Fehlende Infrastruktur erschwert den Sport in den Schulen von Porto Alegre

Veröffentlicht am 27. Mai 2014

915572-porto alegreDer Traum, ein grosser Fussballstar zu werden, ist in den Gesprächen und Wünschen der meisten Jungen enthalten, die die Fussball-Trainingsstunden in Porto Alegre frequentieren, der Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul. In einem Bundesstaat, in dem sich die Fans auf zwei grosse Teams wie “Grêmio“ und “Internacional“ verteilen, und in dem renommierte Stars wie Taffarel, Dunga und Ronaldinho Gaúcho ihre Karriere begonnen haben, wird man auch stets die Kinderaugen glänzen sehen, wenn man sie nach ihren Träumen fragt.

Auf die Frage nach der Bedeutung des Fussballs, antwortet ein Junge von zwölf Jahren ohne zu zögern: “Das ist meine Zukunft“!

Der Vater des Jungen sitzt im Gefängnis und seine Mutter arbeitet nicht. Er zählt auf die Hilfe seiner Brüder zum Überleben, hofft aber auf bessere Tage. Mit der Fussball-WM scheinen seine Zukunftsträume an Lebendigkeit gewonnen zu haben. Er lernt in der Schule Leocádia Prestes und besucht zweimal pro Woche die Sportstunden des Social Futebol Clube. Dieses Projekt wird von 25 Ex-Fussballern in zehn Kommunen von Porto Alegre entwickelt. Im Jahr 2013 wurden damit 1.300 Kinder erfasst.

915568-porto alegreAn Regentagen jedoch, können die Jungen nicht trainieren. Die Plätze haben kein Dach und der Boden verwandelt sich in ein Schlammfeld. In einem anderen Stadtteil, Protásio Álves, leiden die Kinder der Schule Escola Municipal Ana Íris do Amaral unter demselben Problem. Wie die Lehrerin Marilice erklärt, fallen die sportlichen Aktivitäten an solchen Tagen aus.

Für Aktivitäten wie Volley-Ball improvisieren die Lehrer an Regentagen ein Spielfeld innerhalb eines Gymnastikraums. Laura 14 Jahre alt, klagt, dass dieser provisorische Raum viel zu niedrig für diesen Sport ist.

“Wir hatten einige gute Volley-Spieler hier, die auch an Wettkämpfen teilnahmen, aber die Lehrerin ist dann in Rente gegangen. Wenn wir ein besseres Spielfeld hätten und einen guten Lehrer ebenfalls, könnten wir auch eine bessere Zukunft im Volley haben. Es ist fast unmöglich, in diesem Feld eine Angabe zu machen, dafür ist der Raum zu niedrig“.

Was die WM betrifft, bewegt sich die Sorge der Erzieher nicht allein um das Recht der Jugend auf den Sport. Entsprechende Studien in Ländern, die solche sportlichen Mega-Events bereits ausgerichtet haben, haben auch einen Anstieg der sexuellen Ausbeutung von Kindern und des Menschenhandels bewiesen. Der Koordinator des “Comitê Local de Proteção à Criança e ao Adolescente” (Jugendschutz-Komitee), Carlos Simões, bestätigt, dass der Bundesstaat Mittel und Wege studiere, diese Probleme in den Griff zu bekommen.

“Unsere Sorge betrifft die Kinderarbeit, die sexuelle Ausbeutung, und sie betrifft auch die Entführungen. Wir haben die Sekretariate von Sicherheit, Gesundheit, Sport und Kultur alarmiert, damit alle zusammenwirken und ihre Aktivitäten während des WM-Turniers erweitern“.

Das Tourimus-Sekretariat erwartet in Porto Alegre zirka 130.000 Besucher, darunter 30.000 Ausländer. Viele werden über die Grenzen von Argentinien und Uruguay aus einreisen. Die Autoritäten sorgen sich besonders um das Problem des Menschenhandels: Die Opfer sind in der Regel Frauen und Mädchen, die zur sexuellen Ausbeutung ins Ausland entführt werden. Nach Auskunft der Koordinatorin des “Núcleo de Enfrentamento ao Tráfico de Pessoas” (Bekämpfung des Menschenhandels) des Sekretariats für öffentliche Sicherheit in Porto Alegre, Alexia Meurer, ist es schwierig, exakte Zahlen hinsichtlich dieser Art von Verbrechen zu bestimmen.

“Wir haben sogar Schwierigkeiten damit, die Zahl der Opfer zu erfassen – im Fall von Erwachsenen oder Jugendlichen – weil sie selbst sich oft nicht als Opfer betrachten, wenn sie ein Arbeitsangebot angenommen haben. Die “Einwilligung“ des Opfers entlässt den Verbrecher auf gar keinen Fall aus der Verantwortung, sie getäuscht zu haben. Das Mädchen willigt in das Angebot ein und entdeckt erst am Ziel, dass es getäuscht worden ist“.

Ein weiteres Problem in Porto Alegre ist eine durch WM-Bauwerke ausgelöste Umsiedelung von Einwohnern. Wegen einer voraussichtlichen Verdoppelung der Piste zum Flughafen, hat man zahlreiche Familien der “Vila Dique“ um- und 30 Kilometer weiter weg wieder angesiedelt – die Doppelpiste jedoch wurde nie gebaut!

Ein Mitglied des “Comitê Popular da Copa“ kritisiert den Prozess dieser Umsiedlung. “Heute befinden sich 600 Familien ohne Infrastruktur auf dem neuen Siedlungsterrain in einer verzweifelten Situation. Sie haben weder einen Kindergarten, kein Hospital mehr – sind der Gnade Gottes befohlen“!

Claudia, eine Anwohnerin in der Neusiedlung bestätigt die infrastrukturellen Schwierigkeiten: “Wir haben keinen Gesundheitsposten mehr für einen Arztbesuch – dazu müssen wir uns vor 7h00 morgens in einem anderen Stadtteil einfinden. Wir hatten einen Posten, hatten einen Kindergarten, hatten alles. Jetzt müssen wir wieder kämpfen, um all das zurückzubekommen – besonders fehlt eine Schule und ein Kindergarten, damit wir Mütter weiter arbeiten gehen können“, klagt sie.

Repräsentanten des “Comitê Popular da Copa“ schätzen, dass mehr als 7.000 Familien in der Stadt Porto Alegre durch die WM von einer Umsiedelung betroffen wurden. Der Reporter wollte diese Zahl der Umsiedelung von der Präfektur bestätigt haben und Antworten auf die gesammelte Kritik bekommen. Die Präfektur informierte ihn, dass sie seinen Wunsch an das Bauamt weitergegeben habe – und das hat sich leider bis zur Publikation seines Beitrags nicht geäussert.