40 neue Arten täglich

Veröffentlicht am 8. Dezember 2009

Das Studium der Biodiversität erlebt eine Revolution – die Entdeckungen der Spezies folgen einander in einem schwindelerregenden Rhythmus. Die Biovielfalt unseres Planeten wird derzeit mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit enthüllt. Die Wissenschaftler identifizieren und katalogisieren 15.000 neue Arten pro Jahr. Das ist das Doppelte von dem, was man gegen Ende des vergangenen Jahrzehnts noch entdeckte. Aber die Anstrengungen der Wissenschaftler, um das Wissen über die Tiere, die Pflanzen und die Mikroorganismen zu erweitern, welche die Biosphäre bewohnen, ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit.

Man schätzt, dass die ausbeuterischen Aktionen des Menschen innerhalb seiner Umwelt die Ausrottung von 10.000 Arten pro Jahr zur Folge hat. Und der zu zahlende Preis für den Verlust dieser Biodiversität ist hoch: die Pflanzen zum Beispiel, welche noch vor ihrem Studium durch den Menschen verschwinden, könnten Substanzen für den pharmazeutischen Gebrauch enthalten. Die Ausrottung bestimmter Bakterien verhindert die natürliche Reinigung des Wassers oder die Ansammlung von Nährstoffen im Boden. “Um die Dienste, welche uns die Natur leistet, nicht zu vergeuden, ist es wichtig zu verstehen, was sie uns zu bieten hat, indem wir die grösst mögliche Zahl an Spezies identifizieren und studieren“, sagt der Zoologe Gustavo Fonseca, Direktor der ONG (nicht-staatliche Institution) “Conservação Internacional“, ein Zentrum zum Studium der Biodiversität mit Sitz in den USA. Noch gibt es sehr viel zu tun. Man schätzt, dass noch zwischen 80% und 90% aller existenten Arten identifiziert werden müssen!

macro feather Je kleiner die Lebewesen, desto grösser die Ignoranz der Wissenschaft über ihre Existenz. Seit der schwedische Botaniker Carlos Lineu die gegenwärtige Klassifikation der Spezies geschaffen hat, wurden lediglich 0,4% der Bakterien, 1% der Viren, 5% der Pilze und 10% der Insekten dieser Erde identifiziert. Und genau diese Kategorie ist es, auf die man die grössten Hoffnungen konzentriert, um die Heilung bestimmter Krankheiten zu entdecken oder wie man die Schädlinge der Landwirtschaft bekämpfen kann. Der grösste Teil der jedes Jahr entdeckten neuen Arten besteht aus Insekten und Mikroorganismen, denn sie gehören einer Sparte an, die dem Menschen noch weitgehend unbekannt ist. Während die Identifikation neuer Säugetiere, zum Beispiel, schon sehr viel seltener ist. Aber es kommt vor, etwa einmal alle drei Jahre, und dann wird eine solche Entdeckung mit knallenden Sektkorken von der internationalen Wissenschaft begrüsst.

Sowas ist zum Beispiel Ende Mai 2005 passiert, als zwei Teams amerikanischer Wissenschaftler in der Fachzeitschrift SCIENCE die Entdeckung einer neuen Affenart in Tansania/Afrika publizierten. Die Entdeckung neuer Vogelarten ist ebenfalls eine Seltenheit. Jährlich werden allerdings bis zu 15 neuer Arten identifiziert. Der Biologe Luís Fábio Silveira, von der “Universidade de São Paulo, hat die Identifizierung eines neuen Vogels verbreitet, den er “Bicudinho-do-brejo-paulista“ nennt – entdeckt hat er ihn an einem Stausee im Bundesstaat gleichen Namens.

Die Arbeit der Biologen wurde in den letzten Jahren besonders durch den Fortschritt der Technologie – dem Internet und in der Genetik – gefördert. Eine wahre Revolution in der Taxonomie hat stattgefunden – dem wissenschaftlichen Feld zur Klassifikation der Arten. Bis in die Hälfte der 90er Jahre durchstreifte der Wissenschaftler den Dschungel, das Meer oder eine andere spezifische Umgebung der Natur, um dort die Sammlung für seine Studien anzulegen – Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen. Diese Arbeit des Forschers ist immer noch notwendig. Der Unterschied liegt in der Arbeit danach. Der Wissenschaftler von vor zehn Jahren musste sich nach seiner Feldarbeit über Monate oder gar Jahre in ein Laboratorium vergraben, um dort detailliert die Charakteristika der gefundenen Spezies zu studieren und sie mit anderen Exemplaren zu vergleichen, welche oft nur auf den Regalen von Museen existierten oder in ausländischen Universitäten vorhanden waren. Also musste man per Post um Informationen ersuchen oder selbst zum Ort der Sammlungen reisen, um Vergleiche tätigen zu können. Heute ist dieser ganze Prozess viel schneller, billiger und auch effizienter.

Museen und wissenschaftliche Institutionen fotografieren ihre Sammlungen mit Ausrüstungen, die dreidimensionale Darstellungen ermöglichen, und stellen sie dann ins Internet. In allen Teilen der Welt können dann die Taxonomisten jene Datenbanken der Spezies online einsehen und sie mit dem Exemplar ihres persönlichen Studiums vergleichen. “In Kürze werden wir etwas Ähnliches wie eine Telefonliste online von allen bisher in der Welt katalogisierten Spezies besitzen“, sagt der paulistanische Mikrobiologe Vanderlei Perez Canhos, Direktor des “Catálogo da Vida“, einem von fünfzig Ländern getragenen Projekt zur Schaffung einer kompletten Liste der Biodiversität unserer Erde. Neben der Technologie für die digitale Bildwiedergabe, wird die Genetik den Wissenschaftlern erlauben, innerhalb von nur zwei Jahren die Zahl der identifizierten Arten in der Welt pro Jahr zu vervierfachen. Ein DNA-Test – ein wissenschaftliches Werkzeug, das immer billiger wird – des erforschten Musters ist in der Lage, mit absoluter Präzision zu bestätigen, ob es sich tatsächlich um eine neue Spezies handelt oder nicht.

Der amerikanische Biologe Edward Wilson, von der Harvard University, glaubt daran, dass mit Hilfe der digitalen Technologie und der Genetik sämtliche auf unserem Planeten existente Lebewesen bis zum Jahr 2030 klassifiziert sein werden.