Atol das Rocas – das Rocas-Atoll

Veröffentlicht am 14. Mai 2015

atol das rocas-tamar-orgNach vierzig Stunden Regen und Wind auf offener See entdeckte ich plötzlich einen Schwarm Vögel – kurze Zeit später ein paar Palmen, die sich aus schneeweissem Sand in ein so intensives Blau emporreckten, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Es war im Jahr 1991 – zum ersten Mal erlebte ich das Rocas-Atoll, mitten im Atlantischen Ozean, 260 Kilometer von Natal entfernt. Diese erste Begegnung hat meine Seele berührt: die Schildkröten und Haie in der Lagune, die tausenden Vögel rundherum und ihr pausenloses Geschrei, die Ruinen des antiken Leuchtturms…

Ich wechsle zwischen Perioden auf dem Atoll und solchen auf dem Kontinent. Den Transport übernimmt der Katamaran, eine komplizierte Operation, denn jedes Detail ist lebenswichtig.

Die Wissenschaftler wechseln sich ab – in einem Turnus von zwanzig Tagen – anfänglich schliefen sie in Zelten, heute gibt es für sie eine richtige Unterkunft, in der sie Telefon und sogar Internet zur Verfügung haben – und die funktionieren mit Sonnenenergie. Aber niemand wohnt dort permanent, und für den Tourismus ist das Atoll gesperrt. Alles, was von den einzelnen Teams gebraucht wird, muss wieder zum Kontinent zurück transportiert werden. Nicht einmal der Fischfang ist innerhalb der Schutzzone erlaubt.

Und ein besonders kritischer Punkt: Auf dem Atoll gibt es keine natürliche Süsswasserquelle. Alles zum Trinken und Kochen bestimmte Wasser muss mit dem Boot vom Kontinent herangeschafft werden. Um Geschirr und Wäsche zu waschen, ein Bad zu nehmen und aufs Klo zu gehen – dafür ist das Meer da, mit ein paar hilfreichen Einrichtungen, die in den Jahren der Improvisation entwickelt wurden.

“Die positiven Ergebnisse der Patrouillen gegen den illegalen Fischfang und die wissenschaftlichen Projekte geben mir Kraft zur Überwindung der lokalen Schwierigkeiten und temporären Entbehrungen. Und was der Chefin des Reservats wie sie erzählt am meisten Freude macht: Alle, die das Atoll besucht haben, kehren verändert in ihre Heimat zurück“!

Maurizélia, die so begeistert von ihrer “einsamen Insel mitten im Ozean“ erzählt, ist die Chefin des “Biologischen Reservats Rocas-Atoll“ – seit mehr als zwanzig Jahren lebt sie zwischen Schildkröten, Haien und Seevögeln als Beschützerin dieses einzigen Atolls im Südatlantik. Und sie versteht es, die Seele der Menschen zu berühren, die mit ihr zusammentreffen und weckt in ihnen die Lust, sich für die Natur zu engagieren. “Das Rocas-Atoll hat aus mir einen besseren Menschen gemacht“, sagt sie.

.Atol das Aves....
Atol das aves...
Johngarthia  lagostoma (Atol das Rocas)
Atol
Coral reef
Lighthouse ruins - Atol das Rocas
Salão - Atol das Rocas
Lemon shark
Couple
Azul
Scientific Station - Atol das Rocas
Shark smile
Barretinha
Ilha do Cemitério
Ressaca - Atol das Rocas
Atol das Rocas
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Die “Reserva Biológica Atol das Rocas” ist eine brasilianische Naturschutz-Zone, 267 Kilometer von der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Norte – Natal – und 148 Kilometer westlich des Fernando de Noronha Archipels gelegen.

Aber was ist eigentlich ein Atoll?

Das Wort wurde aus einer Sprache der Malediven entnommen (Atolhu). Darunter versteht man ein mehr oder weniger ringförmiges Korallenriff, das in der Regel eine relativ seichte Lagune umschliesst. Nach einer Theorie von Charles Darwin bilden sich Atolle aus Korallen, die sich einst um eine Vulkaninsel herum angesiedelt haben. Im Lauf der Zeit versank die Insel im Meer – entweder durch Erosion, durch den absinkendem Meeresboden oder einen steigenden Meeresspiegel – während das Riff aus lebenden Korallen weiter nach oben wuchs. Schliesslich ragte nur noch das Riff bis an die Wasseroberfläche und formte einen Ring aus zahlreichen kleinen Inseln.

Das Rocas-Atoll bildet eine Ellipse von 7,5 km2 – mit einer grossen Achse von 3,7 km Länge und einer kleinen von 2,5 km. Im Nordteil gibt es einen 200 Meter breiten Kanal, durch den man in die Lagune einfahren kann, im Westen einen wesentlich schmäleren – ansonsten ist der Ring des Atolls geschlossen. Die Korallenriffe, aus denen sich das Atoll zusammensetzt, wachsen auf dem Gipfel eines submarinen Vulkans, der zu dem Grabenbruch von Fernando de Noronha gehört. Mit einer Fläche von zirka 755 Hektar gehört Rocas zu den kleinsten Atollen unseres Planeten.

Die beiden nennenswerten Inseln des Atolls – die “Ilha do Cemitério“ (Friedhofsinsel), im Südwesten, und die “Ilha do Farol“ (Leuchtturminsel), im Nordwesten, erreichen zusammen etwa eine Fläche von 36 Hektar. Die Leuchtturminsel ist etwas grösser als die Friedhofsinsel. Letztere bekam ihren Namen durch die dortigen Gräber von Schiffbrüchigen und auch der verschiedenen Leuchtturmwärter und ihrer Familienmitglieder. 1881, als man den ersten Leuchtturm auf der grösseren Insel des Atolls errichtete, wurde die zweite Insel nach ihm benannt – eine Ruine von 1933 steht heute unweit des modernen Leuchtturms der brasilianischen Küstenwache, aus dem Jahr 1960.

Höchster Punkt des Atolls ist eine sechs Meter hohe Sanddüne im Süden der Leuchtturminsel. Die Inseln sind bedeckt von Gras, wenig Buschwerk und ein paar Palmen, die einst von den Familien der Leuchtturmwärter gepflanzt worden sind. Die Fauna auf dem Boden ist begrenzt auf zahllose Krabben, Krebse, Spinnen, Sandflöhe, ein paar Käfer und grosse Schaben – aber für die Vögel ist es ein ökologisches Sanktuarium.

Zirka 30 sesshafte Vogelarten, die auf dem Atoll nisten, hat man registriert, und auch solche, die sich auf ihrer Wanderschaft dort vorübergehend ausruhen, nach Nahrung suchen und sich paaren.

Gegenwärtig leben fünf Arten das ganze Jahr über auf dem Atoll:oiseau Sula Sula fou  pieds rouges vue de profil
2 “Atobás“ (Tölpel – Sulidae), eine Art der “Andorinha do mar“ (Seeschwalbenart – Sternidae) und 2 Arten der “Viuvinha“ (Fluvicula nengata). Die “Atobás-de-patas-vermelhas“ (Rotfusstölpel – Sula sula) und die “Fragatas“ (Fregattvögel – Fregata magnificens) kommen von Fernando de Noronha herüber, um am Rocas-Atoll zu fischen.

Ausserdem nutzen 25 Wandervogel-Spezies das Atoll als permanenten Hafen. Hier wurden Vogelarten aus Venezuela, aus Afrika und sogar “Maçaricos“ (Schnepfen – Limosa limosa) aus Sibirien registriert.

Insgesamt kommen innerhalb der geschützten Zone 150 verschiedene Fischarten vor, darunter “Sargos“ (Geissbrassen – Diplodus sargus), “Garoupas“ (Zackenbarsche – Epinephelinae) und “Xareus“ (Cavallas – Caranx hippos), lediglich zwei Spezies – der “Gudião“ (Papageifisch – Scarinae) und die “Donzela“ (Stegastes fuscus) – sind endemisch, das heisst, sie kommen nur in diesem Gebiet vor.

Requin citron MooreaBesonders der “Tubarão limão“ (Zitronenhai – Negaprion brevirostris), eine seltene Spezies, die den Anfang ihres Lebens in der Lagune und in den Pools des Atolls verbringt, hat zahlreiche Studien brasilianischer und ausländischer Wissenschaftler motiviert.

Fast 100 Arten von Algen, 44 Molusken, 34 Schwämme, 7 Korallenarten und zwei Schildkröten-Spezies hat man bereits registriert. Unter den 24 Krustentierarten sind besonders der “Caranguejo terrestre“ (Cardisoma guanhumi) und der “Aratu vermelho“ (Roter Aratu – Goniopsis cruentata) zu erwähnen, die beide nur auf Meeresinseln leben.

Das Atoll ist ausserdem der zweitwichtigste Ort für die Eiablage der “Tartaruga-verde“ (Suppenschildkröte – Chelonia mydas) und für die Nahrungsaufnahme der “Tartaruga de pente“ (Echte Karettschildkröte – Eretmochelys imbricata).

Im Jahr 2000 wurde auch eine erste Studie der Insektenarten auf dem Rocas-Atoll durchgeführt, mit dem Ergebnis von 12 registrierten Spezies und drei Arten von Arachniden (Spinnentiere), unter ihnen auch ein Skorpion, dessen Gift jedoch für Menschen kaum gefährlich ist.

Für den Menschen schwer zu erreichen, und einer der wenigen Orte unseres Planeten, der nur von den Gesetzen der Natur regiert wird, ist das Rocas-Atoll aus dem Überlebenskampf winziger Kalkalgen, Korallen und Mollusken entstanden, die den Ring der Riffe um einen submarinen Vulkantrichter konstruiert haben und in ihm leben.

Der grellweisse Strand des Atolls besteht nicht etwa aus Sand, sondern stammt von unzähligen, von Wasser und Wind zermahlenen Kalkfragmenten der Muscheln, Vogel- und Fischknochen, sowie pflanzlichen Überresten. Kristallklares Wasser, weisser Strand, Steine, Felsen, Korallen, ein paar Palmen, ein Leuchtturm, eine Turmruine und ein Holzhäuschen gehören zum Landschaftsbild. Während der Ebbe tritt der gesamte Ring des Atolls deutlich in Erscheinung, und in seinem Innern werden Natur-Pools unterschiedlicher Grösse sichtbar, mit einer Tiefe bis zu sechs Metern. In ihrem Schutz wachsen verschiedene marine Spezies heran – besonders die Jungen des seltenen Zitronenhais verbringen in diesen Pools ihre “Kindheit“. Nach der Flut sind dann nur noch die beiden inneren Inseln und der äussere Ring des Atolls aus Korallen über der Wasserfläche sichtbar.

Das Rocas-Atoll wurde als Naturerbe der Menschheit anerkannt, wegen seiner speziellen Diversifikation an Fauna und Flora, und weil es sich um ein bedeutendes Rückzugsgebiet zur Nahrungsaufnahme und Reproduktion unterschiedlichster Tierarten handelt. Bei ihrer Entscheidung berücksichtigte die UNESCO vor allem auch die Tatsache, dass von dem einzigartigen System, unter und über Wasser, der Inseln Fernando de Noronha und dem Rocas-Atoll, die Erhaltung der Biodiversifikation des gesamten Atlantischen Ozeans abhängt.

Aus der Geschichte

Auf der ersten Landkarte, auf der Brasilien als Entdeckung der Portugiesen zu sehen war, die “Planisfério de Cantino“ aus dem Jahr 1502, war das Rocas-Atoll bereits eingezeichnet. Eine weitere Erwähnung des Atolls wird dem Admiral Dario Paes Leite zugeschrieben, der den Schiffbruch einer Karavelle jener Expedition beschrieb, die 1503 von dem portugiesischen Seemann Gonçalo Coelho an die Küste Brasiliens geführt wurde.

Obwohl man das Rocas-Atoll bereits seit dem 16. Jahrhundert kannte, erschien die erste detaillierte Karte des Atolls erst im Jahr 1852, gezeichnet vom Kapitän-Leutnant Phillip Lee, unter der Bezeichnung “Baixo das Rocas“ oder “Baixo das Cabras“. Rocas erscheint als Atoll charakterisiert im Jahr 1858, anlässlich einer vom Kommandanten Vital de Farias durchgeführten Tiefenmessung. Der erste Naturalist, der das Rocas-Atoll erwähnte, war Jean de Léry im Jahr 1880.

Wegen seiner geringen Wassertiefe war das Navigieren in diesem Gebiet der Küste schon damals sehr gefährlich. Die Schiffskatastrophen im Bereich des Atolls waren häufig, und gegen Ende des 19. Jahrhunderts, am 19. November 1881, begann man deshalb mit dem Bau des ersten Leuchtturms auf dem Rocas-Atoll und auf jener Insel, die bis heute nach ihrem Leuchtturm benannt ist.