Frühling – man wechselt die Federn

Veröffentlicht am 23. Mai 2013
Gedanken über den Frühling, die Tiere, Pflanzen und Menschen

ten feathers from different birdsWieder einmal ist der Frühling eingezogen. Und wie viele Male haben wir den Frühling schon erlebt? Obwohl nicht alle im Frühling Geburtstag haben, ist dies doch die Jahreszeit, welche unsere vergangenen Jahre am meisten geprägt hat. Und das ist kein Zufall. In der Tierwelt, zum Beispiel, bedeutet der Frühling die Erneuerung des Lebens.

Nach einem langen Winter beginnt die neue Jahreszeit ab dem Äquinoktikum (der Tagundnachtgleiche) – wenn Tag und Nacht die gleiche zeitliche Länge aufweisen. Auf der Südhalbkugel werden die Tage ab dem 23. September wieder länger, das Thermometer steigt an und die Niederschläge nehmen zu, statten die trockenen Wälder mit üppigem Grün aus und überziehen sie mit einem Meer von Blüten – das Leben wird wiedergeboren in unzähligen Arten und Formen.

Viele Bäume verwandeln sich in Geburtsstätten mit zahlreichen Nestern. Die Periode der Reproduktion erstreckt sich über den Frühling hinaus und reicht bis in den Sommer hinein. Der Gesang der Vögel ist dann besonders markant und die Geburt ihrer Jungen prägt das neu entstehende Leben. Die Vögel begrüssen den Frühling in einem neuen Federkleid. Ihre alten Federn haben sie zwischen Herbst und Winter abgestossen. Das scheint eine Bedingung zu sein: Um sich dem Neuen zu öffnen, muss man die alten Klamotten ablegen – um weiterzuleben, muss man sich immer wieder erneuern.

Haben Sie schon einmal von “Apoptose“ gehört? Das Wort kommt aus dem griechischen “apoptosis“ und bedeutet Fall oder Abfall – zum Beispiel in Bezug auf die Blätter der Bäume, deren Tod es bedeutet. In den letzten vierzig Jahren hat sich der Ausdruck auch in der Medizin eingebürgert und bedeutet den programmierten Tod der Zellen. In diesem Moment sterben in unserem Körper Millionen und Abermillionen Zellen ab – und so unglaublich es klingt: Sie begehen Selbstmord!

Die alten oder defekten Zellen bringen sich selbst um, um Raum für die neuen zu schaffen, die den Organismus restaurieren und weiterleben lassen. Wenn eine kranke Zelle nicht in die Apoptose verfällt, dann sprechen wir vom Krebs – das heisst, von einer Reproduktion defekter Zellen, “die sich weigern abzusterben“.

Wenn Sie bisher geglaubt haben, dass der Tod immer etwas Schlechtes ist, dann wissen Sie: Der programmierte Zelltod garantiert unser Leben! Wer hätte das gedacht – Tod und Selbstmord als etwas Konstruktives, als eine Notwendigkeit! Das Opfer kleiner Teilchen ist notwendig für das Überleben des Ganzen.

Und ich ziehe es vor, von Erneuerung zu sprechen anstatt von Tod, schliesslich machen die abgestorbenen Zellen Platz für neue. Und das zeigt uns einen Zusammenhang, den wir oft vergessen: Wir erinnern uns, dass wir geboren wurden und wissen, dass wir sterben werden, aber genauso wie der Tod auf eine Geburt folgt, so entsteht Leben aus dem Tod – die Renovation ist unendlich.

Noch vieles wird über die mysteriösen biologischen Phänomene entdeckt werden, die unsere Wissenschaft Schritt für Schritt zu verstehen versucht, und so wie unser Körper sich durch die Apoptose erneuert, lädt uns der Frühling ein zu einer geistigen Erneuerung.

Wir können damit beginnen, einen Blick auf uns selbst zu werfen, um herauszufinden, was keinen Wert mehr für uns hat – was wir entbehren können. Vielleicht betrifft dies einen negativen Gedanken, ein Urteil, ein Unverständnis oder ein Gefühl, welches unser Leben “defekt“ erscheinen lässt. Ob wir nicht vielleicht unsere Federn wechseln sollten, wie die Vögel?

Angefangen bei unserem Selbstmitleid oder bei der Frage: Lohnt es sich? Und sollten wir nicht lieber auch jenen Satz fallen lassen: Schade, dass es nicht geklappt hat! Bestimmt haben wir alle eine Menge alte Federn, die wir besser “fallen lassen“ sollten, damit neue wachsen können.

Und wenn Sie einmal jemand fragen sollte, wieviele Frühlinge schon hinter Ihnen liegen, können Sie glücklich antworten: Wieder einer! Und Sie fühlen sich erneuert, denn etwas Neues geschieht mit Ihnen – immer wieder. Wer nämlich den Frühling richtig zu leben und zu erleben versteht, der altert niemals!