Bedrohtes Amazonien

Veröffentlicht am 30. Juni 2016

Im Nordosten des Bundesstaates Mato Grosso ist das letzte zusammenhängende Waldgebiet Amazoniens bedroht. Eine Reportage über die Wächter des Regenwaldes, der Herausforderungen zur Beendigung der Waldvernichtung und einer nachhaltigen Erwirtschaftung eines Einkommens der Siedler.

Colniza: Das Szenario der Waldzerstörung in Mato Grosso

1.065 Kilometer von der Hauptstadt Cuiabá gelegen, steht das Munizip Colniza an der Spitze des Rankings der Regenwaldzerstörung Amazoniens. Die Stadt allein ist verantwortlich für 19% aller im Bundesstaat Mato Grosso registrierten Abholzungen zwischen August und Dezember 2015, in der er 74 Quadratkilometer Wald verloren hat. Mit 27.949 km2 Fläche, grösser als der Bundesstaat Sergipe, ist dieses Munizip im extremen Nordwesten von Mato Grosso ein trauriges Bild verwüsteter Natur.

Zwischen Colniza und Juína, wo sich der Sitz des “Brasilianischen Instituts für Umwelt und Erneuerbarer Natürlicher Ressourcen“ (IBAMA) befindet, sind es 319 Kilometer, die man in zirka sieben Stunden per Auto bewältigen kann, auf prekären Erdpisten und über 91 Holzbrücken.

Um uns eine ungefähre Idee der logistischen Schwierigkeiten zu vermitteln, denen man im Munizip Colniza gegenübersteht, macht die lokale Sekretärin der SEMA für Umwelt, Elaine Corsini, darauf aufmerksam, dass es bis vor kurzem im Munizip überhaupt noch keine Strassen mit einer Verbindung nach Mato Grosso gegeben hat. “Wenn wir nach Cuiabá wollten, mussten wir den Umweg über den Nachbarstaat Rondônia nehmen. Seit fünfzehn Jahren lebten wir während bestimmter Jahreszeiten in einer vollkommen isolierten Region“.

Der Sitz der SEMA, dem verantwortlichen Organ zur ambientalen Kontrolle und zur Vergabe von ambientalen Lizenzen, der sich in Aripuanã befand, zirka 60km von Colniza entfernt, wurde zu Beginn dieses Jahres, anlässlich einer Restrukturierung, wegrationalisiert. Die Niederlassung in Juína wird dafür restrukturiert, für die gesamte Region zuständig zu sein. Die bedeutendste wirtschaftliche Aktivität der Stadt Colniza ist die Holzausbeutung. Der Präsident des “Syndikats der Landwirtschaftlichen Produzenten von Colniza“, Milton Amorim, sagt, dass es zwar Landwirtschaft und Tankstellen in der Region gäbe, aber die bedeutendste Aktivität sich auf die Holzwirtschaft konzentriere – vom Schnitt bis zur Verarbeitung in den Sägereien. “Es ist das Holz, das heutzutage die Region von Colniza bewegt. Wenn man diesen Sektor stoppt, dann steht die ganze Region still. Unser Munizip bietet heute weniger als 10% des Territoriums an offenem Land für Fazendas, der Rest ist Urwald, der noch viele Jahre reichen wird, um ausgebeutet werden zu können“.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Amorim sagte auch, dass die Region zirka 40 Baumarten besitze, die sich für die Extraktion eignen. “Die besten sind die Ipês (Handroanthus albus), das sind die wertvollsten, gefolgt vom Angelim (Dinizia excelsa), Maçaranduba (Manilkara amazonica), Jatobá (Hymenaea courbaril). Es sind viele Arten, die Vegetation hier ist extrem vielgestaltig“. Und er erklärt, dass die Holzausbeutung vor allem während der Trockenperiode stattfindet, wegen der Transportschwierigkeiten der Stämme auf den prekären Pisten.

Seiner Meinung nach ist der Holzverarbeitungs-Sektor gegen die Zerstörung des Regenwaldes. “Wir haben hier Holz, das uns 200, 300 Jahre lang beschäftigen wird, für unsere Söhne und Enkel, denn an Holz wird es für sie nicht fehlen. Wer aber den Wald zerstört, sind die mit den Motorsägen – die gehen hin und zerstören alles. Der Holzverarbeitungs-Sektor will das nicht. Für uns ist es wichtig, den Wald zu erhalten“. Aber die Gesetzlosigkeit beherrscht die Region.

Der Staatsanwalt, in den letzten sechs Monaten an der Spitze der Justiz von Colniza, hebt in einem Interview hervor, dass die Stadt immer noch unter einem fehlenden Minimum an Ressourcen leide, wie zum Beispiel Gesundheitsvorsorge, schulische Bildung und Sicherheit. “In den Distrikten Guariba und Guatar ist es noch schlimmer. Je weiter man in den Wald hineingeht, um so weniger Präsenz des Staates und ambientales Bewusstsein wird man vorfinden. Wenn die Menschen um ihr Überleben besorgt sind, um etwas zur Selbsterhaltung nach Hause zu bringen, dann bleibt nicht viel übrig für die Sorge um die Natur“, sagt er.

Der Staatsanwalt zählt eine Reihe ernster Probleme der Region auf, die für die Umweltverbrechen förderlich sind, wie die fehlende Regulierung des Grundbesitzes, die kaum zu ertragende Verzögerung der Ausgabe von ambientalen Lizenzen und die fehlenden wirtschaftlichen Alternativen für die Bürger der Region. “Entweder nimmt man sich endlich dieser Probleme an, oder die Waldzerstörung wird nicht aufhören. Drohungen allein werden nichts nützen, sie können nichts bewirken, weil das Leben dieser Menschen, gesellschaftlich und wirtschaftlich, bisher allein von der Holzausbeutung abhängig ist“.

Der Chef der IBAMA in Juína sagt, dass alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die einen Gewinn durch einen intakten Wald abwerfen, unbedeutend sind, und dass es viel einfacher ist, einen Kredit für Viehzucht oder Landwirtschaft zu bekommen, als für eine nachhaltige Sammelaktivität. “Heute haben wir eine perfekte Wirtschaftsstruktur für Vieh und für Soja – auf die gleiche Art und Weise müssten die Menschen nun angeregt werden, nicht die Bäume abzuholzen, sondern deren Produkte, wie Früchte, Öle und Harze, zu sammeln.

Eine solche Wirtschaftsstruktur gibt es nicht, es gibt keine Initianten dafür und keine Käufer, obwohl die Bedingungen vorhanden wären, solche Waldprodukte zu erwirtschaften ohne die Bäume zu fällen. Aber dann, an wen soll man sie verkaufen? Und wenn, dann für einen lächerlichen Preis! Die Leute verlieren die Lust im Verlauf einer solchen Investition, nicht nur an Geld sondern auch an mühsamer Arbeit. Und wenn man diese Alternative mal durchrechnet, kommt man zum Schluss, dass man mit Abholzung und Viehzucht viel besser dran ist und viel mehr verdient“, erklärt der IBAMA Chef von Juína.

Der Staatsanwalt bedauert, dass die offiziellen Kontrollen im Munizip die Chefs jener Banden, die für die Waldzerstörung verantwortlich sind, nicht erreichen. “Es ist ganz leicht und geschieht häufig, dass man einen LKW-Fahrer auf der Strasse erwischt, der eine illegale Fuhre Holz transportiert, jedoch wer dahinter steckt und das Ganze finanziert, das ist schwierig herauszufinden – ich meine die Namen der Verantwortlichen.

Die Ertappten weigern sich, diese Auskunft zu geben, oder sie weigern sich, eine Aussage zu unterschreiben. Sie weigern sich, vor Gericht auszusagen und vermeiden jegliche offiziellen Registrierungen, weil sie um ihr Leben fürchten. Und das lässt sich durchaus nachvollziehen, denn es ist eine Tatsache, dass es dort drinnen im Wald keine Polizei gibt. Die Justiz ist weit weg. Hie und da findet man eine Leiche, und dann hat niemand eine Ahnung, was passiert ist, oder wer der Mörder war“, sagt der Staatsanwalt.

Seiner Meinung nach muss man die beiden Typen von Holzfällern getrennt betrachten. Die einen sind jene, “denen es an allem fehlt, und die sich auf einem Stückchen Erde befinden, wo sie um ihr Überleben ringen“ und die unterscheiden sich wesentlich von den grossen Waldzerstörern und ihren Abholzungsbanden. “Wir wissen, dass die ambientale Verwüstung, die Waldzerstörung mit schwerem Gerät, nicht von den Kleinen verursacht wird. Meine Dienststelle ermittelt wegen 10, 40, 50 Hektar Entwaldung, und dann haben wir plötzlich eine Fläche von 4.000 Hektar! Das sind zwei Paar Schuhe, und die müssen auch unterschiedlich behandelt werden“.

Die gute Nachricht ist, dass die IBAMA während ihrer letzten Einsätze hinsichtlich der Zerstörung grosser Waldflächen in Colniza, es geschafft hat, an die Namen der Hintermänner zu kommen. “Es wurde deutlich, dass die Besitzer der beiden Fazendas, an denen die Strasse zum Abtransport von Holz aus dem Reservat Guariba-Roosevelt vorbeiführt – beides riesige Grundbesitze – in die Waldzerstörung verwickelt waren. Diese Drahtzieher wurden entsprechend unserer Strafgesetzgebung verurteilt und ihnen ausserdem zur Auflage gemacht, die zerstörte Fläche wieder aufzuforsten“.

Grundbesitz-Chaos

Das Munizip von Colniza ist auch Champion der mutwillig verursachten Waldbrände im Bundesstaat Mato Grosso, die alljährlich zum Höhepunkt der Trockenzeit, die Region mit dichtem Rauch überziehen, den Verkehr in den Städten behindern, die Menschen in Atemnot versetzen und die wenigen Hospitäler überfüllen. Der Staatsanwalt betont, dass die Kontrollbehörden allein dieses Problem niemals lösen werden. “Die IBAMA kann dieses Problem definitiv nicht lösen, weil die Menschen nicht einmal eine Besitzurkunde des Stückchens Erde haben, auf dem sie sich befinden. Sie sind in einer prekären Situation, haben keine Sicherheit, dass ihnen die Erde auch gehört, die sie bearbeiten“.

Und weil diese Personen keine Urkunde haben, so erklärt Staatsanwalt, können ihnen die Umweltbehörden auch keine Erlaubnis für eine legale Brandrodung erteilen. “Folglich machen sie es eben einfach illegal, und dann agieren wir in reaktiver Form. Die präventive Seite – orientieren, lehren und so die Urkunde erhalten, ist inexistent, es gibt sie nicht“, bedauert er. Ein Teil der besetzten Ländereien gehören dem Bundesstaat Mato Grosso, der Rest gehört der Union (der Landesregierung).

Der Staatsanwalt berichtet, dass die Bevölkerung nicht aufhört zu wachsen, und das erklärt sich vor allem aus den Preisen der Grundstücke, die als äusserst attraktiv betrachtet werden, eben weil es “irreguläre Areale“ sind. Und wie er hinzufügt, sind weniger als 10% des urbanen Territoriums von Colniza gesetzlich reguliert. “In dem Moment, in dem der Grund und Boden hier reguliert würde, schnellten die Preise nach oben.

Das Eine ist der Preis eines spekulativen Terrains – ohne Urkunde und ohne juristische Sicherheit – das Andere ist der Preis nach einer Regulierung. Die Menschen strömen hierher, wegen der niedrigen Preise“, sagt er. “Es gibt Menschen, die ihr Stückchen Erde suchen, sie invadieren, bauen ein Häuschen, pflanzen, setzen ein paar Kühe drauf – andere kommen, um zu spekulieren, invadieren, bauen etwas drauf und warten eine Zeit ab, um einen Käufer dafür zu finden“.

Der IBAMA Chef, erzählt, dass die Mehrheit der Zuwanderer aus dem Nachbarstaat Rondônia kommt, alle auf der Suche nach einem Stück Land. “Wir haben verschiedene Fälle von Personen, die dort ihr registriertes Grundstück verkauft haben, weil sie auf die Sprüche von Gaunern reingefallen sind und gefälschte Dokumente “von einem Paradies“ gekauft haben – stattdessen haben sie einen Platz in der Hölle bekommen. Denn sie haben weder eine Möglichkeit, ihr Grundstück zu legalisieren, noch die Flächen aufzuforsten, die sie gekauft haben. Um einen Hektar Wald aufzuforsten kostet das mehr als R$ 5.000 (mehr als 1.000 Euro), also wird aus dem Traum ein Albtraum“, sagt er.

Er bedauert, dass die illegalen Aktionen in dieser Region so viel Gewinn einbringen und deshalb so häufig sind. “Nachdem ein Landbesetzer eine Fläche gerodet hat, verkauft er sie an einen Dritten. Dieser Dritte, selbst wenn er die Kosten zur Aufforstung übernimmt und den Antrag zur Registrierung stellt, bis die endlich erfolgt, hat er bereits 5, 10 Viehtransporte oder Sojaernten, und wer weiss was sonst noch, verkauft. Wenn jener Zweite das Grundstück an einen Dritten oder Vierten verkauft, ist der Gewinn ebenfalls lohnend, und er kompensiert die Rodungsarbeit. Wenn dann der Käufer später die Verpflichtung übernehmen muss, alles wieder aufzuforsten, hat sich der eigentlich Verantwortliche mit seinem Gewinn längst abgesetzt“.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Der IBAMA Mann berichtet weiter, dass das Team der IBAMA im Munizip jeden Monat wechselt. “Die IBAMA hat konstant und mit äusserster Anstrengung gearbeitet, um die illegale Abholzung zu unterbinden, aber offensichtlich werden wir es nicht schaffen, unsere Teams 24 Stunden pro Tag und an allen Orten zu unterhalten, an denen noch unangetasteter Wald steht“. Er schätzt, wenn die Situation der Landbesetzer in dieser Region nicht legalisiert wird, wird die Entwaldung innerhalb des von der Regierung von Mato Grosse festgesetzten Zeitraums nicht aufhören.

“Als erfahrener Techniker sage ich, dass die Landesregierung in Brasília viel zu optimistisch war, als sie das Datum für die “Null Entwaldung“ auf das Jahr 2030 schätzte – und absolut unrealistisch ist das Datum der Staatsregierung von Mato Grosso, die das Ende der Entwaldung auf 2020 festgesetzt hat “.

Verzögerung der Lizensierung und Herausforderung der Legalität

Der Präsident des “Syndikats der Agrarproduzenten“ von Colniza bestätigt, dass ein weiteres, grosses Problem, das zur illegalen Entwaldung der Region führt, in der verzögerten Ausstellung von ambientalen Lizenzen besteht. “Es gibt Areale, deren Besitzer ihre Pläne zur umweltgerechten Gestaltung umsetzen wollen und nun schon fünf Jahre oder länger auf die entsprechende Genehmigung warten. Die vom staatlichen Sekretariat offiziell angegebene Wartezeit zur Freigabe ist zweieinhalb Jahre“, klagt er.

Wie er meint, trägt der bürokratische Exzess, verstärkt durch die fehlenden Besitzurkunden, dazu bei, dass auch die Antragsteller es vorziehen, illegal zu agieren. “Diese Verzögerung schürt die Illegalität. Die INCRA (Nationales Institut für Kolonisation und Agrarreform) hat viele Familien hier hingesetzt und sie dann sich selbst überlassen. Heute müssen sie etwas pflanzen, um zu überleben. Wenn man ein Projekt zur Landbearbeitung einreicht und es nicht genehmigt wird, heisst die Alternative Bäume fällen, um zu überleben. Es fehlt die Präsenz von verantwortlichen Organen, um die Menschen zu orientieren und die Situation zu organisieren. Wenn sich die Regierung nicht bemüht, dort einzugreifen und zu helfen, geht den guten Initiativen die Luft aus“.

Der Präsident des “Syndikats der Agrarproduzenten“ kam vor 16 Jahren nach Colniza. Er hat einen Besitz mit Genehmigung zur Entnahme von 12.000 Kubikmetern Holz – zirka 600 grosse LKWs voll. Wie er angibt, wird das Waldgebiet nach der Extraktion weiterhin erhalten bleiben. “Ob er will oder nicht, trägt der Holzverarbeitungssektor zur Erhaltung der Umwelt bei. Denn die Handhabung funktioniert folgendermassen: Man nimmt ein Gebiet von 100 Quadratmetern, macht einen Plan zur Handhabung und lässt ihn vom Sekretariat genehmigen. Dann entnimmt man höchstens drei Bäume aus diesem Areal, sodass die Fläche praktisch intakt verbleibt. Auf diese Weise konserviert man den Wald“, argumentiert er.

Seiner Meinung nach würde eine solche (genehmigte) Handhabung mit der Illegalität Schluss machen. “Im Fall der Handhabung unterzeichnet man einen vom Notar eingetragenen Terminus, dass man 35 Jahre lang für die entsprechende Fläche verantwortlich ist. Wenn Unbefugte in dieses Gebiet eindringen, muss man sich darum kümmern.

Der Staatsanwalt stimmt zu, dass die Ausgabe von Genehmigungen viel zu lange dauert, aber er betont auch, dass der Grundstücksbetrug mit scheinbar autorisierten Handhabungsplänen, die gefälscht sind, immer mehr zunimmt. „Die Kreativität bei der Fälschung von Papieren für Holz, das illegal entnommen wurde, ist grenzenlos.

Heute arbeitet man mit der Bank für Holzkredite zusammen. Irgendwer eröffnet eine legale Handhabung zur Entnahme einer bestimmten Menge Holz und fängt an, das Holz heranzuschaffen – aber dieses System ist eine Sache, und die Praxis eine andere. Wir haben Fälle, in denen nach diesem System Tausende und Abertausende Kubikmeter Holz genehmigt wurden, und als man im angegebenen Gebiet eine Kontrolle vornahm, stellte man fest, dass dort kein einziger Baum fehlte“, erklärt er. Die IBAMA kontrolliert viel zu selten, ob der Holzvorrat in den Lagern der diversen Sägewerke der Region auch aus Grundstücken stammt, in denen die selektive Holzentnahme durch das Sekretariat für Umwelt genehmigt wurde.

Der Syndikats-Mann beteuert, dass er kein Holz kauft, ohne dessen Herkunft zu kennen, aber er gibt auch zu, dass es nicht schwer ist, illegales Holz mit falschen Papieren zu “legalisieren“. “Wer das machen will, der weiss genau wie“!

Der Verantwortliche für die Kontrolle der IBAMA im Nordwesten des Bundesstaates spricht von einem grossen Netz zur „Legalisierung von Holz“ in der Region, mittels unrechtmässiger Inanspruchnahme von “Krediten für die Holzentnahme auf Grundstücken mit autorisierten Handhabungsplänen“ – inklusive in anderen Regionen des Landes. “Es gibt einen gewaltigen Kommerz rund um den “Kredit für die Holzentnahme“ und der ernährt zahllose Umweltverbrecher und füllt jenen die Kassen, welche die Fäden zur Waldzerstörung Amazoniens ziehen.

Umwelt Bewusstsein

Nach Ansicht des Staatsanwalts ist weder der Bevölkerung noch der Präfektur der Stadt die Bedeutung eines Verbots der Waldabholzung bewusst. “Ganz im Gegenteil. Die gegenwärtige Verwaltung, und auch die, welche wir hatten, bis zum Rücktritt des Bürgermeisters, demonstrierten sogar eine Haltung gegen den Umweltschutz. Die von der Staatsanwaltschaft veranlassten Vorschläge wurden unter dem Vorwand fehlender Kompetenz abgelehnt, “dies sei ein Fall für die Landesregierung“! Die IBAMA hat mehrere Male logistische Unterstützung angefordert, um beschlagnahmtes Holz und die entsprechenden Fahrzeuge abzutransportieren – alles wurde abgelehnt“, empört er sich.

Bei der IBAMA dieselbe Meinung: “Leider bekommen wir keine Unterstützung von der lokalen Staatsregierung in Colniza, wir glauben, dass der Präfekt und seine Equipe Angst haben, von den Verbrechern zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn sie die IBAMA unterstützen“, bedauert Evandro Selva.

Der Staatsanwalt Daniel Santos beschreibt das politische Szenario des Munizips als “problematisch“. Am 30. Januar 2016 stimmten die Abgeordneten von Colniza überein, den Präfekten von der PMDB über einen Zeitraum von 90 Tagen “zu beurlauben“, aufgrund von Denunzierungen betreffs Unterschlagung öffentlicher Gelder. Der Präfekt ist seit 23. März wieder im Amt. Der Ex-Präfekt, ebenfalls durch die Abgeordneten seines Amtes enthoben, wurde Mitte März 2016 wegen Diebstahls von 1 Million Reais aus Steuergeldern denunziert, die er für sich aus einem Kostenvoranschlag für die Asphaltierung verschiedener Strassen im Munizip abgezweigt hatte.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Das Munizip hat keinen Sekretär für Umwelt. Die Funktion hat der Präfekt übernommen. Als die Equipe der Agencia Brasil Colniza besuchte, hatte man den gegenwärtigen Präfekten bereits abgesetzt. Seit er zurück ist, versuchten sie eine Stellungnahme per Telefon. Bis zum Abschluss dieser Reportage kam leider keine Antwort von der Präfektur in Colniza zustande – es gibt dort auch keinen Pressesprecher.

Die Wächter des Regenwaldes

Flussbewohner und Indigene erhalten die Natur und ihre traditionelle Kultur. Gegen den Strom, kämpfen diese Wächter des Waldes für den Fortbestand des Regenwaldes.

Die Erdpiste, die von Colniza in Richtung des Dorfes Guariba führt, einem Disrikt des Munizips in zirka 150km Entfernung, ist begrenzt von offenen Weideflächen, ohne native Vegetation, eine Ausnahme sind die typischen Babaçu-Palmen. Jeder hier in der Gegend weiss auch den Grund, warum man sie stehen gelassen hat: diese Spezies beschädigt die Kette der Motorsäge und wird deshalb verschont. Nach etwa 80km hinter Colniza, im extremen Nordwesten des Bundesstaates, nahe der Grenzen zu den Bundesstaaten Amazonas und Rondônia, verändert sich die Landschaft plötzlich: Hohe Bäume kündigen den dichten Amazonas-Regenwald an, in den geschützten Gebieten der Region.

Auf der linken Seite der Piste befindet sich die “Reserva Extrativista Guariba-Roosevelt“ (Resex), mit 138.092 Hektar, wo zirka 400 “Ribeirinhos“ (Bewohner der Flussufer) leben, die ihre Existenz durch das Sammeln von Waldprodukten bestreiten, ohne dadurch die Natur zu schädigen. Auf der rechten Seite beginnt das Indio-Territorium (IT) Kawahiva do Rio Pardo, mit 411.844 Hektar Fläche, in dem eine isolierte indigene Gruppe des Kawahiva-Volkes, aus der Sprachfamilie Tupi, lebt.

“Vom Rio Aripuana bis zum Rio Guariba gab es nur Wald. In den letzten zehn Jahren haben sie ihn vollkommen abgeholzt“, berichtet Jair während der Fahrt zur Basis der FUNAI, 114km von Colniza entfernt, wo er inzwischen arbeitet, seit er 1999 die Existenz der indigenen “Kawahiva vom Rio Pardo“ nachgewiesen hat. Die beiden erwähnten Gebiete sind Inseln mit intaktem Regenwald inmitten des bedrohten Nordwestens von Mato Grosso. Aber wer dort lebt erzählt, dass die Invasionsversuche nicht aufhören.

Die Bewohner stehen unter kontinuierlichem Druck seitens der Landspekulanten. Einen Tag nach dem Besuch des Teams im provisorischen Camp der FUNAI innerhalb des Indio-Territoriums, entdeckte der Verantwortliche Jair, ein Camp von 150 Landbesetzern innerhalb des durch Gesetz den Indios zugesprochenen Gebietes. Sie hatten sich bereits auf einer gerade erst gerodeten Lichtung wohnlich eingerichtet.

Die Beamten der FUNAI haben Polizeigewalt innerhalb der indigenen Zone, aber keine Mittel für Erfolg versprechende Operationen. Um das Problem nicht ohne Unterstützung angehen zu müssen, informierte der Leiter der FUNAI-Truppe seine Vorgesetzten in Brasília. Er berichtete, dass die Landbesetzer schon nicht mehr am selben Ort waren, als die Polizei aus Cuiabá in der Region ankam, sondern sich bereits weiter ins Innere der verbotenen Zone fortbewegt hatten. “Wir sahen ihre Grundstücksmarkierungen innerhalb des IT, aber dann lenkten sie plötzlich ein und gaben an, dass sie sich geirrt hätten und verliessen das IT freiwillig“.

Ailton, Sohn und Enkel von Latex-Sammlern und Leiter der Kommune sagt, wenn das Reservat nicht wäre, “hätten sie bereits alles besetzt und zerstört“, und damit meint er die Landbesetzer. “Der Druck auf uns, abzuhauen und den Invasoren das Land zur Holzausbeutung zu überlassen, ist gross“, bedauert er. Er lebt in São Lourenço, einer Kommune von 250 Einwohnern am Ufer des Rio Guariba, innerhalb des Sammler-Reservats. Als Lehrer an der Schule von São Lourenço versichert er, dass seine Kommune eine andere Meinung zum Thema Entwicklung habe. “Wir vertreten ganz entschieden die Ansicht, dass man für eine Entwicklung nicht die Bäume absägen muss. Entwicklung heisst, für unsere Enkel zu erhalten, was wir von unseren Grossvätern geerbt haben“, sagt er.

Das staatliche Sekretariat für Umwelt beschreibt die Resex als ein Naturreservat, das ausser der Erhaltung seines Waldbestandes und der Lebensart seiner Bewohner, “zur ambientalen Verknüpfung mit den anderen Konservierungseinheiten des Nordwestens von Mato Grosso beiträgt. Zusammen bilden sie eine Barriere gegen das Vorrücken des “Waldzerstörungsbogens“ in Richtung Norden“, so der Auszug aus einer Presseerklärung des Organs über das Reservat.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Die Invasionen gehen jedoch weiter, trotz Gründung des Reservats. Der Staatsanwalt der im vergangenen Jahr im Munizip von Colniza tätig war – die Rotation von Staatsanwälten in jener Region ist enorm – berichtete, dass während der letzten grossen Operation der IBAMA, Mitte des Jahres 2015, 30 Personen verhaftet und zahlreiche entwaldete Areale entdeckt wurden, eins mit einer Fläche von 4.000 Hektar. “Eine Piste führte vom Dorf Guariba zu einer Fazenda und von dort hinein in die “Reserva Extrativista Guariba Roosevelt“ (Resex).

Von dieser Piste zweigten keine anderen Pfade ab – sie diente also keinem anderen Zweck als auf ihr in die Resex eindringen zu können. Und dort fanden wir dann eine riesige Lichtung vor, von der aus die Bäume abgesägt wurden, um anschliessend über die besagte Piste abtransportiert zu werden. Wahrscheinlich wird das illegale Holz dann in Guariba selbst zersägt und mit gefälschten Papieren ausgestattet, denn es lohnt sich nicht, die riesigen Baumstämme weit zu transportieren“, sagt der Staatsanwalt.

Der Beamte des Sekretariats für Umwelt berichtet, dass eine Schätzung sich auf 4.000 Festmeter Holz bezieht, die aus der Resex im vergangenen Jahr gestohlen wurden. “Im Distrikt Guariba gibt es auf dem Papier 42 Sägereien. Installiert sind 18, in Funktion nur 8”. Wie er weiter ausführt, existiert in der Region eine Organisation, die Dokumente fälscht und illegales Holz damit “legalisiert”.

Ailton, der Lehrer, ist auch Präsident der Einwohnervereinigung seiner Kommune. Er berichtet, dass die Beamten der Kontrollorgane immer öfter das Reservat besuchen, was in der Vergangenheit selten der Fall war. Einst befürwortete er die Eingrenzung des Reservats als Massnahme zur Verhinderung von Invasionen und zur deutlichen Kennzeichnung der Naturschutzzone. “Heute haben wir keine Schilder mehr, keinen Zaun – nichts. Das erleichtert sogar uns Bewohnern den Zugang, und wir selbst helfen mit bei den Kontrollgängen“. Alisio lebt in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Bruder Ailton auf einem Grundstück (ein reserviertes Areal für jede Familie, mit Platz für Haus, Pflanzung und Kleintierhaltung) am Ufer des Rio Guariba, innerhalb der Resex Guariba-Roosevelt.

Alisio wurde in São Lourenço geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er bedauert, dass die Waldzerstörung in seiner Region so schnell zunimmt. “Obwohl unsere Leute sich bemühen, hier im Reservat den Wald zu schützen und zu erhalten, führt die totale Zerstörung rund um unser Schutzgebiet dazu, dass die jagdbaren Tiere abwandern und der Wasserspiegel des Flusses sinkt“.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Er erzählt, dass in den letzten zwanzig Jahren, stets ab Monat August, der Rauch der Brandrodungen die gesamte Region einhüllt. “Eine Praxis, die von den illegalen Landbesetzern eingeführt worden ist. Wir müssen teilweise auch von der Jagd leben, aber es ist inzwischen sehr schwierig geworden, jagdbares Wild zu finden. Die Wildschweine und Hirsche sind abgewandert, wegen der jährlichen Waldbrände“.

Der Spezialist und Chef der IBAMA Evandro erklärt, dass es nach der Zerstörung des originalen Regenwaldes schwer ist, den Wald wieder aufzuforsten und die gleiche biologische Vielfalt zu erreichen, wie vorher. “Es gibt keine genauen Berechnungen darüber, wann ein sekundärer Wald ein ähnliches Potenzial wie vorher erreicht haben wird, aber ich nehme an, dass dazu mehr als einhundert Jahre nötig sind.

Wir haben bereits Versuche mit sekundären Wäldern gemacht, haben ihr Wachstum über zwanzig Jahre hinweg verfolgt und festgestellt, dass ihnen die Biovielfalt fehlt – vielmehr sind sie in dieser Hinsicht geradezu ärmlich, noch nie hat eine der Grosskatzen sie durchquert oder sich gar dort aufgehalten. Also schätze ich, dass es mindestens einhundert Jahre dauern wird, bis ein sekundärer Wald die Biodiversifikation des Originals erreicht haben wird – insofern dies überhaupt möglich ist“.

Das Reservat Guariba-Roosevelt

Das Sammler-Reservat Guariba-Roosevelt wurde 1996 gegründet und ist das einzige dieser Art in Mato Grosso. Die Kommune überlebt vom Sammeln der Paranüsse, der Extraktion des Öls vom Copaíba-Baum und dem Sammeln von Latex zur Gummiproduktion. Hinter den Holzhäuschen am Ufer des Rio Guariba – in sicherer Entfernung von eventuellen Überschwemmungen durch den Fluss – praktizieren die Bewohner auch organischen Ackerbau zur Selbsterhaltung.

Anfänglich betrug die Grösse des Reservats 57.630 Hektar, wurde jedoch von den Bewohnern immer als ungenügend angesehen, die berichten, dass diese Reservats Fläche lediglich 7 der 40 Kommunen am Rio Guariba einbegreift. Das heisst, der grösste Teil der Felder, die Paranussbäume, die nativen Latex-Bäume und die besten Plätze zum Fischen, Sammeln und Jagen, befinden sich ausserhalb der schützenden Grenzen. 2007 wurden die Grenzen zwar erweitert auf 138.092 Hektar, sind aber immer noch nicht ausreichend. Ausser den Siedlungen am Rio Guariba erfasst die Resex noch andere Kommunen am Ufer des Rio Roosevelt.

Die Einrichtung dieses staatlichen Sammler-Reservats garantiert allerdings immer noch nicht die Rechte auf den Grundbesitz des geschützten Areals. Den Fazendeiros, die Flächen innerhalb der Schutzzone besetzt halten, ist es untersagt, sie zu nutzen – sie warten auf eine Entschädigung. Als man 1997 die Schutzzone schuf, existierten Registrierungen und Prozesse von definitiven Besitzrechten zugunsten von 37 Personen.

Prekäres Transportsystem gefährdet die Bevölkerung und erschwert medizinische Versorgung, Erziehung und gesellschaftliche Programme.
Die Familien der Kommune São Lourenço, innerhalb der Resex, haben mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, wenn es mal nötig wird, eine kranke Person in ein Krankenhaus zu bringen oder aus irgendwelchen anderen Gründen eine Stadt aufzusuchen, denn es gibt keine entsprechende lokale Infrastruktur oder Transportmöglichkeit.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Seit fünf Jahren wird Artemísia von der durch Ex-Präsident Lula geschaffenen “Bolsa Família“ unterstützt. Sie hat vier Kinder und erhält R$ 250(zirka 60 Euro) pro Monat. Sie berichtet: “Wenn der Tag der Auszahlung kommt, befinden sich alle Mütter unserer Kommune in derselben prekären Situation, denn wir sind auf eine freundliche Person angewiesen, die uns in die Stadt Aripuanã mitnimmt – jeden Monat dasselbe – die Präfektur unterstützt uns auf keine Weise.

Manchmal fahren wir auf der Karosserie eines LKWs, ein anderes Mal auf einem Motorrad. Wenn ich bezahlen müsste, um in die Stadt zu kommen, würde das R$ 300 (zirka 73 Euro) kosten – würde sich also nicht lohnen, das Unterstützungsgeld überhaupt abzuholen“! Und Artemísia weist noch darauf hin, dass alle Rentner der Kommune das gleiche Problem haben.

Der Leiter der Kommune Ailton, Ehemann von Artemísia, sagt, dass man deshalb mehrere Monate mit dem Abholen der Unterstützung wartet, bis sich die Beträge zu einer Summe angehäuft haben, für die sich das Abholen lohnt. “Um nach Aripuanã per Omnibus zu fahren, dem Nachbarmunizip von Colniza, wo die Meisten ihr Geld erhalten, kostet das R$ 100 – zurück dann nochmal R$ 100. Dazu kommt noch das Benzin für das Kanu, um von uns aus die Strasse zu erreichen.

Ideal wäre, wenn jeweils jemand am Monatsende die entsprechenden Personen abholen würde, damit sie gemeinsam zur Bank gehen könnten, oder wenn das Unterstützungsgeld hier bei uns in der Kommune ausgezahlt würde – aber unser Problem interessiert die Politiker des Munizips nicht“, klagt Ailton. “Und noch eins: Wenn wir länger als drei Monate mit dem Abholen des Geldes warten, wird es von der Bank blockiert“, ergänzt Artemísia.

Der Zugang der Bewohner zu einer adäquaten Gesundheitsvorsorge oder Ersten Hilfe ist genauso problematisch. Um zum nächsten Erste-Hilfe-Posten zu gelangen, im Distrikt von Guariba, braucht man vier Stunden per Kanu, oder 1,5 Stunden mit einem Schnellboot, bis zur Brücke an der Strasse – von dort weitere 15km bis zum Distrikt. Wenn es nötig sein sollte, nach Colniza zu reisen, braucht man dazu zirka sechs Stunden.

Die Bewohner der Kommune haben auch keinerlei technische Kommunikationsmittel. Es gibt kein Telefonnetz an diesem Ort. Erst kürzlich hat die kommunale Schule Computer erhalten. Um den Zugang ins Internet möglich zu machen, wurden Painele mit Solarzellen von Technikern des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie installiert. Die Erwartungen zur Nutzung des Internets sind hoch, besonders bei den Jüngeren, aber ein Datum, wann es funktionieren wird, wurde noch nicht bekanntgegeben. Ein paar Häuser haben einen Fernseher, der funktioniert per Generator, aber als die Leute interviewt wurden, winkten sie ab und berichteten, dass ihr Radio die meist benutzte Informationsquelle darstelle.

Der Lehrer Ailton ist seit 19 Jahren der verantwortliche Erzieher in der Grundschule der Kommune. Mit zirka 40 Kindern verschiedenen Alters, befindet sich die Schule gleich neben Ailtons Wohnhaus, das er von seinem Grossvater geerbt hat, der Latex-Sammler gewesen ist. “Dieser Ort hier ist ein antikes Terrain, das meinem Grossvater gehörte, der hier mehr als 50 Jahre lang gelebt hat. Und wir setzen sein Lebenswerk fort“.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Er erinnert sich, dass es während seiner Kindheit in São Lourenço keine Schule gab, wodurch er gezwungen war, seinen Geburtsort während einiger Jahre zu verlassen, um studieren zu können. “Die Ältesten hatten keine Möglichkeit, etwas zu lernen, weil es hier keine Schule gab. Sie lebten von der Extraktion der Waldprodukte, bekamen keinerlei Schulbildung. Ab der 1990er Jahre begannen wir eine Schulbildung vom Staat zu verlangen, denn zu dieser Zeit gab es viele Kinder bei uns. Die Schule wurde dann auch eingerichtet, und ich begann mit vier Schülern“ erzählt er.

Wegen klimatischer Einschränkungen folgt die kleine Schule nicht dem regulären Kalender. Das Klima in dieser Region ist in zwei klar definierte Perioden unterteilt: die des Wassers, in der es oft regnet, zwischen Juni und Dezember, und die Trockenperiode, in der es nicht regnet und der Wasserspiegel des Flusses sinkt. Und da der Transport der Schüler per Boot geschieht, ist er während der Trockenzeit unmöglich.

“Wir haben alle Bewohner zu einer Versammlung geladen, haben einen Vorschlag diskutiert und den dann dem Sekretariat für Erziehung vorgelegt. Wir haben einen Kalender geschaffen, der unseren Möglichkeiten entspricht – er erstreckt sich über sieben Monate, beginnt im Januar und endet im Juli“, erklärt Ailton. Die Kinder bleiben den ganzen Tag über in der Schule, essen zu Mittag, gehen schwimmen, spielen, lernen Pflanzen im Garten zu unterscheiden und Bäume im Wald, deren Produkte für die Wirtschaft der Kommune relevant sind.

Anfangs kamen die Schüler per gepaddeltem Kanu in die Schule – viele gegen die Strömung des Flusses. Heute gibt es ein motorisiertes Schulboot in der Kommune, gesteuert von Alísio, der die Schüler zuhause abholt.

Während des Besuches des AgenciaBrasil Teams, gegen Ende März, waren Artemísia und Ailton ziemlich nervös wegen der bevorstehenden Abreise ihrer beiden jugendlichen Töchter, im Alter von 15 und 16 Jahren, nach Juína, wo sie im Instituto Federal der Stadt weiter studieren werden. Da die Schule der Kommune nur bis zum 9. Grundschuljahr unterrichtet, müssen die, welche weiter studieren wollen, dies in einer Stadt tun.

Ailtons Sorge ist dieselbe wie bei allen anderen Eltern in der Region: Ausser der Unsicherheit gegenüber den Gefahren der Stadt und dem Kummer, ihre Kinder nicht in der Nähe zu haben, fürchten sie, dass die Jugendlichen ihre Verbindung mit der Kommune verlieren und sich aus der Kultur entfernen, in der sie aufgewachsen sind. “Sie beenden die Grundschule und es hilft nichts, wenn sie mehr lernen wollen, dann müssen sie das weiter weg tun. Das ist nicht leicht für uns. Wenn wir eine erweiterternde Ausbildungsstufe in die Kommune integrieren könnten, oder wenigstens ein bisschen näher, wäre das beruhigender“.

Patrícia und Talia, die Töchter von Artemísia und Ailton, sind bisher noch nie aus der Kommune herausgekommen und waren auch noch nie von ihren Eltern getrennt. “Ich bin unruhig und traurig, dass ich weit weg von meinen Eltern und Freunden sein werde“, sagt Patrícia. “Ich würde es vorziehen, hier weiter studieren zu können. Ich möchte eine Ausbildung haben und für mein Volk arbeiten, habe keine Lust, irgendwo anders hinzugehen“, sagt Talia. Sie liebt das ruhige Leben von São Lourenço, wo sie schwimmen und angeln kann, wann immer sie dazu Lust hat.

Seit Mitte April studieren die Beiden nun in einem technischen Kurs für Umwelt, im Instituto Federal der Stadt Juína. Sie sind am 9. April abgereist und haben sich im Wohnheim des Instituts einquartiert.

Ohne Zwischenhändler bringt die Paranuss-Ernte den sammelnden “Ribeirinhos“ gutes Geld

Der Präsident der Einwohner-Vereinigung des Sammler-Reservats Barra-Guariba Ailton gibt an, dass trotz der Schwierigkeiten, mit denen die Flussbewohner immer noch konfrontiert werden, sich die Lebensumstände deutlich verbessert haben, seit sie sich zum Kampf um ihre Rechte organisiert haben. Ailton erinnert daran, dass es bis Ende 1980 noch keine einzige Strasse gab, auf der sie zu irgendeiner Stadt im Bundesstaat Mato Grosso Zugang gehabt hätten. “Unsere Region hier wurde vom Bundesstaat nicht anerkannt. Bis 1995 gab es hier noch nicht einmal Geld“!

Der einzige Kontakt der “Ribeirinhos“ mit der Aussenwelt war mittels der “Marreteiros“, wie man die Zwischenhändler nannte, die vom Amazonas kamen und mit ihren Hausbooten die Kommunen besuchten, um ihre Industrieprodukte gegen die Produktion der Sammler einzutauschen. “Wir arbeiteten das ganze Jahr über, und trotzdem hatten wir am Ende immer noch Schulden“, erinnert sich Valterino, ebenfalls ein Bewohner des Reservats.

Obwohl sie von diesen Marreteiros immer übers Ohr gehauen wurden, erlebte die Bevölkerung eine noch schlimmere Zeit, als sie plötzlich nicht mehr vorbeikamen. “Wir hatten unsere Produkte, aber niemand mehr, an den wir sie hätten verkaufen können“, erklärt Ailton. Als die Regierung von Mato Grosso Kontrollstellen am Rio Guariba einrichtete, um die Navigation der Händler zu unterbinden, stand unsere Kommune vor einem ernsten Problem. “Viele Familien sind in dieser Epoche abgewandert, es war wirklich schwierig, hier zu überleben“, erzählt Valterino, und erinnert sich, dass jene, die geblieben waren, ihre Produktion für extrem niedrige Preise an Händler verkauften, die gelegentlich auftauchten.

Die Situation begann sich ab 2006 zu bessern, als die Kommune Unterstützung vom Projekt “Pacto das Águas“ bekam, gesponsert von der staatlichen Petrobras, durch das die kommunalen Sammler in der Erarbeitung von Projekten zur Gewinnung von Finanzierungen und zur Konstruktion von gerechteren kommerziellen Partnerschaften unterstützt wurden. Nach viel Arbeit zur allgemeinen Bewusstmachung der Bedeutung einer Organisation, im Jahr 2010, gründete man die Vereinigung der Bewohner.

Inzwischen bringt dieselbe Paranuss, die früher kaum Gewinn abwarf, den Sammlern gutes Geld ein und verbessert die Lebensqualität der lokalen Familien. Seit 2013 hat die Vereinigung einen Vertrag mit der CONAB unterzeichnet – für die Ernte 2015/2016 erhielt die Vereinigung einen Vorschuss mit niedrigen Zinsen, von R$ 200.000 (zirka 50.000). Damit kauft die Vereinigung die Produktion der einzelnen Familien auf und speichert die Paranüsse, um sie später zum besten Preis zu verkaufen. “Heute sind wir es, die den Preis festsetzen, wir brauchen keine Zwischenhändler mehr. Jetzt kommen die Unternehmer zu uns, wir müssen ihnen nicht mehr hinterherlaufen“, sagt Ailton.

In diesem Jahr hat die Vereinigung 40.000 Kilo Paranüsse für R$ 3,20 pro Kilo gekauft. Ailton erklärt, dass der grösste Teil davon “in natura“ verkauft wird. Die Mitglieder wissen zwar, dass die Verarbeitung des Produkts den Gewinn der Kommune vergrössern würde, aber die Pläne dazu stecken noch in den Kinderschuhen.

Die fachliche Kompetenz der Bewohner ist noch gering, aber sie feiern kürzlich Fortschritte einer Konstruktion von Schuppen, damit jede Sammler-Familie ihre Produktion speichern und ein Verderben der Nüsse verhindern kann, bevor sie sie den Fluss hinunter zum Sammelspeicher ihrer Kooperative bringen, die sich an der Seite der Brücke befindet. Ein weiterer Fortschritt sind die wachsenden Kreditmöglichkeiten, die der Kommune bereits ein schnelles Motorboot eingebracht haben, das allen zur Verfügung steht.

Ailton ist besorgt wegen einer neuen Art von Invasion, die angefangen hat, seit bekannt geworden ist, dass das Sammeln von Paranüssen Geld bringt – der Diebstahl der Nüsse. Wie er erklärt, haben die Bewohner der Resex in der vergangenen Periode, die sich von November bis April erstreckt, bemerkt, dass einige “Castanhais“ (Paranuss-Baumgruppen) geplündert worden sind. “Hier in unserer Kommune kennen sich alle, und alle kennen die Sammelorte ganz genau.

Als wir bestimmte Stellen aufgesucht haben, bemerkten wir sofort, dass die Nüsse bereits aufgesammelt worden waren. Innerhalb unserer Vereinigung kaufen wir nur Nüsse unserer Mitglieder, aber es ist möglich, an anderen Orten vielleicht einen etwas günstigeren Verkaufspreis zu erzielen“.

Viele Bewohner der Resex reklamieren, dass die “Cooperativa Mista do Guariba (Comigua)”, geschaffen aus einer Partnerschaft mit der Staatlichen Universität von Mato Grosso zur Verarbeitung der Paranüsse, eine Konkurrenz für die Vereinigung der Bewohner der Resex darstellt, weil sie Paranüsse unbekannter Herkunft aufkauft. Diese Kooperative bezahlt R$ 3 pro Kilo Nüsse mit Schale, und jedwede Person kann Mitglied werden, indem sie eine Aufnahmegebühr von R$ 1.500 bezahlt. Die Comigua besitzt einen Maschinenpark, der ihr erlaubt, die Paranüsse zu verpacken oder aus ihnen Kekse und Schokoriegel herzustellen.

José, der Geschäftsführer der Resex Guariba-Roosevelt arbeitet als Volontär in der Comigua-Kooperative und bestätigt, dass deren Ziel es nicht ist, mit der Resex zu konkurrieren, sondern die Wirtschaftskette der Paranuss in der Region zu intensivieren und die lokale Bevölkerung immer mehr in diesen Prozess zu integrieren, ohne Unterscheidung zwischen traditionellen Sammlern und Personen anderer Berufsgruppen. “Wir möchten beweisen, dass es in dieser Region wirtschaftliche Alternativen gibt, die nicht von der Zerstörung des Waldes abhängen“, sagt Primo.

“Der Distrikt Guariba hat zirka 5.000 Einwohner. Die sich mit dem Sammeln von Waldprodukten befassen, sind weniger als 1.000. Die Kooperative ist völlig unabhängig von Regierungen, und wir sind offen für jeden, der mitmachen will. Das Sammeln von Waldprodukten muss zu einem bedeutenden Teil der hiesigen Wirtschaft werden. Und dahin ist es, meiner Ansicht nach, noch weit“.

José kam im Jahr 2005 in diese Region mit der Aufgabe, den Bewohnern beizubringen, wie man sich organisiert. “Ich kam gerade zur Zeit der intensivsten Waldzerstörung in diese Gegend. Es war kompliziert, den Menschen begreiflich zu machen, dass die Abholzung, so wie sie damals praktiziert wurde, keine Lösung für ihre wirtschaftliche Existenz ist. Niemand glaubte an eine wirtschaftliche Lösung durch Naturprodukte“. Und er stellt fest, dass sich die Menschen inzwischen zunehmend für diese Idee geöffnet haben.

Das Indio-Territorium Kawahiva vom Rio Pardo

“Deren Reaktion war, auf mich Pfeile abzuschiessen – meine war davonrennen”, erzählt der Waldläufer Jair über seine zufällige Begegnung mit den Indios Kawahiva vom Rio Pardo, die bis dato hundertprozentig isoliert von jeglichem Kontakt mit Weissen gelebt hatten.

Die Basis der “Fundação Nacional do Índio” (FUNAI) im indigenen Territorium Kawahiva, am Rio Pardo, befindet sich 114 Kilometer von Colniza entfernt und wird von José geleitet, einem der erfahrensten Profis der Organisation. José verteidigt die Demarkation des Territoriums leidenschaftlich, mit dem Argument, dass die Tatsache, dass diese Eingeborenen zu den letzten Isolierten gehören, sie verletzbarer für Angriffe von aussen macht, weil sie ihre Rechte noch nicht kennen.

“Sie wissen nichts über ihre Grenzen. Wie kann ein isolierter Indio seine Grenzen kennen. Er weiss nicht einmal, dass es Grenzen gibt. Der Wald gehört ihm, er hat immer in ihm gelebt. Aber er unterscheidet nicht, was wem gehört, zwischen mein und dein“, erklärt er.

Für Jair ist die Geschichte des Kontakts zwischen den “Weissen“ und den Eingeborenen Brasiliens “eine einzige Katastrophe“. Er sagt, dass die Periode, in der die meisten Indios starben, von Kontakten ausgelöst wurde, die man unvorbereitet durchgeführt hatte. “Die FUNAI hat bis heute noch keine Teams, die auf eine Erstbegegnung richtig vorbereitet sind. Solche indigene Gruppen, die bisher isoliert gelebt haben, reagieren extrem empfindlich auf einen Erstkontakt. Jedwede Grippe, ein von uns übertragener Virus, gleich welcher Art, kann sie töten. Wenn wir nicht mit einer medizinischen Equipe vorbereitet sind, kann eine Begegnung mit uns ihr Aussterben bedeuten“!

“Seit 1999 haben wir auf diese Demarkation gewartet“, sagt Jair. Er war Teilnehmer der Expedition, die im Juni 1999 Spuren von den Kawahiva entdeckte, einem Nomadenvolk, das von der Jagd und dem Sammeln von Waldprodukten lebt. Die Expedition war zusammengestellt worden, nachdem ein Holzfäller die FUNAI benachrichtigt hatte, dass er die Indios im dichten Regenwald gesichtet habe. “Als wir uns an dem Ort umsahen, den der Mann angegeben hatte, fanden wir ihre “Tapiris“ – provisorische Unterstände der Kawahiva, mit ein paar Gebrauchsgegenständen. Wir nehmen an, dass diese Indios mit der Feldbestellung aufgehört haben, weil sie wegen der Invasion ihres Lebensraumes andauernd auf der Flucht waren und in Bewegung bleiben mussten“.

Land der  Kawahiva Indios am Rio Pardo - Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Land der Kawahiva Indios am Rio Pardo – Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Nachdem die Existenz dieser indigenen Gruppe bewiesen war, wurden 166.000 Hektar drei Jahre lang als biologisches Reservat erklärt, um den Schutz der Indios zu gewährleisten. Laut brasilianischem Grundgesetz von 1988 haben die Indios “das Bleiberecht und das Recht zur exklusiven Nutzung der Ländereien, die sie traditionell bewohnen. Nach anthropologischen, historischen, kartografischen und ambientalen Studien wurden dann 411.000 Hektar, im Jahr 2007, als definitiver Lebensraum für diese indigene Gruppe demarkiert und gesetzlich anerkannt.

2011 führte Jair eine neue Expedition durch diese Region und traf zufällig auf die indigene Gruppe im dichten Regenwald. Nach dem ersten Schreck auf beiden Seiten, so beschreibt Jair diese Episode humorvoll, “reagierten die Indios, indem sie Pfeile auf uns abschossen, während wir wegrannten“! Unser einziger Kontakt war lediglich visuell – wir registrierten neun Personen. Wir schätzen, dass es insgesamt zirka zwanzig sind – immer noch zu 100% isoliert. Sie haben noch nie unsere Hilfe in Anspruch genommen“.

Nach Jahren des Wartens, am 20. April 2007, hat das Justizministerium eine Verlautbarung betreffs der “Terra Indígena Kawahiva do Rio Pardo“ veröffentlicht, der erste Schritt für eine definitive Demarkation des Areals, das bis dato als “off limits“ behandelt worden war, um die isolierten Indios zu schützen. “Ich war sehr glücklich durch diese Verlautbarung. Es war ein grosser Schritt nach vorn“.

Foto: Marcelo Camargo/AgenciaBrasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Im Gebiet des Indio-Territoriums gab es antike Besitzansprüche. Teile davon waren von Fazendas besetzt, andere waren leer. “Alles hier hat Besitzer, aber wenn man die Papiere sehen will, haben sie keine“, sagt Jair. Er erzählt weiter, dass seit der Stilllegung der Fazendas, die sich 2007 noch auf dem Indio-Territorium befanden, sich die Klagen der Fazendeiros vor Gericht gegen diese Entscheidung häuften. “Drei Fazenda-Besitzer jener Epoche erreichten eine Verfügung, auf ihrem Besitz zu bleiben und alles behalten zu dürfen – auch ihr Vieh. Und es gibt Gerüchte, dass diese Fazendeiros im Indio-Territorium nun andere Landbesetzer anstiften, es ihnen gleichzutun und sich auf dem verbotenen Land festzusetzen.

Jair erzählt weiter, dass im Jahr 2007, als der Umfang des Indio-Territoriums erweitert wurde, die “Operation Rio Pardo“, der Landespolizei, viele Leute wegen Landdiebstahl und illegaler Holzausbeutung verhaftete – darin verwickelt waren auch Politiker und bekannte Mächtige der Region. “Zu jener Zeit gingen die Invasionen zurück, das Gebiet wurde ein paar Jahre in Ruhe gelassen, aber seit drei Jahren geht es wieder los. Die IBAMA hilft uns ein bisschen, aber es ist schwierig, die wahren Schuldigen zu fassen“, bedauert er. “Wenn die Kerle erfahren, dass die IBAMA im Anmarsch ist, stecken sie die Holzbrücken in Brand, um deren Anfahrt zu stoppen und der Verhaftung zu entkommen“, ergänzt er.

Der Alltag der FUNAI-Beamten

Jair hat bereits unzählige indirekte Drohungen erhalten, nachdem er seit siebzehn Jahren die Demarkation des Territoriums und den Schutz der Indios verteidigt. “Ich wurde schon als Liebhaber von Indiofrauen bezichtigt, und ich hörte Kommentare wie “der oder jener hat gesagt“ dass du den heutigen Tag nicht überlebst, sei auf der Hut“ – befreundete Leute warnen mich immer“, erzählt er.

Die Einrichtungen der FUNAI im “TI Kawahiva do Rio Pardo“ sind noch provisorisch und wurden von der Equipe selbst konstruiert. Der definitive Amtssitz selbst, aus Backsteinen und Zement, kann nicht gebaut werden, bevor das Territorium durch Gesetz offiziell reguliert und anerkannt worden ist. Das provisorische Camp dient Jair und anderen Beamten während langer Perioden als Heim. Jair selbst verbringt bis zu vierzig Tage im Reservat, weit weg von seiner Frau und den Kindern, die in Alta Floresta (Bundesstaat Mato Grosso) leben.

“Ich glaube an die Arbeit, die ich mache, und ich mache, was ich mag“, bestätigt er. Stets im Regenwald tätig, hat Jair Candor schon 42 Malariaanfälle hinter sich. “Für mich ist das nicht mehr als eine Grippe, ich gehe nicht mal mehr zum Arzt deshalb“, scherzt er. Die Malaria war auch der Grund, warum viele Neusiedler die Gegend wieder verlassen haben.

Im Camp halten sich stets vier bis sechs Beamte auf, die sich zur Kontrolle des Territoriums abwechseln, um Invasionen zu verhindern. Sie kümmern sich auch um die Struktur des provisorischen Camps, das aus einer typischen Holzhütte der Region besteht, mit einem einzigen Raum, in dem sich bis zu zehn Personen in Hängematten unterbringen lassen, mit einem Esstisch und einem Küchenanbau. Sie produzieren den grössten Teil der Pflanzen und Früchte, die sie konsumieren. Der kleine Obstgarten lockt auch nächtliche Besucher an, zum Beispiel einen Tapir, der an den Früchten interessiert ist. “Er liebt die Papayas“, sagt Jair und lacht.

Im Camp gibt es Solar Panels zum Speichern der Solarenergie und einen Generator für die Verbindung mit dem Internet. Die Lichtung für das Camp ist klein, umgeben von nativem Regenwald. Es gibt auch einen Fernseher, in dem die Equipe die Nachrichten anschaut und Novelas vor dem Schlafengehen. Mit Sonnenaufgang sind dann alle wieder auf den Beinen.

Herausforderungen zur Beendigung der Waldvernichtung

Bilder via Satellit beweisen die Wiederaufnahme der illegalen Abholzung des Regenwaldes im Bundesstaat Mato Grosso seit 2013.

Die illegale Waldvernichtung des Amazonas-Regenwaldes schreitet weiter voran, ungeachtet der enormen Bedeutung, welche Wissenschaftler und Gesellschaft weltweit diesem Biom zuerkennen und den Auswirkungen, die seine Zerstörung auf das Klima unseres Planeten haben wird. Im Bundesstaat Mato Grosso beherbergt die Nordwestregion das letzte zusammenhängende Waldgebiet des Bundesstaates und leidet unter einem starkem Druck zur Holzausbeutung und zur Besetzung neuer Areale zwecks Ackerbau und Viehzucht.

Zwischen den Monaten August und Dezember 2015 verschwanden 419 Quadratkilometer Regenwald von der Landkarte des Bundesstaates, so das Ergebnis der Daten des “Warnsystems der Waldzerstörung“ (SAD), überwacht vom “Instituto do Homem e Meio Ambiente da Amazônia“ (Imazon), auf der Basis von Satellitenfotos, die von der Plattform Google Earth Engine (EE) aufgenommen werden.

Mit dieser Waldzerstörung ist Mato Grosso der einzige Bundesstaat innerhalb Amazoniens, der seine entwaldete Fläche in den letzten fünf Monaten des Jahres 2015 erweitert hat, mit einer Zunahme von 16%, im Vergleich zur selben Periode des vorangegangenen Jahres, nach Daten des SAD. Zwischen Januar und März, der Regenperiode in der Amazonasregion, erschweren die Wolken eine Sicht auf die Abholzung und Degradation des Regenwaldes.

Das Bulletin der Waldzerstörung Amazoniens vom Januar 2016, von der Imazon, informiert dass im Bundesstaat Mato Grosso 63% seines Territoriums von Wolken bedeckt waren und so die genaue Schätzung der Waldzerstörung in dieser Periode verhinderten. Analysen der Satellitenfotos lassen jedoch erkennen, dass eine Tendenz zur Wiederaufnahme der Abholzung im Bundesstaat ab dem Jahr 2013 begonnen hat.

“Die Grössen der einzelnen Abholzungen haben sich in den letzten fünfzehn Jahren verringert, wahrscheinlich wegen der Satelliten, die es erschweren, dass grossflächige Waldzerstörungen unbemerkt bleiben. Also betreibt man die Abholzung inzwischen weit verteilt auf relativ kleinen Arealen“, erklärt eine Mitarbeiterin des SAD. Wie sie weiter ausführt, beweist diese Strategie, dass neue, kleine Landbesetzer weiter Bäume absägen, besonders im Nordwesten des Bundesstaates.

Der Chef der IBAMA im Munizip Juína, verantwortlich für die Kontrolle der gesamten Nordwestregion des Bundesstaates, erklärt, dass das wirtschaftliche Holzpotenzial, und das der Ländereien der Region, das übriggebliebene Regenwaldgebiet bedrohen. “Es gibt eine gewisse Gewinnsucht hinsichtlich des letzten Waldgebietes von Mato Grosso, und die hat das Überleben der Waldregion schachmatt gesetzt. Das Eindringen der Agrarwirtschaft in die Viehzuchtgebiete, hat die Herden weiter nach Norden getrieben, und dieses Waldgebiet, schon geschwächt durch die bisherige Holzausbeutung, wird fallen, das ist unabwendbar“, meint er.

Die Präsidentin der IBAMA in Mato Grosso verteidigt die Änderung des Entwicklungsmodells der Region als einzigen Weg, einen Schlusspunkt unter die illegale Waldvernichtung zu setzen. “Es gibt bereits Technologien, die eine Ausbreitung des Agrobusiness erlauben, ohne dafür die verbliebenen Waldregionen in Mitleidenschaft zu ziehen. Wir müssen das Modell des Bundesstaates neu diskutieren, um zu verstehen, warum der Bundesstaat seit zwanzig Jahren in ein und derselben Art und Weise eine Agrarwirtschaft vorantreibt, deren Erweiterung auf der Vernichtung des Regenwaldes beruht“.

Sie betont weiter, dass die Meinung, eine Entwicklung des Agrobusiness im Bundesstaat und der Umweltschutz könnten nicht zusammen existieren, ein längst überholter Irrtum ist, und dass Studien belegen, wenn bereits abgeholzte und degradierte Flächen des Bundesstaates wiederbelebt würden, man keine weiteren Bäume fällen muss. Es bringt nichts, antike Modelle zu wiederholen, die sich bereits als Flop erwiesen haben.

Es wäre schön, wenn die Gewinne aus dem Agrobusiness zum Beispiel zur Verringerung der Bevölkerungsarmut im Bundesstaat beitragen würden, oder zur Verbesserung des nationalen Erziehungsniveaus, aber das passiert nicht. Leider fliessen die grossen Gewinne immer noch in die Hände einiger Weniger“, sagt sie.

Die Staatssekretärin für Umwelt gibt an, dass die Regierung von Mato Grosso zunehmend besorgt ist, besonders den kleinen Produzenten wirtschaftliche Alternativen anzubieten, um die illegale Holzausbeutung zu bremsen. “Wir brauchen Alternativen, um den Wald zu retten, Alternativen, die Gewinn bringen, damit wir nicht Holz verkaufen müssen, um zu überleben. Wir müssen die Leute anregen, jene Territorien zu nutzen, die bereits in der Vergangenheit abgeholzt wurden und brach liegen. Auf denen kann man produzieren und so das Erschliessen neuer Areale vermeiden“, erklärt sie.

Auf der letzten Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP 21) im November 2015 in Paris, verpflichtete sich die brasilianische Regierung, bis 2030 die illegale Waldzerstörung Amazoniens definitiv zu beenden. Die Regierung von Mato Grosso war mutiger und verpflichtete sich zur Beendigung der illegalen Holzausbeutung im Bundesstaat bis zum Jahr 2020. Die vom Staat präsentierte Strategie zur Beendigung der illegalen Waldzerstörung wurde in Zusammenarbeit mit allen Sphären der Regierung entwickelt, mit Spezialisten diverser NGOs und dem produktiven Sektor.

Grafik: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil

Grafik: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil

Das Projekt sieht die Auswechselung von 6 Millionen Hektar ertragsarmer Weideflächen gegen hoch produktive Pflanzungen vor, davon 3 Millionen Hektar für Getreide, wie Soja, Mais und Baumwolle, 2,5 Millionen Hektar für Viehzucht und eine halbe Million für aufgeforsteten Wald. Das Projekt sieht auch vor, dass 6 Millionen Hektar nativen Regenwaldes in Lizenz für die nachhaltige Wartung genutzt werden, eine Alternative zur selektiven Nutzung von Hölzern, ohne den Wald als Ganzes zu gefährden.

Die Sekretärin Elaine betont, dass sich die Entwaldung im Bundesstaat auf wenige Munizipien konzentriere, die sich komplexen Grundbesitzfragen gegenübersehen, “zirka 10“, was es besonders schwierig macht, die Schuldigen wegen der Abholzung zur Verantwortung zu ziehen. “Wir müssen uns bemühen, die Grundbesitzfrage in diesen Munizipien zu regulieren“, sagt sie. Elaine fährt fort, dass verschiedene Initiativen zur Verringerung der Waldzerstörung im Bundesstaat im “Programm der Erhaltenden Munizipien“ vorgesehen sind.

“Dieses Projekt wird Mittel aus dem “Fundo Amazônia“ erhalten, um die Besitzregulierung in den verschiedenen Munizipien vorzunehmen. Wir werden in der Lage sein, die Kleinen zu registrieren und eine Aufstellung anzufertigen von denen, die bereits etwas produzieren – das wird uns bei der Kontrolle und der Planung innerhalb dieser Gebiete unterstützen“, sagt Elaine und erinnert daran, dass die Arbeit zur Bekämpfung der Waldzerstörung nur in Zusammenarbeit möglich ist und diverse Organe einbegreift.

Das “Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária” (Incra) entwickelt zusammen mit der Universität von Brasília (UnB) ein Projekt für 126 Siedlungen in der Nordregion von Mato Grosso, zur ambientalen Regulierung jener Gebiete und für eine Diagnose der Produktivität jener Siedlungen. “Mit dieser Diagnose werden wir mehr über die gegenwärtige Realität erfahren, um zur Lösung de Problems die richtigen Schritte einzuleiten“, erklärt Elaine abschliessend.

Ambientale Regulierung

Lia Magalhães Graça Silva Agência Brasil

Grafik: Lia Magalhães Graça Silva
Agência Brasil

Die Biologin Alice Thuault, Vizedirektorin des “Instituto Centro de Vida”, betont, dass ausser der Problematik des Grundeigentums, Brasilien Fortschritte in der ambientalen Regulierung des landwirtschaftlichen Besitzes machen muss, um die illegalen Entwaldungen und Brandrodungen zu stoppen. Für Alice nährt die Einführungsverzögerung des “Código Florestal Brasileiro“ (des Brasilianischen Forst-Kodex) die Erwartung, dass dieses neue Gesetz gar nicht in die Praxis umgesetzt werden wird.

Ausserdem hat es den Anschein, als ob neue Areale für die Produktion der Landwirtschaft reguliert und konsolidiert werden sollen, und dass eine Wiederaufbereitung von Umweltverstössen nicht verlangt werden wird von jenen, die jetzt noch Wald roden. “Wir befinden uns im Jahr 2016, der besagte Kodex wurde 2012 angenommen, aber nur wenig ist seither umgesetzt worden. Wir befinden uns in einer Situation, in der alle daran zweifeln, dass diese Politik greifen wird und in die Praxis umgesetzt wird“, sagt sie.

Unter dem für den “Codigo Florestal” vorgesehenen Reglement befindet sich auch der “Cadastro Ambiental Rural (CAR)“ (Register des landwirtschaftlichen Ambientes) aller landwirtschaftlich genutzten Flächen des Landes, ein Dokument, in dem der Besitzer eine Landkarte seiner Besitztümer präsentieren muss, mit Informationen über die produktiv genutzten Flächen, die Flächen in Reserve und entsprechende Umweltverbindlichkeiten, denen für die gesetzliche Regulierung entsprochen werden muss.

Jeder Bundesstaat hat die Aufgabe, die Registrierungsanträge seiner Bürger entgegenzunehmen und zu beurteilen. Die Bewertung des CAR setzt den Bundesstaat von den Umweltverbindlichkeiten aller landwirtschaftlichen Betriebe in Kenntnis, so erfordert es dieses Gesetz. Und ab diesem Moment müssen die Besitzer einen Vorschlag zur Regulierung der degradierten Flächen vorlegen. Aber diese Forderung ist bisher noch in keinem brasilianischen Bundesstaat durchgesetzt worden.

Alice bedauert, dass die Bestätigung dieser Registrierungen nur sehr langsam vorangeht und fürchtet, dass es eine Verlängerung der Frist geben wird, obwohl die im Mai 2016 bereits abgelaufen ist. “Wir müssten eigentlich den CAR schon seit vier Jahren auswerten können, aber damit kann man bisher, in Anbetracht der Verzögerung, noch nicht einmal anfangen. Deshalb gibt es viele Gerüchte über die Verlängerung der Frist für den CAR. Wir sind gegen eine solche Verlängerung, sind uns jedoch bewusst, dass der Bundesstaat den kleinen Produzenten unter die Arme greifen muss, um sich zu registrieren. Und diese Situation ist für mich eine der bedeutendsten Ursachen für die erneut zunehmende Waldzerstörung“, sagt sie.

Anfang Mai 2016 hat die Landesregierung in Brasília die Frist für die mehr als eine Million Besitzer und Besetzer kleinerer Flächen, um ein weiteres Jahr verlängert, damit diese von den im Código Florestal vorgesehenen Vergünstigungen nicht ausgeschlossen werden. Die Verlängerung dieser Frist gilt allerdings nicht für Grundbesitze, die grösser sind als 110 Hektar Gesamtfläche. In diesem Fall werden Landbesitzer, die die Frist bis Mai 2016 nicht eingehalten haben, das Recht an den Vergünstigungen des “Programms zur Ambientalen Regulierung“ (PRA) verlieren, und ihre Agrarkredite werden ab 2017 gekürzt.

Die Sekretärin für Umwelt Elaine sagt, dass die Registrierung in Mato Grosso weiter fortgeschritten sei als in allen anderen Bundesstaaten. Wie sie angibt, haben sich die Registrierungen im vergangenen Jahr verdoppelt – von 43.000 auf 87.000 Grundbesitze. “Wir haben die 43.000 Registrierungen, die schon vorlagen, an die Datenbank der Landesregierung (Sicar) weitergeleitet, und im September vergangenen Jahres fingen wir mit der Bewertung der Kataster an, mittels eines vom “Serviço Florestal Brasileiro“ angefertigten Moduls“, erklärt sie.

Grafiken: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil, deutsche Bearbeitung Klaus D. Günther

Grafiken: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil, deutsche Bearbeitung Klaus D. Günther

Die Präsidentin der IBAMA in Mato Grosso räumt ein, dass der “Código Florestal“ die Zunahme der Waldvernichtung beeinflusst haben kann. “Jedesmal, wenn man die Erwartung einer Gesetzesänderung weckt, bewirkt man auch die Zuversicht in der ländlichen Mentalität, das es damit eine Erleichterung geben wird, ganz egal welche.

Und bis das Gesetz dann endlich in die Praxis umgesetzt wird, haben wir schon wieder einen grossen Teil des Waldes eingebüsst. Also, jedes Mal wenn es eine Änderung der bestehenden Norm gibt, sollte man eine starke Kommunikationsstrategie parat haben, um das Verständnis jener zu wecken, die sich in weit entfernten Winkeln des Bundesstaates befinden“.

Grafik: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil

Grafik: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil

Livia ist dafür, dass der CAR so schnell wie möglich angewendet wird, denn dadurch wird die IBAMA befähigt, die Regulierung eines Besitzes und die Grenzen desselben zu überprüfen, damit eventuelle Überlagerungen, zum Beispiel mit Indio-Territorien, nicht mehr vorkommen, des Weiteren, ob der vorgeschriebene Teil zur “permanenten Erhaltung der Natur“ vorhanden ist und respektiert wird.

Sie bedauert, dass es im Moment eine Lücke zwischen der staatlichen und der föderativen Gesetzgebung gibt, empfiehlt den Grundbesitzern jedoch, die Regeln des Código Florestal zu befolgen denn, so versichert sie, diese Regeln werden nicht mehr gelockert. “Bis die neue Norm in die Praxis umgesetzt ist, und sich die Besitzer daran gewöhnt haben, wie die Kotrollorgane das Gesetz handhaben, wird es einige Zeit dauern“, erklärt sie. “Die Order heisst: Keine Areale von einer Wiederaufforstung zu befreien, die erst vor kurzem entwaldet worden sind“!

Illegaler Grundbesitz, prekäre Kontrollen und Gewalt sind die Hindernisse bei der Bekämpfung der Waldzerstörung in Amazonien

Grafik: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil

Grafik: Lia Magalhães Graça Silva/Agência Brasil

Die Gründe für die Zerstörung der nativen Vegetation im Nordwesten von Mato Grosso sind vielfältig. Die Waldzerstörung folgt einer Formel, nach der man seit Jahrzehnten in diesem Bundesstaat vorgegangen ist, sowohl bei der Landbesetzung durch private Initiativen der Kolonisierung, in den 1960er und 1980er Jahren, als auch bei jenen, die noch heute auf der Suche nach einem besseren Leben in die Region einwandern.

Das Holz von hohem wirtschaftlichen Wert wird extrahiert, und danach rodet man die Fläche, indem man die gesamte native Pflanzendecke entfernt, um Platz für Weideland oder Pflanzungen zu bekommen, in den meisten Fällen für eine Monokultur der Soja.

“Die Entnahme der Edelhölzer, die den Anfang der Waldzerstörung darstellt, ergibt die finanzielle Stütze für die Rinderhaltung, zur Anlage der Weidefläche, zur Errichtung der Zäune, zum Hausbau und zur Pistenplanierung“, erklärt Evandro, Chef der IBAMA in Juína, 754km von Cuiabá entfernt. Evandro ist verantwortlich für 11 Munizipien im Nordwesten von Mato Grosso.

Die Umweltkontrolle der Region ist unzureichend. Drei Beamte der IBAMA befinden sich kontinuierlich im Freien, auf einer Fläche von 150.000 Quadratkilometern. “Diese Fläche entspricht fast der Grösse des Bundesstaates Paraná. In unserer Einheit haben wir drei Kontrolleure für die Aussenkontrolle. Die Besetzung der Einheit ist nicht ausreichend, deshalb bekommen wir Unterstützung von der “Operation Onda Verde“, die uns jeden Monat Kontrolleure aus anderen Landesteilen zur Verfügung stellt“, sagt Evandro.

Evandro berichtet auch, dass seine Kontrolleure, die in dieser Region arbeiten, häufig Drohungen ausgesetzt sind. Der Helikopter der IBAMA kann in Colniza, dem Munizip-Champion der Waldvernichtung im Bundesstaat, keine Kontrollflüge mehr durchführen, weil die Spritlieferung für den Helikopter unterbrochen wurde, als man dem Tankwagen die Anfahrt verweigerte.

“Unserem Fahrer des Tankwagens wurde verboten, die Stadt anzufahren, und man hat ihn zurück nach Juína geschickt. Wir hängen nun von der Unterstützung der Polizei ab, um diesen LKW zu eskortieren, damit unsere Equipe wieder mit mehr Effektivität arbeiten kann. Das hindert uns zwar nicht daran, dass wir unsere Arbeit auf dem Boden tun, aber ohne Benzin sind wir viel weniger effektiv, und diese Schwierigkeiten schaffen eine gewisse Anspannung unter den Kontrolleuren von ausserhalb, weil die eine offene Feindschaft seitens der Bevölkerung nicht gewöhnt sind, aber wir machen weiter unsere Arbeit“, sagt er.

Die Präsidentin der IBAMA in Mato Grosso bestätigt, dass die Abwesenheit des Staates zur Waldvernichtung beiträgt. “Der Nordwesten ist ein schwer zugängliches Gebiet, in der Praxis bedient man sich in diesem Fall eines Helikopters. Die geringe Präsenz des Staates führt zu einer Zunahme der Abholzung des Regenwaldes“, sagt Livia.

Evandro bestätigt, dass die IBAMA von Juína und die Operation “Onda Verde“ (Grüne Welle) sich exklusiv auf das Problem der Waldzerstörung konzentrieren. „Es gibt stets auch andere Verbrechen, viele davon ausserhalb der IBAMA-Kompetenz, wie zum Beispiel Sklavenarbeit, Bildung von Gangsterbanden, Veruntreuung öffentlicher Gelder, aber was wir angehen und was in die Kompetenz der IBAMA fällt, ist die Gefangennahme von Verantwortlichen für die Waldzerstörung“, erklärt er.

Unterstützung der lokalen Obrigkeit

Der Chef der IBAMA im Nordwesten von Mato Grosso erzählt auch, dass seine Organisation nur durch die Logistik von drei Präfekturen der Region, bei der Beschlagnahme von Eigentum während ihrer Operationen, wie abgesägte Baumstämme, Traktoren und Kettensägen, unterstützt wird. “Das sind die Munizipien von Juruena, Castanheira und Juína“. Wie er anfügt, bekommt er in allen anderen Munizipien keinerlei Unterstützung. “Heute haben wir keine Mittel, um beschlagnahmte Ausrüstungen aus dem Innern eines Indio-Territoriums herauszuholen, weil die Präfekturen unsere Arbeit logistisch nicht unterstützen. Sie sind nicht verpflichtet uns zu helfen, es ist eher eine Frage der Kooperation. Und die IBAMA hängt heute von einer solchen Unterstützung ab, denn wir haben keinen Logistik-Vertrag“.

Evandro fügt noch an, dass die IBAMA eine entsprechende Forderung an die Regierung, um Logistikunterstützung in dieser Region, bereits gestellt habe, und dass er bei bestimmten Operationen auch mit der Unterstützung durch das brasilianische Militär rechnen könne. “Aber das sind Einzelfälle. Was wir brauchen ist ein Werkzeug, das wir immer dann einsetzen können, wenn wir es brauchen“.

Siedler erwirtschaften nachhaltiges Einkommen

Und das in einem legalen Reservat, durch das Sammeln von Waldprodukten
Das Munizip von Juruena, im Bogen der Waldvernichtung des nordwestlichen Mato Grosso gelegen, beherbergt das “Vale do Amanhecer“ (Tal der Morgenröte), eine Siedlung mit 7.200 Hektar Fläche, auf der sich 250 Familien niedergelassen haben. Implantiert vom “Nationalen Institut für Kolonisation und Agrarreform“ (INCRA) im Jahr 1999, ist diese tüchtige Kommune ein seltenes Erfolgsbeispiel unter den von der INCRA lancierten Siedlungen der Region, Modell und Referenz für die Verbindung von ambientaler Erhaltung und erwirtschaftetem Gewinn, mit einer Verbesserung der Lebensqualität aller beteiligten Familien.

In der Regulierungsetappe wurde ein legales Gemeinschafts-Reservat geschaffen, im “Wald des Tales“, wie er genannt wird, ein bedeutendes Rückzugsgebiet nativer Vegetation, das seinen Bewohnern eine kontinuierliche, nachhaltige Einnahmequelle erschlossen hat. Denn dieses Tal bietet ein hohes Potenzial für den Extraktivismus (Bewirtschaftungsform): zirka 2.500 Paranussbäume!

Grafik: Agência Brasil

Grafik: Agência Brasil

Die Region des Rio Juruena besitzt eine grosse naturverbundene Bedeutung, weil sie ein sogenanntes “Ökotor“ darstellt – eine Übergangsregion zwischen zwei Biomen, dem Cerrado und dem Amazonas- Regenwald. “Die Übergangsareale der Ökosysteme beherbergen endemische Spezies, die nur hier existieren. Wenn diese Vegetation nicht geschützt wird, werden diese Arten unweigerlich aussterben“, erklärt der Agraringenieur Paulo, einer der Vorläufer der nachhaltigen Entwicklung in dieser Region.

Die Siedler erwirtschaften ihren Gewinn nicht mit Holz. Ihre Idee ist es, nur mit Waldprodukten zu arbeiten, die nichts mit der Holzausbeutung zutun haben. “Die Paranuss gibt’s hier im Überfluss, darüber hinaus weitere Möglichkeiten, wie das Öl vom Copaíba-Baum (Copaifera langsdorfii), die Erträge des Jatobá (Hymenaea courbaril) und der Cumaru (Dypterix adorata). Nicht einmal 20% des Potenzials der Waldressourcen werden bisher ausgebeutet“, schätzt Paulo.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Der Siedler Antônio und sein Sohn Alexandre, sie stammen aus Niquelandia im Bundesstaat Goiás, haben im Reservat zirka 2.000 Kilo Paranüsse während der Ernte 2015/2016 gesammelt. “Ich verdiene mehr mit der Paranuss als mit der Milch. Auf meinem Besitz habe ich einen Gemüsegarten und nebenbei noch ein paar Milchkühe, aber die Paranuss bringt mir mehr ein“, sagt er, und führt an, dass sein Landbesitz fast zu klein ist, um eine Familie mit vier Kindern durchzubringen.

Die einzelnen Grundstücke des “Vale do Amanhecer“ sind 24 Hektar gross, entsprechen etwa einer Fläche von 24 Fussballfeldern. Oliveira besitzt 25 Stück Vieh auf seinem Grundstück, die er 2004 gekauft hat, nachdem die Vorbesitzer, denen das Stück Land übereignet worden war, sich nach der Holzausbeutung ihres Besitzes entschlossen, sich davonzumachen. “Wenn es diese Organisation rund um die Paranuss nicht gäbe, wäre niemand mehr hier“, schätzt Oliveira.

Er erzählt, dass das Leben eines Produktesammlers kein leichtes ist. “Zuerst einmal muss man sich im dichten Dschungel bewegen. Man muss auf Schlangen und andere Tiere achten und darauf, nicht von den kinderkopfgrossen “Ouriços“ (äussere, steinharte Schalenumhüllung der Nüsse) erschlagen zu werden, die, wenn sie reif sind, von den bis zu fünfzig Meter hohen Bäumen fallen“.

Die Sammler heben die “Ouriços“ vom Boden auf und brechen sie mit einer grossen Machete auf – darin befinden sich die einzelnen Nüsse, deren halbmondförmiger Kern durch eine weitere harte Schale geschützt ist. Die einzelnen Nüsse werden dann in einem Sack auf dem Rücken nachhause getragen – denn in den dichten Dschungel kann man mit Transportfahrzeugen nicht eindringen. Die “Castanhais“ (Lichtungen, auf denen die Nussbäume in Gruppen wachsen) haben keine Besitzer, wer zuerst kommt, kann mit dem Einsammeln beginnen. “Nur die Siedler dürfen sich bedienen, aber es gibt keinen Streit, denn es ist für jeden genug da“, bestätigt Oliveira.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Der Verkauf der Nüsse ist garantiert. Die gesamte Produktion wird von der “ Cooperativa dos Agricultores do Vale do Amanhecer (Coopavam)” aufgekauft, eine Kooperative, die von den Siedlern im Jahr 2008 zum Verkauf und zur Weiterverarbeitung des Produkts gegründet wurde. Die Kooperative hat 67 registrierte Mitglieder und kauft Paranüsse von zirka 1.500 Sammlerfamilien, die dadurch ihre Produktion nicht für einen Schleuderpreis an Zwischenhändler verkaufen müssen. Unter den Verkäufern sind auch indigene Gruppen der Apiaká, Caiaby, Munduruku und Cinta Larga. Vor jeder Ernte definiert die Coopavam das Volumen, welches sie ankaufen wird – es richtet sich nach ihrem finanziellen Fundus – und informiert ihre Kunden entsprechend.

Für das Projekt “Doação Simultânea” (Simultane Spendenaktion), innerhalb des Programms zur Aquise von Lebensmitteln (PAA), verkauft die Coopavam einen Teil der Produktion an die “Companhia Nacional de Abastecimento“ (Conab), welche die Lebensmittel für die Schulspeisung, für soziale Hilfswerke und kommunale Restaurants spendet. Die Paranuss aus dem “Tal der Morgenröte“ wird benutzt, um 42.000 Menschen in einer existenziell unsicheren Situation zu ernähren, in acht Munizipien im Nordwesten des Bundesstaates, so die Coopavam. Ausserdem liefert sie ihr Produkt an grosse Unternehmen, wie Jasmine, Mãe Terra und Natura.

Im Jahr 2008 bezahlten die Zwischenhändler zirka R$ 0,50 pro Kilo Paranuss. Im gleichen Jahr begann die Coopavam zu reagieren und bezahlte R$ 1,20 pro Kilo. Für die Ernte 2015/2016 bezahlte sie R$ 3,50 für ein Kilo Paranüsse. Bis im April hatte die Kooperative bereits 80 Tonnen Paranüsse in ihrem Speicher.

Ausser der Sammelarbeit können die Bewohner der Siedlung auch während der Ernte in der Fabrik der Kooperative bei der Weiterverarbeitung mitarbeiten. Antônio zum Beispiel, arbeitet dann innerhalb der Abteilung zum Aufbrechen der Nussschalen gegen einen Tageslohn. Die Mitarbeiter werden anhand ihrer Produktion bezahlt – die Mitglieder der Kooperative mit R$ 1,90 pro Kilo und die Nichtmitglieder mit R$ 1,40. Die Zahl der Arbeiter ist unterschiedlich. “Wenn man jeden Tag dranbleibt, in zwei Schichten, kann man im Monat zirka R$ 3.000 verdienen“, sagt Oliveira.

Die Hygiene-Vorschriften in dieser Einrichtung überraschen. Alle arbeiten in Schutzkleidung, und die Mitglieder sind für das Trocknen, die Auslese, das Aufbrechen, die Röstung und die Verpackung der Paranüsse ausgebildet. Die Kooperative besitzt verschiedene Speicher für die Lagerung des Produkts. Allein die Etappe der Trocknung hebt den Preis um 30% an. Die verpackten Paranüsse werden für zirka R$ 30 (7,50 Euro) pro Kilo verkauft.

Die Präsidentin der Coopavam Luzirene, versichert, dass alle Entscheidungen im Kollektiv getroffen werden. “Die Administration und Logistik unseres Unternehmens wird von Mitbewohnern geführt“. Wie sie erzählt, sind neue Ideen um das Geschäft zu erweitern und zu verbessern, unter den Mitgliedern entstanden. In diesem Jahr erwarten sie, 200 bis 300 Tonnen des Produkts umzusetzen.

Hilfe von aussen ist willkommen

Das “Vale do Amanhecer“ ist die einzige Niederlassung Brasiliens, innerhalb eines rechtskräftig anerkannten Reservats, mit geografisch zugeordneten Paranussbäumen. “Es ist der einzige wirklich geschützte und überwachte Wald des Landes“, sagt Paulo stolz, der Koordinator und Idealisator des Projekts “Sentinelas da Floresta“ (Wächter des Waldes), das die Struktur einer neuen, Produktionskette der Region in die Wege leiten soll, als Alternative zur Holzausbeutung.

Die übrigen Waldbewohner erkennen an, dass das Projekt “Sentinelas da Floresta“, der Kooperative des Vale do Amanhecer (Coopavam), in Juruena für Siedler wie für Indios, zur Schaffung und damit zur Erweiterung der Wirtschaftskette um die Paranuss, überlebenswichtig war – dort ist deshalb auch ihre Fabrik zur Weiterverarbeitung des Produkts errichtet worden. Das Projekt involviert zwei Vereinigungen lokaler Siedler und vier verschiedene indigene Gruppen, und stellt die Spezialisten für alle Fachbereiche der Produktionskette. “Ohne das Projekt hätten wir wahrscheinlich kein anerkanntes Reservat für unsere Kommune. Und wir hätten weder Kredite bekommen, noch die Struktur der Fabrik aufbauen können“, freut sich die Mitarbeiterin Leonilda.

Gegenwärtig wird das Projekt durch den “Fundo Amazônia“ der “Banco Nacional de Desenvolvimento Econômica e Social“ (BNEDS) finanziert. Die Initiative wurde von der UNO und der Banco do Brasil ausgezeichnet und erhielt weitere finanzielle Unterstützung des “Programa Socioambiental“ der Petrobras, sowie des „Programms der Vereinten Nationen für Entwicklung“ (Pnud) – und natürlich auch von der Brasilianischen Regierung.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Nunes erzählt, dass er Jahre gebraucht hat, um die Siedler davon zu überzeugen, dass eine Investition in die Paranuss sich lohnt. “Dieser Widerstand ist eine Frage der Kultur. Wer zum Beispiel längere Zeit in der Viehzucht gearbeitet hat, glaubt, das dies die Zukunft ist“. Er argumentiert, dass die Siedler noch auf die Unterstützung von aussen angewiesen sind, um sich zu organisieren und das Unternehmen zu leiten, aber er betont, dass es wichtig ist, die Ausbildung neuer Führungskräfte zu fördern, die unsere Geschäfte ohne Hilfe abwickeln können. “Wir haben grosse Fortschritte gemacht, aber der Weg ist weit“, sagt er.

Nach Paulos Ansicht liegt die Priorität der Kooperative in der Qualifizierung weiterer Personen für die Arbeit in der Administration und der Ausarbeitung von Verträgen. “Der produktive Teil ist bereits gut besetzt, aber der geschäftliche könnte noch besser werden“, stellt er fest. Die von der Kooperative produzierte Paranuss besitzt ein auf dem internen wie externen Markt anerkanntes organisches Zertifikat.

Paulo Nunes verteidigt neue Entwicklungsmodelle und macht auf die kulturelle und ambientale Bedeutung der brasilianischen Paranuss aufmerksam. Ausser dem wirtschaftlichen Potenzial und ihrer nutritiven Qualität, enthält die Bewertung des Paranuss-Baumes (Bertholletia excelsa) auch kulturelle und ambientale Aspekte, deren Bedeutung unsere Aufmerksamkeit verdient.

Der Spezialist dieses Themas, Paulo Nunes, bemerkt, dass es Anzeichen dafür gibt, dass viele dieser Bäume des Amazonas-Regenwaldes vor Jahrtausenden von eingeborenen Völkern gepflanzt worden sind, die einst in dieser Region gelebt haben. “Der Paranussbaum wird bis heute von zahlreichen indigenen Ethnien verehrt“, versichert er.

Nunes erklärt auch, dass dieser Baum für das amazonensische Biom von grosser Bedeutung ist, weil er eine Verbindung mit diversen Spezies der nativen Fauna und Flora unterhält. “Dieser Baum ernährt viele Tiere und beherbergt diverse Spezies, die sich in seiner Krone entwickeln“, erklärt er. Jeder Baum produziert zwischen 30 und 600 Kilo Nüsse pro Jahr.

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil

Das Fällen und die Kommerzialisierung der Bäume ist in Brasilien seit Jahrzehnten streng verboten

Gegenwärtig ist der Baum auch durch den neuen “Código Florestal“ geschützt. Nunes findet die Strategie jedoch ungenügend. “Sie nützt überhaupt nichts, um den Baum zu schützen. Das Ergebnis sind “Friedhöfe der Paranussbäume“, weil sie austrocknen und absterben, wenn sie allein sind, sie können weder dem Wind standhalten, noch ohne die bestäubenden Insekten existieren, die es nur im Wald gibt“, bedauert der Agronom. Für ihn steht fest, dass man den Menschen bewusst machen muss, dass es sich lohnt, inklusive in finanzieller Hinsicht, den Wald stehen zu lassen.

Nunes betont, dass es dringend notwendig ist, die kulturellen Vorurteile in Mato Grosso zu bekämpfen, die das Verständnis für die Segnungen des Sammelns von Waldfrüchten blockieren. “Im Kopf vieler Menschen ist das legale kommunale Reservat der Siedler im Vale do Amanhecer, die längst ihren Weg zur Entwicklung als richtig bewiesen haben, nur ein Hindernis. Sie glauben, dass unsere Region eher in ihrer Entwicklung vorankomme, wenn sie mehr offenes Land hätte und weniger Wald“, ereifert er sich.

Paulo Nunes hat die Zerstörung des grössten Teils der nativen Vegetation des Munizips miterlebt. Er kam nach Juruena 1992, als die Stadt gerade mal 800 Einwohner hatte, um mit ihren Familien in einem sozio-ambientalen Projekt zu arbeiten – sie stammten aus dem Süden und Südosten. 2015 schätzte der IBGE die Bevölkerung des Munizips auf 13.933 Einwohner. “Wir suchten nach einer Möglichkeit zum Überleben für die Menschen, die als private Neusiedler hereinströmten. Meine erste Aufgabe war, eine Form zu finden, in der sie den familiären Ackerbau zur Selbsterhaltung in einer Region mit tropischem Regenwald praktizieren könnten“, erinnert er sich.

Das Dorf Juruena wurde 1978 gegründet, auf der Basis eines privaten Kolonisierungsprojekts der Region. “Nachdem sie die Edelhölzer ausgebeutet hatten, wanderten viele Kolonisten wieder ab und hinterliessen Ländereien, die dann von wenig lukrativen Viehzuchtinitiativen besetzt wurden. Ich glaubte daran, dass von da an der Weg nach vorne ein anderer sein könnte“.

Obgleich er die Fortschritte in der Region anerkennt, macht Nunes darauf aufmerksam, dass es noch sehr viel Arbeit geben wird. Wie er einwendet, demonstrieren die Studien von Spezialisten zur Kontrolle der Waldvernichtung, dass die Tendenz zum Verschwinden des Regenwaldes neigt. “Die Untersuchungen haben ergeben: Wenn keine grundsätzlichen Veränderungen im Verhalten der Menschen stattfinden, wird der Regenwald im Verlauf von dreissig Jahren verschwunden sein, und die Aktivitäten für Ackerbau und Viehzucht werden sich auf den entwaldeten Flächen ausbreiten“, bedauert er.

Quelle: Agencia Brasil
Reportage: Maiana Diniz / Agência Brasil
Grafiken: Lia Magalhães Graça Silva / Agência Brasil
Fotos: Marcelo Camargo / Agência Brasil
Deutsche Bearbeitung: Klaus D. Günther
Grafiken: Deutsche Bearbeitung: Klaus D. Günther

↑ Nach oben ↑