Achtung Brasilien

Veröffentlicht am 8. Dezember 2009

In was für einem Land leben wir eigentlich – was ist das für eine Regierung?
Sieht so aus, als ob uns ein Krieg bevorsteht!

Vor ein paar Tagen entdeckte ich plötzlich einen Brief in meiner Mailbox, der sich bereits durch seine Überschriften von dem täglichen Mail-Wust unterschied – natürlich hielt ich das Schreiben erst einmal für einen Werbe-Gag und las es erst durch, nachdem ich festgestellt hatte, dass es von einer mir persönlich bekannten Person unterschrieben war, die derzeit im Bundesstaat Roraima ein Praktikum absolviert, nachdem sie vor kurzem ihr Staatsexamen bestanden hat. Mara ist eine nette kleine Person mit einem klaren Kopf, und was sie schreibt ist deshalb durchaus glaubhaft und ernst zu nehmen – so unglaublich es sich auch anhören mag – sie hat ein Brasilien kennengelernt, welches der grossen Mehrheit ihrer Landsleute unbekannt ist und von ihnen wahrscheinlich auch nicht für möglich gehalten wird. Aber Mara war mittendrin, und was sie schreibt, macht für mich durchaus einen Sinn. Hier ist ihr Bericht:

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA“Meine zwei Wochen in Manaus waren sehr interessant, weil ich Brasiliens Regenwald und das feuchtwarme Klima noch nie selbst erlebt hatte. Als ich dann allerdings in Boa Vista, der Hauptstadt des Bundesstaates Roraima ankam, fühlte ich mich verpflichtet, alles was ich dort erlebte und von lokalen Bewohnern so hörte, aufzuschreiben, denn ich sah und hörte fast Unglaubliches. Neben meinen eigenen Eindrücken unterhielt ich mich in diesen drei Tagen meines Aufenthalts mit den unterschiedlichsten Personen, von den Ingenieuren und Technikern unseres Projekts angefangen, bis zu den einfachen, bescheiden lebenden Bürgern der Stadt.

Erst einmal ist es schwierig, hier einen echten Einheimischen, also einen “Roraimense“ (etwa: “Roraimaner“) überhaupt zu finden – wie man mir sagte, ist deren Relation gegenüber eingewanderten Personen etwa 1:10! ier begegnet man Gaúchos (aus Rio Grande do Sul), Cariocas (aus Rio de Janeiro), Cearenses (aus Ceará), Amazonenses (aus dem Bundesstaat Amazonas), Piauienses (aus Piauí), Maranhenses (aus Maranhão) und so weiter, und so weiter. Und all diesen “Eingeplackten“ fehlt natürlich eine innerliche Verbindung zu der Region, in der sie sich herumtreiben. Hier gibt’s nicht viele Möglichkeiten, sich sein täglich Brot zu verdienen – fast alle Einwohner sind im öffentlichen Dienst tätig, denn in Boa Vista konzentrieren sich sämtliche föderativen und bundesstaatlichen Organe Roraimas – ausserdem natürlich auch die Präfektur. Und wer kein Staatsbeauftragter ist, der arbeitet entweder im lokalen Kommerz oder erhält Beihilfe aus einem Regierungsprogramm. Irgendwelche Industrie gibt es nicht.

Etwas mehr als 70% des Territoriums von Roraima sind als “Indianer-Reservat” demarkiert – es bleiben also nur noch 30% auf denen man den Boden bebauen kann, und auf denen sich Dörfer und Städte entwickeln können – davon muss man noch Flüsse, Seen und vor allem unproduktive Terrains abziehen, von denen es sehr viele gibt in Roraima. Auf der einzigen Autostrasse, welche Boa Vista mit Manaus verbindet (etwa 800 Kilometer) gibt es einen 200 km langen Abschnitt, der durch das Indianer-Reservat der Waimiri-Atroari führt – auf dem ist der Verkehr nur zwischen 06:00 Uhr morgens und 18:00 Uhr nachmittags gestattet – während der nächtlichen 12 Stunden wird die Strasse von den Indianern gesperrt (mit Genehmigung der FUNAI, der brasilianischen Indianerschutz-Organisation – Anmerkung des Übersetzers) und der US-Amerikaner (!), die sich überall in diesem Gebiet aufhalten und “nicht gestört werden wollen“.

Wohlgemerkt: Die Strasse wird für Brasilianer gesperrt (!) – während Amerikaner, Europäer und Japaner frei passieren dürfen. Von jenen erwähnten 70% Indianerland sind 90% off limits für Brasilianer (oder nur nach Bewältigung einer nervtötenden Bürokratie und mit ausdrücklicher Genehmigung der FUNAI zu betreten, während die Amerikaner bei den Indianern ungehindert ein und ausgehen, wann immer sie wollen. Und wenn man anstelle einer Genehmigung der FUNAI eine von den Amerikanern hat, lassen einen die Indianer ebenfalls herein.

Die Mehrheit der Indianer spricht ausser ihrer Eingeborenen-Sprache Englisch oder Französisch – Portugiesisch können nur einige wenige. Man hat mir erzählt, dass man in einigen indianischen Reservaten gehisste amerikanische und englische Fahnen antrifft. Ich selbst bin jenen Amerikanern vom Typ “Cowboy ohne Pferd“ andauernd begegnet – stets mit aufgesetzter Unschuldsmine – die ihrer Aussage nach hier Schmetterlinge und Käfer fangen, um sie zu katalogisieren – und dann sind die Einheimischen sprachlos, wenn sie ein Geschäft für den Export von Pflanzen, lokaltypischen Früchten, Heilkräutern oder Rohstoffen zur Herstellung von Medikamenten aufmachen wollen, dass sie dafür “Royalties“ an amerikanische und japanische Unternehmen zahlen müssen, die ihrerseits bereits für die meisten typischen Produkte Amazoniens Patente besitzen!

Auf meine mehrmalige Frage an die verschiedensten lokalen Bewohner, “ob wohl die Amerikaner vorhaben, sich Amazonien einzuverleiben“, bekam ich eigentlich stets die gleiche Antwort, nur jedesmal in etwas anderen Worten. Ich will mal als Beispiel die Antwort einer einfachen Frau wiedergeben, die Fruchtsäfte und Mineralwasser am Rand einer Strasse verkauft, in der Nähe des Ortes Mcajaí:

“Das haben sie nicht vor – sondern das haben sie bereits getan! Alles hier gehört ihnen bereits – sie kommandieren alles! Niemand kann hier irgendwohin gehen, weil sie uns nicht lassen. Wenn mal dieser Krieg im Irak zuende ist, dann kommen sie hierher und machen dasselbe, was sie dort schon gemacht haben, als sie für die Kurden einen Streifen Land bestimmten, den kein Iraker betreten darf – hier werden sie dasselbe tun“! Eine gut informierte Frau, finden Sie nicht?

Nach Auffassung der UNO besitzt ein Volk (eine Nation) auch die Hoheitsrechte über sein Land – und die demarkierten Territorien sind unter dem Namen der dort lebenden indianischen Nation registriert. Was wiederum die Amerikaner dazu verleiten könnte, vorzugeben, dass sie das indianische Volk befreien wollen. Man hat mir berichtet, dass die Amerikaner bereits eine grosse Militärbasis in Kolumbien einrichten – an der Grenze zu Brasilien, in Zusammenarbeit mit der kolumbianischen Regierung, und mit dem angeblichen Ziel, den Drogenhandel bekämpfen zu wollen. Apropós Drogenhandel: Roraima liegt auf der Verteiler-Route – denn unsere Mutter Brasilien hält immer noch ihre Grenzen offen, und hier gibt es sowohl eine Strassenverbindung zu den Guyanas als auch nach Venezuela. An den Grenzpunkten wird das Gepäck von Ausländern, besonders von Amerikanern, Japanern und Europäern nicht kontrolliert (denn dies könnte zu diplomatischen Verwicklungen führen). Habe auch gehört, dass viele kolumbianischen Drogenschieber Venezuelaner werden, denn in Venezuela kann man die Staatsbürgerschaft für einen Spottpreis von 200,00 US-Dollars bekommen.

Ich gebe mich unwissend und einfältig, wenn ich die Leute frage, warum sich die Amerikaner eigentlich so sehr als Beschützer der Indianer aufspielen? Die Antwort ist jedesmal die gleiche: “Weil das Land auf dem die Indianer leben, ausser einem grossen Tier- und Pflanzenreichtum, sowie viel Wasser, auch extrem reich an Bodenschätzen ist – besonders Gold (man findet hier Nuggets von mehrere Kilo Gewicht), Diamanten, andere Edelsteine, Mineralien und die Reservate im Norden Roraimas und des Bundesstaates Amazonas sind reich an Erdöl“.

Es kommt mir so vor, als ob die Leute mir all diese unerfreulichen Dinge wie einen Hilfeschrei präsentieren – mir, die ich aus dem Süden Brasiliens komme, so als ob ich den Präsidenten oder irgendeine andere Autorität im Süden beeinflussen könnte, etwas zu unternehmen! Nun, ich gehe von hier weg mit einem bangen Gefühl, weil ich fast überzeugt davon bin, dass Brasilien in Kürze an Grösse verlieren wird.

Ob wir wohl dagegen etwas tun können? Ich hoffe es wirklich!