigen Hamburger mit Coke stundenlang zu knutschen oder von Tisch zu Tisch sehnsuchtsvolle Blicke zu tauschen. Und hier gibt’s natürlich auch keine Bedienung, die einem nur “a few minutes“ gönnt – schon mit einer Schale Pommes auf dem Tisch hat man bei uns in Brasilien gewissermassen das Recht, das ganze Wochenende im MacDonalds oder einem seiner Konkurrenten zu verbringen.

Unter der Woche ernähren sich die Brasilianer, wenigstens die, welche einer geregelten Arbeit nachgehen, vom nutritiven Standpunkt aus gesehen, durchaus besser als die US-Amerikaner. Und wenn sie manchmal auch nicht mehr als Reis, Bohnen und ein paar Salatblätter auf ihrem Teller haben, so hat dies mit mangelnder “Grana“ (Knete) und nicht mit mangelnder Zeit zutun. Die meisten Werktätigen jedoch genehmigen sich, wenigstens einmal am Tag, eine gesunde Mahlzeit, die bei uns in Rio in Form von unzähligen, so genannten Kilo-Restaurants als warmes Buffet angeboten wird: Aus einer, in der Regel, sehr reichhaltigen Auswahl von Grundnahrungsmitteln, Reis, Kartoffeln, Nudeln, Gemüse, Salaten, Fleisch, Geflügel und Fisch, kann sich der Gast seinen Teller selbst zusammenstellen – die Portion wird dann gewogen und man bekommt die Rechnung gleich in die Hand, die man nach der Mahlzeit an der Kasse begleicht – lediglich die Getränke werden von einer Bedienung an den Tisch gebracht. Vorteil: Leute mit geringem Budget können ihre Portionen entsprechend kleiner, aber durchaus gehaltvoll halten und müssen nicht den Einheitspreis eines Menus bezahlen. Ganz Schlaue beladen ihren Teller mit Leckereien von geringem Gewicht – wie Reis, Pommes, Salaten und bestimmten Gemüsen (nur keine Saucen) – und wenn es welche gibt: Shrimps – die sind gegrillt besonders leicht, und man kann einen ganzen unverschämten Haufen davon für wenige Reais in den Kilo-Restaurants bekommen, für die man sonst in Copacabana richtig Geld anlegen muss! Brasilien ist ein Land für clevere und flexible Zeitgenossen, die ein Auf und Ab in ihrem Leben als normal oder sogar besonders interessant empfinden – zu denen gehört die Mehrheit der Amerikaner wahrscheinlich nicht.

Aber ich bin so einer – der das Auf und Ab nicht missen möchte! Mein Leben in Brasilien ist voller Überraschungen: allerdings sind die nicht finanzieller Art – höchstens abwärts – sondern eher emotionaler. Wie der von den Amerikanern als geistig zurückgeblieben dargestellte Forest Gump von seiner Pralinenschachtel sagt: “You never know, what you´ll get“! Und das hat, wenn man erst einmal dran gewöhnt ist, eine geradezu unwiderstehliche Faszination – ich möchte sogar behaupten, dass daraus die schon erwähnte “Saudade“ entsteht: das die Seele bewegende (und manchmal arg beutelnde) Chaos ist von grösserer Faszination als die emotionslose Leere einer bis ins kleinste Detail vorprogrammierten Gesellschaft. Wenigstens für mich und Forest Gump – ob der vielleicht ein verkappter Brasilianer war?

Ich gebe zu, dass das typisch brasilianische Chaos auch mir manchmal zu weit geht – wie schon erwähnt, habe ich mir mehrmals einen “Erholungsurlaub“ in Europa gegönnt – die makellose Sauberkeit der Strassen und Plätze, die Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel, die Riesenauswahl an Käse und Wurst, das Einlösen eines Versprechens und die allgemeine Zuverlässigkeit der Menschen konnten mich echt begeistern – aber die gegenseitige Kontrolle wie in einem Polizeistaat, die unzähligen Ge- und Verbote, die wahnwitzigen Steuern, die relative Gefühlskälte und Einfallslosigkeit der Menschen, sowie die fehlende Sonnenwärme, schürten meine “Saudade“ nach Brasilien doch gewaltig. Nun gut, hessische Wurst und Käse habe ich geopfert – dafür bekomme ich hier gegrillte Steaks von Angus-Rindern zu einem Spottpreis – anstelle der Sauberkeit öffentlicher Anlagen in der Grossstadt, entdeckt man rund um sie herum wahre Paradiese an einsamen Stränden oder im Atlantischen Bergurwald, in denen eine bunte Vogel- und Insektenwelt noch unbeeinträchtigt durch chemische Verseuchung den einsamen Wanderer unterhält. Und wenn ich manchmal über Nacht zwischen den Bäumen meine Hängematte aufspanne, dann ist es mir ein besonderes Vergnügen, dem Lied der “Sabiá“ (Singdrossel) zu lauschen, die einen fantastischen Sonnenuntergang besingt – und anschliessend dem einsetzenden Chor der Frösche, die ebenfalls bei uns noch nicht ausgestorben sind. Würden Sie mir glauben, dass solche Eindrücke mich glatt Wurst und Käse vergessen lassen – wenigstens für eine Weile?

An die haarsträubende Unzuverlässigkeit der Brasilianer allerdings, an die habe ich mich immer noch nicht gewöhnt, und sie ist einer der Hauptgründe, warum mich meine hiesigen Freunde als “unflexibel“ bezeichnen – das ist für sie eben “typisch deutsch“. Für sie gibt es stets tausend Gründe, warum man eine Abmachung nicht einhalten konnte oder verschieben musste – allerdings ohne vorher Bescheid zu sagen. Eine Zeitlang habe ich versucht, Leute, die mich mehrmals hintereinander versetzten, einfach aus meinem Bekannten- oder Freundeskreis zu streichen – und stand eines Tages ohne einen einzigen Freund da! Inzwischen habe ich viel Mühe darauf verwendet, meinen Freunden wenigstens beizubringen, vorher anzurufen, wenn sie ein Treffen mal nicht einhalten können. Bei Vorträgen über Network-Marketing, die ich manchmal halte, bestelle ich das interessierte Publikum schon eine halbe Stunde vorher, damit ich sie einigermassen pünktlich zum Vortragsanfang zusammenbekomme – und dann schliesse ich die Saaltür ab – was mir den Ruf als “radikaler Alemão“ eingetragen hat, aber mit dem Erfolg, dass mein Publikum sich inzwischen angewöhnt hat, relativ pünktlich zu sein. Sätze wie “auf Verspätete warten, bestraft die Pünktlichen“, machen inzwischen sogar Schule bei meiner Downline.

Diese schon sprichwörtliche Unzuverlässigkeit ist für den, der auf das Einlösen eines Versprechens wartet, unangenehm, für den, der dieses Versprechen gab, hat sie jedoch mit seiner über alles geschätzten Entscheidungsfreiheit zutun: der Brasilianer ist sehr spontan, er sagt einfach zu, um sein Gegenüber nicht zu enttäuschen – er wird sogar zusagen, wenn er schon weiss, dass er an dem verabredeten Datum bereits etwas anderes vorhat – nur, um einen positiven Eindruck zu hinterlassen – der hat Vorrang! Hinterher erfindet er irgendeine Ausrede und wahrt damit sein Gesicht, wie er glaubt. Dieselbe Unzuverlässigkeit ist auch das Schreckgespenst aller hiesigen Arbeitgeber, besonders bei Angestellten der unteren Chargen in schlecht bezahlten Aushilfs-Jobs – in diesem Fall ist sie allerdings direkt assoziiert mit einer unglaublichen Bequemlichkeit: Man kommt einfach regelmässig zu spät, überzieht die Mittagspause oder meldet sich krank, vorzugsweise an Freitagen oder Montagen. Und dann hat man garantiert einen Arzt in seinem Bekanntenkreis, der einem ein entsprechendes Attest ausstellt. Oft sind die Arbeitgeber gegen solche Tricks machtlos, weil die hiesigen Gesetze vor allem den Arbeitnehmer schützen, und der Arbeitgeber für dessen Entlassung entsprechende Beweise vorlegen muss. Etwas positiver ist die Arbeitsmoral in den besser bezahlten Jobs, weil im Fall einer Entlassung eine lange Arbeitslosigkeit droht – es ist wie beim Autofahren: für den Fall, dass es weh tut, ist auch der Brasilianer plötzlich bereit, Regeln zu beachten und ihnen dann sogar zuverlässig zu entsprechen – aber nur dann!

Jetzt muss ich aber noch von einer Erfahrung am Ende meiner Reise nach Chicago erzählen, die mich dermassen gegen die Amerikaner aufgebracht hat, und gegen ihre Willkür, mit der sie Ausländer heutzutage behandeln, dass ich sie auf dem Höhepunkt meines Zorns alle verflucht habe und wahrscheinlich Bin Ladens Verein beigetreten wäre – jedenfalls habe ich mir geschworen, US-amerikanisches Territorium nie mehr zu betreten. Hier ist mein Bericht:

Als ich meine Reise in Rio de Janeiro antrat – ich hatte bei DELTA AIRLINES gebucht – fand ich nichts weiter dabei, dass mich der Officer über den Inhalt meines einzigen Koffers befragte, auch nicht, dass ich bei der Radarkontrolle den Gürtel ablegen und sogar die Schuhe ausziehen musste. Dann war diese Tortour vorbei, und der Flug nach den USA verlief ohne weiteren Stress – obwohl ich schon ein bisschen übertrieben fand, was sich die Amerikaner seit jenem 11. September alles an Sicherheitsmassnahmen ausgedacht haben, die ich bei der Einreise in Atlanta jedoch ebenfalls beanstandungslos hinter mich brachte.

Die Rückreise, vier Tage später, war eher einfacher – ich gab meinen Koffer bereits in Chicago als durchgehendes Gepäck für Rio de Janeiro auf, und auch die persönlichen Kontrollen verliefen wieder ohne Beanstandung. Die “amerikanische Bescherung“ entdeckte ich erst auf dem Fliessband in Rio: Mein Koffer trug jetzt eine helle Bauchbinde – als ich die entfernte, klappte er auf, und ein paar Unterhosen und Krawatten fielen heraus – das Schloss war mit Gewalt aufgebrochen worden. Und dann entdeckte ich inmitten meiner wüst durcheinander geworfenen Anzüge und Hemden ein Papier, dessen Stempel es als Erklärung des “U.S.Department of Homeland Security“ auswies, und darauf stand in Englisch, und auf der Rückseite in Spanisch, folgender (von mir etwas gekürzter)Text:

TRANSPORTATION SECURITY ADMINISTRATION (TSA) – Benachrichtigung einer Gepäck-Inspektion: Um Sie und Ihre mitreisenden Passagiere zu schützen, ist die TSA per Gesetz verpflichtet, alles eingecheckte Gepäck zu kontrollieren. Als ein Teil dieses Prozesses werden einige Koffer geöffnet und physisch kontrolliert – Ihr Koffer befand sich unter den für eine physische Inspektion ausgesuchten. Während dieser Kontrolle wurde Ihr Koffer und sein Inhalt auf verbotene Sachen untersucht. Nach Abschluss der Kontrolle wurde der Inhalt in den Koffer zurück gelegt. Für den Fall, dass der Inspektions-Offizier Ihren Koffer nicht öffnen konnte, weil er abgeschlossen war, war er vielleicht gezwungen, die Schlösser an Ihrem Koffer aufzubrechen. Die TSA entschuldigt sich dafür, dass sie dies tun muss – kann aber nicht verantwortlich für die Zerstörung Ihrer Kofferschlösser gemacht werden, welche das Ergebnis dieser notwendigen Sicherheitsvorkehrung ist. Wir hoffen auf Ihr Verständnis . . .

Da muss man sich doch fragen, warum man die Gepäckkontrollen nicht im Beisein der Besitzer vornimmt – ohne Schlösser zerstören zu müssen? Oder, warum man die “verdächtigen“ Gepäckstücke nicht durchleuchtet – so wie es mit dem Handgepäck gemacht wird? Kofferschlösser sind auf der einen Seite dazu da, den Inhalt vor Dieben zu schützen (besonders zwischen Check-in und Laderaum des Flugzeugs – denn die Packer in Südamerika stehlen alles, was nicht niet- und nagelfest ist), auf der anderen Seite müsste man wegen eventueller Kontrollen der US-Amerikaner die Schlösser offenlassen! Ein unlösbares Problem? Ich glaube nicht – jeder vernünftige Mensch wird einsehen, dass die Amerikaner nicht mit der Brechstange willkürlich in die Privatsphäre ein- und ausreisender Besucher eindringen dürfen. Wie schon so oft, sind sie auch in diesem Fall im Unrecht!

Und es ist genau diese “Brechstangenpolitik“ mit der sich die US-Amerikaner in der ganzen Welt zunehmend unbeliebter machen – während die Brasilianer, auf fast subtile Art und Weise, mittels Sport, Spiel und Musik, stetig an Sympathien in der Welt gewinnen. Jedenfalls bin ich froh, dass ich wieder in Rio zurück bin.