Birdwatching oder Birding bei Brasilianer immer beliebter

Veröffentlicht am 13. März 2016

Eine einfache und faszinierende Freizeitgestaltung, die in Amerika und Eurpa schon seit längerer Zeit die Naturliebhaber begeistert, erobert auch zunehmend die Sympathien der Brasilianer. Die so genannte “Birdwatching“ oder auch als “Birding“ bezeichnete Aktivität ist bereits seit Jahren besonders unter Engländern, US-Amerikanern und Holländern verbreitet, in Südamerika dagegen noch weitgehend unbekannt.

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Birdwatching aus der Sicht eins Fasans | Foto: sabiá brasilinfo

Allerdings nicht bei den lokalen Touristikagenturen, denen die “Birdwatcher“ aus dem Ausland natürlich willkommen sind. Auch die brasilianischen Tour-Guides haben sich schnell auf diese besondere Art von Kunden eingestellt, denn Brasilien, mit seiner unvergleichlichen Biodiversifikation, kann man mit seinen zirka 1.900 registrierten Vogelarten zweifellos als ein Vogelparadies bezeichnen – in ganz Europa brüten nur noch 526 Arten, und dieser Bestand geht inzwischen drastisch zurück.

“Birdwatching“, also die Beobachtung aller Arten von Vogel-Spezies in freier Wildbahn, kann eigentlich von jedem Menschen praktiziert werden, der eine entsprechende Sensibilität für die Natur und ein Fernglas mitbringt. Eine Foto- oder Filmkamera (mit einem guten Zoom-Objektiv) sind zu empfehlen, wenn man die beeindruckenden Begegnungen dauerhaft festhalten möchte, und einen Stift zum Notieren bestimmter Charakteristika der beobachteten Vögel haben die gut organisierten Experten ebenfalls stets dabei.

Die besten Tageszeiten, um die gefiederten Bewohner der Wälder und Savannen zu beobachten, sind der Tagesanbruch bis zum Sonnenaufgang, sowie die Stunden des Spätnachmittags bis zur Abenddämmerung. Während der heissen Sonnenstunden und bei Regenwetter pflegen sich auch die Vögel zurückzuziehen.

Man kann aber durchaus auch innerhalb der Stadtbezirke Vögel beobachten, innerhalb baumbestandener Parks und Grünanlagen, besonders in Brasilien. Und wer die Stadt verlassen möchte, der hat gute Möglichkeiten, diesem Hobby innerhalb der zahlreichen Schutzgebiete Brasiliens nachzugehen, die über das gesamte Land verteilt sind.

Besonderen Reiz bekommt die Beobachtung der Vögel, wenn man sich einer Tour anschliesst, die von einem Profi geführt wird, einem Biologen oder Ornithologen zum Beispiel, der die Örtlichkeiten kennt, genau weiss, wo welche Vogelarten zu finden sind, weil er ihr Verhalten und ihre bevorzugte Nahrung kennt, und sie auch anhand ihrer Stimmen sofort unterscheiden und benennen kann. Um die Vögel anzulocken, bedient sich der Guide bestimmter Früchte – besonders während karger Jahreszeiten, wenn solche Früchte selten sind – und er benutzt das Playback eines Tonträgers zum gleichen Zweck.

Eine zur Beobachtung geeignete Gruppe sollte vorzugsweise nicht aus mehr als vier Personen bestehen. Dadurch vermeidet man unnötige Geräusche, welche die Vögel aufschrecken könnten. Und es empfiehlt sich, dunkle Kleidung zu tragen – zum Beispiel in Braun oder Grün – um innerhalb der Natur so wenig wie möglich aufzufallen.

Abgesehen von vielen Vögeln in herrlichen Farben, einige davon äusserst selten, bekommen geduldige “Birdwatcher“ natürlich auch andere Wildtiere zu Gesicht. Zum Beispiel bei einer Tour ins brasilianische Pantanal, in den Bundesstaaten Mato Grosso oder Mato Grosso do Sul, kann man nicht selten, sozusagen als Extra zum Birdwatching, auch den Jaguar beobachten. Lange Hosen und langärmelige Hemden gehören unterwegs zur passenden Bekleidung, um die Anzahl von Moskitostichen zu mindern. Und in manchen Gegenden, in denen es Giftschlangen gibt, schützt man die Beine mit Ledergamaschen.

Ein spezialisierter Guide kostet heute so um die R$ 150 (zirka 35 Euro) pro Tag – also für eine Aufteilung unter vier Personen machbar.

Es gibt Reservate und Nationalparks mit eigener Unterbringung der Gäste, aber in anderen Fällen, falls die Aktivitäten länger als einen Tag in Anspruch nehmen sollten, empfiehlt sich eine Übernachtung im Hotel des nächsten Ortes. In den Reservaten gibt es nur ein Problem: Die meisten öffnen ihre Pforten erst ab 8:00 Uhr morgens, also erst nach den besten Beobachtungszeiten.

“Birdwatching“ trägt übrigens unmittelbar zur Erhaltung der Umwelt bei. Ein Biologe meint dazu: “Es nützt nichts, die Jagd in bestimmten Regionen zu verbieten, wenn man den Menschen dafür nicht ein Äquivalent anbieten kann. Und die Vogelbeobachtung ist eine Aktivität, die in einem Reservat der lokalen Wirtschaft zugute kommt. Es ist eine Möglichkeit, die geschützte Natur langfristig aufzuwerten, anstatt schnelles Geld mit ihrer Ausbeutung zu machen“!

Für alle diejenigen, die sich für “Birdwatching“ interessieren, hier ein paar Tipps. Und wenn Sie die gelesen haben, gibt es keine Ausreden mehr, warum Sie nicht auch mit dieser wunderbaren, unterhaltsamen Freizeitbeschäftigung beginnen sollten – die übrigens von Naturfreunden jeden Alters praktiziert werden kann:

Fangen Sie einfach in Ihrem Umfeld mit der Beobachtung der Vögel an! Wenn Sie in Brasilien sind, befinden Sie sich in einem der bestgeeignetsten Länder dafür, also nutzen Sie diese Chance! Schon innerhalb der Gartenanlagen ihres Hotels ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie dort eine Menge der gefiederten Bewohner entdecken – direkt von Ihrem Fenster aus. Es ist anzunehmen, dass Sie die vielen Vögel zuerst hören, bevor Sie sie zwischen dem üppigen tropischen Grün entdecken – sie sind überall.

Und wenn Sie dann einen Spaziergang im nächsten Park unternehmen, wird die Zahl der von Ihnen entdeckten Spezies sogar auf mehrere Dutzend steigen, wobei zum Beispiel der in Brasilien fast überall bekannte “Bem-te-vie“ (Pitangus sulphuratus) ihnen sofort auffallen wird, den der Volksmund nach seinem Geschrei “Ich hab’ dich deutlich gesehen“ benannt hat. Auch die “Sabiá-laranjeira“ (Turdus rufiventris) die orangefarbene Singdrossel, ist sehr verbreitet, und die possierlichen, bunten “Periquitos“, kleine Sittiche, die meist in Schwärmen auftreten, werden Sie in den frühen Morgenstunden ebenfalls bei ihrer Futtersuche entdecken.

Wenn Sie dann das “Jagdfieber“ erfasst hat – und das stellt sich bestimmt ein – dann können Sie ihre Entdeckungen auch in einem Notizbuch oder mit Ihrem Smartphone festhalten. Sie sind jetzt zu einem Sammler der Vogelarten geworden, die Sie selbst beobachtet haben – und ein entsprechendes Album werden Sie wahrscheinlich ebenfalls anlegen wollen – das erste Album, zum Beispiel “Vögel meines Lebens“ wird vielleicht ergänzt werden durch ein weiteres “Vögel meiner Brasilienreise“ und vielen weiteren anderer “Birding-Reisen“ oder auch aus Ihrer Heimat, die dann nur noch nach den entsprechenden Monaten Ihrer Entdeckungen benannt werden, denn jetzt sind Sie ein echter “Birdwatcher“ geworden.

Sie schaffen sich Bücher mit Illustrationen, Fotos und Informationen über die verschiedenen Spezies an, wertvolle Lektüre, um Ihren Lernprozess zu beschleunigen. Auch in Brasilien kann man inzwischen sehr gute Publikationen zur Bestimmung der Avifauna kaufen – einige davon erfassen die gesamte Vogelfauna des Landes, andere sind auf bestimmte Biome spezialisiert (Guia das Aves do Rio de Janeiro, – do Planalto Central, – da Amazônia, da Pantanal) – solche Publikationen sind praktische Helfer bei der Identifikation.

Natürlich haben Sie auch im Internet einen exzellenten Helfer – zum Beispiel auch unterwegs auf Ihrem Tablet (wenn Sie sich nicht gerade soweit im Regenwald befinden, dass Sie kein Netz haben). Das Internet steht Ihnen mit einer Unzahl an Sites und Applikationen bezüglich Infos über Vögel zur Verfügung – empfehlen möchten wir Ihnen für die brasilianischen Spezies besonders die Beschreibungen, Fotos und Tonbeispiele hier auf dem BrasilienPortal.

Übrigens, wenn Sie sich dann auch mal in die Gesellschaft von erfahreneren Birdwatchern begeben, werden Sie erleben, wie schnell Sie durch deren Kenntnisse dazulernen können – genieren Sie sich auf keinen Fall, diese Kenner zu fragen, Regel begierig darauf, sich mitzuteilen und etwas von ihrer Erfahrung weiterzugeben (natürlich nicht gerade im Moment des möglichst lautlosen Anschleichens an ein besonders scheues Zielobjekt).

Auf Ihren weiteren Pirschgängen werden Sie auch erleben, dass einige Spezies einander sehr ähnlich sind, selbst für den aufmerksamsten Betrachter. Und eine Beschreibung wie diese: …“klein, gelb, mit braunen Flügeln und schwarzem Schnabel“, wird auf eine ganze Reihe von Arten einer bestimmten Fauna passen. Also ist es notwendig, sich von den erfahreneren Beobachtern entsprechende Beschreibungshilfe zu holen – wie gut, wenn man dann innerhalb einer solchen Gruppe auf “die Jagd“ geht! Und selbst wenn Sie niemanden finden, der ihnen weiterhelfen kann, dann gibt es verschiedene Kommunen auf Facebook, bei denen Sie sich Hilfe zur Identifikation holen können – mittels eines Fotos, einer Tonaufzeichnung oder auch nur mittels ihrer Beschreibung.

Wahrscheinlich haben Sie sich gleich zu Beginn ihrer Leidenschaft auch ein Fernglas gekauft. Denn die Vögel warten oft nicht ab, bis Sie sich ihnen soweit genähert haben, dass Sie Details ihrer Befiederung identifizieren können. Ein Fernglas, ein Fernrohr oder eine Kamera mit entsprechendem Zoom-Objektiv lösen dieses Problem. Sie haben die Wahl, und dazu brauchen Sie nicht unbedingt horrend viel Geld auszugeben. Ferngläser gibt es in allen Grössen und Preisen – am besten lassen Sie sich da von einem gestandenen Birdwatcher vorher beraten, um dann ein gutes Glas zu wählen, dass auch zu ihrem Budget passt.

Früh aufstehen ist allerdings ein Muss, wenn man in die Fussstapfen der Birdwatcher treten will. Denn, Sie erinnern sich, die Vögel sind am aktivsten in den frühen Morgenstunden – jedenfalls gilt das für die meisten – die vergleichsweise geringe Zahl der nachtaktiven einmal ausgenommen. Der Spätnachmittag ist ebenfalls interessant, wenn die tagaktiven Vögel zu ihren Nestern zurückkehren und die nachtaktiven gerade aufwachen. Eines Tages werden Sie sogar soweit sein, dass Sie mit einem Guide nächtliche Touren unternehmen wollen, um Eulen, Nachtschwalben und Ziegenmelker zu beobachten – aber das ist eine ganz andere Geschichte, und dazu gehört auch eine ganz andere Ausrüstung.

Wir haben es schon angedeutet, dass die Beobachtungen in der Natur innerhalb einer Gruppe – eventuell sogar befreundeter Personen – von besonderem Reiz ist. Es gibt ganze Familien, die sich dem Birdwatching als Hobby verschrieben haben. Man kann auch Birdwatcher im Internet oder den übrigen Medien finden, die eine Reise mit diesem Ziel planen, um sich ihnen anzuschliessen. Oder Sie werden sogar Mitglied in einem entsprechenden “Birding-Club“.

Es gibt Vögel, die wählen einmal ihr bevorzugtes Habitat und halten sich in dieser Umgebung dann ein Leben lang auf. Andere dagegen sind immer unterwegs, sie bleiben nur eine Zeitlang in einer Gegend (manchmal ein paar Monate, manchmal nur ein paar Stunden), weil sie sich auf der Wanderschaft befinden. Deshalb macht es Sinn, zu verschiedenen Jahreszeiten in dieselbe Region zurückzukehren, denn dort sind immer wieder Überraschungen zu erwarten.

Aber bitte: Bleiben Sie weg von den Nestern! Natürlich können Sie sie beobachten, aber bitte aus sicherer Entfernung! Klettern Sie um Gottes willen nicht zu einem Nest hoch, um die Eier oder die Jungvögel aus der Nähe zu betrachten – und Hände weg von den Eiern! Auch das Play-back (die Reproduktion der Vogelstimme) sollten Sie im Umfeld eines Nestes niemals einsetzen. Vögel reagieren sehr empfindlich, wenn sie mit der Aufzucht von Jungen beschäftigt sind – und Sie könnten mit diesem Fehlverhalten, ohne Absicht, die Vogeleltern so erschrecken, dass sie nicht zu ihrem Nest zurückkehren und ihre Jungen sterben.

Schliesslich können Sie als fortgeschrittener Birdwatcher mit Ihren Erfahrungen, Fotos und Aufzeichnungen sogar die Wissenschaft unterstützen und bereichern, indem Sie ihre Informationen in verschiedenen Sites dieses Genres einbringen und damit zur Vervollständigung jener Karten beitragen, die das Vorkommen der einen, und die Wanderwege der anderen Arten, darstellen. Und damit unterstützen Sie die Arbeit der Forscher aus der ganzen Welt.

Aus meinen eigenen Erlebnissen als “Birdwatcher“ möchte ich ihnen von einer Vogelart erzählen, an die Sie vielleicht beim Lesen unserer Vorschläge noch gar nicht gedacht haben, die ihnen aber in tropischen Ländern, wie Brasilien, nicht nur besonders auffallen, sondern Sie durch ihre Winzigkeit und die prächtigen Farben ihres Gefieders zweifellos auch ganz besonders begeistern werden: Ich meine die Kolibris!

Als ich ein paar Jahre in Belo Horizonte (Bundesstaat Minas Gerais) bei einem Grundstücksmakler das Büro leitete, wohnte ich in einem kleinen Häuschen, inmitten einer riesenhaften Grünanlage, auf der ein Gärtner der Firma regelmässig für Ordnung in der wuchernden Pflanzenwelt sorgte – sein Name war Valério, er selbst stellte sich mir als Val vor, und dabei blieben wir dann, während sich aus unserer Begegnung eine Freundschaft entwickelte, die zu den schönsten und unvergesslichsten meiner Brasilienzeit gehört. Val (sprich “Ual“) kannte sich besonders gut in der lokalen Flora und Fauna aus, und besonders über Kolibris habe ich viel von ihm gelernt.

Kolibri-Nektar

Kolibri | Foto: Klaus D. Günther

Haben Sie gewusst, dass es von diesen Vogelzwergen rund 350 Arten gibt, mit 770 Unterarten? Und, dass sie nur auf dem amerikanischen Kontinent vorkommen? Sie sind die wichtigsten Pflanzenbestäuber der Vogelwelt Südamerikas – und von allen Pollenträgern sind sie die einzige Verbindung zwischen weit voneinander entfernten Pflanzengruppen – die genetischen Postboten gewissermassen. Sie besitzen ganz aussergewöhnliche Flugeigenschaften, mit besonders ausgebildeten Flügeln, einige Arten erreichen damit neunzig Flügelschläge pro Sekunde und eine Fluggeschwindigkeit von bis zu 60 km/Std.

Ihre aussergewöhnliche Hyperaktivität verlangt nach Nahrungsaufnahme innerhalb kurzer Abstände – etwa alle 15 Minuten. Sie ernähren sich von Blütennektar und kleinsten Insekten. Sie sind die einzigen Vögel mit einem Rückwärtsgang – ich will sagen: sie können auch rückwärts fliegen, und sich sogar propellerartig um die eigene Achse drehen. Ihr Herz schlägt in einem Rhythmus von 2.000 Vibrationen pro Minute. Ihre Körpertemperatur liegt bei 42ºC und fällt während der nächtlichen Ruhezeit auf 32ºC oder weniger, sie fallen dann in eine Art vorübergehende Schlafstarre. Ihre Farben werden erst durch Lichtreflektion deutlich sichtbar, sie haben besondere Bedeutung in Relation auf das Territorium, die Mimikry, als Warnsignal und in der intersexuellen Beziehung.

Diese interessanten Einzelheiten habe ich allerdings nicht von unserem Gärtner erfahren, sondern vom Ornithologie-Professor und Umweltschützer Augusto Ruschi, den ich einst in Vitória (Bundesstaat Espirito Santo) kennenlernte. Er hat mehr als 450 wissenschaftliche Werke herausgebracht, teilweise von internationalem Renommee – zwei seiner bekanntesten sind „Aves do Brasil“ (Vögel Brasiliens) und „Beija-Flores do Espirito Santo“ (Die Blumenküsser von Espirito Santo).

Darüber hinaus sind seine Bücher über Orchideen, Fledermäuse, Affen und viele Werke mit Lösungsvorschlägen für Probleme mit der Umwelt, in verschiedenen Regionen Brasiliens erschienen. Seine bevorzugten Studienobjekte waren allerdings die Kolibris – oder wie er sie am liebsten nannte: die Blumenküsser. Er investierte sämtliche freie Zeit seines Lebens in ihre Beobachtung und hatte sich dafür in einem kleinen Häuschen, inmitten eines geschützten Bestandes Atlantischen Regenwaldes, eingerichtet – eine ganz ähnliche Situation, wie die meine in dem grossen Garten. (Augusto Ruschi verstarb 1986).