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Atol das Rocas – das Rocas-Atoll » Seite 2

Veröffentlicht am 14. Mai 2015

Das Rocas-Atoll und die Wissenschaft

“Das Szenario ist paradiesisch, fast unwirklich, wie aus einem Kinofilm: Sonne an den meisten Tagen, weisser Strand, ein lauwarmes Meer mit kristallklarem Wasser, eine konstante, erfrischende Brise, und vor allem, totale Harmonie mit der Tierwelt. Alles zusammen erweckt bei jedem Menschen den Wunsch, längere Zeit auf dem Rocas-Atoll zu verbringen“, kommentiert Antônio, ein Meeresbiologe aus der versmogten Metropole São Paulo, seine momentane Umwelt. Dieses Paradies ist jedoch nur wenigen, ausgesuchten Wissenschaftlern vorbehalten, deren Beruf es ist, die Meeresfauna an der brasilianischen Küste und ihren vorgelagerten Inseln zu erforschen.

Und der erste Eindruck dieses Paradieses täuscht – das Atoll ist trotz seines eindrucksvollen Szenarios auch menschenfeindlich: Die etwas mehr als fünf Quadratkilometer Fläche, die nur bei Ebbe sichtbar werden, resümieren sich mit steigender Flut auf nur zwei kleine Inseln. Und das Schlimmste: Es gibt hier keine Süsswasserquellen!

Aus diesem Grund ist der Zugang zu diesem biologischen Reservat begrenzt – es wird vom brasilianischen Ministerium für Umwelt administriert und kontrolliert. Nur Wissenschaftler, in Verbindung mit einer Universität oder einem Forschungszentrum haben Zutritt und können auf dem Atoll ihre Meeresstudien durchführen.

Um das Atoll betreten zu dürfen, muss der Prätendent einen Antrag stellen, in dem er das Motiv seiner Forschung offenlegt und wie er sie durchzuführen gedenkt. Seine Darstellung wird einer Analyse unterzogen und für den Fall, dass sie genehmigt wird, muss er sich in eine Warteschlange einreihen. Die entsteht, weil auf dem Atoll jeweils nur fünf Wissenschaftler, innerhalb eines begrenzten Zeitraums von 20 bis 30 Tagen, zugelassen sind. Wenn nötig, kann ein Forscher allerdings unbegrenzte Male zurückkehren, um seine Studien abzuschliessen.

Maurizélia lebt seit 24 Jahren im Reservat und ist seit 20 Jahren die Chefin des Rocas-Atolls. Sie erzählt, dass die Wissenschaftler in der Anfangszeit viel grössere Schwierigkeiten zu überwinden hatten. “Als ich anfing, auf dem Atoll zu arbeiten, gab es nur ein paar Zelte, um die Wissenschaftler unterzubringen, und die Kommunikation mit dem Kontinent funktionierte nur per Funk. Ich habe schon mal 72 Tage ohne Unterbrechung hier auf dem Atoll verbracht, weil man niemanden fand, der mich ablösen wollte“!

Die antiken Zelte wurden 1994 durch eine kleine Hütte ersetzt. 2008 wurde durch eine Partnerschaft mit der Stiftung “SOS Mata Atlântica“ ein Holzhaus auf der Leuchtturminsel errichtet – diese Unterkunft und der Leuchtturm sind die einzigen, von Menschen errichteten Bauten auf dem Atoll. Das Holzhaus ist unterteilt in zwei Bereiche: Der eine dient zur Aufbewahrung der wissenschaftlichen Ausrüstungen, der andere bietet Raum für drei Schlafquartiere, einen Aufenthaltsraum und eine kleine Küche.

Spülbecken und Kloschüsseln gibt es nicht in diesem Haus. “Um das Geschirr zu spülen, verreiben wir zuerst den Kalksand des Atolls auf Tassen, Tellern, Besteck und Töpfen, um sie anschliessend mit Meerwasser auszuspülen. Zum Zähneputzen benutzen wir ein wenig vom Trinkwasser – nur zum Mundausspülen. Und wir haben zwei “Klos“ auf dem Atoll, die befinden sich an den beiden Enden der Insel. Um ungestört seinem Geschäft nachzugehen, avisiert man die Andern, dass man sich zur “Toilette“ begibt – und die ist nichts weiter als der einfache Strand, die Spülung besorgt auch in diesem Fall das Meer“, erklärt Maurizélia.

Aber das Haus hat elektrische Energie, die von einer Reihe Sonnenkollektoren auf dem Dach erzeugt wird. Der Strom wird für den Betrieb zweier Kühlschränke voller Verpflegung benutzt, des weiteren für Licht im Haus und auch zum Aufladen von Notebooks und Handys der Wissenschaftler. Einen Fernseher gibt es nicht auf dem Atoll. “Heutzutage wird die Kommunikation durchs Internet erleichtert, das den Wissenschaftlern rund um die Uhr zur Verfügung steht. Sie verbringen zwar 20 bis 30 Tage fernab ihrer Heimat, haben jedoch täglichen Kontakt mit ihren Familien und Freunden“.

Maurizélia hat einen ganzen Katalog an Vorsichtsmassnahmen zusammengestellt, um die jeweils Anwesenden vor Unfällen zu schützen. “Es gibt keine Helikopter mit einer Reichweite vom Kontinent zum Atoll und zurück. Jedwede Hilfe durch einen Arzt dauert mindestens 24 Stunden nach einem Unfall – deshalb ist stets eine Person meines Vertrauens bei riskanten Unternehmungen dabei, um auf die Risiken und Grenzen des Atolls aufmerksam zu machen“, bestätigt die Chefin des Reservats.

„Im Namen der Wissenschaft“

Unter den wissenschaftlichen Besuchern des Atolls gehört dieser Spruch zur alltäglichen Kommunikation, er ist zu einem Habitus der jeweiligen Belegschaft geworden, und er wird beim Besucherwechsel stets weitergegeben. Immer wenn man irgend ein Problem entdeckt oder sich zu einer unangenehmen Verrichtung aufraffen muss, ringt man sich die Worte ab “Tudo em nome da ciência“! (Alles im Namen der Wissenschaft). Diesen Satz wird man zu hören bekommen, wenn jemand Geschirr abwaschen muss, wenn ein anderer eine schwere Ausrüstung unter der glühenden Sonne schleppen muss, und auch wenn jemand den unvermeidlichen Gang zur “privaten Toilette“ antreten muss.

“Ich bin verheiratet und nun schon zum dritten Mal auf dem Rocas-Atoll – immer dreissig Tage lang. Mein Mann unterstützt mich, weil er weiss, das diese Erfahrung für mein Curriculum wichtig ist. Wir sprechen täglich miteinander, und das hilft uns ein bisschen, unsere Sehnsucht zu bremsen“, sagt die Biologin Tania.

Die Ökologin Silvana wohnt in São Paulo und arbeitet nicht in dem Beruf, für den sie ausgebildet wurde. Aber um sich einen Traum zu erfüllen, der sich um die Teilnahme an der Schildkrötenforschung auf dem Atoll drehte, nutzte sie dafür ihre dreissig Ferientage eines Unternehmens für Energie-Lösungen, in dem sie arbeitet. “Ich hatte diesen Wunsch, bei einem Forschungsprojekt zu assistieren und das Atoll kennenzulernen. Also suchte ich die Leiterin dieses Projekts auf und bekam die Erlaubnis, als Volontärin während meines Urlaubs mitzuarbeiten“.

Der Biologe Carlos, geborener Brasilianer, ist ein Veteran auf dem Atoll. “Diesmal ist es mein achter Besuch auf dem Atoll. Insgesamt kommen da viele Tage zusammen, die ich hier, weit weg von zuhause, für mein Studium als Fischerei-Ingenieur auf dem Atoll verbracht habe. Weil jeder mit der gleichen Absicht hierherkommt, die Natur zu schützen, finden wir schnell zusammen und bilden eine grosse Familie, in der alle einander unterstützen“.

Pionier-Projekt: Schildkröten werden Micro-Chips eingepflanzt

Green Sea Turtle (Chelonia mydas)Eins der zentralen Projekte der Meeresforscher auf dem Rocas-Atoll ist die Implantierung von Micro-Chips unter die Haut von Meeresschildkröten – in Brasilien ein Pilot-Projekt. Dabei geht es um eine genauere, dynamische Verfolgung des Lebenszyklus dieser vom Aussterben bedrohten Reptilien. Mit dieser Arbeit haben die zuständigen Wissenschaftler im vergangenen Februar begonnen – laut ihrer Auskunft ist die Applikation schmerzlos für die Tiere und stellt die bisher sicherste Methode dar, Einzelheiten über die Lebensgewohnheiten dieser Tiere zu erfahren, um sie vor bedrohlichen Einflüssen schützen zu können. Bis

Anfang Mai 2015 wurden bereits mehr als einhundert Schildkröten mit einem Micro-Chip gekennzeichnet.
Die für das Projekt ausgewählte Spezies ist die “Tartaruga-verde“ (Chelonia mydas) die in der deutschen Sprache als “Suppenschildkröte“ bezeichnet wird. Auf der Roten Liste der “International Union of Conservation“ (IUCN) ist sie vom Aussterben bedroht – im Rocas-Atoll ist sie die häufigste Spezies. Sie legt ihre Eier exklusiv an den Stränden von ozeanischen Inseln ab. “Weil es Tiere sind, von denen wir bisher nur wenig wissen, und weil noch niemand auf dem Atoll sich speziell für sie interessierte, haben wir uns entschlossen, unsere Forschung hier zu beginnen“, erklärt die Tierärztin Paula, Koordinatorin des Projekts.

“Es gibt noch viel zu entdecken bezüglich ihrer biologischen und sanitären Aspekte“, fügt sie hinzu. Im Verlauf des Projekts will sie hämatologische Untersuchungen durchführen, etwas über ihr durchschnittliches Wachstum erfahren, über Hormone, Parasiten, und ob sie ein Indiz für die Kontaminierung durch organische Verschmutzung findet, zum Beispiel durch aus Tankern ausgelaufenes Erdöl.
Die Micro-Chips werden in einer vorderen Flosse der Tiere implantiert, und zwar in einem Moment, in dem sich die weiblichen Schildkröten “in Trance“ befinden. “Das sind die zehn bis fünfzehn Minuten, in denen sie auf ihre Eiablage konzentriert sind. Charakteristisch für die Meeresschildkröten ist eine Art “Abschaltung ihrer Umwelt“ in diesem Moment – dann nutzen wir die kurze Zeitspanne, um den Micro-Chip einzupflanzen und die Messungen am Panzer der Weibchen vorzunehmen“, erklärt Paula.

Früher wurden Meeresschildkröten in Brasilien nur mit Metallringen markiert. “Diese Art von Material verliert das Tier im Lauf der Jahre, sie hinterlässt höchstens ein paar Narben und eignet sich kaum zu einer sicheren Identifikation. Während die Micro-Chips, die auch international Verwendung finden, nicht verloren gehen können, weil sie dem Tier unter die Haut eingepflanzt werden – und dazu braucht man nur eine einzige Applikation“, sagt die Forscherin.

Wie sie erklärt, ist ein weiteres Motiv des Projekts die Möglichkeit, die erhaltenen Informationen als Teil von umfassenderen Forschungen zu nutzen. “Nach der Implantierung des Micro-Chips können die Schildkröten ganz einfach mit einem Chip-Lesegerät überwacht werden – man kann die Herkunft des Tieres bestimmen und weitere Daten sammeln. Damit kann man wissenschaftliche Projekte ganz einfach erarbeiten. Ausserdem stehen sämtliche Daten der Micro-Chips in einer internationalen Datenbank jedem zur Verfügung“.

Das Schildkröten-Projekt wird mit Unterstützung des “ Sistema de Autorização e Informação em Biodiversidade” (Sisbio) durchgeführt und von verschiedenen privaten Unternehmen gesponsert. Diese erste Etappe wird bis im Monat Juni verlängert, in dem die Eiablage der Suppenschildkröten auf dem Rocas-Atoll zu ende geht. Die langen Nächte der “Schildkrötenwachen“, die sich abwechselnd je zwei Wissenschaftlerinnen um die Ohren schlagen, um die Suppenschildkröten bei der Eiablage zu “erwischen“ und mit einem Chip ausstatten zu können, sind dann ebenfalls vorbei.

Für die Ökologin Natália ist das Projekt eine Herausforderung und wird ihr als Teil ihrer Weiterbildung angerechnet werden. “Die Herausforderung für mich ist die lange Abwesenheit von zuhause mit vielen Einschränkungen, und die tägliche Routine zur Kontrolle der Schildkröten. Aber man lernt enorm viel und diese Erfahrung ist die Basis für meine Karriere“.

Und die Chefin des biologischen Reservats, Maurizélia meint dazu: “Diese Arbeit erleichtert die Kontrolle der Schildkröten enorm, denn mit dem Micro-Chip sind wir stets in der Lage, alle Informationen der einzelnen Exemplare zur Verfügung zu haben. Jetzt müssen wir sie auch nicht andauernd manipulieren. Bisher gab es keine Studien über den Gesundheitszustand dieser Tiere, deshalb habe ich Paula zu diesem Projekt eingeladen“.

Und Paula berichtet, dass von den 100 mit einem Micro-Chip ausgestatteten Schildkröten, bereits 73 zu einer zweiten Eiablage, Anfang diesen Monats, zum Rocas-Atoll zurückgekehrt sind. “Diese Spezies pflegt pro Jahr zwischen drei und viermal Eier abzulegen“.

In ihrer Abschiedsrede sagte sie unter anderem: “Unsere erste Periode geht dem Ende zu. Ideen sind entstanden, Erfahrungen wurden ausgetauscht, die Schildkröten haben ihren Micro-Chip bekommen und, trotz der Entfernung von der Heimat, haben Wind und Regen dazu beigetragen, weiterzumachen. Noch stehen wir am Anfang, aber zweifellos glauben wir daran, dass wir auf dem richtigen Weg sind, zum Schutz und zur Erhaltung dieser Spezies beizutragen“!

Die Suppenschildkröte

Green Sea Turtle (Chelonia mydas)Es wurde bereits erwähnt, das diese Spezies (Chelonia mydas) vom Aussterben bedroht ist. Zur Zeit ihrer Reproduktion geschieht die geschlechtliche Vereinigung im offenen Meer, und nur die weiblichen Tiere kehren zum Strand ihrer Geburt zurück, um dort ihre Eier abzulegen. Nachdem sie eine geeignete Stelle gefunden haben, um dort ihr Nest zu graben, deponieren sie zirka 120 Eier in dieser Grube, die sie anschliessend mit den Hinterbeinen zuscharren. Die Eier haben eine Inkubationszeit von zirka 60 Tagen im warmen Sand.

Weil die Eltern nicht zugegen sind, um ihren Jungen bei der Geburt behilflich zu sein, müssen die sich mit eigener Kraft aus der Eihülle befreien. Ihre Unabhängigkeit beginnt in diesem Fall schon beim Verlassen des Eies, indem sie sich eines so genannten Eizahns bedienen, der sich am äusseren Ende des Unterkiefers befindet – damit brechen sie die Eihülle auf und wühlen sich durch die Sanddecke an die Oberfläche – übrigens erblicken sie wunderbarerweise alle im selben Moment das Licht der Welt, und zwar im Dämmerlicht des frühen Morgens.

Sowie sie oben angekommen sind, dient ihnen die Helligkeit des Horizonts als Wegweiser zum Meer, und sie krabbeln unverzüglich in diese Richtung. Instinktiv spüren sie einen Drang, sich ins Wasser zu stürzen, um nicht von der aufgehenden Sonne ausgetrocknet zu werden. Nach der ersten Herausforderung das Nest zu verlassen, kommt die nächste: der Angriff terrestrischer Beutegreifer – der Krabben und Vögel.

In vorläufiger Sicherheit sind sie erst, wenn sie das Wasser erreicht haben – jetzt schwimmen sie kilometerweit bis ins offene Meer, wo sie ihre ersten Jahre verbringen, zwischen Algenbänken, die ihnen Schutz und Nahrung bieten. Im offenen Meer müssen die kleinen Schildkröten Haie, Tintenfische, Vögel und verschiedene andere Fressfeinde fürchten. Und sie sterben auch, wenn sie Plastikabfall fressen. Wegen all dieser zu überwindenden Schwierigkeiten schätzt die Wissenschaft, dass von eintausend Jungtieren lediglich ein einziges das ausgewachsene Stadium erreicht!

Turnuswechsel

Xande, der Meeresbiologe aus Rio de Janeiro ist ein Romantiker, aus ihm und weiteren vier Kollegen besteht die wissenschaftliche Ablösung für das Rocas-Atoll. Im fahlen Licht des Vollmonds schreibt er in sein Tagebuch:

“Es ist drei Uhr in der Nacht auf offener See – nur wenige Wolken am Himmel. Ein voller Mond, der im Begriff ist, sich zurückzuziehen, beleuchtet den leeren Ozean um uns herum. Als er am Horizont versinkt, fällt die Dunkelheit wie ein schwarzes Laken auf unser Schiff. Aber sie währt nicht lange – eine neue Lichtquelle taucht am Horizont auf: das weisse Licht eines Leuchtturms verkündet uns, dass wir angekommen sind – endlich, nach zwanzig Stunden auf See…“!