Perfektion in der Natur

Veröffentlicht am 23. Mai 2013
Reiher, Bienenfresser oder Falke – Perfektion in der Natur

Eine Beobachtung der Natur ist stets eine Gelegenheit, ein bisschen mehr vom Leben und über uns selbst zu begreifen. Und zu den besten Lehrern eines Lebens im Wald gehören die Vögel. Sehen wir uns mal drei unterschiedliche Vögel an: einen Reiher, einen Kolibri und einen Wanderfalken. Es wird Tag und alle beginnen ihr Tagwerk, sie fliegen los auf der Suche nach Nahrung.

Der Bienenfresser bemerkt einen Insektenschwarm und sucht sich sofort einen Zweig für den Ansitz auf einem Baum in der Nähe. Dann richtet er seine ganze Aufmerksamkeit auf den Schwarm, beobachtet jede Bewegung und wartet auf die Gelegenheit, sich wie ein Pfeil hinein zu stürzen, um ein Insekt zu erhaschen…

Währenddessen hat der Reiher eine kleine Bucht am Rand eines Wasserfalls gefunden. Er stelzt langsam und vorsichtig durch das flache Wasser, um ganz plötzlich zu erstarren – seine ganze unbewegliche Aufmerksamkeit ist auf einen kleinen Fisch gerichtet, der zwischen seinen Beinen im Wasser schwebt…

Ein paar hundert Meter über ihm kreist der Wanderfalke auf der Suche nach einer Beute, einem Vogel, der sich unvorsichtigerweise ganz auf seinen Flug zu einem bestimmten Ziel konzentriert, ungeachtet der Gefahr, die ihm von oben droht…

Bienenfresser (Merops apiaster)Der Bienenfresser stürzt sich auf den Insektenschwarm und schnappt daneben. Er kehrt auf seinen Ansitz zurück und versucht es erneut – diesmal hat er Glück. Der Reiher wartet noch immer auf den richtigen Moment. Der Falke entdeckt eine Taube und taucht ab – wie eine Rakete, mit einer Geschwindigkeit von fast zweihundert km/Std., schlägt er seine Krallen in die Beute. Endlich schnappt auch der Reiher zu – sein Hals streckt sich wie eine Schlange im plötzlichen Zugriff – aber als er den Kopf aus dem Wasser zurückzieht, hat er nichts in seinem Schnabel. Er macht ein paar kleine Schritte nach vorn, erstarrt von neuem und wartet auf eine weitere Gelegenheit. Wieder stösst er zu – und wieder verfehlt er den Fisch. Ein paar Schritte nach vorn, und erneut erstarrt er in unbeweglicher Konzentration.

Was will ich damit sagen? In der Natur gibt es keine Fehler, keinen Irrtum. Und diese drei Vögel, so wie Milliarden anderer, haben keine Angst vor einem Misserfolg, Angst zu versagen, so wie wir Menschen.

Little Egret walking on a tree stump at a small pondNochmal zurück zu unseren Beispielen: Der Reiher versuchte es einmal, zweimal… ohne Erfolg. Aber sofort bereitete er seinen dritten Versuch vor. Würde er so denken wie ein Mensch, dann käme ihm in der Zeitspanne zwischen seinem ersten und zweiten Versuch bereits der Verdacht, ein Versager zu sein und wer weiss, vielleicht würde er vor dem nächsten Versuch bereits aufgeben.

Der Bienenfresser, würde er so reagieren wie viele von uns, käme nach seinem ersten Fehlangriff vielleicht ins Grübeln darüber, was er falsch gemacht hat – ob sein Zugriff schlecht kalkuliert war, ob das Insekt für ihn zu schnell ist – und er würde sich irgendwie schuldig fühlen. Und vor lauter Grübeln würde er die Gelegenheit zur zweiten Attacke verpassen.

Peregrine Falcon (Falco peregrinus), aka Duck HawkDer Falke, nun er hatte gleich zu Anfang Erfolg – aber für den Fall, dass ihm die Taube entwischt wäre, würde er sich genauso verhalten wie die andern: Er würde es wieder versuchen.

Und wissen Sie warum? In der Natur gibt es Versuche und Gelegenheiten. Wie auch immer sie aussehen mögen, sie werden niemals als Irrtümer oder Erfolge angesehen. Denn der Reiher, zum Beispiel, hat sich nicht geirrt oder einen Fehler gemacht – der Fisch war einfach schneller. Als das erste Insekt dem Bienenfresser entkam, genauso. Der Falke nutzte den Überraschungsmoment und natürlich seine Geschwindigkeit. Jedoch, selbst wenn alle drei Beispiele ein negatives Ergebnis gehabt hätten, so würde das ihr Verhalten gegenüber den Herausforderungen des Lebens nicht geändert haben – sie gäben nicht auf sondern würden es wieder und immer wieder versuchen. Sie zählen weder Fehler noch Erfolge, sondern sie versuchen es einfach weiter, und sie werden auch keine Schuldgefühle haben, weil sie vielleicht nicht zu einhundert Prozent effektiv sind.

Perfekt ist nicht der, der niemals irrt – perfekt ist der, der trotz allem nicht aufgibt. Wir können die Perfektion der Natur erlernen, so wie es uns die Vögel vormachen. Ohne Ver- oder Beurteilung, ohne Sorge um unsere Treffer oder Versager. Wenn wir das beherzigen werden wir uns federleicht fühlen. Damit können wir zwar noch nicht fliegen, werden uns aber wesentlich freier fühlen – fast wie die Vögel und auch viel natürlicher, weil wir uns so verhalten, wie es uns die Natur vorlebt. Schliesslich ist sie perfekt – nicht wahr?